Ribeiros Eidechse vor der Haustür gefunden. Und aufgeschlagen irgendwo: fürs – was ich noch nicht wissen konnte – Tagebuch des zehnten Tags.

 

 

Gesund leben, keinen Tabak, keinen Alkohol, viel frische Luft, Natur und Entspannung, eine mehr oder weniger gemäßigte Diät einhalten, wegen der von der Chemotherapie angegriffenen Leber — liegt darin nicht ein Paradox? Doch, ja, wenn er eines Tages mit einer scherzhaften Bemerkung behauptete, deren Tonlage er lange geübt hatte und die alle Freunde lustig fanden, hatte der Krebs ihn wieder vollkommen gesund gemacht. Selbst sein Sexualtrieb war nach dem Stimmungstief bei Entdecken der Krankheit zurückgekehrt, und zwar derart stark, wie er ihn zuletzt mit zwanzig verspürt hatte, so daß er zeitweilig, wäre nicht auch Ana Cara so feurig, was er eigentlich gar nicht mehr richtig wußte, fast losgeuogen wäre und sich eine kleine Schwarze von der Insel geschnappt hätte, eine von der Sorte, die sich für eine Kleinigkeit auf der Terrasse eines leerstehenden Sommerhauses vernaschen lassen — ein tolles Erlebnis ünrigens, das er schon lange nicht mehr genossen hatte, eigentlich sollte er es sich demnächst mal wieder verschaffen. Seltsam, höchst seltsam, wer nicht will, braucht ja nicht an Gottes Fingerzeig zu glauben. Selbst dies hatte der Krebs wieder zum Leben erweckt: Eine halb zerrüttete Ehe, praktisch ohne Sex, ja sogar ohne Kommunikation, war jetzt wieder gefestigt, so gefestigt., wie sie nie gewesen war, man konnte sagen, ausgesprochen glücklich.
João Ubaldo Ribeiro, Das Lächeln der Eidechse, S87
(Dtsch. v. Karin von Schweder-Schreiner)

 

Gibt es Zufälle? Nein. Es wird zunehmend unwahrscheinlich.
Das Buch war in einer Kiste übriggeblieben, die vor die Haustür auf die Dunckerstraße gestellt worden war. Ein Instinkt ließ mich hinunterbeugen und zugreifen, und eben — लक्ष्मी war kurz mit Heilerde und Cannabisöl hier, was ich beides zu mir nehmen soll — schlug ich allein aus Neugier diese Seite auf, ohne doch wirklich lesen zu wollen. Denn ich mag → ADA auf keinen Fall unterbrechen.
Und doch – so sprachlos jetzt. In meiner Antwort → auf Liligeias ersten Brief (erstaunlich genug, daß sie ihn  schrieb oder, eher, schreiben wohl ließ), über die ich fast unentwegt nachdenke, werde ich mich auf Ribeiro, spüre ich, beziehen nun müssen.

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4 Responses to Ribeiros Eidechse vor der Haustür gefunden. Und aufgeschlagen irgendwo: fürs – was ich noch nicht wissen konnte – Tagebuch des zehnten Tags.

  1. Avatar Gaga Nielsen says:

    Das ist eine ganz bemerkenswerte Begebenheit, zumal auf dieser Seite nicht die Hauptfigur spricht, und das zentrale Thema des Romans ein anderes ist (Genmanipulation), wie ich einer Rezension entnehme. Beim Lesen der ersten Zeilen des Eintrags dachte ich noch etwas schläfrig, dass ich KEIN Zitat aus einem Buch lese, sondern in die Gegenwart imaginierte Zukunft…

    • Eben deshalb war auch ich so frappiert – und konnte nicht anders, als dieses Zitat einzustellen. Ebenfalls deshalb, so betont, mein neuerlich „aufgelegter“ Zweifel am Konzept des Zufalls.

  2. Avatar Ute Stefanie Strasser says:

    Dazu: Arthur Koestler: Die Wurzeln des Zufalls; es gibt, behauptet er, außer dem Gesetz der Kausalität noch andere Gesetzmäßigkeiten auf dieser Welt …

     

  3. Avatar VornameNachname says:

    Wäre ich ein dämonisch böser Mensch, würde ich Ihnen, Herr Herbst, dazu raten, auf die Esoteriker zu hören. Hand auflegen, Reiki, Heilsteine, Quantenheilung und andere tolle Sachen! Nur, dann enden Sie so, wie z.B. Steve Jobs, der sich nach Bekanntgabe seiner (heilbaren) Krebserkrankung den esoterischen Heilmethoden zuwandte – und verstarb…

    @Ute Stefanie Strasser: „Arthur Koestler“ – ernsthaft? Ein Vertreter purer Esoterik unter dem Deckmäntelchen falsch verstandener (Quanten-)Physik!

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