„Noch einmal, eh mein Herze bricht“: ANH an Liligeia, elfter Brief. Donnerstag, den achtundsiebzigsten Krebstag 2020.

 


[Arbeitswohnung/Nefud
16. Juli 2020,, 7.20 Uhr. 73.5 kg.

Malipiero, Cellokonzert]

Ich weiß,

ach meine Lilly,

nicht, was Dich bewogen hat, so sehr in mir zu wüten, daß ich vorgestern und vorvorgestern quasi bewegungslos verharren mußte, jeweils ein paar Stunden auf dem Lager, und des verehrt-geliebten Henri Heines Matratzengruft fiel mir da ein:

Und ist man tot, so muß man lang
Im Grabe liegen; ich bin bang,
Ja, ich bin bang, das Auferstehen
Wird nicht so schnell von Statten gehen.

Noch einmal, eh mein Lebenslicht
Erlöschet, eh mein Herze bricht –
Noch einmal möcht ich vor dem Sterben
Um Frauenhuld beseligt werben.

Heine, Matratzengruft: → Der Abgekühlte

Und das, wie wirklich Dich beschreibend, ist mir ohnedies dauernd gewärtig:

Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank,
Sie küsste mir blind die Augen;
Das Mark aus meinem Rückgrad trank
Ihr Mund mit wildem Saugen.

Heine, → Es hatte mein Haupt die schwarze Frau

Nicht einmal das Novamin wirkte, jedenfalls brauchte es Stunden, um diesen quer überm Sonnengeflecht stehenden Schmerz wenigstens zu beruhigen; völlig gelang es erst in der Nacht mit zusätzlichen THC-Gaben und obendrauf noch einer, damit ich durchschlief, Zolpidem. Eine für mich völlig neue Massierung von Medikamenten.
Also sag mir, was es war, das Dich so wütend machte. Schier von Sinnen bissest Du herum und bohrtest Deine Spaltbeinspitzen ins Organ. Ist es das Gespräch mit Professor Heise gewesen sowie meine Entscheidung für das Sana-Klinikum und daß nun Aqaba derart konkret wird, sogar schon das genaue Datum festgelegt zu haben? Oder daß ich die OP ein Fest nenne, zumal unserer → „Enteinigung“! Aber wie liegen da beide im Risiko, ich nehm mich gar nicht aus. Immerhin das könntest Du doch achten, indem Du Dich mir milde zeigst. Und daß seit gestern morgen der Schmerz vorüber, beinah völlig, auch wenn ich „sicherheitshalber“ alles noch mit weitrem Novamin gedämpft habe, — liegt dies daran, daß Du Dich ausgetobt hattest und einfach nur derart erschöpft warst, von Dir selber, daß ich tatsächlich wenigstens das eine → Auge lasern lassen konnte (das rechte)? Beim linken sah die junge Augenchirurgin keinen Handlungsbedarf. Tatsächlich war der meine Sicht trübende und sowohl Arbeit wie Lektüre deshalb zunehmend behindernde Milchschleier rechts sehr viel stärker. Nun  ist er dort völlig weg, ich sehe wieder messerscharf – nur aber eben rechts ist die vermilchte Irritation noch da. Um zwölf bin ich zur Nachuntersuchung bei der Augenärztin, dann werde ich’s ansprechen und will eben auch drauf beharren, daß der im übrigen wirklich nur kleine und kaum fünf Minuten währende Eingriff auch rechts noch durchgeführt werden wird. Zumal es überhaupt keine Probleme wegen der Nefud gab, weder ihretwegen noch wegen des Clopodigrels, das eine Woche vor der Großen Enteinigung aber abgesetzt und durch Heparin ersetzt werden muß. Und wenn Du mich nicht wieder quälst, ist alles – und aber mit welchem Erfolg! – im Nu zum besten.
Wir werden sehen.
Oder haben Dir, als Du tobtest, die Zytostatica gefehlt? Nein, ich meine das nicht zynisch. Es war doch immer so, daß Du gegen Ende einer Chemophase böse sozusagen auflebtest, bis die neuen Infusionen Dich wieder, ich schreibe mal, gelassener machten, und es wäre Zeit für die fünfte Chemo gewesen oder dem Einritt in der Nefud fünften Kreis der erlösenden, bzw. zur Erlösung führenden, sie zumindest in Aussicht stellenden Hölle. Irgendetwas war es jedenfalls, Dich derart häßlich zu machen, daß ich ganz auf meine Liebe vergaß und  nur dachte: Ach, wär sie endlich fort!
Doch kann’s eben sein, daß wir beide in enger Umschlingung unsere Enteinigung nicht überleben werden. Ich bin mir des Risikos völlig bewußt. Und wie gerne wäre ich also noch mal ans Meer gefahren, mare nostrum aber — nur daß mir meine Contessa gestern absagen mußte. Meine Entscheidung fiel einfach zu spät, auch wenn sie früher fallen nicht konnte, weil die ärztlichen Ergebnisse abzuwarten waren. Ach, und ich hatte dabei einen derart günstigen Flug gefunden, hätte nur gleich buchen müssen. Was ich eben nicht konnte. Ich  möge bitte nicht böse sein … Bin ich auch nicht, nicht im geringsten. Traurig aber ist es schon. — Ah, war es das? Erwisch ich Dich bei einer (ich weiß, Du wirst es nicht gern hören) … — Menschlichkeit? Du hattest wohl wie ich selbst die Absage vorhergeahnt, als ich tags zuvor mit der Contessa telefonierte und ihrem Tonfall entnahm, daß es mit dem Besuch auf der Insel nichts mehr werden würde. Da stelltest Du Deine Angriffe ein. Ist doch zumindest auffällig, dieser Gleichzeitigkeit. Dachtest Du: Nun ist er wirklich genug gestraft? Oder ließest Du von Deinem quälenden Toben, damit ich von der Traurigkeit nicht abgelenkt würde, sondern sie auch zur Gänze durchlebe? Das wär dann Infamität noch auf den Schmerz oben drauf.
Ah, das gefällt Dir? Wir küssen uns, wir schlagen uns. Gemeinsam ist uns immerhin das, aus tiefster Seele, beide, incorrect zu sein.

Klar, ich habe nach Alternativen geschaut, Neapel, Catania, Palermo. Doch die Flüge sind teuer geworden dort hin, zumal ich dann auch noch die Unterkünfte zahlen müßte. So viel Geld ist nicht da; auch sollten die Kosten im Verhältnis stehen. Zu zelten hingegen, die kostengünstige und mir ohnedies nahe Alternative, scheint mir derzeit nicht angebracht zu sein. Und ich muß Risiken abwägen, coronahalber, nicht weil ich furchtsam wäre oder glaubte, eine Infektion nicht durchstehen zu können, sondern weil dergleichen den OP-Termin unserer, Lilly, Enteinigung gefährden würde. Besser also, ich folge die verbleibenden ja nur noch achtzehn Tage den Zeitlabyrinthen, → von denen Marah Durimeh erzählt hat, und suche mir darinnen mein Meer. Oder ich finde spontan einen Restplatz im Flieger, am besten einen Tag vor dem Flug – die für dreivier Tage Abwesenheit gepackte Tasche kann ja gepackt schon bereitstehn. Ich denke nicht einmal, daß Faisal mich im Labyrinth, das doch eben der Zeit ist, vermissen, ja mein, ich sag mal, Fehlen überhaupt bemerken würde – schon weil ich Schlaf-, bzw. Traumzeiten nutzen könnte. Und falls es denn doch nichts werden sollte, es ist ja alles ziemlich knapp und wegen Corona auch nicht unkompliziert, fahr ich vielleicht zumindest an einen der Berlin-mecklenburgschen Seen, und unterhalte mich mit Najaden, deren Eifersucht der Deinen bekanntlich nicht nachsteht; vielleicht, daß ich den Fokus Deiner Konzentration dann auf sie umlenken werde. Du wirst Dich dagegen kaum wehren können. Doch, wie auch immer, eines gib zu: Wenn wir nachts tatsächlich schlafen, an- und beieinander, ist es nicht auch für Dich dann erholsam? O Liligeia, kleine Erde, laß uns doch miteinander diese letzten Tage wenn schon nicht voller Liebe, so doch barmherzig verbringen. Ich jedenfalls habe auf Kampf nicht große Lust; heftig genug wird Aqaba werden.

A.

P.S.:
Es geht nicht darum zu gewinnen. Gewönnest nämlich Du, verlören wir beide; gewönne aber ich, verlörest Du allein. Bedenke dies.

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