Nachlektorat: Wolpertinger oder Das Blau, Elfenbeins Berliner Neuausgabe. Vom Verleger. An den Verleger.

Weil indes der beharrlich die Augen geschlossen hielt und sich auch sonst nicht aus seiner Schlafstellung löste, kam der Lauscher um die Ahnung nicht herum, der Fette sei vermöge, durch die zugeklappten Lider zu schau­en.
Wolpertinger oder Das Blau, dielmann 1993 (Erstausgabe), S. 97

 

 

Lieber Alban,
ich habe noch mal recherchiert, es geht um diesen Satz:
„… kam der Lauscher um die Ahnung nicht herum, der Fette sei vermöge, durch die zugeklappten Lider zu schauen.“

Es findet sich kein Hinweis bei Adelung, keiner bei Grimm, keiner im Duden, der diese Konstruktion im Sinne von „sei in der Lage“, „sei fähig“ nachweist, dann müsste „vermöge“ ein Adjektiv sein. Es gibt nicht einmal einen einzigen Internettreffer in dieser Konstruktion, zumindest finde ich keinen. Ich habe gesucht: „Ich bin vermöge“, „er ist vermöge“ usw.: nichts.
Das sagen Adelung und Grimm:
Ich denke nach wie vor, Deine Formulierung ist falsch (was ja immer bloß eine Meinung ist). Vor allem aber stolpert man beim Lesen. Besser und richtig ist: „… der Fette vermöge durch die zugeklappten Lider zu schauen“. Aber natürlich lasse ich’s so stehen, wenn du selbst nach dieser Argumentation dabei bleiben willst. (Will halt nichts unversucht lassen …)
Herzlichst
Dein Ingo
Guten Morgen, lieber Ingo,
hab Dank für die ausführliche Argumentation, und ich würde mich ihr beugen, habe aber zugleich das Gefühl einer durchgestrichenen Evidenz: Wenn meine Formung auch tatsächlich durch nichts gedeckt zu sein scheint, ist mir „er sei vermöge“ doch geradezu als unmittelbare und so bleibende Stanzung im Sprachblut, daß ich den Satz noch dreißig Jahre später fast emblemhaft in der Erinnerung habe — so, wie Günther Steffens einmal schrieb, es gebe Sätze, die seien bereits bei ihrer Erfindung Zitat. – Verstehst Du? Etwas tatsächlich Falsches möchte ich aber nicht stehen lassen. Insofern: Habe ich ein bißchen Zeit, um über eine Alternative nachzudenken, die für mich eine ähnliche Kraft besitzt? Sowohl „er sei fähig“ wie „er vermöge“ — hier, weil aktivisch, indes „er sei vermöge“ etwas von einer verliehenen Gabe hat; genau dieser Gaben-Charakter ist mir wichtig ((Wer vergab das Vermögen??? Ecco!) — sind mir zu banal/profan, sie gehen an dem sozusagen transzendenten Mitwirken komplett vorbei. Schriebe ich statt dessen aber „habe die Gabe“, wäre ich für mein Empfinden wieder zu deutlich, zu eindeutig, zu wenig ambivalent – gerade bei einer Figur wie Dr. Lipom.
In den sich erhobenen Sonntag nach einer etwas schwierigen Nacht ohne Magen:
Dein Alban

 

[Die Berliner Neuausgabe des Elfenbein-Verlages wird im November 2020 herauskommen. Vorbestellungen dort.]
 

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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7 Antworten zu Nachlektorat: Wolpertinger oder Das Blau, Elfenbeins Berliner Neuausgabe. Vom Verleger. An den Verleger.

  1. Marion Koepf sagt:

    Das Wort „vermöge“ mit anschließendem Genitiv ist interessant und bereichernd. Vielleicht geht es so: ….. kam der Lauscher um die Ahnung nicht herum, der Fette sei vermöge einer besonderen Gabe in der Lage, durch die zugeklappten Lider zu schauen.

  2. Reni Ina von Stieglitz sagt:

    Hallo und Guten Tag in die Runde – ja, mir ging es ähnlich – aus der schlichten Position eines Lesenden möchte ich sagen, so wie der Satz (s.o.) da steht, wirkt er beim ersten Durchlesen irgendwie verkantet – spröde- ja, man gerät durchaus ins Stolpern- aber nicht so, dass man sich diesen Satz für immer einprägen würde, vielmehr möchte „man“ „ich“ – ebenso – wie bereits erwähnt-korrigieren- als Erstes möchte ich meine ganz einfache Version anbieten: 1) ……könne durch seine zugeklappten Lider schauen (die Variante fällt sicherlich durch)- 2) ….der Fette SEI BEFÄHIGT, durch seine zugeklappten Lider zu schauen…3) …der Fette BESÄßE DIE BESONDERE GABE, durch seine zugeklappten Lider zu schauen…mögen die beiden letzten Beispiele annähernd das Gewollte treffen.
    Dann fiel mir auf, dass der Buchtitel sich genau quer in Höhe der Augenlinie des „magischen Tieres“ befindet..da wünschte ich mir auch eine andere Lösung, falls überhaupt grafisch/drucktechnisch möglich…vielleicht werden meine Anmerkungen gelesen und lösen eine spontane Antwort aus, vielleicht ….– herzlichen Gruß aus der Ferne – RIvS.

    • Gerade das, liebe Frau von Stieglitz, finde ich reizvoll – und zwar deshalb:

      Schauen Sie einmal, wo das rechte Auge des Thieres glimmt… wo hindurch es glimmt. Das ist tatsächlich nur so möglich.

      • Reni Ina von Stieglitz sagt:

        Danke für Ihre Antwort und Ihren Hinweis– ahja…vergrößerte mir soeben das Bild und nun verändert sich tatsächlich etwas – in meiner Wahrnehmung – jetzt spüre ich die Magie-zumindest ansatzweise- lg…weiterhin beste Genesung…RIvS.

    • Marcus sagt:

      Moment, der Satz sei verkantet lese ich, das ist gut… er kommt wohl aus einer Nietzschestelle, die sich auf Kant bezieht. Vermöge eines Vermögens, könne der Mensch etwas … dies aus der Erinnerung und dies nur ein ungeschütztes und nicht ordentlich recherchiertes aber vielleicht stichhaltiges Argument es natürlich dabei zu belassen. Auch ohne das, bitte so lassen!

  3. Lieber Alban, lieber Ingo,

    vermöge meines Sprachgefühls („kraft meiner Wassersuppe“) neige ich dazu, diese schöne Formulierung Dr. Lipom betreffend stehen zu lassen, denn es handelt sich ja tatsächlich um eine Art (magische) „Kraft“, die ihn durch die zugeklappten Lider schauen lässt. Im ‚Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache‘ (24. Auflage) steht zudem: „vermöge Präp erw. stil. (16. Jh.) Mndd. in Formeln wie vermöge zu -> Vermögen (im Sinne von ‚Kraft‘) …“

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