Das Verhängnis der Heiligenscheine im Arbeitsjournal des Freitags, den 6. November 2020. Als vierunddreißigstes Coronajournal und weiteres (Nach)Krebstagebuch, darinnen zitiert wird erneut: Die Brüste der Béart,64. (Nämlich).

 

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr
France musique contemporaine:
Anthony Payne, The Stones and Lonely PLaces sing]

Noch nie so viele Corona-Tote in Berlin
an nur einem Tag

titelt der heutige Morgenbrief der Berliner Morgenpost. Insofern wundert

es mich kaum, wenn die Zugriffszahlen → dafür mit in zwei Tagen nahezu 1500 geradezu durch die Decke gingen. Derweil ich weiter mit meiner Steuer, aber auch mit einem Covid19-Abstrich → im Sana beschäftigt war, der rein unnötigerweise vorgenommen wurde, weil nicht dran gedacht worden war, daß er vor der stationären Aufnahme nicht älter als achtundvierzig Stunden sein darf. Hätt ich auch selbst drauf kommen können, so einsehbar ist es. Immerhin kam ich drauf, daß vor der OP noch ein Arztgespräch wegen der Anästhesie geführt werden muß, aus juristischen Gründen; worum es geht und welche Risiken es gibt, weiß ich doch gut.
Also nach dem CT nochmal zurück zum Aufnahme-Empfang, nachgefragt und — Ecco! Nun am kommenden Montag die Coronastäbchen erneut in den hinteren Rachen und in die Nase knapp unterm Gehirn sowie die Aufklärung durch den oder die Anästhesistin. Hübsch, wenn man genau sein möchte, aber auch flüssig, so daß der Anästhesistin dabei herauskommt. Das gefiel mir so gut, daß ich nicht nur sofort nach der Rückkehr den seit vorgestern abend in langer kühler Führung fermentierenden Teigling in den Backofen schob, aus dem er dann so herauskam:

 

Sondern auch sofort mit dem Krafttraining an dem fest in der Decke installierten → Slingtrainer anfing, da ich vom Radfahren eh noch warm war und es draußen, um mit dem TRX-Band in den Thälmannpark zu gehen, schon zu weit hinab mit der Sonne ging; bereits früh berührt sie jetzt die Riste der Dächer, hinter denen Wärme und Licht dann verschwinden. Im Dämmern bereitet es vor allem dann keinen wirklichen Spaß, an frischer Luft zu trainieren, wenn diese Frische bereits etwas scharf ist — so geradezu schlagartig kühl geworden, daß sie beim Einatmen sogar schon etwas beißt. Außerdem war danach, und nach der Dusche, gleich wieder am Schreibtisch, um mit der Steuer weiterzumachen. Unterdessen bin ich – für 2019, wohlgemerkt – bei den Reisen. Es ist wie aus einer anderen Zeit. Reisen, Freundin, reisen zu können! Es war doch stets eine Grundlage meiner poetischen Arbeit und somit auch meines Lebensunterhaltes. Vorbei. So wird die Erstellung dieser Steuererklärung zu einem auch melancholischen Akt, einem leiser Trauer. Daß er überdies mit meinem Eintritt ins Rentenalter zusammenkommt und unten drunter → Liligeia stets mitläuft, auch wenn sie verging, macht es nicht besser; wobei es mit ihrem Vergangensein, siehe nächste Woche Mittwoch, ganz auch nicht stimmt.
Was stimmt denn schon noch?
Die Entkörperlichung von Welt wälzt sich voran. Ich kann im tiefsten an ein Ende dieser Coronakatastrophe nicht glauben, jedenfalls nicht in – nach Jahren gerechnet! – absehbarer Zeit.  Corona, das war einmal ein Wort für Heiligenscheine: Nun sehen wir ja, wohin uns der Monotheismus gebracht hat. Was wir hätten sein können, durchgestrichen. „In einer entkörperten Welt“, sagte ich gestern einer nahen Freundin in Facetime, „möchte ich nicht mehr leben. Es ist kein Platz darin für einen wie mich.“ Wenn Gaga Nielsen → dort auch Vorteile im Tragen dieser Masken sieht, so finde ich das gutgesprochen. Zum Menschen gehören auch üble Gerüche, das ist gut und sehr richtig so und nirgends deutlicher wahrzunehmen als in Mumbai, einer Stadt, die eine Orgie aus Geruch ist —

… toll, übrigens, grad: György Ligetis Hungarian Rock für Cembalo von
1978, kannt‘ ich noch gar nicht, läuft soeben bei, Link siehe oben,
France musique …

 

 

 

—, von den allerschlimmsten zu den herrlichsten, von Scheiße über moderndes Laub bis in die Höhen der Heiligen Rauche und die Geheimnisse magischer Parfumeur(e)s – manch eine Circe fürwahr. Aber eben auch nur denkbar, weil es Scheiße gibt, die auch so riecht, und Ausdünstungen der Körper, die uns in feinster, nämlich bewußt nicht wahrgenommener Dosierung um den Verstand bringen können und liebesrasend machen. Genau diese Dynamik, dieser Zusammenhang wird von der entkörperten, entkörpernden Moral zerstört. Und daran arbeitet Corona nun mit — man könnte in der Tat den Virus für einen bewußt erzeugten halten. Nein, ich tue es nicht, aber denke nach wie vor und verstärkt, daß wir es mit einem selbstregulativen Prozeß zu tun haben, der auswaschen soll und es wird und schon tut. Es ist in nicht-monotheistischem, sondern pantheistischem Sinn eine Sintflut, für die wir die Archen, die auf ihr schwimmen hätten können, und ganz wunderbar, mit eigenen Händen zerschlagen haben und weiter, immer noch weiter zerschlagen, indem wir lästern, → was wir sind:

Niemand war bei mir, nur der Vögel gezwitscherter Jubel
Sie trist aber drinnen, wie wenn sie weiter unentwegt fragte:
Würde nicht einmal noch ich | mir, an die Schönheit zu glauben,
erlauben, die wir Künstler stets gesucht:
                                                             – was werde dann aus ihr?

Und leiser, fast nicht hörbar: „… mir?“
„Nichts als Funktion, um die sich keiner plagte,
noch daß sich einer noch | nach seiner Muse sehnte,
weil die Verehrung Fraun, so heißt’s, entwürdigt.”

Grob war ihr Lachen, und verletzt, als sie da aufstand,
Jacke und Schal nahm und ging, während ich draußen
die beiden Kekse – mit mir allein und dem tschilpenden Spatzen –
jeden für sich von den Tellerchen nahm und zu Bröseln

rieb und die Krümel achtsam streute, woraufhin sich das Kerlchen
derart freute, daß es sich gleichsam, und enorm, vermehrte,
bis ich meinte, die ganze geflügelte Spatzkolonie

habe sich bei mir zusammengefunden: Sie saß
zwitschernd auf Stuhllehnen, Tischchen, ja selbst meinen Füßen
und hüpfte, des flatternden Lebens Gloriole, am Boden

***

So, zurück, meine Freundin, an die Steuererklärung, und auch die Musik werde ich wechseln: Verdi, Macbeth wahrscheinlich. Oder wieder Puccini. Ich will beim Rechnen mitsingen können.

ANH

__________
>>>> Béart 65 (folgt)
Béart 63 <<<<

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal, Hauptseite, KREBSTAGEBUCH abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Das Verhängnis der Heiligenscheine im Arbeitsjournal des Freitags, den 6. November 2020. Als vierunddreißigstes Coronajournal und weiteres (Nach)Krebstagebuch, darinnen zitiert wird erneut: Die Brüste der Béart,64. (Nämlich).

  1. Avatar Gaga Nielsen sagt:

    Als allgemeine Beschönigung des Corona-Lätzchens möchte ich meine Entdeckung, dass es bei erwartbarer brechreiz-erregender Geruchsbelästigung Hilfe bietet, nicht gelesen wissen! Ich stelle mir das als absolute Notfallmaßnahme vor. Es gibt vielleicht im Alltag bestimmte unumgängliche Passagen, die keinerlei aufregend-exotisch rezipierbares Potenzial haben, im Gegensatz zu einem kunterbunten Flickenteppich aus Gerüchen auf einem Wochenmarkt oder auf Reisen, wo man auch diese Dimension, genießerisch mit allen Sinnen wahrnehmen möchte. Wo der Anflug des Geruches von Blut und gesottenen Innereien archaische Bilder beschwört. Usw. usf. Natürlich möchte ich auch die Welt riechen!

    In letzten Jahr, also vor Corona, hatte ich eine interessante – angenehme – Wahrnehmung, als ich in Berlin zu einer für mich ungewohnten Abendstunde die S-Bahn vom Bahnhof Zoo Richtung Hackescher Markt betrat. Es war wohl ein Freitag gegen 19:30 Uhr. In dem Wagen saßen sehr viel fein zurecht gemachte Fahrgäste, die auf dem Weg zu einer abendlichen Wochenendverabredung schienen. Man sieht das ja auch an den kleineren Handtäschchen und der allgemeinen leichtfüßigeren Stimmung. Da ich aus Ausstiegs-strategischen Gründen an das andere Ende der S-Bahn wollte, durchwanderte ich den gesamten ersten Wagon und dann noch weitere, ich wechselte immer an einem Halt von Wagon zu Wagon. Und die wirklich schöne, ja aufregende Wahrnehmung war, dass in jedem Abteil ein Potpourri von Düften war, ganz phantastisch angenehme darunter, als ginge ich durch den Parcours einer Duftgalerie. Es war ganz offensichtlich, dass hier ganz bewusst Düfte angelegt wurden, mit denen man sich morgens eher zurückhält. Fand ich sehr interessant und hob meine Laune. Wunderbare Ausgehstimmung. Und natürlich kann auch Schweiß wunderbar und interessant und aufregend und stimulierend riechen. Das ist ja nun gar keine Frage.

  2. Avatar maus sagt:

    die ( DIE ) maus , welche einst in den einflussbereich eines gärtners ( einer gärtnerin ) geriet

    es geriet einst eine maus in den einflussbereich.
    der einflussbereich ward nicht gross, nicht grösser als einflussbereiche vergleichbarer grösse.
    er war exakt so gross wie der einflussbereich jener grösse, in welchen eure maus geriet und die auf euren gärtner stiess wie ein stilett, wie spitz.
    nun, diese spitzig maus, wir nennen sie maus 1, war edel, kokett und bettelarm.
    ihr und auch nur ihr war es vergönnt wie geboten, also sowohl als auch möglich, an waffen zu kommen.
    es fing doch harmlos an, an faschings, wo maskenpflicht war, da war es ein kugelschreiber, zum blasröhrchen umfunktioniert.
    bitte : funktioniert, funktionierte.
    das problem war der grössenwahn ( GRÖSSENWAHN )

    heyhallo, ich bin echt das talent der gezeiten, ich bin der MOND HIMSELFST

    naja der gärtner ging dem nach und so weiter.

    fakt doch der, der fakt :

    dass ich noch posten konnt‘ wa ?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .