III, 448 – Laon III – Des hauteurs et d’autres choses

Immer noch im ersten Tag nach der Ankunft. Am Nachmittag nach der Audio- und Videoaufnahme dahin, was bisher immer wie eine auf vielen Fotos schon gesehene Fata Morgana aussah: Da sieht man sie, und da schon wieder. So ein Blick, der von unten nach oben geht, aber im Grunde nur den weiten Himmel dahinter sieht, in den etwas hineinragt in einer ziemlich penetranten Manier.
Ergo in eine ganz andere Oberstadt als die, die ich hier als solche bezeichne, die außerdem sich weiter ausdehnt auf ihrem Plateau, auf dem sie errichtet.
Während der Parkplatzsuche das Gefühl, in eine Zeit zurückversetzt zu werden, die ins 18. Jahrhundert oder wenig später zurückreicht. Auch wenn sich das Städtchen selbst als “mittelalterlich” bezeichnet. Sowieso eine vage Definition für das, was alt aussieht. Auch, was hier alt aussieht, hat mit dem Mittelalter nichts zu tun.
Man sehe sich lieber einen “Jabberwocky” an, dann weiß man schon, wie der Hase läuft. Was als “mittelalterlich” aufgewertet wird, stammt sowieso aus der frühen Neuzeit. Was außerhalb der Befestigungen weste, dürfte aus Holz gewesen und somit verwest sein. Wie die Stätten des Lebens der Etrusker. Always in the betweens.
Wolfenbüttel (jetzt den Link mit den Fotos betrachtend, beginnt der Blick, den der damalige Besuch bescherte, zu wanken (man traue keinen Fotos!)); eine der nicht bombardierten Städte, könnte vielleicht Ähnliches behaupten, dennoch: ein Kaspar Hauser wäre dort sehr gut anzusiedeln, aber eben nicht: Mittelalter. Lutherische Pamphlete. Das Gefühl, Pferdehufe zu hören, die das Pflaster widerhallen lassen.
Kurz, ich habe ein Problem mit diesem Begriff.
Und dann langsam entlang an der einen Seite der Kathedrale, uneingedenk der Himmelsrichtung, denn Himmel in einer Gasse ist nur ein Blick nach oben, dem tatsächlich schon die Elevationen der Kathedrale in den Blick gerieten. Der Himmel nicht sonderlich mehr als der Streifen einer herbstlichen Wetterkulisse: un peu de grisaille.
Seiteneingänge zu Kreuzgängen. Erste Begegnung.

Wind erfaßte uns vor der endlich sich türmenden Fassade mit den herabschauenden Ochsen. Vor allem Wind und die Omnipräsenz der Wasserspeier. Bei Joyce gab es dieses Wort, bezogen auf Notre Dame de Paris. Ich fragte nach: comment s’appellent… Klar: gargouilles – gargoyles. Wie ich gestern las, stellte ich die Frage danach bei einer Reihe von Wasserspeiern gegenüber dem Bischofspalast, die man gemeinhin die sieben Todsünden nennt. Im Buch konnte ich sie nachzählen.
Die Höhe zeigt sich aus der Ferne oder von Innen. Wenn man davor steht, ist man Wind, unter dem grauen Himmel fehlt jede Vorstellung von Licht, sei’s am Morgen, sei’s am Abend. Stone that rises, der ohne farbliche Beleuchtung sich jeder nüchternen Betrachtung verweigert. Und eher schon an der Fassade Jokes bereithält, wie den Wasserspeier in Form ein Nilpferdkopfes, die Idee eines Restaurateurs aus dem 19. Jahrhundert (im Buch über die Kathedrale (der Verleger schenkte es mir am Vormittag: ein Ergebnis der nunmehr durch die Kolonisation erworbenen Kenntnisse… sei’s drum).

Im Innern das Meditative der Pfeiler und Bögen in ihren mantrahaften Wiederholungen. Raumprunk. Das eher schon “protestantische” Gegenteil zu römischen Prunkkirchen. Ich habe nach wie vor ein Problem mit dem Wort “Mittelalter”. Denn es gab auch eine “Französische Revolution” in der Zwischenzeit: wie viele Statuen, denen der Kopf fehlt seit jener Zeit.
Betreten und Wiederbetreten: die einzige Möglichkeit eines Kennenlernens. Und mit Dante ist das Mittelalter eh’ ausgesungen und archiviert und eher weltlich theologisiert. Petrarca-Lorbeer und Boccaccio-Spaß, Canterbury-Jokes usw.
Der Wasserspeier ist nicht der Hund, der Odysseus auf Ithaka wiedererkennt.
Und vor allem der Wind!

Lorsqu’il fut de retour enfin
Dans sa patrie le sage Ulysse
Son vieux chien se souvint…
(Apollinaire, Alcools)

Hinterher ein Bier in einem Lokal, in dem wir die einzigen Gäste waren. So wichtig das Lokal auch aussah, wurden Figuren wir dann doch auch, während wir anstießen. Gargoyled.
Setzen!
Man hat zwar keinen Hund mehr, weshalb man nie von einem solchen nach langer Abwesenheit erkannt werden wird, aber man kommt wie heute in den Supermarkt und will auch Fisch mitnehmen, und geistert so ein Anglerfisch im Kopf herum, den man als “rana pescatrisce” übersetzte hat, der sich im übersetzten Original über ein “&” mit einer Chimäre paart, die plötzlich die Kathedrale von Laon ziert, und dann kauft man plötzlich eine Packung “Code di rana pescatrisce”, Herkunft Südafrika…

bis ans Kap der guten Hoffnung
(Sabine Scho, Tiere in der Architektur)

wollt’ ich noch hinzugefügt haben, weil es sich derzeit eben auch fügt…


III, 347 – Laon II – On commence

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2 Kommentare zu III, 448 – Laon III – Des hauteurs et d’autres choses

  1. Huysmans, Kathedrale, Roman, >>>> dort.

    Da war noch die Wiver, eine Art Melusine, halb Weib und halb Schlange, von der der heilige Ambrosius versichert, daß sie ein sehr grausames, tückisches und erbarmungsloses Tier sei. Dann der Manicorne, der das Antlitz eines Mannes hat, blaugründe Augen, eine blutrote Löwenmähne und den Schwanz des Skorpions. Er fliegt wie ein Adler, und seine Gier ist unersättlich. Weiter der Leonerotte, eine Kreuzung der männlichen Hyäne und der Löwin, er hat den Leib eines >Esels, die Beine eines Hirschs, die Brust einer großen Raubkatze und das Haupt eines Kamels mit fürchterlichen Zähnen. Weiter der Tharande, der nach Hugo von Saint-Victor die Gestalt eines Ochsen, das Profil eines Hirschs und das Fell eines Bören aufweist und wie das Chamäleon die Farbe wechselt. Und schließlich noch der Meermönch, der seltsamste von allen, denn Vinzenz von Beauvais sagt von ihm, seine Brust sei mit Schuppen bedeckt, an Stelle der Arme habe er Flossen, an denen sich scharfe Krallen befinden, und sein Mönchshaupt mit der Tonsur läuft in ein Karpfenmaul aus.
    (…)
    Der Hahn steht für das Gebet, den Glaubenseifer, den Prediger und die Auferstehung, denn er erwacht am frühen Morgen zuerst. Der Pfau ist eiem alten Autor zufolge „mit einer Teufelsstimme und einem Engelsschwanz“ ausgestattet und damit eigentlich in sich selbst ein Widerspruch. Er verbildlicht nach dem alten Antonius von Padua die Hoffart und die Unsterblichkeit und auch die Wachsamkeit, wegen der vielen Augen auf seinem Schweif. Der Pelikan ist ein Sinnbild der Kontemplation und der Barmherzigkeit, oder, folgt man der heiligen Magdalena von Pazzi, der Liebe. Der Sperling bedeutet Bußfertigkeit, die Schwalbe die Sünde. Nach Hrabanus Maurus verkörpert der Schwan die Hoffart, nach Thomas de Catimpré den Eifer und die Sorge. Die heilige Mechthild sieht in der Nachtigall die liebeerfüllte Seele und in der Lerche den Menschen, der seine guten Werke freudig verrichtet. Hier ist anzumerken, daß in den Fenstern der Kathedrale von Bourges die Lerche die christliche, gegenüber Kranken geübte Barmherzigkeit darstellt. (….) Das geht ja alles ziemlich durcheinander, seufzte Durtal, und ich fürchte, daß es bei den Säugetieren und den übrigen Tieren nicht besser sein wird.
    S349/350, dtsch.v. Susanne Farin

  2. Bruno Lampe sagt:

    “ „Der Wasserspeier ist nicht der Hund, der Odysseus auf Ithaka wiedererkennt.“ — oh!“ (Claudia Siefen-Leitich) – nein, ist er nicht, weil er kein wasser speit, und die arbeit, wasser unter seinem kiel zu speichern, für ihn, Odysseus, nunmehr getan… der hund enthebt ihn der arbeit des speiens: komm raus mittelmeer! dich hab‘ ich satt! und ist es dennoch immer. ungotisch, aber glaukos, der wandelbare, figurenreiche.

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