Michael, Yōsei, die Sharonsídhe ODER Ein Brausen in den Bäumen. Briefe nach Triest 55. Frankfurt am Main, Eschenheimer Anlage. Neuschriften (4).

 

[Aus dem vierunddreißigsten Brief:]

(…)

Die beiden jungen Leute hatten hinter der Alten Oper einen Parkweg durch die Ringanlage genommen, neuerlich schweigend, indessen Schritt für Schritt näher miteinander, nicht die Arme um die Taillen geschlungen, sondern umschlungener Seelen – als es unmittelbar am Denkmal des fetten Pfarrers Kirchner passierte, der ein heller Schelm gewesen sein muß. Ausgerechnet der stutenbissige Goethe würde dem geistesspritzigen Mann, hätte er nur etwas weniger Leib auf die Waage gestellt, „noch viel mehr Teufelszeug‟ zugetraut haben. Daß er nun ein solches weit jenseits seiner Lebzeit tat, war in den 1820er Jahren natürlich nicht voraussehbar. Nämlich gab es unvermittelt einen Windstoß, der nicht nur die Blattpagode der hohen, im Rücken des Denkmals weitentfalteten Platane, sondern sämtliche Wipfel der Bäume1 dieses Parkabschnitts auf das heftigste aufrauschen ließ, und gleichsam durch dieses sich bauschende Föhnen hindurch glitt, eilenden Schrittes wie stets, Sharon Miller heran. Noch war es hellster Tag, abends zwar, doch hoher Sommer. Auf allen Bänken die Menschen – die noch im Wochenende ruhten und es auch tun konnten, weil dem bislang so sanft ausgeklungenen Sonnabend nicht morgen schon der Arbeitsmontag folgte – sahen voller Erstaunen, auch ein bißchen mit Erschrecken von ihren Plätzen auf. Gemeinhin blasen Gewitter solch Böen vor sich her. Aber am Himmel nicht eine einzige Wolke, nur diese unversehene Windsbraut. Die sofort auch verstummte, als die Brokerin sichtbar geworden. Wer genau hinsah, konnte sogar erkennen, daß sie aus einer Luftballung kam; also war die Sídhe, obwohl die Frau es nicht wußte, noch i n ihr und suchte vielleicht nach der Gerald-Enttäuschung den nächsten Vertrauten bereits. Daß sie Hunger hatte, war ihr anzusehen, auch wenn er als eine Geldgier verkleidet war, die sich im gleichsam Stechschritt dieser hocheleganten Frau gewissermaßen materialisierte. – Sie trug einen Nadelstreifenanzug mit schmaler dunkelblauer Krawatte, schätzte den androgynen Zug. In der Tat war es eben dieser gewesen, was Gerald von Anfang an benommen gemacht. Hingegen Michael, der von seines Vorgesetzten Affäre wußte wie in der Bankabteilung jeder, der aggressive Eros Frau Millers fast etwas abstieß, der umgekehrt der junge Mann nicht eines Seitenblickes wert gewesen, weil er erstens viel zu jung, „Mann‟ ließ sich gar nicht sagen, war, na sowieso, und zweitens ihr zu schlaksig. Gerald hingegen, schon als er Wiebke kennengelernt, zeichnete eine hohe Körperspannung aus und vollendete Form, auch wenn er sie im Strudel seines Stalkings nun sichtlich eingebüßt hatte. Was aber auch eine Folge seiner Verfallenheit in die Sídhe war. Doch bitte, Schönste, behalte im Kopf, daß sämtliche Personen, was in ihnen vorgeht – wer vorgeht in ihnen –, nicht wissen und wissen auch nicht können. Weshalb sie, wenn sie ihr Verhalten erklären, immer vernünftige Gründe finden, rational nachvollziehbare. Es war dies bei Lenz so wie bei Gerald, sicher auch bei Lars, und für die Lydierin gilt es genauso, wahrscheinlich auch für Dich. Du konntest nicht wissen, was Dich an meinen Freund zog so wie ihn an Dich. Und entzogst Dich, als er versagte, weil sich die Sídhe in Dir entzog, die doch nicht ahnen konnte, wie sehr er nachher dann doch noch Künstler wurde. Und – weil er sich dann entzog. Wovon das alarmierendste Zeichen sicherlich gewesen ist, mir seinerzeit die Fortführung dieser Briefe zu untersagen. Doch obwohl es außer über mich nach Euren fünf innigen Wochen gar keinen Kontakt mehr zwischen Euch gegeben hat, hat Lars dann doch seiner Sídhe den bekannten Tribut zollen müssen, den zu entrichten auch ich – wenn ich es richtig übersehe, fast von Anfang an – bereit wär. Anders eben als Gerald oder nunmehr Michael, der die Miller natürlich sofort erkennt. Sie ihn übrigens nicht, weil ihr, wie wir wissen, der Junge viel zu fade ist. Doch etwas anderes, als würde sie es wittern, nimmt sie wahr. – Ihr Blick fliegt nicht, sondern schnellt auf Yōsei. Ohne daß sie anhält, auch nur das Tempo ihrer Schritte mäßigt. Mit ihm, dem Blick, erneut ein Rauschen, nur daß jetzt alle von den Bänken nicht erschrocken auf-, sondern nach hier sehn, als schauten sie die junge Frau mit der Miller an, hingegen dieser nur wenige hinterherschaun, weil sie ihnen, ausschließlich den Männern, so furchtbar bekannt vorkommt. Alleine, woher? War da nicht diese Ankleideszene? Michael Douglas kriegte seinen Blick genau so wenig zu Boden wie diese Herren jetzt, er geht sogar etwas nach vorne, um zu spannen. Was sie, geradezu ignorant nackt, sehr wohl spürt, als sie, von seitlich hinten gesehen, in ein enganliegendes weißes, völlig schulterfreies zweidrittelkurzes wahrscheinlich Seidenkleid mit wie es selber hinten zu schließendem Stehkragen schlüpft und in das fast nur eine Spur – was am Material liegen wird – weniger weiße, um ihre Schultern geschwungene flauschig wehende Mohairjacket – ja, jetzt fliegt sie – fliegt, dessen ponchobreiter Kragen wie ein Poncho auch fällt, und damals hielt ihr zurückgekämmtes hellblondes Haar ein ebenso schmal eingeschlagener Chignon zusammen wie jetzt in dem Frankfurter Park, da sie schon fast wieder weg ist, doch in die Netzhaut der ihr Nachschauenden eingebrannt bleibt, ein schwarzer Fleck aus Bewegung[1]Nämlich der einer, so → Camille Paglia über die Stone, „pagan Goddess“. Ecco.. Alles brauchte vom ersten Rauschen bis zu der Miller wieder Verschwinden keine dreißig, allenfalls vierzig Sekunden, aber Michael fand immerhin Zeit, wenigsten „Guten Tag, Frau Miller‟ zu sagen, wozu diese gar nichts sagte, aber ihr Blick bohrte sich in Yōseis Kopf – hatte es jedenfalls vor. Doch er prallte so hart ab, daß er fast zersplittert wäre. Unangenehme Erscheinung, dachte die Miller, indes die Sídhe in ihr: Was will die Gefährten mit diesem Nerd? Hier gab’s keinen Honig zu saugen. Wäre ihr einzudringen gelungen, sie hätte die Schwester gewarnt. Doch war die, möglicherweise eine noch ältere Geistin, stärker als erwartet. So wird sie wissen, was sie tut. Nun sprach Yōsei ihren immerhin schon zweiten Satz, abermals eine Frage: „Wer war das?‟ „Eine vorgesetzte, ziemlich rücksichtslose Kollegin, aber andere Abteilung.‟ „Ich mag sie nicht.‟ „Ich auch nicht.‟ Womit die beiden ins Gehen und ihr Schweigen zurückkehrten, die den Park senkrecht durchlaufende Petersstraße querten und drüben in die Fortsetzung des Anlage schritten, die sie erst am Straßendreieck Scheffelstraße oberhalb des Klinikums verließen. Die Fußgängerampel dort zeigte Rot.

(…)

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Genaue Arten noch bestimmen.

References

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1 Nämlich der einer, so → Camille Paglia über die Stone, „pagan Goddess“. Ecco.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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