Ukraine-Dialoge VII. Chat: A.Esch|ANH (1). Ein noch vor dreizehn Tagen nicht denkbares Gespräch.

Montag, 7. März 2022, 13,55

A.Esch
Habe die Pressemitteilung des PEN ebenfalls schon auf FB verlinkt.

ANH
Ich werde sie erst nach der vom → internationalen literaturfestival berlin ausgerufenen Kundgebung einstellen, wohin ich gehen werde. Meine FB-Annoncierung sollte noch so lange frei stehen. Ebenso in Der Dschungel. Na, da eh. – Kurze Nachricht von Baskakova. Sie kann mit VPN immer noch weiter, auch auf FB, kommunizieren. Ich frage jeden Morgen eigens nach.

A.Esch
Das ist gut, wenn sie via VPN noch rauskann. Wünsche eine gute Kundgebung.

ANH
Sie schreibt soeben (ich habe ihr die Presseerklärung sofort geschickt), einige ihrer engsten Freunde hätten sich verabschiedet, weil sie — in die Emigration aufzubrechen versuchen.

A.Esch
Hoffentlich gelingt es ihnen. Nawalny könnte vom Ausland auch sehr viel mehr bewirken. Er hätte nicht zurückgehen dürfen. – Lesenswert: Die-Thukydides-Falle

AMH
Lese ich gleich, muß nur erst was anderes fertigmachen. Ich wollte Dich übrigens fürs neue Arbeitsjournal bei FB markieren, ging aber leider nicht. Steht jedenfalls jetzt drin. (Bin noch etwas benommen.)

A.Esch
Wir sind vermutlich entfreundet. Ich schaue gleich mal nach. Vermutlich seit der Zeit, da Du gesperrt warst und ich nicht zu Dir verlinken konnte. Außerdem sehe ich, dass mein Konto seit gestern eingeschränkt ist. Ich hatte einen Witz gemacht, in dem das Wort ›Idioten‹ vorkam. (Bebel-Dschungel gelesen.)

ANH
(Danke.) Das mit der Einschränkung des Kontos ist bizarr.

A.Esch
Ja, Dein Bebelplatz-Bericht hat mich wieder auf Julias gestrige Frage »Was wird passieren?« zurückgeworfen und auf den Umstand, dass ich weinen musste, weil ich keine Antwort wusste bzw. nur eine, die mit dem Schlimmsten rechnet.

ANH
Ich versuche, die Tränen Sätze werden zu lassen. (Ich bin aber auch allein, also lebe allein. Mit लक्ष्मी zwar gesprochen, aber sie weint ebenfalls sofort, wird dann sauer, versucht wegzudenken, weil sie ja doch nichts tun kann. Ebenso die Elve, die nur noch fassungslos ist. Dafür jeden Tag lange Whatsapp-Videogespräche mit Christoph, Arco.)

A.Esch
Der Witz lautete: »Die meisten Männer sind Idioten. Anfangs finden die Frauen das gräßlich. Mit der Zeit gewöhnen sie sich daran.«

ANH
Was für ein harmloser Witz!

A.Esch
Tja, was soll man machen. – Ich habe einen Brief an meine Tochter geschrieben. Habe gefragt, wie es ihr mit dem Krieg usw. geht. Vor allem eingedenk des Umstandes, dass sie genau vor 36 Jahren zur Tschernobyl-Katastrophe geboren wurde und wir damals so viel Angst um sie hatten. Sie antwortet mir nicht mal darauf. Also allein, mehr oder weniger, sind wir alle.
Hab Bebelplatz in mein FB-Profil übernommen. Wird sicher wieder einige Kontakte kosten.

ANH
Ist meine Erzählung wirklich so provokant? – Jetzt höre ich endlich d o c h mal wieder Musik, zum ersten Mal seit Kriegsausbruch. Aber → Brittens War Requiem, jetzt ganz:

A.Esch
Nein, ist sie nicht. Die ganze Veranstaltung ist für mich leider so, dass ich das erwartet habe. Auch vor allem Biermann. Ich wollte auch nichts daran kritisieren. Aber es ist so: 1. Man sieht ja sehr deutlich, was für Beiträge geliket werden und welche gar nicht. Und 2. findet seit Kriegsbeginn ein ständiger Abfluss meiner Kontakte statt. Allein 13 von gestern auf heute. (Bei mir schweigt die Musik eigentlich nur, wenn ich sehr krank bin. Ich scheine also seit Monatsbeginn sehr krank zu sein.)

ANH
Auch Dich, leider, trifft so der Krieg, lieber Esch.

A.Esch
Ich würde sofort das Land verlassen, wenn ich nicht körperlich behindert wäre.

ANH
So hat auch लक्ष्मी es gesagt, also ohne die Behinderung, aber für sich und die Kinder. Sie könnten sicherlich zu लक्ष्मीs Tante und Cousine nach Agra, wo die beiden am → College lehren. Mein Sohn wird für sich selbst entscheiden und ich werde mich sehr wahrscheinlich an seiner Entscheidung ausrichten. Doch im Fall des Kriegsrechts – der junge Mann würde dann wehrpflichtig – dürfte seine Ausreise sehr schwierig werden, meine weniger. Und also bliebe ich hier. – Hätten wir vor einem Jahr gedacht, einmal ernsthaft solche Gespräche führen zu müssen?

A.Esch
Natürlich nicht. – Ich ginge nach Brasilien. Kontakte habe ich da, Portugiesisch hatte ich schon mal so weit gelernt, dass ich es wieder aufnehmen könnte. Aber ist sowieso alles Quatsch. Julia ginge niemals mit. Sie meint, sie könne das Haus nicht verlassen. Wir sind ja inzwischen Immobilienbesitzer, Eigentumswohnung plus großes Haus. Da geht sie nicht raus, alles hat der Vater gebaut, den kann sie nicht verlassen.

ANH
Lebt ihr Vater noch?

A.Esch
Ebe net. (Nein.)

ANH
Dann ist die Argumentation unklug. Im Falle eines Atomkriegs wäre das Haus sowieso verloren. Das ist den Tod nicht wert – und was für einer …

A.Esch
Klar. Zumal uns das gegenwärtig noch sehr beweglich machen würde. Wenn man das jetzt beides verkaufen würden, dann hätten wir etwa eine Millionen freies Kapital, damit könnten wir überall hin. Und ich würde das auch bedenkenlos tun, aber wenn Du nur an einer Krücke mit 10.Zentimeter-Schritten gehen kannst, dann gelten Deine Argumente nicht viel.

ANH
Es wäre dennoch zu machen, wenn auch unter Schwierigkeiten. Aber Ihr wäret zu zweit, da ist das hinzubekommen. Noch.

A.Esch
Ein zweites Mal eine Bibliothek von etwa 25.000 Bänden verlieren. Naja, ich würde es wagen. Julia keinesfalls. Habe nicht mal gültige Reisedokumente. Die müssen wir uns mal zuerst besorgen.

ANH
Dann zögert nicht, so daß Ihr’s, falls es losgehen sollte, wenigstens dann versuchen könntet. Ich werde, was meine Familie betrifft, jedenfalls drauf drängen, daß alle sich, soweit nicht schon da, die entsprechenden Pässe besorgen. (Was Indien anbelangt, wäre es auch nicht schlecht, sich schon einmal um drei Monate gültige Visa zu kümmern.)

A.Esch
Julia sagte eben, sie würde mich nach Irland bringen. Da habe ich einen Freund. Sie will aber zurück ins Haus. Wahnsinn. – Hast Du den → Kommentar von Eva-Maria Spoetta gelesen? Die ist ein Kontakt von Dir und voll auf der „Völkermord an den Russen“-Schiene.
(Schreibe gerade meinem Freund in Irland, um mal vorzufühlen.)

ANH
Ja, ich antworte gerade (Spoetta). Und: gut (Irland).

A.Esch
Mal sehen, was Arnold sagt. Schönes Haus, dreißig Meter bis zum Atlantik. Zwischen da und den Lofoten nur Wasser. — |
Oh, schon Antwort:
„Hi Esch, ja, das sind beschissene Zeiten. Irland ist ja EU-Land und Du kannst jederzeit Deinen Wohnsitz hierher verlegen. Die Wohnungen sind in Irland etwas teurer als in D. und leistbar nur auf dem Land. Zum Glück sind die Deutschen in diesem Land sehr hoch angesehen und geachtet. Die Lebensmittel sind im Preis vergleichbar mit Germany – nur der Alkohol ist sehr teuer!!! Gruß Arnold“
Übrigens sind wir nicht die Einzigen, die solche Fluchtfantasien haben. Eine chilenische Freundin, die hier lebt, schrieb gerade meiner Frau: „Wenn es so weit kommt, dass wir wegmüssen, dann holen wir Euch ab und fahren in einer ersten Etappe nach Avignon (dort lebt ihr Vater) und von dort aus nach Santiago. Das Haus ist sehr groß, dort können wir alle leben.“ Es rührt mich total, obwohl es so schrecklich ist.

ANH
Ein noch vor kurzem undenkbares Gespräch.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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