Nabokov lesen, 6. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 23. November 2019. Durchsichtige Dinge darinnen.

[Arbeitswohnung, vorhergeschrieben am 22.11., ab 16.15 Uhr
Carl Heinrich Grau: Cleopatra e Cesare
In einem Live-Mitschnitt aus der Staatsoper
Unter den Linden vom 28. 2. 1996}]

Ich bin schwer verliebt, offenbar. Das hätte ich Stockhetero mir niemals träumen lassen, der ich bis heute – so formulierte es vorgestern >>>> Urs Hafner für die NZZ – nicht nur nie erwachsen wurde, insofern ich mir seit meiner Pubertät des Mannseins immer sicher war — schlimmer noch hatte ich auch niemals einen Zweifel an meinen erotischen Neigungen. Jedenfalls hatte sie mein K ö r p e r nicht, im Gegenteil, beharrte gegen jede Gendercorrectness, daß ihn nicht Schwänze noch Männerärsche wuschig machen, sondern nur … – aber das schreib ich besser nicht. Denn meine Gegner haben schon recht, sexuell bin ich, bzw. ist es eben e r, mein Körper, unangepaßt reaktionär.  Und nun aber d a s: verliebt in einen – Mann!
Es schützt mich wohl nur noch, daß er schon tot ist. Da muß ich mich zumindest nicht outen. – Nur daß es halt sein Stil nicht ist (den Kalauer erspare ich Ihnen), noch ist es sein Genie. Das lebt zu meinem Unglücksglücke weiter.
Wie groß deshalb meine Freude … was schreibe ich? mein Jubel, als mir gesten d a s  d a zugestellt wurde:

 

 

 

 

 

 

 

Nämlich hatte ich an Rowohlt, dessen Autor ich einmal gewesen, geschrieben, ob man mir wegen dieser Serie aus Dieter E. Zimmers wunderbarer Gesamtausgabe die beiden Erzählbände zuschicken möge, gerne auch gegen Rechnung mit Autorenrabatt. Und wiewohl ich doch in dem Verlag, weil Jelinek und ich Delf Schmidt, unserem Lektor, folgten, als er ihn verließ, einigen Unmut hinterließ, haben die Damen der Presseabteilung dafür Sorge getragen, daß ich die Bücher unentgeltlich bekam. Hat man in Reinbek („bei Hamburg“) gewußt, wie ökonomisch mau es grade um mich steht? Oder liest man dort gar mit und freut sich über meine zwar ladenneue, aber schwere Homosexualität? – Wie auch immer, als ich dann gestern vor meiner Madame LaPutz wie üblich auf die Straße floh, suchte ich eine Parkbank auf, denn es schien für kurzes eine Sonne, nahm Platz, las erst einmal Nabokovs frühen Späher zuende, es waren nur noch wenige Seiten, deren fünfzehn vorige ich im Postamt beim Warten auf eben diese Sendung in einer langen Schlange andrer Wartender und Wartenderinnen verschlungen, und, nachdem, jetzt auf dieser Parkband („Helmi„), die letzte Seite umgeschlagen war und ich meinen datierten Lesevermerk auf das Vorsatzblatt gekritzelt hatte, öffnete ich in wahrlich feierlicher Stimmung den ersten beider Erzählbände, die Nr. 13 der himmlischen Gesamtausgabe, und las erst mal das Nachwort, tätowierte danach – obwohl es trotz der Sonne schon recht empfindlich kühl war – das neue Vorsatzblatt mit meinem Einstiegsdatum und fing die erste Erzählung zu lesen an, die, man faßt es kaum, von einem russischen Waldgeist berichtet, der ganz wie der Autor in die Emigration fliehen mußte, freilich er, also jener, aus einem Grund, den unterdessen auch der Westen sich hat zuschulden kommen lassen. Als der zweiundzwanzigjährige Vladimir (so darf ich den derart jungen Mann, so hoffe ich, noch nennen, ohne des alten aristokratische Distanz zu verletzen) … als der Jüngling aber dann das Licht im Zimmer entzündet, nachdem das heimatlose Gespenst (s.15) zu ihm gesprochen und darauf die Kerze zischend verlosch, saß niemand mehr im Sessel … niemand … Doch im Zimmer roch es wundervoll zart nach Birkenrinde, nach feuchtem Moos (S.16).
Nur daß ich, Liebste, nach meiner Reihenfolge vorgehn sollte. Ich weiß es wohl. Und also von des Dichters vorletztem Roman erzählen, Durchsichtige Dinge, die auf erstes Lesen undurchsichtig genug sind, um zu begreifen, daß man die Lektüre nach ihrem Abschluß sofort zu wiederholen hat. Denn wir ahnen zwar, w e r hier berichtet, ja es wäre uns vielleicht n i c h t so spät von den Augen gefallen, hätte es sich nicht bis mindestens zum Beginn des vierundzwanzigsten Kapitels derart in diese Durchsichtigkeit gehüllt, daß wir geradezu hindurchgucken m u ß t e n und es auch lange, lange taten. Nun aber, da uns der wahre Autor das Folgende hat mitgeteilt, daß

das äußerste, was wir tun können,

wir“ !,

wenn wir einen Favoriten unter Umständen, die anderen keinerlei Schaden zufügen, in die bestmögliche Richtung lenken, ist. uns zu verhalten wie ein Windhauch und nur den leichtesten, den unmittelbarsten Druck auszuüben, etwa zu versuchen, ihm einen Traum einzugeben, von dem wir hoffen, unser Favorit werde ihn als prophetisch erkennen, wenn ein unwahrscheinliches Ereignis wirklich eintritt,

da wir dieses nun wissen (und uns danach, auf des Helmis Parkbank, aufgeht, wie verbunden das Spät- mit dem Jugendwerk noch ist), wollen wir doch genau auf alle Fährten pirschen – wo etwa sonst noch Nabokovs ebenso poetische wie ausgebuffte Schnitzeljagd-Romanästhetik den wie seine Dinge hier allzu durchsichtigen Zeigefinger, durch den wir also, wie oben, hindurchsehn, für uns gehoben hat. Und werden nun des eigentlichen, eines des Eingeweihten, Genusses teilhaftig.
Wozu ich m e h r nicht schreiben w i l l, sondern alleine noch „Funde“ zitieren und, der Geliebte möge mir ein weitres Mal verzeihen, denn doch bemerken, daß ich als meinerseits ein Romancier das schmale Buch nicht so sehr einen Roman nennen würde, sogar g a r nicht, sondern die Durchsichtigen Dinge für eine in ihrem Wesen andre Kunstform halte, nämlich für eine — Novelle, und zwar eine der allerfeinsten Form.

 

***

{Whouw! Mit welchem Jubel gerade Janet Williams s i n g t!
Ach, Geliebte, schon bin ich in meinen ersten Berliner Zeiten zurück,
da ich nachts durch die sogenannten Sexclubs schweifte, ganz selber da
ein Erdgeist, den der in seinem Antrieb eben m u s i s c h e Sturm noch unge-
kannter Begehrnisse trieb! Und die sich ihm – ganz „homo“los – erfüllten!
Dirigieren „tat“ ihrerzeit übrigens Alessaandro de Marchi, ein damals wirklich, ecco!, s c h ö n e r Mann …}

***

Aber ja doch, ja! Bevor ich gestern zu Freund Broßmanns tatsächlich nicht mehr heutigem Fest aufbreche, habe ich selbstverständlich die versprochenen Funde notiert (alles in Dieter E. Zimmers Übersetzungen, bzw. seinen Bearbeitungen anderer):

in der s o g e n a n n t e n Schweiz
(Sperrung von mir)

(Er kann so himmlisch gemein sein …)

Man weiß jedoch, daß Hugh in seiner Heimatstadt einer achtunddreißigjährigen Mutter und ihrer sechzehnjährigen Tochter nachgestellt hatte, jedoch bei jener impotent und bei dieser nicht wagemutig genug gewesen war. Wir haben es hier mit einem banalen Fall von protrahiertem Gelüst, von einsamem Handwerk zu seiner Befriedigung und von denkwürdigen Träumen zu tun.
(Hervorhebung von mir)

Der Drink erwies sich als ein hohes Facettenglas voll lauwarmen Leitungswassers mit einem Löffel selbsteingekochter Erdbeermarmelade, die mauvefarbene Schlieren hervorrief.

Er erfuhr, daß mit achtzehn der Bergbach ihres bleichen Haars ihr Kreuz erreichte.

Endlich stampfte Madame Chamar aus dem oberen Teil des durchsichtigen Hauses behutsam treppab, und das Gelee ihrer bloßen Unterarme quabbelte, als sie sich an den Handlauf des Geländers klammerte.

Und — also wer d a nicht lacht! (Achten Sie bitte trotzdem auf die, in des Übersetzers Zimmers Sprache, Alliterationen und Engführungen der Konsonanten – dafür verzeihe ich ihm die hin und wieder falschen Konjunktive s c h o n):

(…) legte er an einer Stelle noch einmal eine Rast ein, diesmal auf einer offenen schroffen Felsplatte, wo eine augenlose, aber bereitwillige Bank sich einem herrlichen Ausblick aussetzte.

„Sie sehen aus wie das erste Mädchen auf dem Mond“, sagte er und zeigte auf ihre Stiefel, und wären sie nicht besonders eng gewesen, hätte sie drinnen mit den Zehen gewackelt, wie die Frauen es tun, wenn Schmeichelhaftes über ihre Fußbekleidung gesagt wird (lächelnde Zehen übernehmen das Verziehen des Mundes).

Oder Nabokovs frecher Einfall, aus der >>>> REM-Phase bei Männern H A R E M zu machen: „Hypnotische Augapfelbewegungen, rascher exzitierter Modus“. Wobei ich von des armen Hugh Persons dann wirklich erlebten Liebesvorlieben seiner sehr baldigen Gattin nichts erzählen möchte, um Ihnen, Geliebte, nicht den derart bizarren, daß er tatsächlich verrucht wird, Spaß zu nehmen. Doch von der „listigen Buchstabenversetzung“ darf ich noch schreiben, die eine wahrhafte Nebenfigur namens Adam von Lobrikov hinein ins Buch schnippt. Sowas hat ANH bislang n i c h t geschafft, wenn Sie von „Aids N. Herpes“ gütig einmal absehn. — Aber das, oh sein Sie gütig, m u ß ich noch zitieren:

Meiner mandeläugigen kleinen Spionin zufolge hat der große Chirurg, seine eigene Leber möge verdorren, mich belogen, als er gestern mit einem Totenkopfgrinsen erklärte, die operazione sei perfetta gewesen. Nun ja, sie war es in dem Sinn, in dem Euler Null die vollkommene Zahl nannte.

*****

(Ich habe, Schönste, nach der deutschen Erstausgabe zitiert, die, abgesehen vom Nachwort, auf detaillierte Anmerkungen verzichtet. Wer zur Letzten Hand greifen möchte, sollte dies unbedingt mit Rowohlts von Dieter E. Zimmer herausgegebener Gesamtausgabe tun, in diesem „Fall“ >>>> dem Band Nr.  12.)

 

 

 

So rät Ihr Unhold Ihnen:
ANH

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3 Responses to Nabokov lesen, 6. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 23. November 2019. Durchsichtige Dinge darinnen.

  1. Es gab noch einen zweiten Riesengrund der Freude gestern; mich erreichte eine weitere Sendung, nunmehr, trotz unserer mir manchmal doch bitteren Trennung, der Löwin, die, wohl im Irrtum befangen, meines „alten“ Notizbücherls Seiten seien unterdessen erschöpft, nun bereits das nächste schickte. Dazu schrieb sie folgendes:

     

     

    „Ich schreibe aus der Fülle.“ Das hast Du mal von Dir gesagt.
    Verlier das nicht.

     

    In Seidenpapier eingeschlagen und mit rotem Stempel versiegelt, das Geschenk.

    Indes begann ich mein jetziges Notizbücherl vor bald, minus zwei Monaten, zwei Jahren genau am 7. 2. 2018, und es ist erst halb voll: So dünn sind die bestimmt fünfhundert Seiten:

     

     

     

    Ich werde das neue, bis auch die andere Hälfte gefüllt ist, in der Umhüllung l a s s e n, doch nahe, mir vor Augen.

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