Zur „wokeness“: Simon M. Ingold in der NZZ. „Moralisches“ Diktat der Anonymen. Mit einem Kommentar zur „neuen“ Rechten.

 

 

Die geballte anonyme Mehrheit, angeführt von Influencern und der Twitterati-Klasse, hat das erste und letzte Wort und verschiebt laufend den Rahmen dessen, was in ihre binäre Weltsicht passt. Wer es wagt, dem moralischen Konsens zu widersprechen, wird zum Paria erklärt. Die etablierten Medien tragen diesen Zustand im Wesentlichen mit, indem sie die Denkschablonen übernehmen. In diesem verhärteten Umfeld, das keine Zwischentöne und keine Ironie kennt, regiert die Willkür.
→ dort.

Allerdings steht zu fürchten, daß die wohlgemeinte Aufforderung zu Umsicht, klarem Argumentatieren, Unaufgeregtheit usw. den nachvollziehbaren Wunsch einer Wendung zur Vernunft verfehlt — wie immer dann, wenn Ideologien und „Meinungen“ als verbindliche durchgesetzt werden sollen und für dieses Ziel Denunziation, üble Nachrede, Sprechverbote verhängt und Andersdenkende – besonders Andersfühlende – bis zur Existenzgefährdung ausgegrenzt werden, wobei es gleichgültig ist, ob von „Betroffenen“, objektiv Geschädigten und/oder sich selbst als moralisch unantastbar gebenden scheinbaren Autoritäten, zumal in der Deckung tatsächlicher oder ebenfalls scheinbarer „Mehrheiten“. Die vorgeblich demokratische Meinungsdiktatur der vermeintlich Vielen, ist, was der Begriff bezeichnet: Diktatur, wenn auch bislang bloß der Meinung (mit allerdings deutlichen Folgen im alltäglichen Leben). Daß die „AfD“ und die Rechte europaweit sich gegen Meinungsdiktatur → auf Toleranz berufen, spricht nicht dagegen, sondern zeigt vielmehr, wie stark in großen Teilen der Bevölkerung ein Unbehagen um sich gegriffen hat (mitbewirkt auch von ökonomischen Sorgen, teils objektiven Nöten), das diese „Parteien“ so mächtig überhaupt erst werden ließ, wie sie es – erschreckenderweise kaum noch erschreckenderweise – unterdessen sind. Die Linke und andere der Aufklärung und den Menschenrechten verpflichtete politische Richtungen höhlen sich → wieder einmal selbst aus und spielen den autoritären, in ihrer Zielrichtung nichtdemokratischen, sogar unmenschlichen Gegnern in die Hand, indem sie nun selbst unmenschlich werden. Denn wo zugehört werden müßte, wird desavouiert.

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