Von Essenmann und Tod. Das achte Coronajournal, geschrieben am Mittwoch, den 25 März 2020.

 

„Phantasie“, erwiderte Cincinnatus. „Und Sie
— möchten Sie nicht fliehen?“

„Was meinen Sie damit, fliehen?“ fragte M’sieur
Pierre erstaunt.

Vladimir Nabokov, Einladung zur Enthauptung
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

[Arbeitswohnung, 8.20 Uhr]

Abends seh ich von dem meinen in die anderen, meist hell erleuchteten Fenster wie in künstlich vergrößerte, von Halos gleich erschimmernden Heiligenscheinen, die Erlösung versprechen, umgebene Galaxien hinaus und werde mir dennoch oder gerade deshalb unsrer Entfernung bewußt, einer, die aber erst noch folgt, die wir gerade erst spüren, und sie rückt näher und näher heran. Wir sind es ja nicht gewohnt, von Balkon zu Balkon wie Neapolitaner zu schwätzen, zu rufen, gar zu singen; und viele haben gar keinen Balkon und wenn, dann nicht nah genug dem gegenüber. Sondern es läßt uns Corona zu zwar nicht, nach Leibniz, fensterlosen → Monaden werden, zu solchen aber doch, jedenfalls die unter uns, die alleine leben. Selbst unsere Lieben zu besuchen, unsere Kinder und ihre Mama, der wir verbunden blieben, Freunde zu sehen, Freundinnen, Kollegen — wir überlegen täglich hin und her. Der Zweifel ist aktiver Teil unsres Alltags geworden — weniger oder gar nicht um unsrer Selbste willen, sondern um nicht ungewollt und fahrlässig zu Überträgern auf Schwächere zu werden. Wir erleben den seltenen Fall einer ausgerufenen Notstandsgesetzgebung, die auf sozialer Rücksichtnahme beruht und deshalb von Anfang an internalisiert ist. Hier wirkt nicht oder nur bei arg Uneinsichtigen eine Bedrohung durch Macht. Wobei, wie bei nahezu sämtlichen Ordnungsstrafen, die „Gleichheit vor dem Gesetz“ Illusion ist: 500 Euro Bußgeld sind für Jahreseinkommen ab 70.000 aufwärts etwas komplett anderes als für Hartz-IV-Empfänger; für diese bedeutet es künftige Not, für die anderen ein allenfalls Taschengeld, das weniger hereinkommt. Anders ist es mit Freiheitsstrafen, aber nur dann, wenn sie nicht durch ersatzweise Geldzahlung ausgesetzt werden.
So sinnvoll die Ausgangssperren aber sind, so problematisch sind sie politisch. Ich schrieb es bereits, wie sehr mir die plötzlich neuen Nationalismen auch auf den „linken Flügeln“ der Demokratie sind, und ich finde es unheimlich, wie widerspruchslos dies alles vonstatten geht. Die Erklärung dafür habe ich eben gegeben: Das Gewissen ruft den Notstand mit, in uns selber, aus. Eine mir tief vertraute Freundin überlegt sich, ob sie ihren innigen Freund noch sehen kann, der getrennt von ihr wohnt und dessen Umgang sie nicht überschaut; sie will aber ihre betagte, physisch ein wenig wacklige Mama sehen und also besuchen und muß achthaben, ihr nicht den Virus mitzubringen, die ansonsten für sich selbst inmitten eines Zaubergartens lebt, von dem sonstig Gefahr ihr nicht droht. Und genau dieser Mechanismus, als wie vorübergehend auch immer deklariert, ist sinnvoll zugleich und gefährlich. Wenn sich also → in der NZZ Hans Ulrich Gumbrecht über das Schweigen der Intellektuellen wundert, so kennt er wohl zum einen nicht Die Dschungel oder (was nichts Neues wäre für den Betrieb) will sie nicht kennen; ihr Einspruch kommt vielleicht von der falschen Seite, nämlich dem unappetitlichen Mir, oder ist → mit Überlegungen verbunden, die ihm noch weniger als das Schweigen schmecken — wozu wahrscheinlich diejenigen gehören, die sich um die — ein in unsren Zeitläuften mit dem Pop geradezu perfekt gefettetes Getriebe — programmierhafte Führung in repräsentativ-demokratischen Massengesellschaften und den Umbau der Widerspruchs- in einer Konsensgesellschaft drehen; Biogemüse, zum Beispiel, als quasireligiöses Schmieröl der Gemeinschaft, l’opium du people.  — Nun gut, der meisten Sorgen sind die Gemüse jetzt nicht, sondern ’s ist das Toilettenpapier, ganz egal ob aus Recycling oder nicht. Und sie schleppen’s in ihre Monaden.

Ich schaue aus dem Fenster in der anderen Fenster. Es ist kalt; anders als im Süden lockt mit Einbruch der Dunkelheit nichts mehr, sie zu öffnen. Zwischen den andren und mir Glasscheiben. „Natürlich“, wir könnten telefonieren … Ein junger Mann fragte bei der Feuerwehr an, ob er Tinderdates wahrnehmen dürfe. Wir können das für naiv halten, aber vielleicht auch erkennen, daß er was Richtiges sieht und daß er voraussieht, wie quasi rührend es uns auch anmuten mag.
Haut.
Ich dachte, weiterhin in die erleuchteten Fenster schauend, hinter deren zweien ein dünnes Lamellenrollo heruntergelassen wurde, als wäre um die Schädigung des Privaten nun noch zu fürchten; jetzt schimmerte das Wohnungslicht wie durch eine Spanische Wand — so, wie wenn wir uns im Wald verirrt, opak ein Knusperhäuschen durch das dichte Tannenholz   lockt — … dachte also Entfernung und mußte an eine Erzählung denken, ich wußte nicht mehr, ob Ballards, ob Dicks, in der die Personen auf einem andren Planeten jede für sich allein in kleinen Stationen wohnen, die nur Kuppel sind, und allein über die technischen Apparaturen kommunizieren sowie täglich mit einem Mann, der die Lebensmittel und dazu die Neuigkeiten aus den andern Kuppeln bringt — solche, die er persönlich gesehen, nicht per Facetime, Skype und Whatsapp (was es zu der Zeit, da die Erzählung entstand, noch gar nicht gegeben hat).
Wegen der erinnerten Intensität der kleinen Prosa — schon daß ich hier „Prosa“ schreibe, nicht etwa „Story“, sagt einiges — tippte ich auf Ballard und sah heute früh zuerst in seinen Büchern nach, wollte es jedenfalls tun. Doch meine Ausgabe seiner sämtlichen Erzählungen ist nicht mehr da, wenngleich ich sogar noch genau den Umschlag vor Augen habe und weiß, daß das Buch, ein Taschenbuch, bei Heyne erschien. Nein, weg. Irgendwann wahrscheinlich verliehen und vergessen, den, wie ich es für gewöhnlich halte, Merkzettel in den nun leeren Zwischenraum zu schieben, oder er ist irgendwann, weil es ein dickes Buch war, herausgeweht worden, ohne daß ich’s bemerkte. Jetzt werde ich es mir neu besorgen müssen. Doch egal, gucken wir bei Dick nach! Auch ein ziemlicher Schmöker. Der immerhin noch da war.
Dann wolln wir ihn mal durchschaun. Und — voilà: Ätherfesseln, Luftgespinste („Chains Of Air, Web of Aether“, 1979).

Und er war erwartungsvoll, weil heute der Essenmann vorbeikommen sollte, er würde also jemanden zum Reden haben. Es war ein guter Tag.
Der unmögliche Planet, 772
(Dtsch. v. Clara Drechsler)

McVane heißt der Held, der anfangs, die Zeitung lesend, Kunstkaffee trinkt. In seiner Nachbarschaft, eine nahen oder nächsten Kuppel, lebt eine krebskranke Frau. Sie kommunizieren über, wie es damals noch hieß, Bildtelefon. Er erlebt ihr Sterben mit. Der Essenmann legt ihm nahe:

„Sie sollten sie anrufen und mit ihr reden. Als ich meine Lieferung bei ihr abgab, weinte sie.“
Der unmögliche Planet, 774

McVane aber denkt:

Du wirst sterben. Er wußte es, und sie wußte es. Darüber mußten sie nicht sprechen. Es bestand eine Komplizenschaft des Schweigens, eine Übereinkunft. Ein sterbendes Mädchen will mir ein Abendessen kochen, dachte er. Ein Abendessen, auf das ich keinen Appetit habe. Ich muß sie abweisen. Ich muß sie aus meiner Kuppel raushalten [,]
Der unmögliche Planet, 774,

wie heute unsre Nächsten aus unseren Wohnungen wir. — Er geht dann aber doch hinüber, da

saß sie im Bett, hatte ihre dunkle Brille auf und sah sich in ihrem Fernseher eine Soap-Opera an. Nichts hatte sich geändert (….), außer daß die verwesenden Lebensmittelreste auf dem Geschirr und die Flüssigkeiten in den Tassen und Gläsern noch abstoßender geworden waren.
Der unmögliche Planet, 791

Und vier Seite später:

In den folgenden Wochen unternahm er immer seltener Abstecher von seiner Kuppel zu ihrer. Er hörte nicht zu, was sie sagte; er sah sich nicht an, was sie tat; er verschloß seinen Blick vor dem Chaos, das sie umgab, dem heruntergekommenen Zustand ihrer Kuppel. Ich sehe eine Projektion ihres Hirns, dachte er einmal, als er für einen kurzen Moment den Müll betrachtete, der sich überall türmte; sie stellte sogar Säcke draußen vor die Kuppel, damit sie fort für alle Ewigkeit einfroren.
Der unmögliche Planet, 795

Genau dieses Gefühl von einfrierender Ewigkeit, eine, in der Zeit nicht mehr fließt, hatte ich gestern abend, als ich zu den anderen Fenstern hinübersah, eine fast körperliche und darum Empfindung von stehendem Kontinuum, dessen vielleicht doch noch leichte Bewegung ein nur noch Ausrinnen ist, weit hinab in eine endlos-hohle Welt ohne Boden. Sie hat auch keine Wände, denn die — jede, die es gibt  — wird von unseren Wohnungen, unsrer Behausung gebraucht, um uns darüber zu täuschen, daß sie Monadenkuppeln sind.

Geliebte Frau, Sie werden es gemerkt haben: Philip K. Dick ist kein Stilist, seine Sprache sogar ärmlich. Doch die Visionen, die ihn trieben, leuchten ständig durch. Deshalb läßt er mich nicht los. Man müßte ihn umschreiben, dieses Glühen in die Sätze bringen, in jedes einzelne Wort. Und in die Rhythmik. Die Erzählungen sind, was sie sein könnten, aber nie wurden, nie anders als in unsrer eigenen Vorstellung selbst. Daher ihre Einsamkeit. Die ich gestern abend spürte, als ich hinübersah zu den Fenstern. Hinter denen Menschen leben.
Und heute früh? Wie seltsam! Als ich erwachte, sang kein Vogel. Der Amselhahn schweigt noch bis jetzt. Nur ein paar Tauben gurren. Obwohl die Sonne scheint, obwohl das Hinterhaus ganz aufs neue glüht in Gelb. — Doch! jetzt ein kleines Tschilpen. Stille sonst. Und blaue, leuchtende Kälte.

Wie lange wird sie währen? „Wir müssen uns auf Einschränkungen auch nach Ostern vorbereiten,“ sagt der Berliner Oberbürgermeister und verteilt die Pillen in homöopathischen Dosen, sozusagen D4: ein Tropfen Wirkstoff auf den ganzen Bodensee. Zu Pfingsten wird es heißen: nur noch den Sommer über, danach: nur noch diesen Herbst.
Wir haben Kuppelwochen, wenn nicht -monate vor uns. In den Hospitälern werden Menschen sterben unbegleitet von den Liebsten. Das ist vielleicht das schlimmste. Ob man hernach auf die Beerdigungen gehen darf, Trauergäste nicht mehr als zehn — geschenkt.
In den Kuppeln dahingehn. — Bei Dick allerdings, die junge kranke Frau, wird zwar noch jahrelang, zur Nachsorge, Medikamente nehmen müssen, aber geheilt. Und sagt, als McVane dann doch noch mal zu Besuch ist:

„Wir haben uns eine kleine Belohnung gottverdammt verdient. Wir beide.“
„Unsere Belohnung ist“, sagte er, „daß Sie wieder gesund sind.“
Sie schien ihm nicht zuzuhören; ihr Blick war auf den Fernseher geheftet. Dann sah er, daß sie noch ihre dunkle Brille aufhatte. Deshalb mußte er an den Song denken, den die Füchsin am Weihnachtstag gesungen hatte, für alle Planeten, den sanftesten, den sehnsuchtsvollsten Song, den sie nach John Dowlands Lautenbüchern bearbeitet hatte:

When the poor cripple by the pool did lie
Full many years in misery and pain,
No sooner he on Christ had set his eye,
But he was well, and comfort came again.

Der unmögliche Planet, 801

Und da |singen draußen die Vögel jetzt auch wieder. Oder um es mit Spielbergs Ian Malcolm zu sagen: Das Leben findet einen Weg.

 

Ihr ANH
12.29 Uhr

 

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