Zweiter Brief an Li. Als Arbeitsjournal des Mittwochs, den 6. Mai 2020. (Krebstag 7).

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Mahler X (D. Cooke), RSO Ffm, Inbal 1992)

Heut mal, liebste → Li, etwa Heiteres vorweg. Du wirst es nicht glauben oder grad Du wirst es glauben, wir anderen haben ziemlich gelacht. Also लक्ष्मी bekommt von einer im Ausland lebenden Freundin folgende Nachricht (ich geb’s nach Erzähltwordensein hier wider): Es sei  ziemlich deutlich nicht wahr, “ daß der Alban keine Frauen mehr hat. Da wird neuerlich dauernd eine erwähnt, die ‚Li‘ heißt oder ‚Lilly‘. Und mit der … da hat er ganz bestimmt was!“
Stimmt.
Allerdings hast Du auch anderswo zum Ausdruck bewegter Freude geführt; einige schließen Dich fast schon ins Herz wie ich selbst. Andere wiederum teilen mir, so gestern etwa bei Facebook, mit:

Als Ihre Freundin noch keinen Namen hatte, war sie mir sympathisch.

 

 

So nämlich Olga Bulgakov in einer – da ich heute schon mal quasi in der DDR war – pN (‚persönlichen Nachricht‘). —

In der Tat, nicht nur bei mir löst Du Zuneigung aus. Der Klang Deines Namens, durch den Du in DIE DSCHUNGEL nun ständig hineinsingst, reicht vom Kind, das wir, Lilifee, knuddeln möchten, so tief steckt es noch in der rosa Phase, über das Mädchen mit den verschorften, vom Bäumehinaufklettern, Jungenknien weit in → die Nymphetten hinein, Lilly-geia (bereits darin ‚Erde‘!), doch schon hinauf zur erwachsenen Li, der sportlich-selbstbewußten, ihre Karriere ebenso präzise wie ihr Geschlechtsleben organisierenden Frau und, diese übersteigend, zur endlich-unendlichen Ligeia-selbst, Li-Gäa nämlich, die aus dem Chaos entstandene Erdmutter-Li. Andere berichten, sie ging allein aus dem Wasser hervor. Sie braucht, um fruchtbar zu sein, keinen Mann, wenngleich sie Männer durchaus reizen. Dann eben wird sie zur Sirene oder Sídhe. Und sie kann den Olymp nicht leiden – so wenig wie ich selbst. Auch deswegen ist sie hier bei mir, hat sie sich für mich entschieden … bist Du, meine Li, nicht nur an meiner Seite jetzt, sondern liegst mir dichtgleich am Herzen als mein Krebs. Er wehrt sich wie ich selbst gegen die verkrusteten, verfilzten, sich gegenseitig die Arschlöcher, noch bevor sie abgewischt sind, leckenden Strukturen. Man will am Stallgeruch erkannt sein, den wir, Du wie ich, so meiden. Ihn meiden bis zum Tod. Denn meiner, liebste Li, wäre – sollte ich denn in ihn eintauchen müssen – der Deine ganz genauso.
Ich möchte nicht in ihn eintauchen, Altersarmut und -alleinsein her nun oder hin. Es ist einfach noch viel zu viel zu tun. Das haben mir meine Verlage klargemacht; Arco hat sogar bereits einen Editionsplan erstellt, und manches davon könnte selbst meine grandiose Lektorin nur unter großen Schwierigkeiten edieren, eine Arbeit, die, müßte sie sie allein besorgen, imgrunde nicht zu bezahlen wäre. Ich meine die Ausgabe meiner kritischen Schriften zur Musik; der Verleger war, Liligeia, von dieser Idee wie becirct. (Da ist so eine Ahnung in mir, Du habest Deine schönen Finger in der Tat mit im Spiel dabei gehabt; ich weiß, der Mann ist für Frauen höchst empfänglich). – Wir haben auch schon den Titel des Bandes, werden ihn nennen wie hier in DER DSCHUNGEL die entsprechende Rubrik:

POETIK ZUR MUSIK

Daß sich das auf Adornos NOTEN ZUR LITERATUR bezieht, liegt auf der Hand, sollte dennoch, aus Achtung, gesagt sein.)

Wie also soll ich da sterben dürfen? Geht gar nicht. (Ginge nicht, geht vielleicht halt aber doch).

Momentan oder irgendwann-momentan wird → drüben die Tumorkonferenz abgehalten, deren Ergebnisse wir morgen erfahren werde, Du und ich, um 10.30 Uhr auf Sana Lichtenberg 4A. Bis dahin werden wir uns in weiterer Geduld üben müssen, wobei wir ja gleich zur Angiologin aufzubrechen haben, die meine Arterien untersuchen wird. Ich werde das Fahrrad nehmen da hin. Es gibt ja → noch eine Baustelle, die zu beobachten ist – und an der gleichfalls meine Raucherei alles andere als unschuldig ist und derent-, nicht etwa Deinetwegen, ich zur Zeit ziemliche Probleme habe. Ziemlich arge: am heute dritten Tag kompletten Nichtrauchens. Tatsächlich ziemlich heftiger Entzug. Ich wachte heute nacht sogar davon auf, hatte den Beitrag fast fertiggeträumt, den ich zwischen zwei und vier Uhr nachts dann tatsächlich schrieb; erst danach konnte ich mich wieder hinlegen und weiterschlafen (was immerhin gelang). Aber erst traute ich mich aufzustehen nicht, weil der Entzug so stark war. Zwar habe ich alles weit vom Schreibtisch weggeräumt, was mit Rauchen oder auch Dampfen zu tun hat; doch greifbar sind die eCigarren noch …. — Schließlich riß ich mich zusammen, Du weißt es gut, meine Li, und schrieb den Beitrag stur hinunter, ohne auf das Verführungsschreien meines Blutes zu achten. Da im Traum quasi alles schon vorformuliert gewesen war, wurde ich auch fertig.
Triumph. Widerstanden. Ich brauche sowas jetzt.

Womit Du mich allerdings durchaus nervst — wenn auch noch nur etwas —, ist einerseits die Kraft, die Du mich zu kosten beginnst. Daß ich plötzlich sogar Spaziergänge als anstrengend erlebe, ist mir als Sportler komplett neu. Nur bei der Lungenentzündung war es, vor zweidrei Jahren, so. Und abends die wenn auch gut aushaltbaren Schmerzen, die Du mir zum Herzen schickst — merkst Du, Li, wie fies selbst ein kitschiger Reim sein kann? Du wußtest es nicht? Na, Schönheit, dann fang mal an zu lernen!

So, unter die Dusche, ANH

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One Response to Zweiter Brief an Li. Als Arbeitsjournal des Mittwochs, den 6. Mai 2020. (Krebstag 7).

  1. Avatar read An says:

     

    Her dark materials
    Hallo Alban,
    ich würde mir wohl mindestens einen Ultraschall geben lassen. Ich. Du vielleicht nicht. Oder doch?! – Anmaßung (Form) und (Raum-) Forderung waren dir doch immer Bedingung.
    (Es gibt natürlich auch bessere bildgebende Verfahren, wie das MRT, kost aber gleich mal was im 5stelligen Bereich, und das Diffuse hat ohnehin seinen Reiz.) Mir gefällt ja die Echoidee.: die Sichtbarmachung durch Zurückwerfen, Absorbieren und Streuen. In dem Fall: Schall. Nicht Licht. Gefühlt für mich: eine Wahrnehmungsstufe vor dem, was man allgemeinhin als Ich-Bewusstsein verstanden wissen will.
    Ultraschallbilder von entstehendem Leben: ein Blick ins Universum. Der Embryo, noch mit allem untrennbar verwoben, als Neonaut, geborgen in der ihn schützenden Capsule des Körpers. Aber auch die Sichtbarmachung aller anderen Lebensvorgänge im Körper gehört für mich dazu. Krebs ist natürlich auch so etwas absolut Verwobenes, wodurch eine enorm intensive Form von Zwiegespräch in Gang gesetzt werden kann. So es einem denn möglich ist.
    Vor einem halben Jahr habe ich diesen Text verfasst:

    Lilith

    Ich bin, von dir genommen,
    in den kleinsten Winkeln deines Raumes daheim.
    Meine schwarzen Augäpfel
    sind die Dunkelheit der Welt gewöhnt.
    Kein Augenweiß. Nichts Irisierendes,
    das isoliert betrachtet werden kann und will.
    So hocke ich einfach da
    und nehme wahr,
    wie ein Haus Zeit konserviert.
    Mein Mund, eine Melasse, die Fliegen fängt.
    Denn das, was sie nicht fängt, wirft
    sie auf Wunden. Ins hypnotische
    Meer der Mütter greift meine Seele fingerlang.
    Das immer kleinste der Kleider
    ist ins Nichts geweht, an den Rändern
    verwoben mit mir. Ich wringe,
    stehend im weißen Sand,
    mein Kleid, dein rotes Meer.

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