Biografisches Notat zur Autofiktion. Im Arbeitsjournal des Donnerstags, den 9. Juni 2022. Darunter auch, aber kurz, zu PEN Berlin sowie den Überarbeitungen.

[Arbeitswohnung, 9.49 Uhr
Allan Pettersson, Violakonzert (1979)]

Immer wieder werden meine Arbeiten im Umfeld der sogenannten Autofiktion besonders als eines der ästhetischen Konzepte der Postmoderne gelesen und insofern als ein literarisches „Spiel“ – etwas, das trotz der Spieltheorien stets den Beigeschmack eines Beliebigen, wenigstens Mutwilligen hat, auf das sich auch verzichen ließe. Diese Perspektive ist für mein Werk falsch. Das sich durch, seit der „Verwirrung des Gemüts“, nahezu alle meine Romane bis „Argo.Andeswelt“ ziehende Motiv des ‚falschen Passes‘  gründet sich auf die mir damals (1978/79) sehr ans Herz gelegte Äußerung Arno Münsters: „Unter deinem schrecklichen Geburtsnamen wirst du in Deutschland niemals ein literarisches Buch veröffentlichen können.“ – Als er das aussprach, hatte ich bereits viele Versuche hinter mir, einen Verlag zu finden. Und aber tatsächlich, kaum war der Namenswechsel, den ich stets ernster nahm als nur pragmatisch als Künstlernamen, vielmehr stellte ich mein ganzes weiteres Leben darauf ab, damit angefangen, daß ich die Stadt wechselte und mich mit der neuen Identität an der Frankfurtmainer Uni eintrug … – und tatsächlich also, kaum war der Namenswechsel vollzogen, stand ein Verlag plötzlich vor der Tür, und „Marlboro“[1]Wer möchte, ich habe noch wenige Exemplare der Erstausgabe hier; einfach melden. (Eine Auswahl dieser frühen Prosatexte ist in überarbeiteter Form allerdings auch in Wanderer enthalten.) erschien, bekam auch gleich einen kleinen Preis. Wie hätte da fortan „der falsche Paß“ mein Werk nicht mitbestimmen können? Also endet die „Verwirrung“ damit, daß der Protagonist solch einen Paß an sich reißt und auf eine Reise abhaut, die ihn erst einmal nach Hannoversch Münden ins Hotel Wolpertinger bringt – wie der folgende Roman dann eben heißt, Wolpertinger oder Das Blau.
Und das Thema blieb virulent, insofern immer wieder Kritiken mein „apartes Pseudonym“ als ein solches öffentlich machten und wieder und wieder den Ribbentrop mit in den Fokus der allgemeinen Meinungsbildung zogen. Irgendwann deckte sich noch der „Skandal“ darüber, daß ich an die Börse gegangen war (zum ersten Mal hieß es in den Feuilletons, ich verriete ‚die Literatur‘), – auch selbst da habe ich niemals ‚gespielt‘, sondern war nur der Croupier -, und aber der Namenswechsel rückte, mit der Geburt meines Sohnes, auch ins Persönliche zurück; ein Künstlername läßt sich nicht vererben. Seither führe ich beide Namen offen, was erst recht kein Spiel, sondern existentielle Entscheidung ist. Es wäre feige gewesen, hinter ANH verborgen zu bleiben, aber den Jungen ins Feuer der deutschen  Geschichte und Nachgeschichte zu schicken, und der Sippenhaft, für die besonders die Linke ein rechtes Herzchen hat. – Ein Vater hat sich vor sein Kind zu stellen. Wobei es für meine Stellung im hiesigen Literaturbetrieb bezeichnend ist, daß dieser, in Meere sehr wohl, und zwar zentral, behandelte Nexus in den Kritiken kaum je, und wenn, dann nebenbei, zur Sprache kam. Hier galt ich zu sehr schon als Unhold, beziehungsweise war, → wie text + kritik schreibt, poète maudit, was, aus der Zukunft zurück- und mit der Quelle des Wortes betrachtet, ehrenvoll, zu Lebenszeiten aber ausgesprochen hinderlich ist, will wer auf einem künstlerischen Markt hinlänglich bestehen, um von finanziellen Aspekten erst besser gar nicht anzufangen. Meinen Büchern ist es kaum je gelungen. Hätte ich den Namen nicht gewechselt, wäre es anders aber auch nicht geworden; ich hätte noch Jahre nur für die Schublade geschrieben, wobei ich, denke ich, nicht hinzufügen muß, daß eine solche, quasi lebenslang anhaltende Situation einen nicht besonders einpaßbar in betriebsgeltende Normen macht. Man wird wieder und wieder bockig reagieren – und in der Sache selten falsch damit liegen. Wichtig festzuhalten ist mir hier, daß in meinen Büchern die „Rolle“ der Autofiktion existentiell begründet ist und eben nicht ästhetisch luxuriös. (Auch meine sich aus der Autofiktion entwickelte Möglichkeitenpoetik und schließlich der Kybernetische Realismus haben sich hieraus entwickelt — nahezu, wie ich unterdessen glaube, notwendigerweise: Um die Not zu wenden; siehe dazu auch meine vielfach verstreuten Bemerkungen zur „Perversion“.)

*

[Allan Pettersson, Sinfonie Nr. 5 (1960/62)]

Und nun steht der neue PEN vor der Tür; morgen werden → wir 232 ihn im Berliner Literaturhaus Fasanenstraße gründen. Darauf, übrigens, hat sich → mein vor sieben Tagen noch kryptischer Beitrag bezogen, freilich auch darauf, daß ich mich aus den permanenten Auseinandersetzungen um den Ukrainekrieg, die teils zu ziemlichen Verstimmungen selbst unter Freunden – bis hin zu Ausberüchen des Diffamierens – führten, herausgezogen und wieder auf meine eigentliche Arbeit konzentriert habe, bzgl der Verwirrung auch, weil Abgabefristen einzuhalten sind; dazu die wenn auch nicht tägliche Bearbeitung je eines der frühen Gedichte. Wobei ich mir eigentlich vorgenommen hatte, jeden Tag wenigstens einen dieser Texte selbstlektorierend zu begutachten. Doch dann zog es mich zu den Briefen nach Triest zurück, und zwar unversehens massiv, die nun schon ein halbes Jahrzehnt brachgelegen haben. Das Buch soll fertig werden, Punkt. Es wird eine der heikelsten Arbeiten werden, die meiner Lektorin und mir jemals bevorgestanden haben, aber deshalb auch eine der spannendsten. Doch erst muß der gesamte Text ’stehen‘; von den vorgesehenen neununddreißig Kapiteln sind im Rohling erst zweiunddreißig da. Doch will ich mich an diese letzten sieben erfindend erst setzen, wenn ich alle anderen durchgearbeitet habe und damit auch wieder alles so vorm Inneren Auge, daß ich einfach „nur“ weiterschreiben muß. Das ist umso wichtiger, als, wie ich meiner Lektorin gestern in SIGNAL schrieb, der stilitische wie konstruierende Charakter dieses Buches sich zwar nicht grundlegend, aber im Fließen ausgesprochen schon dadurch unterscheidet, daß die Vornahme eines Romanplots den „Plot“, also die Handlung, überhaupt erst entstehen läßt, genau das nämlich der Roman-selbst i s t. Die sprachliche Schönheit, ihre Rhythmik und Metaphoriken sowie klanglichen Anlautfolgen und Hypotaxen sind es, was in das Buch hineinziehen soll — eher so nämlich, wie wir meditieren und nicht als jemand, der vor Spannung erregt die Handlung eines Blockbusters verfolgt. Nicht, daß die Geschehen nebensächlich werden, sie sind ja der Grund des‘ allen, aber die, ich schreibe mal, fugierte Erzählfaktur ihres Ineinanderverschränktseins und wie sich daraus stets neue und wiederneue Ableger entwickeln, die ihrerseits mit der „Urhandlung“ verwachsene und immer weiter verwachsende Handlung sind, ist die eigentliche, höchst sensible Tragemembran dieses Brieferomans. Wobei ich mir noch überhaupt nicht klar darüber bin, ob er ‚offen‘ oder, was meinem klassizistischen Temperament entspräche, mit der finalen Zusammenführung aller Motivranken endet. Ich weiß nicht einmal ums ‚Sollte‘.
Es gibt auch weitere, nun jà, ‚Probleme‘. Dazu indes ein andermal. Für heute soll’s genügen.

Ihr, Freundin,
ANH

References

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1 Wer möchte, ich habe noch wenige Exemplare der Erstausgabe hier; einfach melden. (Eine Auswahl dieser frühen Prosatexte ist in überarbeiteter Form allerdings auch in Wanderer enthalten.)

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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