Das Narbenbruchs-, demzufolge (Nach-)Krebstagebuch ff und dennoch ein Arbeitsjournal, nämlich des Freitags, den 30. Oktober 2020. Darinnen auch START 2020, das erste Seminar.

[Arbeitswohnung, 6.52 Uhr
David Helbock Trio, → Into the Mystic (2016)]

 

Das war dann schon blöde.
Ich ging noch einmal das gesamte Typoskript der → Béarts durch, fand auch noch einiges, vor allem mußte manches umformatiert werden, insbesondere ging es um den Ort einiger Verse auf der Seite — so daß nun Elvira nicht darum, fürchte ich, herumkommen wird, daß auch sie alles noch einmal ausgedruckt (doch sie hatte es, wie sie mir schrieb, soeben getan) (auch mein Papierverbrauch ist, seit ich mit dem Computer arbeite, signifikant gestiegen; eine interessante Dynamik) —; zugleich hatte ich endlich auch mein Krafttraining wieder aufgenommen und zwar, nach dem ersten Slingtraining, „ordentlich“ mit einem Muskelkater zu tun, aber laufen, immerhin, durfte ich ja weiter — und da gucke ich vorm Duschen an mir runter, weil mir was komisch vorkommt, das obendrein ziemlich wehtat … und sehe das: Unterbauch links:

Kein schöner Anblick, zumal nicht, wenn der Körper grad begonnen hat, sich wieder zu, wie es in der Athletensprache heißt, definieren. Da fällt jedes unnötige Pölsterchen störend ins Auge, solch eine Vorstülpung da nun erst recht. – Dennoch war ich nicht überrascht, auch nicht schockiert. Es ist dieselbe Stelle unter der Narbe, an der es seit der OP immer wieder teils hart geschmerzt, wenn ich gegessen, nie lange aber oder nur selten für längere Zeit, meist rutschte der Nahrungsbrei offenbar schnell weiter, und es war wieder Ruhe. Die Ärzte und die Ernährungsberaterin, denen ich davon erzählte, waren der Meinung, es spiele sich schon ein mit der Zeit, hier drückten möglicherweise nur Gase innen gegen die Narbe. Abwarten also, Geduld haben. Auch die Freunde mahnen meine Schnelligkeit oft an, meine Ungeduld. Nur war das jetzt eben deutlich, dieser komplett unorganische Ausstulp ohne Ästhetik.
Habe ich Ihnen damals, Freundin, — „damals“! — erzählt, daß bei meiner Entlassung aus dem Sana Professor Heise mir, mein Operateur, seine Whatsapp-Nummer gab, damit ich ihn, wenn etwas sei, kontaktieren könne? Nun, knapp ein Vierteljahr nach → Lis und meines Magens Entfernung, nutzte ich das, nahm mit dem Ifönchen zwei Bilder von dem Ausstulp auf, eines sehn Sie hier drüber, und schickte es ihm. Quasi postwendend, abends um halb zehn!, kam die Antwort:

Das sieht aus wie ein Narbenbruch, das muss nochmal operiert werden, können Sie vielleicht Montag einmal in meine Sprechstunde kommen? Dann kann ich mir das ansehen. Ist nicht gefährlich, nur nervig.

So werde ich also übermorgen um elf dort sein; die Uhrzeit machten wie nächstentags aus, und vor allem beruhigte er mich wegen des Joggens: Nur bei sehr kleinen Brüchen, die man nicht sehe, bestünde das Risiko, sich etwas ungut einzuklemmen. So konnte ich gestern sogar mein Krafttraining absolvieren, mit Abdominalbandage freilich bei (weitgehender) Aussparung der Bauchmuskulatur. Ich bin kein Opfer und lasse mich zu einem auch nicht machen, sondern bleibe meiner Situationen Herr. Es genügt schon, daß wir ein Schicksal haben, dem sich’s nicht entgehen läßt. Da aber geht’s um das Wollen von Göttinnen, Göttern. Interessanter ist die Frage, ob es nun, da wir eines weiteren Lockdowns angesichts sind, noch einmal finanzielle Hilfen für Künstler geben wird. Allerdings komme ich nach jetzigem Stand der ökonomischen Dinge bis mindestens März erst einmal klar, bin also wenig beunruhigt. Und was geschehen wird, wenn die Béarts erschienen sind, ist ja durchaus nicht heraus. Das erste meiner Bücher in mehreren Sprachen, darunter US-amerikanisch, und die Ausgaben quasi zugleich. Raus aus dem Kleinbürger-Betrieb, zu dem Dietmar Dath einiges Wahre zu sagen hat. Knelangen schickte mir die Besprechung Stefan Gärtners, die ich auf Anhieb im Netz leider nicht fand und aus Urheberrechtsgründen hier nicht einfach einstellen kann. Schade. Denn Sätze wie

Was einst die anarchische Emanzipation vom bürgerlichen Kunstmuff war, ist heute ein Spießerreflex, und wenn Buch und Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, dann kann es nach wie vor am Kopf liegen. Sicher, was Mist ist, soll Mist heißen dürfen; was Mist zu Mist macht, soll man aber sagen müssen.

sind gerahmt an die Wohnungstür jeglicher Dichtung zu hängen, damit wer eintritt weiß, was sie und ihn erwartet, erwartet also wird — generell, nicht nur im Einzelfall.
Die projektierte OP übrigens wird sich nach allem, was ich unterdessen gelesen, laparoskopisch erledigen lassen, also nicht wirklich ein wieder großer Eingriff sein. Ich denke mal, nach anderthalb Krankenhaustagen werde ich’s hinter mir haben. Punkt.

[7.51 Uhr]
Draußen gießt es junge Hunde.
[John Dowland, Weep you no more,
sad fountains: Kopatschinskaya/Currentzis, SWR SO]

Aber der Tag steht in anderem Fokus. Zwar werde ich (will ich) mittags laufen, wenn überdies mein Monsieur LePutz hier sein und wischen wird, aber dann werde ich mich in den virtuellen Zug zum erste virtuellen Seminar dieses Jahres setzen, das ich im heutigen Fall für die START-Stiftung halte. Ich nahm mir ein kreatives Schreibthema zu „seltsamer Musik“ vor, wobei sich das Adjektiv weniger auf meinen eigenen Eindruck, bzw. meine Hörempfindungen bezieht, als auf den von mir prospektierten der jungen Leute, mit denen ich, je hinter unseren Screens, von von heute Abend bis zum Sonntagmittag beisammen sein werde. Ein bißchen nervös, ich gebe es zu, bin ich schon, da mir diese neue Lehrform noch ausgesprochen fremd ist. So lag es nicht nur wegen der Migrationshintergründe nahe, „Fremdheit“ zu einem Thema des Seminares zu machen. Für meinen im Januar beginnenden Lehrauftrag an der Uni Bamberg, werde ich dann freilich eingefuchst genug sein, um auch gewagtere Experimente anzugehen – wie ich es in der „direkten“ Lehre stets getan habe, inklusive der mir wichtigen „Abweichungen“ von methodisch genormten Abläufen. Genau diese – heute als „Module“ firmierende – Normung ist mir seit Kindheit ein Dorn der Lebensfeindlichkeit im Aug‘.

Ihr
ANH

[Biber, Battalia für Streicher und Basso continuo,
Currentzis/Kopatschinskaya, SWR SO
Das gesamte Konzert, → dort.]

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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1 Antwort zu Das Narbenbruchs-, demzufolge (Nach-)Krebstagebuch ff und dennoch ein Arbeitsjournal, nämlich des Freitags, den 30. Oktober 2020. Darinnen auch START 2020, das erste Seminar.

  1. Avatar Franz-Josef Knelangen sagt:

    Der Text von Stefan Gärtner steht in der jungen Welt vom 29.10.2020 und ist öffentlich zugänglich, und zwar hier:

    https://www.jungewelt.de/artikel/389360.literatur-es-liegt-nicht-an-dir-es-liegt-an-mir.html

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