III, 447 – Laon II – On commence

Gut, daß das Wort “beginnen” nicht genderbesetzt ist, es hätte wegen des “innen” alles Zeugs dazu. Ich komme gerade wegen eines NZZ-Artikels darauf. Es gehen überhaupt sehr merkwürdige Dinge mit mir vor zur Zeit. Etwa Spiegelnarzißmus mitten in der Nacht. Gendervergewisserung durch Anschauen explizit heterosexueller Szenen, jetzt gelegentlich auch gleich zu Beginn des Tages. Damit die liebe Seele Ruhe hat. Der eine gewisse Unruhe zuzugestehen, ich nicht abstehe.
Aber das hat mit Laon herzlich wenig zu tun. Also standhalten und Abstand halten, wie selbst die Straßenverkehrsordnung empfiehlt.
Der erste Tag nach der Ankunft hatte gleich einen Termin: Audio- und Videoaufnahmen. Location: Alternativecafe! Keine Sorge, versicherte mir mein Gastgeber, alles Linksgesinnte. Nein, Sorgen machte ich mir nicht, außer wegen meiner Stimmbänder: achtzehn Gedicht im Stück vorlesen.
Das Lokal, das außen neben dem Alternativ-Hinweis explizit auf die 70er Jahre verweist, sah tatsächlich so aus, wie es sich anpries. Andenken an die 70er. Erste Begrüßung mit einer Sabine, und sie sprach’s deutsch aus mit abschließendem halbstummem “e”. Es fehlt mitnichten an Sabinen in meinem Leben… ein Sabinenleben. So to say.
Abseits im Lokal lief ein vorsintflutlicher Schwarzweißfernseher, allerdings stumm, man sah nur gitarrenzupfende Hände, ansonsten wohl französische Chansons aus jener Zeit aus den Kneipenlautsprechern. Aber da kenne ich mich nicht aus.


Und dann die erste Einkapselungssituation: umgeben von Franzosen, die französisch miteinander reden. Ich nix versteh. Aber auch gar nichts. Den Blick schweifen lassen auf die Gegenstände aus den 70er Jahren. Nicht wirklich ein unwichtiges Jahrzehnt in meiner Biographie. Im Gegentum. Nostalgie? Nö. Gelegentliches Heraufbeschwören von Schlüsselszenen. Das ja.
Es schien um Technisches zu gehen, denn der Aufnahmetechniker war mittlerweile eingetrudelt. Plus ou moin.
Schließlich führte man uns in einen hinten im Hof gelegenen Partyraum (sah jedenfalls danach aus): herbstliche Temperaturen. Rauchen oder nicht rauchen… was wird dann die Stimme dazu sagen? So eine Temperatur wie in Amelia, als ich am Morgen des 25. losgefahren mit optimistisch leichter Jacke (trotz am Tag zuvor gekaufter neuer Lederjacke)… obwohl ich mir dann am römischen Flughafen dennoch vorkam wie ein dick verpackter Eisbär kurz vorm Schwitzen.
Vorsichtshalber ein Glas Wasser bereitstellen.
Bewundernswert dann, wie Raymond mit seinem Originaltext alles in einem Stück hingesprochen bekam. Dann aber war’s an mir mit meiner germanisierten Version. – Vorher dennoch kurz hinaus. Sie wissen schon.
Nach drei Texten das befürchtete Kratzen im Hals. Pause. Dann aber doch die restlichen 15 Texte von 18 in einem Rutsch mit gelegentlichen kurzen Ausrutschern (ob’s jemand merken wird?), na, nicht geleiert, gesprochen.


Hinterher wurde gegessen. Ob das Fleisch zart sei, fragte ich vorsichtshalber. Es war zart. Dennoch bekam ich irgendwann einen Bissen in den falschen Hals… peinliches Gewürge am Tisch überm Teller. Anschließende Nonchalance. Als ob nichts geschehen wäre (unsinniger Exitus: an einer Speise ersticken!).
Man schied alles in Allem recht zufrieden voneinander.
Il 3 ottobre è morto Amleto, er wurde 80 Jahre alt. Sah’s grad auf der Totenanzeigentafel auf dem Platz unter meinem Arbeitszimmer, als ich von der Tabaccaia zurückkam.

III, 446 – Laon I – On arrive

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