III, 438 – Hartes Brot

Nein, nicht schon wieder Beschreibungen von Abenden, die man in Gesellschaft verbracht. Sie liegen auch schon etliche Tage zurück und fühlen sich an wie das Stück Baguette, das seit meinem letzten Einkauf im Supermarkt steinhart geworden. Ich sollte es in Wasser einlegen. Sattmacher zur bevorstehenden Suppe. Gesagt, Wein nachgegossen, Zigarette angesteckt und schon wieder vergessen, während der Kopf zu den hervorgeholten Zetteln von gestern schweifte: Obsessionen und Hypochondrien aus Neuköllner Hinterhoftagen: ich legte sie angewidert wieder in die hinterste Ecke der untersten Schublade. Also: nochmal aufstehen.
Aber eher um Gedankengänge weiterzuverfolgen. Ich hatte es fast schon wieder vergessen, das harte Brot, weil ich an Annie Ernaux’ “Die Jahre” dachte, die ich heute ausgelesen. Sehr zufällig eingesteckt im ersten Buchladen, den ich damals vor Ostern in Wien betrat, zusammen mit Handke und Wondratschek. War auch ein Grund, warum ich gestern diese Zettel (eigentlich Karteikarten) hervorholte. Ihr gelingt es, Zeitgeschichte Revue passieren zu lassen, Befindlichkeiten einer Generation, die aufwächst, heranwächst, eine Familie gründet, einer Arbeit nachgeht, Kinder groß werden sieht. Gesellschaftliche Veränderungen. Aber sehr mit Abstand zu sich selbst, ohne sich auszuklammern. Also eine sehr unsentimentale Zeitgeschichte.
Man liest es als vierzehn Jahre später Geborener zeitversetzt. Spätere werden es noch anders lesen, ohne ein “ich war dabei” (mutatis mutandis), das dann doch ein bißchen dabei war. Im Grunde lebt man außerhalb der Zeitgeschichte. Damals wie heute. Selbst die Beschreibung des italienischen Soldaten, der in der Wirrnis der Niederlage in der Sowjetunion in seinem Erfrieren vor Erschöpfung einschläft, liegt außerhalb der Zeitgeschichte.
Das ist jetzt der Gegenpart: “La storia” von Elsa Morante. Es wird zwar beschrieben, was Auschwitz bedeutete, aber die zernichtende Illustration dazu sind die Wenigen, die nach Rom zurückkehrten mit ihren merkwürdigen Körpern, ihren merkwürdig großen Augen, denen niemand gerne zuhören mag, wenn sie anfangen, ihre Geschichten zu erzählen. Ebenso geht es denen, die vom Rußlandfeldzug zurückkehren, einer im Besonderen. Drei Finger abgefroren, ein halber Fuß. Die Unmöglichkeit, davon zu erzählen. Es gibt viele Geschichten in diesem Buch, die aber alle nur von den Opfern der Geschichte handeln, selbst wenn sie sich scheinbar erfolgreich dagegen wehren, Geschichte, die nur als Wochenschau am Beginn der einzelnen Kapitel wiedergegeben wird wie in einem Schulbuch.
Ernaux erzählt, was sie erlebt hat (am intesivsten noch die Zeit auf dem Lande als Mädchen im ausgehenden 2. Weltkrieg und kurz danach), aber die Geschichte ist auch hier nur ein Reflex dessen, was man über die Medien wahrgenommen hat. Das mündlich Tradierte gehört in die frühen Jahre.
Man weiß nicht, was passiert, wenn Geschichte geschieht. 1974 kam ich in Thessaloniki mit einem Schiff von Kreta an. Es war wohl Juli (der Wikipedia-Artikel über die griechische Militärdiktatur belehrt mich). Merkwürdige Stimmung in den Straßen. Frauen hören Radio (aus Autos oder sonstwie), wirken sehr unglücklich, kann sein, daß gelegentlich ein Weinen war, aber ich weiß es nicht mehr wirklich. Man kann es hineinerfinden oder auch nicht. An der Atmosphäre ändert es nichts.
Der Gang dann zum Bahnhof. Güterwagen auf den Bahngleisen. Vollgepfropft mit scheinbar mobilisierten jungen Männern. Erst später las ich, daß man dabei war, einen Krieg gegen die Türkei vom Zaun zu brechen. Ich löste eine Fahrkarte für einen Zug, der nach Jugoslawien fuhr. Ich weiß nicht mehr, bis wohin. Dann kam die Militärdiktatur zu Fall.
Der Rest sind Stimmungen, was Geschichte betrifft. Teils auch sehr mächtige. Aber immer über die Medien. Weil man aus der Generation stammt, in der man vor dem Besteigen des Fahrschülerzuges einander fragte: “Hast du das und das gestern im Fernsehen gesehen?” Wenn nicht, unausbleiblich Schuldgefühle.
Darum haben mich diese Zettel gestern so angeekelt.
Von Thessaloniki und jenem Tag bleibt mir dieser Puzzle-Ring… Ich habe mir zwar noch und noch zeigen lassen, wie man ihn zu einem Ring zusammenfügt, aber das ist zu lange her, ich weiß es nicht mehr…

III, 437 – Schon wieder bleibt der Wind aus

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