Schwindelritte und fast Sturz bei Ave Stella Maris. Aus der Nefud, Phase III (Tag 6): Sonntag, den 21. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 53. Darinnen Die Brüste der Béart, 52.

[صحراء النفود.Anderswelt, 12.10 Uhr (Mittagslager)
Peter Mawell Davies, Ave Maris stella für Klavier, Klarinette, Flöte, Marimba, Bratsche und Violoncello (1976)]

Denn das wurde mir gestern völlig bewußt, daß ich das gesamte Wortmaterial des Ave  Maris stella in das letzte Béartgedicht einbauen muß, wobei mir noch nicht klar ist, nach genau welchen formalen Gesichtspunkten; aber alleine dieses garantierte die Ersetzung des monotheistisch-patriarchalen Konzepts durch eine matriarchale Grundbewegung (der übrigens die Trinität im Christentum ausgesprochen entspricht – bis zu Annaselbdritt und den vorhergegangenen ähnlichen Formen etwa der drei Nornen sowie Kore/Persephone als sowohl Toten-, Unterwelt– wie Fruchtbarkeitsgöttin.
Daran habe ich gestern, soweit es mir möglich war, den ganzen Tag über gebastelt — was ’nachgesonnen‘ bedeutet, während ich alle Mühe hatte, auf meinem Röhrerich sitzenzubleiben, der unversehens alles andere als noch ein Rih! war, statt dessen nix als schaukelndes Grauen. Denn habe, bzw. hatte ich die ersten beiden Höllenkreise der Nefud als höllisch imgrunde nicht erlebt, kam nun, nach التميمي und وادي جريفز , das sozusagen dicke Ende nah. Zwar, wie nach Einritt in den zweiten Höllenkreis war mir abermals, als wäre ich permanent bekifft, nun aber nicht mehr in dem angenehm sozusagen sensationsreichen Modus neuer Erfahrungen, sondern belastend, niederdrückend, fast ein bißchen paranoid, doch körperlich-paranoid. Nicht mein Geist drehte durch, sondern gleichsam streckt mein Körper alle Viere von sich. Ergab such. Was auf keinen Fall sein durfte, geschweige so bleiben kann. Wie dick allerdings es noch werden wird, keine Ahnung. Doch schrieb ich Ihnen, Freundin, → schon gestern, wie schwer es gerade ist und daß ich nun doch auf einige der Medikamente zurückgreifen mußte und muß, die Faisal gegen die Strahlungen mitführt. Zwar, die blauen Fische vermochte ich nach wie vor zu vermeiden, doch zum Novamin mußte ich gestern gleich dreimal greifen, zweimal in der Tropfenform, einmal als Tablette; der Druck auf der Brust war zu stark. Dazu, was mich wirklich kirre macht, die geschwollenen Füße, die aber selbst morgens, wenn sie nach der Ruhe abgeschwollen sind, weiterhin kribbeln, zugleich sich taub anfühlen und mich ziemlich unsicher auftreten lassen.
Am unangenehmsten allerdings ist die Kraftlosigkeit, die mich vorgestern und gestern geradezu in sich eintunkte, so daß ich auf mein Dromedar erst gar nicht draufkam. Jedenfalls nicht ohne Hilfe. Vielmehr mußten mich Ihn Gamael und einer der Scouts geradezu hochheben und draufschieben, wiewohl Röhrerich doch zum  Aufsitzen lag, und mußten mich erneut im Sattel festbinden, der ich noch dagegen ankämpfte, mich zu übergeben (was ich tatsächlich in nur äußerstem Notfall tue; eher dekontaminiert mein Stoffwechsel, was mich gefährdet). Dann war fürs Übergeben keine Zeit mehr, weil Röhrerich schon losgetrottet war und ich das arme treue Tier nicht beschmutzen mit mit wollte; schon gar nicht sollten die Gefährten zu Zeugen meines Selbstverlustes werden, nämlich an Haltung. Wie sagt bei Niebelschütz der Graf Godoitis? „Dafür war man ja ein Herr, daß man Katastrophen mit sich selbst abmachte.“
Dennoch sackte ich mehrfach während unseres Tagesrittes hinweg, der bei gelbem, undurchdringlichem Licht eine unendliche Hitze durchwankte; zweimal kam ein leichter Sandsturm auf, ich ließ mich einfach nach hinten fallen, die Kopfhörer auf den Ohren, so lag ich, stellte ich mir vor, dreimal je mehr als eine Stunde geschlossener Augen auf meinem Lager und hörte erst Maxwell Davies‘ beinah psychedelisch wirkenden Naxos-Quartets, dann seinem, ecco, Ave Maris stella zu, von dem ich anfangs hoffte, es vertone direkt → den Text – doch auf Latein? auf Englisch? welche Wörter verwendete er? – Keine, leider, es ist ein Instrumentalseptett. Doch meine lauschende Meditation half bereits sehr, übrigens auch dabei, mich meinen eigenen, den physischen Zustand so sehr vergessen zu lassen, daß ich sogar die Nefud-selbst vergaß und, als ich abends unter meinem Zeltdach in die Teppiche  schlüpfte, nichts anderes als ungefähr sechs Stunden so unentwegten wie nahezu ausschließlichen Musikhörens in der Erinnerung hatte  das allerdings von dem rhythmischem Klopfen strukturiert war, mit dem ich, ganz offenbar im Sattel noch, mögliche Verswörter hier- und dorthin gesetzt hatte. Wo sie aber wahrscheinlich nicht blieben, weil ich weit von jedem Zustand entfernt gewesen war, der es hätte möglich sein lassen, auch nur kleine Notizen ins Handmanuskript zu kritzeln. Sowas ist auf einem Dromedar eh schon schwer genug. Aber ich fand es in meinem Zustand auch überhaupt nicht, also das Manuskriptbuch; erst als wir am Nachtlager angekommen waren, noch war es hell, und ich mit den vereinten Kräften der Freunde von Röhrerich herabgezogen und vor mein Zelt erst einmal hingesetzt worden war, fand ich es gleich neben mir im Sand und nahm es auf, um endlich jetzt die nötigen Notate einzufügen:

 

 

 

 

 

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>>>> Béart 53 (folgt)
Béart 51 <<<<

Dann sackte ich bereits nach hinten quasi weg. Der Schmerz hatte wieder begonnen.
Faisal ließ dreißig Tropfen sich in die Mulde eines Holzlöffels  fallen, und später, statt, wie normal zur Nacht, Cagliostros THC, gab es eine Zolpidem, die mich tatsächlich auch durchschlafen ließ – abermals bis sieben Uhr in der Frühe. Da waren auch meine Füße wieder abgeschwollen, sahen richtig schön aus, gliederig, wie es sein muß, doch ohne daß dieses Kribbeln aufgehört hätte, das sich wie eine Ameisenstraße durch das rundum unheimliche Taubseins wegen der möglicherweise beginnenden Neuropathie hindurchbewegt, vor der mich Faisal als einer Auswirkung der Wüstenstrahlungen gleich zu Beginn schon gewarnt hatte. Da war er noch Professor Josting gewesen. WIe auch immer, ich war und bin nicht unvorbereitet. So daß mir vorhin der Rat einer diese Reise still begleitenden Freundin genau richtig einzutreffen schien, wiederum eine ihrer Freundinnen aufsuchen, die, so ließ sie mich wissen, in Berlin praktiziere und deren chinesische Akupunktur sich „bei diesen Indikationen und gleichzeitiger Chemotherapie als sehr wertvoll“ erwiesen hätten.
Sowie zurück in Berlin, werde ich dem gerne, sehr gerne nachkommen. Danke, ein  großes Danke schon einmal dafür.

Allerdings, es ging mir heute vormittag insgesamt wieder deutlich besser; die Allgemeinschwäche ist weiterhin spürbar, ja, doch sehr viel geringer als gestern. Und die ständige Nasenbluterei hat aufgehört, was ausgesprochen angenehm ist. Dennoch kann ich die Siesta gleich gut brauchen. Zumal ganz ohne Schmerzen. Noch auch sind die Füße nur noch schon leicht geschwollen („noch schon„!), nicht so elephantiatisch wie gestern abend. Was sich im Anschluß an unseren, nachher, Nachmittagsritt leider, fürchte ich, wieder geändert haben wird.

Wir werden freilich sehen. Denn → das da, leider, stimmt.

ANH
Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 4

[19.31 Uhr, Abendlager]

Meine Güte, sie haben mich nicht wachbekommen … nach mehr als zwei Stunden nicht! Aber wir hätten weitergemußt. Also haben sie mich – erzählten sie, ich kann es nur glauben – zu dritt ans Kamellager getragen und auf Röhrerich – – –  draufgebunden! Nicht zu fassen. So sei es dann ab- und weitergegegangen.
Zu mir kam ich erst irgendwann auf dem Weg. Da war es bereits halb siebzehn Uhr. Es war, als hätte man mir Zeit aus meinem Leben herausgeschnitten, die nun hinter mir in der Wüste verdirbt. Es wäre doch Béartzeit gewesen! Oder hat in der Absence mein poetisches Gehirn einfach weitergedacht? Doch bleibt das Gefühl einer für immer verlorenen Zeit.
Aber vielleicht, daß jemand anderes sie eines Tages findet, der an der „richtigen“ Düne vorbeireitet, und da leuchtet sie ihm derart entgegen, oder ihr, daß sie Halt macht, behend vom Rücken ihres Dromedars rutscht, die paar noch fehlenden Schritte tut, sich vorbeugt, bückt und die verlorene Zeit aus dem Sand herauszieht, um sie zu sich zu stecken und fortan am Herzen mitzutragen.
Dieser Wunsch, der erlebte Fantasie ward, milderte meinen Verlust ganz enorm. Und dazu auch noch das:

Da möchte ich jetzt gerne → allein mit Othmar Schoecks op.70 sein und mir dazu leise, leise das Abendessen richten —

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One Response to Schwindelritte und fast Sturz bei Ave Stella Maris. Aus der Nefud, Phase III (Tag 6): Sonntag, den 21. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 53. Darinnen Die Brüste der Béart, 52.

  1. Avatar ReniIna von Stieglitz says:

     ….und da leuchtet sie ihm derart entgegen, oder ihr, daß sie Halt macht, behend vom Rücken ihres Dromedars rutscht, die paar noch fehlenden Schritte tut, sich vorbeugt, bückt und die verlorene Zeit aus dem Sand herauszieht, um sie zu sich zu stecken und fortan am Herzen mitzutragen…..

    ein wunderschönes Bild gibt das und eine bezaubernde Phantasie,,,ich sehe es direkt vor mir – RIvS

    mein winziger Beitrag:

    Sie haben die Zeit verloren?         das kann doch gar nicht sein

    Die Zeit hat doch geschworen –     Ihnen immer nah zu sein –

    Die Zeit? Sie sei verschwunden?   Im Wüstensand entführt?

    Nein, die Zeit ist ungebunden – hat nur Ihr Zeitgefühl verwirrt…..

    …iilaa alliqa….es meint: bis bald…RIvS (obiger Text von selbiger, lächel)

     

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