Abendlied, mittags. Das Innsbruckjournal des Freitags, den 8. November 2019.

Am Abend, wenn wir auf dunklen Pfaden gehn,
Erscheinen unsere bleichen Gestalten vor uns.

Wenn uns dürstet,
Trinken wir die weißen Wasser des Teichs,
Die Süße unserer traurigen Kindheit.

Erstorbene ruhen wir unterm Hollundergebüsch,
Schaun den grauen Möven zu.

Frühlingsgewölke steigen über die finstere Stadt,
Die der Mönche edlere Zeiten schweigt.

Da ich deine schmalen Hände nahm
Schlugst du leise die runden Augen auf,
Dieses ist lange her.

Doch wenn dunkler Wohllaut die Seele heimsucht,
Erscheinst du Weiße in des Freundes herbstlicher Landschaft.

Trakl

 

Hier geh ich, wenn ich hier bin, immer hin. Es läßt sich aber leicht fehlgehn: Kurz vor dem Mühlauer gibt es im Rund einer erhoben stehenden Kapelle einen weiteren Friedhof, auf dem du suchend umherschaust, nicht findest. Ich hatte das Bild, anders als später Elvira, aber im Kopf, der eingebettet im Blut des Herzens schwimmt, sah Schnee, eine Woge, die sich hatte doch irgendwo draufhauben müssen. Das konnte an der Kapelle gewesen nicht sein. Oh du mußt erst, sagte ich später, über den Bach – und an seltsamen, peinlichen Löwen vorbei, dann rechts den, glaube ich, Mühlweg hinauf, noch einmal scharf links und höher, da, schau, steht die halbe Pforte offen.
Ich schritt die Grabreihen ab, fand noch immer nicht, war mir aber gewiß, doch mochte nicht fragen. Anders ist der späte leuchtende, frühmittagsleuchtende Herbst als mittags der, von der Kälte im Licht, gleißende Winter. Versöhnlich die Nordwand, fast hoffnungsvoll. Deshalb wähle ich dieses Gedicht.
Ich las aber viele, las sie laut vor dem Grab, las sie ihm vor. Es wird seltsam angemutet haben, falls mich jemand beobachtet hat. Doch blieb ich dort lange allein. Schließlich kam leise ein, glaube ich Witwer seine Frau umsorgen, die unter Blume und Beet lag. Als er mich passierte, sagte er: „Es gibt also noch immer Bewunderer.“ Ich lachte ihn an. Sanft lachte er zurück. Dann rumpelte und brumpelte ein kleiner Traktor in den stillgesagten Park, den Kompost zu besorgen, in dem sich die Blüten und Blätter unserer Erinnerungen mit den Erinnerten vermengen, die sich gelöst, von uns, und aufgelöst haben, ein Neues zu werden, sich weiterzureichen als Stoff nächsten Lebens.

– / – / – / -, leise girrt
Der Föhn im braunen Gärtchen; sehr still genießt
Ihr Gold die Sonnenblume und zerfließt.

 

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2 Responses to Abendlied, mittags. Das Innsbruckjournal des Freitags, den 8. November 2019.

  1. Marion Koepf sagt:

    Ist das nicht schön? Schneeberge im Hintergrund! Das Leben genießen, so lange wie möglich, ist die Devise. „Draufhauben“, welch wunderbares ANH- Wort.
    Schön auch das: „in dem sich die Blüten und Blätter unserer Erinnerungen mit den Erinnerten vermengen, die sich gelöst, von uns, und aufgelöst haben, ein Neues zu werden, sich weiterzureichen als Stoff nächsten Lebens.“ Danke. Lest doch auch mal wieder Rilkes „Der Tod der Geliebten“: …da wurden ihm die Toten so bekannt,
    als wäre er durch sie mit einem jeden ganz nah verwandt…

    Was steht doch am Eingang des Küssnachter Friedhofs: „Was Ihr seid, das waren wir. Was wir sind, das werdet Ihr“. O weh!

  2. @Marion Koepf:
    Es funktioniert nur in der Fremde, ferne. Kaum zurück, wird’s >>>> wieder dunkel.

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