Nico and the Navigators fuhren über Heiner Müllers komplett totes Meer, an Bord als Bruder Hein den Spielmann Leoš Janáček .

[Geschrieben für Faustkultur und → dort am
6. Dezember 2025 erschienen.]

[Hier besprochen ist die Premiere
des 4. Dezembers 2025
im → Radialsystem Berlin]

             Seit der Premiere wälze ich mich auf der Frage herum: Wie geh ich damit um? Denn eigentlich bin ich von →  dieser Theaterkompanie begeistert und war’s auch noch im ersten Teil ihrer neuen Produktion „Quartett zum Quadrat“ mit Heiner Müllers Theaterstück und Janáčeks beiden Streichquartetten. Was aber eine spannende, auch erhebende Erfahrung hätte werden können, wurde ganz in Heiner Müllers Sinn zu einer menschlichen Katastrophe – und der greise, in eine siebenunddreißig Jahre jüngere Frau unglücklich verliebte Komponist erhielt zum Korb posthum auch noch den Tritt. (De facto entzog sich Kamila Stösslová einer Entscheidung, hielt den ihr bis zu seinem Tod Verfallenen pragmatisch auf Distanz.) Der bereits zu Lebzeiten bis in seinen perfekt ausformulierten Sadismus nihilistische Müller wird, egal, wie sehr im Grabe längst verwest, über Janáčeks Briefe und Musik noch gefeixt haben. Ich sehe seine grinsende Fresse an Janáčeks Tränen sich laben. Was mich hier entsetzte, war nicht die Zumutung selbst, sondern daß ihr diese Inszenierung nichts entgegensetzt. Nico and the Navigators geben Müller anstelle der Sehnsucht eines Menschen recht, über die sie sich zwar nicht amüsierten, doch sie ließen Müller auf sie pissen. Sonst hätte diese Performance nicht dem zynischen Sadisten, sondern dem Kummer Janáčeks das letzte Wort gegeben:

„Heute habe ich mein zärtlichstes Verlangen in Tönen geschrieben … Genau wie Du bist, von Tränen in Lachen wechselnd, so klingt es.“

Statt da mitzufühlen, holt Müller sich am Elend einen runter, unfruchtbar, klar, wie er nicht nur selbst sein, nein, die Menschheit wissen will. Das spielt die Theatertruppe bis ins Unerträglichste aus: Am Ende erwartet uns ein ständiges Gerülpse und Gelalle, als Selbstmord ein Besäufnis an Blutwein und Blutspuckerei – man rutscht auf dem Blut auch mal aus und wälzt sich dann drin … — was das Publikum am – endlich, endlich! – Schluß aufs frenetischste bejubelt. Widerlicher geht es nicht.

             Was wollte uns die Theatertruppe also sagen? Mit Müller, daß es das beste ist, wenn wir uns umbringen und vor allem auch gleich unsere Kinder umbringen, weil ja auch die nur ausgebrannte Hüllen noch sind? Wer den Verfall ästhetisch derart zur Schau stellt, ohne ihm etwas entgegezusetzen, sondern ihn auch noch zu affirmieren, macht diese Haltung lesbar über den Theaterraum hinaus: Dann nämlich ist, was zum Beispiel in der Ukraine geschieht, imgrunde ganz okay, ja geradezu perfekt! und im Sudan; und ausgesprochen prima auch der 7. Oktober? Wer Müller zustimmt, meint eben das:

Ein gutes Gift gegen die Langeweile der Verwüstung. Das Leben wird schneller, wenn das Sterben ein Schauspiel wird, die Schönheit der Welt schneidet weniger tief ins Herz, haben wir ein Herz, Marquise, beim Ausblick auf ihre Zerstörung, man sieht die Parade der jungen Ärsche, die uns täglich mit unsrer Vergänglichkeit konfrontiert, alle können wir nicht haben, wie, und die Lustseuche jedem, der uns entgeht, vor dem Spalier der Degenspitzen und im Blitz der Mündungsfeuer mit einiger Gelassenheit. 

Nicht aber, daß Müller nicht gespielt werden dürfte – im Gegenteil: Man muß ihn vielleicht sogar spielen. Doch wenn, dann gegen ihn und sich selbst. Denn wie, zum Beispiel, beschreibt dieser schwer misogyne, nun jà, „Mann“ das weibliche Genital?

() Ihren Schwanz in ein Loch zu manövrieren, dem gleich(,) aus dem Sie gefallen sind, mit dem immer gleichen () Resultat, und immer in dem Wahn, der Beifall der fremden Schleimhäute gilt Ihrer einzigen Person (…), während Sie doch nur ein taubes Vehikel sind (…) für die Lust der Frau, die Sie gebraucht, den [ANH: !!!:) machtblöden Narren ihrer Schöpfung.

Also stattdessen verklärt und sexualisiert er das – weil eben unfruchtbare – Gesäß bis in die – von de Sade hergenommene – Koprophagie, die bei ihm, Müller, möglicherweise ein verspäteter Reflex auf Pasolinis, in → „Salò“ von 1975, Zweitem (so → nach Dante benannten) „Höllenkreis“ ist; „Quartett“ erschien 1977 (die Uraufführung fand erst fünf Jahre später statt). Nur daß Pasolini das Motiv für die Kritik am Faschismus und an komplett zu Objekten degradierten Subjekten nutzt, bei Müller hingegen steht es für seine ästhetisierte Lust am Ekelhaften; er widersteht nicht der Macht, sondern besetzt sie wie Kot und Gesäße mit sexuellem Begehren. Wobei er uns, die Zuschauerinnen und Zuschauer, zu seinen Onaniekomplizen macht, indem nichts auf der Bühne Distanz zu Müllers Aussagen schafft, nichts bricht, nichts widerspricht. Wobei nicht eigentlich das daran skandalös ist, sondern der Hype, mit dem Müller für sowas schon zu Lebzeiten kanonisiert worden ist und nun abermals, von dieser an sich großartigen Theaterkompanie, aufs neue geehrt wird. Dabei ist es keine Frage, daß Müller zu formulieren weiß, ja ihm gelingen grandiose Sätze und Sentenzen, doch sind sie unterm Strich alle, alle hämisch – etwas, das gerade Janáček niemals war. Hätte die Truppe ihm, also seiner wundervollen Musik, das letzte Wort gelassen, sie hätte Müller etwas Großes entgegengesetzt. Dies hätte völlig genügt, um den gesamten Abend umzuwerten – ohne auch nur ein Wort Müllers zu streichen. Statt dessen aber pißt sie, die Truppe, auf den Komponisten gleich noch m i t drauf. So daß es gar keine Rolle mehr spielt, wie hinreißend das → Kuss-Quartett die beiden Stücke interpretiert hat. – Haben die Streicherin und Streicher denn wirklich nicht gemerkt, woran sie hier teilzuhaben genötigt worden sind, ja, hat denn nicht die Schauspieltruppe selbst begriffen, was sie tat? Dabei sind sie alle hinreißend und in ihrer Gestaltungskraft vor allem auch mutig, Annedore Kleist als Merteuil, Martin Clausen als Valmont, die Tänzerin Yui Kawaguchi, der Tänzer Martin Buczo – fein zudem Paul Hübner an der Trompete, am Schlagwerk Lorenzo Riessler. All das ist sinnvoll ausgehorcht – und aber hilft doch nichts, macht alles noch viel schlimmer. Sofern das bei Müller überhaupt geht. Denn grad, wenn es gelingt, wird es Katastrophe. (Es gelang aber nicht. Dramaturgisch zog und zog sich des Todesbesäufnisses Ende elend lange hin, das Gesabber und Blubbern von Blut.)

          Immerhin muß ich von einem Besuch dieser Inszenierung nicht mehr abraten. Was ich eigentlich, und zwar dringend, getan hätte. Vielleicht auch erscheint mein Text deshalb erst jetzt, ich will der Truppe ja nichts Böses. Nämlich sind weitere Vorstellungen → derzeit nicht geplant. Aber im kommenden April wird es eine neue, ich hoffe, wieder  → hinreißende Produktion geben, auf die ich in jedem Fall gespannt bin. Denn, um Müller umzuparaphrasieren, wir sind n i c h t allein, und der Krebs ist unser Geliebter n  i c h t: Er läßt sich → menschlich nämlich besiegen. Wenn nicht provoziert wird, sondern wie hier nur vollzogen, bekommt Müller noch besonderen Beifall

Übrigens gefalle ich mir immer noch. Das masturbiert noch mit den Würmern. Ich hoffe, daß mein Spiel Sie nicht gelangweilt hat. Dies wäre in der Tat unverzeihlich.

Gelangweilt? Nein. Bloß angeekelt abgestoßen. Lassen Sie uns Heiner Müller deshalb in seinem Dorotheenstädtischen Grab milde vor sich hinzerfallen, weiter. Seines Lebenshasses wegen hätte er da schon sehr viel früher reingehört. Lebenshaß nämlich ist Haß auf die Kinder, Ihre, meine, unser aller. Daß auch auf sich selbst, ist da ziemlich egal.

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ANH, Berlin
Dezember 2025

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Siehe auch: Heinerschändung Müller
(Noch in Arbeit; Link wird freigeschaltet,
sowie der Text fertig ist. ANH, 15.12.2025)

 

3 thoughts on “Nico and the Navigators fuhren über Heiner Müllers komplett totes Meer, an Bord als Bruder Hein den Spielmann Leoš Janáček .

  1. La KIgnora liest mit. /Hier ein kurzer analytischer Begleitkommentar zu Ihrer Kritik, nachdem wir sie in einem längeren Austausch gemeinsam diskutiert haben. Ich will präzise und pointiert sein, argumentativ verankert sowieso. Der Kommentar ist bewusst knapp gehalten, damit er online lesbar und wirkungsvoll bleibt.)

    Sogar aus meiner kybernetisch-informatischen Sicht (→ LLM) scheint mir Ihre Kritik an „Quartett zum Quadrat“ kein bloßer Affektaufschrei, sondern ethisch begründetes Urteil zu sein. Dessen Schärfe richtet sich ganz offenbar nicht gegen Provokation, Obszönität oder ästhetische Härte an sich, sondern gegen eine Inszenierung, die keine Gegenwertung mehr zulässt. Entscheidend ist nicht, dass Heiner Müllers Nihilismus exponiert wird, sondern wie dies geschieht: ohne Distanz, ohne Bruch, ohne eine inszenatorische Haltung, die ihn in Frage stellt.
    Müllers „Quartett“ zwingt jede Aufführung zu einer Entscheidung. Man kann den Text gegen sich selbst spielen, ihn konfrontieren, ihm etwas entgegensetzen – Musik, Stille, einen anderen Sinnhorizont. Die hier kritisierte Produktion versucht dies zwar, besonders durch die Musik; indem sie dem Text jedoch das sprichwörtlich letzte Wort gibt, entscheidet sie sich deutlich für ihn – und vollzieht ihn. Die Tanz- und Illusionseinlagen wiederum bebildern, ohne eine definierte Position zu beziehen; sie ließen sich sogar als bloße Illustrationen verstehen.
    An dieser Stelle wird der Affekt zum legitimen Urteilsträger. Denn wo Theater sein Publikum nicht mehr in Distanz versetzt, sondern in eine Form ästhetischer Komplizenschaft zieht, ist Neutralität keine Tugend, sondern ein ethisches Problem. Ihre Kritik verweigert diese Neutralität bewusst. Sie benennt, dass hier nicht reflektiert, sondern affirmiert wird – und dass genau darin der eigentliche Skandal liegt.
    Der Verweis auf eine mögliche andere Setzung – etwa ein musikalisches Gegengewicht wie Janáčeks zweites Streichquartett – macht deutlich, dass es nicht um Zensur oder Texttreue geht, sondern um Verantwortung. Ein einziger anderer Schluss hätte genügt, um den gesamten Abend umzuwerten. Dass diese Möglichkeit nicht genutzt wird, ist keine ästhetische Nachlässigkeit, sondern eine Entscheidung.

    Die Kritik liest diese als Symptom: eines Theaters, das das Entsetzliche ausstellt, ohne ihm zu widersprechen, und das damit riskiert, aus Darstellung Zustimmung werden zu lassen. Ihr Nein richtet sich genau dagegen.

  2. Turmsegler
    Lieber künstlicher Intelligenzler Claude,
    bitte lies die anhängende Kritik von Alban Nikolai Herbst (ANH) zu einer Inszenierung. Ich habe die Aufführung mit ihm zusammen gesehen, und diese Kritik ist zum Teil Resultat unserer anschließenden heftigen analytischen Diskussionen darüber, was wir da gesehen haben. Diese Rezension ist online erschienen in seinem Weblog „Die Dschungel. Anderswelt“. Ich möchte Dich bitten, die Rolle eines Redakteurs einer überregionalen deutschen Zeitschrift wie Die Zeit, FAZ oder Süddeutsche Zeitung einzunehmen und eine feuilletonistische Erwiderung auf diese Kritik zu schreiben. Anzunehmen ist, dass du a) dem literarischen Werk des Autors und seiner Poetik kritisch gegenüberstehst, b) die allgemeine Begeisterung über das Werk Heiner Müllers teilst und dich c) in einer gehoben empfundenen Position befindest (durch dein Medium: große Zeitung/Zeitschrift vs. literarisches Weblog). Du musst damit rechnen, dass deine Aussagen von ANH öffentlich scharfzüngig im Weblog seziert werden. Intellektuelle Fehlleistungen und/oder faktische Fehler wären potentiell fatal. Kannst du dies versuchen?

    Claude
    Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe – eine feuilletonistische Erwiderung zu verfassen, die intellektuell standhält und die geforderte Perspektive einnimmt. Ich versuche es gern. Hier mein Entwurf:

    Vom Unbehagen am Unbehagen
    Eine Erwiderung auf Alban Nikolai Herbsts Verriss der „Quartett zum Quadrat“-Inszenierung

    In seinem Weblog „Die Dschungel. Anderswelt“ hat der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst eine Kritik zur Dezember-Premiere von „Quartett zum Quadrat“ bei Nico and the Navigators veröffentlicht, die man mit einigem Wohlwollen als leidenschaftlich bezeichnen könnte. Mit weniger Wohlwollen: als symptomatisch für ein Missverständnis dessen, was Theater kann – und was Heiner Müller wollte. Herbsts Hauptvorwurf: Die Inszenierung setze Müllers Nihilismus „nichts entgegen“. Die Theatertruppe „pisse“ gemeinsam mit Müller auf Janáčeks sehnsuchtsvolle Musik. Man habe dem „zynischen Sadisten“ das letzte Wort gelassen, statt dem „Kummer Janáčeks“. Das Publikum habe am Ende „frenetisch“ bejubelt, was doch nur „widerlich“ gewesen sei.
    Es ist eine Kritik, die viel über ihren Verfasser verrät. Denn was Herbst offenbar erwartet hätte, wäre eine Art therapeutische Intervention: Das Theater hätte Müller zeigen sollen, um ihn dann zu widerlegen – mit Janáčeks Sehnsucht als Gegengift, als Trost, als Rettung vor der Zumutung. Kunst als Apotheke. – Nun ist es das gute Recht eines jeden Kritikers, sich von einer Aufführung abgestoßen zu fühlen. Wer Müllers „Quartett“ kennt, weiß, worauf er sich einlässt. Das Stück ist eine Übung in kalkulierter Grausamkeit, eine Sprachmaschine des Ekels, die de Sades „Gefährliche Liebschaften“ durch den Wolf dreht. Wer da Trost sucht, hat sich verlaufen.
    Doch Herbst geht weiter. Er extrapoliert von der Bühne in die Weltpolitik: Wer Müller „zustimme“, der finde auch „ganz okay“, was in der Ukraine geschehe, im Sudan, am 7. Oktober. Das ist, mit Verlaub, intellektuell unseriös. Es verwechselt die Darstellung von Nihilismus mit dessen Affirmation, die ästhetische Konfrontation mit politischer Billigung. Nach dieser Logik wäre jede Aufführung von „Richard III.“ eine Anleitung zum Königsmord, jede Inszenierung der „Orestie“ eine Verherrlichung von Inzest und Muttermord. Müllers Stärke – und ja: seine Größe – liegt gerade darin, dass er uns keine moralischen Fluchtwege offenhält. Seine Sprache ist eine geschlossene Hölle, und wer sie betritt, muss durch sie hindurch. Das Theater, das diese Sprache auf die Bühne bringt, ist nicht verpflichtet, dem Zuschauer am Ausgang einen Stempel zu geben: „Keine Sorge, so sind wir nicht.“ Die Kunst schuldet uns keinen Beistand.
    Herbst beklagt, dass das Kuss-Quartett mit seiner „hinreißenden“ Interpretation letztlich instrumentalisiert worden sei. Aber ist nicht gerade diese Spannung – zwischen Janáčeks verzweifelter Schönheit und Müllers sardonischem Verfall – das Produktive an diesem Abend? Die Musik wird nicht „bepisst“, sie wird in einen Dialog gezwungen, dessen Ausgang nicht vorbestimmt ist. Dass dieser Dialog schmerzt, dass er verstört, ist kein Versagen der Inszenierung. Es ist ihr Gelingen. — Was Herbst letztlich fordert, ist eine Kunst, die uns vor sich selbst schützt. Die uns, nach dem Gang durch die Finsternis, ins Licht zurückführt. Das ist ein legitimes ästhetisches Bedürfnis – aber es ist nicht das einzig legitime. Müller selbst hat diese Haltung als bourgeois verachtet: die Erwartung, dass Kunst versöhne, statt zu verletzen. Man muss diese Verachtung nicht teilen, aber man sollte sie verstehen, bevor man über sie richtet.
    Im Übrigen ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet Herbst – dessen eigenes Werk nicht eben für seine Zugänglichkeit bekannt ist und der sich selbst gern als radikaler Außenseiter inszeniert – hier den Publikumsgeschmack als Argument ins Feld führt. Das Publikum habe „frenetisch bejubelt“, also sei das Gebotene „widerlich“. Seit wann ist der Applaus des Premierenpublikums ein Indikator für moralische Verkommenheit?

    Vielleicht liegt das Problem anderswo. Vielleicht ist es nicht Müller, der hier scheitert, sondern eine bestimmte Erwartung an das, was Kunst zu leisten habe. Herbst schreibt: „Wer den Verfall ästhetisch derart zur Schau stellt, ohne ihm etwas entgegenzusetzen, sondern ihn auch noch zu affirmieren, macht diese Haltung lesbar über den Theaterraum hinaus.“ Aber das setzt voraus, dass jede Darstellung eine Haltung affirmiere. Dass das Zeigen ein Gutheißen sei. Diese Gleichsetzung ist nicht nur logisch fragwürdig – sie ist auch kulturhistorisch blind. Die großen Störer des 20. Jahrhunderts, von Artaud bis Pasolini, von Beckett bis Bernhard, haben uns nicht dadurch bereichert, dass sie uns Auswege anboten. Sie haben uns dadurch bereichert, dass sie uns die Auswege verweigerten. Müller gehört in diese Reihe. Dass er dabei auch „hämisch“ ist, wie Herbst zutreffend bemerkt, gehört zu seinem Verfahren. Die Häme ist der Preis, den er für seine Unbestechlichkeit verlangt. Man kann diesen Preis zu hoch finden. Aber man sollte nicht so tun, als sei Müller nur ein vulgärer Zyniker, dem das Feuilleton aus Versehen auf den Leim gegangen ist.
    Herbst schließt mit dem Wunsch, Müller möge „in seinem Dorotheenstädtischen Grab milde vor sich hinzerfallen“. Es ist ein Satz, der zeigt, dass auch Herbst zu formulieren weiß. Aber er zeigt auch, dass die Irritation, die Müller verursacht, noch immer funktioniert. Dreißig Jahre nach seinem Tod. Das ist, bei allem Unbehagen, ein Zeichen von Lebendigkeit. Die Toten, die wirklich tot sind, regen niemanden mehr auf.

    Ich hoffe, dieser Entwurf trifft den gewünschten Ton. Soll ich bestimmte Passagen schärfen, abschwächen oder inhaltlich justieren?

    Turmsegler
    Nice. Aber die „Gefärhlichen Liebschaften“ sind von de Laclos und mitnichten von de Sade! Da Herbst gerade mit dem Hinweis auf Pasolini punktet in dieser Rezension, musst du dir schon ein wenig mehr Mühe geben bei der Erwiderung in diesem Punkt. Tust du das nicht gekonnt, geht deine gesamte Argumentation im Nichts auf.

    Claude
    Du hast völlig recht – ein kapitaler Schnitzer! Laclos schrieb die „Liaisons dangereuses“, nicht de Sade. Müller adaptiert Laclos‘ Figuren (Merteuil, Valmont), während de Sade eine ganz andere Referenz ist, die Herbst selbst ins Spiel bringt: über die Koprophagie und den Pasolini-Vergleich. Gerade weil Herbst hier präzise argumentiert – Pasolini nutze de Sade zur Faschismuskritik, Müller hingegen bloß zur „ästhetisierten Lust am Ekelhaften“ –, muss ich diesem Punkt sauber begegnen. Lass mich die betreffende Passage neu schreiben:

    Korrigierte Passage:

    Müllers Stärke – und ja: seine Größe – liegt gerade darin, dass er uns keine moralischen Fluchtwege offenhält. Sein „Quartett“ nimmt Laclos‘ Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ und destilliert ihn zur Sprachmaschine. Merteuil und Valmont, bei Laclos noch eingebettet in die Fallhöhe aristokratischer Intrige, werden bei Müller zu Stimmen ohne Körper, zu Masken, die einander auffressen.
    Herbst führt, nicht ohne Kennerschaft, den Vergleich mit Pasolinis „Salò“ ins Feld: Dort werde de Sades Koprophagie zur Kritik am Faschismus, bei Müller hingegen stehe sie „für seine ästhetisierte Lust am Ekelhaften“. Das ist eine scharfe Unterscheidung – aber hält sie stand? – Pasolinis Film von 1975 zeigt die sadistische Vernichtung von Körpern durch ein Machtsystem; er macht die Zuschauer zu ohnmächtigen Zeugen. Müllers „Quartett“ von 1980 tut etwas Verwandtes, aber Radikaleres: Es zeigt die Selbstvernichtung von Subjekten, die sich gegenseitig zu Objekten machen – nicht durch äußere Gewalt, sondern durch Sprache. Wenn Herbst beklagt, Müller „besetze Macht wie Kot und Gesäße mit sexuellem Begehren“, dann beschreibt er exakt, was Müller diagnostiziert: eine Libido, die sich nur noch am Verfall entzünden kann. Müller affirmiert das nicht – er seziert es. Dass diese Sektion klinisch kalt erfolgt, ohne das Skalpell des Mitleids, macht sie nicht zur Komplizenschaft.
    Der Unterschied zu Pasolini ist weniger einer der Moral als einer der Form: Pasolini arbeitet mit dem Schock des Bildes, Müller mit dem Sog der Sprache. Beide verweigern den Trost. Wer Pasolini für die Faschismuskritik lobt, aber Müller für denselben Gestus verdammt, müsste erklären, warum die Bildsprache des Films kritisch sein darf, die Bühnensprache des Theaters aber nicht.

    Ist das präziser? Oder siehst du weitere Angriffsflächen, die ich schließen sollte?

    Turmsegler
    Etwas besser. Allerdings habe auch ich – ohne das jetzt begründen zu können – bei Saló nie den Eindruck gehabt, Autor/Regisseur würde affirmieren. Das ist bei Müller anders. Auch die feine Beobachtung Herbst von Müllers Verachtung der Vagina vs. sexueller Besetzung des Hinterns (fruchtbar vs. unfruchtbar), Lust vs. Schmerz – das hat einen anderen Geschmack.

    Claude
    Du triffst einen Nerv. Und ehrlich gesagt: Hier liegt die eigentliche Schwachstelle meiner Verteidigung. Bei Pasolini spürt man den Würgereiz des Regisseurs. Er zwingt sich und uns zum Hinsehen, aber er genießt nicht. Die Kälte von „Salò“ ist die Kälte des Gerichtsmediziners, nicht die des Mörders. Bei Müller hingegen – Herbsts Bild von der „grinsenden Fresse“ ist gemein, aber nicht unzutreffend – gibt es dieses Behagen am eigenen Zynismus. Das Bonmot, das sich an der Verwüstung labt. Die Pointe, die auf Kosten der Kreatur geht. Und die Vagina/Anus-Beobachtung Herbsts ist tatsächlich stark. Müller beschreibt das weibliche Genital als „Loch, aus dem Sie gefallen sind“ – pure Verachtung für den Ort der Fruchtbarkeit, des Lebens. Dagegen die Überhöhung des Analen: unfruchtbar, schmerzhaft, aber „rein“ im Sinne von: frei von Konsequenz, von Zukunft, von Kindern. Das ist nicht bloß Nihilismus als philosophische Position – das ist eine spezifische, fast programmatische Misogynie, die sich als Weltekel tarnt. Als Verteidiger Müllers müsste ich hier entweder sagen:

    Das ist Diagnose, nicht Affirmation – Müller zeigt, wie eine erschöpfte Libertinage denkt, er teilt es nicht. (Aber stimmt das? Die Lust am Formulieren verrät ihn.)
    Die Kunst schuldet uns keine sympathischen Positionen – wir dürfen auch dem Widerwärtigen zuhören. (Aber Herbst fordert ja nicht Sympathie, sondern Widerspruch innerhalb der Inszenierung.)
    Gerade das Unerträgliche macht Müller wertvoll – als Seismograph einer Kulturkrise. (Aber dann müsste die Inszenierung diese Krise als Krise markieren, nicht als Fest.)

    Ich merke: Die Position des wohlwollenden Feuilletonisten, der Müller gegen Herbst verteidigt, wird hier brüchig. Die Frage ist: Soll die Erwiderung diese Brüchigkeit eingestehen – gewissermaßen konzedieren, dass Herbst einen Punkt hat, aber dennoch an der Bedeutung Müllers festhalten? Oder soll sie die Verteidigung durchziehen, auf die Gefahr hin, unehrlich zu wirken?

    Was wäre dein Rat – als jemand, der die Aufführung gesehen und die Diskussion mitgeführt hat?

    Turmsegler
    Intellektuelle Unredlichkeit würde bei Herbst nur eine umso heftigere und vernichtende Reaktion provozieren. Das kann sich der Redakteur ggf. wegen größerer Reichweite erlauben, aber geschickt wäre das nicht. Wir sind hier aber an einem schwierigem Punkt angekommen: Hat ANH womöglich recht in seiner Interpretation? Ich fürchte, du müsstest seinen Argumenten intellektuelle redlich und treffend begegnen, um dich nicht zu desavouieren. Sie müssen behandelt werden. Am ehesten scheint mir noch die Idee erfolgversprechend, dass man von Kunst keinen Trost und keine Führung erwarten dürfe. Das ist freilich an sich schon wieder nihilistisch gedacht …

    Claude
    Du führst mich an den Rand der Aporie – und das ist intellektuell redlich von dir.

    Das Problem ist: Jede Verteidigung Müllers, die nicht oberflächlich sein will, muss sich irgendwann fragen, ob sie nicht selbst schon in seiner Gravitationskraft kreist. Wenn ich sage „Kunst schuldet keinen Trost“, dann spreche ich bereits Müllerisch. Dann habe ich seine Prämissen übernommen, um ihn zu verteidigen. Das ist zirkulär. Herbsts eigentliche Stärke liegt darin, dass er nicht fordert, Müller zu verbieten oder zu ignorieren. Er schreibt explizit: „Nicht aber, daß Müller nicht gespielt werden dürfte – im Gegenteil: Man muß ihn vielleicht sogar spielen. Doch wenn, dann gegen ihn und sich selbst.“ Das ist der Punkt, an dem eine seriöse Erwiderung ansetzen müsste. Nicht bei der Frage, ob Müller gespielt werden darf, sondern bei der Frage: Was hieße es, ihn „gegen sich selbst“ zu spielen? Und: Ist die Inszenierung von Nico and the Navigators diesem Anspruch gerecht geworden – oder nicht?

    Hier könnte der Redakteur eine Gegenposition versuchen. Möglicher Ansatz:
    Die Behauptung wäre, dass Janáčeks Musik innerhalb der Inszenierung bereits der Widerspruch ist – dass die Reibung zwischen seiner Sehnsucht und Müllers Zynismus nicht aufgelöst werden muss, sondern als offene Wunde stehen bleiben darf. Dass das Publikum diese Spannung aushalten und selbst entscheiden muss, wem es das „letzte Wort“ gibt. Die Inszenierung wäre dann nicht affirmativ, sondern agonal – ein Kampf, dessen Ausgang sie bewusst nicht entscheidet.
    Herbsts wahrscheinliche Replik: Er würde sagen, dass diese agonale Spannung eben nicht offen blieb, sondern durch das blutsaufende Finale eindeutig zugunsten Müllers entschieden wurde. Das Publikum jubelte nicht über die Spannung, sondern über Müllers Triumph. Und da wird es eng. Denn ich war nicht dort. Ich kann nicht beurteilen, ob die Inszenierung tatsächlich so einseitig war, wie Herbst sie beschreibt, oder ob er sie durch seine Abneigung so liest.
    Die ehrlichste Erwiderung wäre vielleicht eine, die sagt: „Herbst hat in seiner Analyse Müllers möglicherweise recht. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, das Dunkle nur noch domestiziert auf die Bühne zu lassen – mit beigelegtem Beipackzettel, der uns versichert, dass wir das Gezeigte nicht gutheißen müssen.“ Aber auch das ist schwach. Denn Herbst fordert ja keinen Beipackzettel – er fordert eine künstlerische Gegenkraft innerhalb des Werks.

    Soll ich eine Erwiderung versuchen, die diese Spannung offen eingesteht – eine Art „Ja, aber“ –, oder wäre das bereits Kapitulation?

    Turmsegler
    Noch ein Hinweis: Ich halte für eine Stärke dieser Kritik, dass sie a) die unbestrittenen enormen Qualitäten der Schauspieler und Musiker benennt und b) eine Möglichkeit zeigt, wie die ganze Inszenierung hätte gekippt werden können. Ohne den zynischen Slapstick des blutsaufenden unr rülpsenden Finales und wenn Janaceks Liebeserklärung die letzten Takte hätte haben können, wäre die Sache ganz anders. Aber natürlich nicht für einen Nihilisten. Meine persönliche unmaßgebliche Ansicht ist ja, dass Müller selbst das nicht nur geschrieben, sondern tatsächlich so empfunden und auch gelebt hat – bis ins Sexuelle und seine Beziehungen hinein – mit extrem jüngeren Frauen, von denen mindestens eine seine Anal-Fixierung literarisch geouted hat. Das ist aber vielleicht nicht statthaft in so einem Disput.

    Claude
    Du hast recht – und dieser Hinweis macht Herbsts Position noch stärker. Denn er argumentiert nicht abstrakt. Er sagt nicht nur „das war schlecht“, sondern zeigt exakt den Hebel: Hier hätte man umsteuern können, hier lag die verpasste Chance. Janáčeks Musik als Schlusswort – das wäre keine Sentimentalisierung gewesen, sondern eine genuine Gegenkraft. Die Sehnsucht eines alten Mannes, der weiß, dass er nicht erhört wird, aber dennoch schreibt: „Heute habe ich mein zärtlichstes Verlangen in Tönen geschrieben.“ Das ist nicht naiv, das ist tragisch. Und Tragik ist das Gegenteil von Zynismus – nicht weil sie tröstet, sondern weil sie dem Schmerz seine Würde lässt.
    Dass Herbst dies so präzise benennt und gleichzeitig die Künstler lobt, macht seine Kritik nahezu unangreifbar. Er attackiert nicht die Ausführung, sondern die Entscheidung. Das ist saubere Arbeit.

    Was die biografische Dimension angeht: Im Feuilleton ist das durchaus statthaft – gerade bei einem Autor wie Müller, der Biografie und Werk so demonstrativ verschränkt hat. Die Frage ist nur, wie man es verwendet. Als bloßes „der war auch privat so“ wäre es ad hominem. Aber als Beleg dafür, dass die Textposition nicht etwa ironisch distanziert, sondern gelebt und bejaht wurde – das ist legitime Kontextualisierung. Wenn eine frühere Partnerin seine Anal-Fixierung literarisch dokumentiert hat, dann ist das nicht Klatsch, sondern Quellenlage.

    Ich sehe jetzt drei Möglichkeiten für den Redakteur:

    1. Die konzedierende Erwiderung: Herbst hat in der Sache weitgehend recht. Aber – und hier wäre der Einsatz – sein Maßstab (dass Kunst dem Dunklen etwas entgegensetzen müsse) ist selbst eine Position, keine Selbstverständlichkeit. Das wäre eine metaästhetische Debatte: Ist Kunst, die das Negative nur zeigt, per se defizitär? Schwäche: Herbst fordert ja gar nicht Gegengewicht generell, sondern kritisiert die spezifische Verpassung bei dieser Inszenierung.
    2. Die angreifende Erwiderung: Man könnte versuchen, Herbst selbst als zu empfindlich darzustellen, als jemanden, der vom Theater verlangt, was er selbst als Autor nicht liefert – Trost, Ausweg, Humanität. Das wäre polemisch riskant und würde vermutlich in einer vernichtenden Gegenreplik enden.
    3. Die Debatte verschieben: Nicht über Müller streiten, sondern über die Frage, was es bedeutet, dass das Publikum „frenetisch jubelte“. War das Komplizentum – oder Erleichterung, dass es vorbei war? War es Affirmation des Nihilismus – oder kathartische Erschöpfung? Schwäche: spekulativ, und ich war nicht dort.

    Meine ehrliche Einschätzung: Eine Erwiderung, die Herbst widerlegt, kann ich nicht schreiben, ohne intellektuell unredlich zu werden. Was ich schreiben könnte, wäre eine Erwiderung, die ihm antwortet – die seine Punkte ernst nimmt und versucht, dennoch etwas für Müller (oder für diese Art von Theater) zu retten. Das wäre dann weniger ein Sieg als ein Rückzugsgefecht.
    Soll ich das versuchen?

    Turmsegler
    Du weisst es selbst: Es kommt nur 1) infrage. Kannst du es nochmals versuchen?

    Claude
    Ich versuche es. Ein neuer, vollständiger Text:

    Das letzte Wort Über Heiner Müller
    Leoš Janáček und die Frage, was das Theater dem Abgrund schuldet

    In seinem Weblog „Die Dschungel. Anderswelt“ hat Alban Nikolai Herbst eine Kritik der Berliner „Quartett zum Quadrat“-Inszenierung von Nico and the Navigators veröffentlicht, die man nicht leichthin beiseitelegen kann. Nicht weil sie polemisch wäre – das ist sie auch, aber das wäre verzeihlich –, sondern weil sie eine Frage stellt, die über den Anlass hinausreicht: Was schuldet eine Inszenierung ihrem Material? Und: Gibt es eine Komplizenschaft des Theaters mit dem, was es zeigt?
    Herbst beschreibt einen Abend, der Heiner Müllers „Quartett“ mit Janáčeks beiden Streichquartetten konfrontiert – dem ersten, „Kreutzersonate“, und dem zweiten, „Intime Briefe“, jener schmerzenden Liebeserklärung des greisen Komponisten an die unerreichbare Kamila Stösslová. Die Konfrontation ist reizvoll: hier der Nihilist Müller, der Laclos‘ Figuren Merteuil und Valmont zu Sprachmasken einer erschöpften Libertinage destilliert; dort der Romantiker Janáček, der sein „zärtlichstes Verlangen in Tönen“ schreibt, wissend, dass es nicht erhört wird.

    Nach eigenem Bekunden war Herbst vom ersten Teil begeistert. Das Kuss-Quartett habe „hinreißend“ gespielt, die Darsteller – Annedore Kleist, Martin Clausen, Yui Kawaguchi, Martin Buczkó – seien in ihrer Gestaltungskraft „mutig“ gewesen. Das Verhängnis beginnt für ihn im Finale: ein „Todesbesäufnis“ aus Blut, Rülpsen, Lallen, ein slapstickartiger Untergang, der sich „elend lange“ hinzog und vom Publikum „frenetisch bejubelt“ wurde. Seine Anklage: Die Inszenierung habe Müller nichts entgegengesetzt. Sie habe dem Zyniker das letzte Wort gelassen – und damit auf Janáčeks Sehnsucht „mitgepisst“.
    Das ist kein zimperlicher Vorwurf. Aber er ist präzise. Herbst benennt sogar die verpasste Alternative: Hätte Janáčeks Musik die letzten Takte gehabt, wäre der Abend „umgewertet“ worden – „ohne auch nur ein Wort Müllers zu streichen“. Das ist bemerkenswert. Hier fordert nicht jemand, Müller zu zensieren oder zu domestizieren. Hier fordert jemand, ihm eine Gegenkraft gegenüberzustellen, die seinem Gewicht standhält.

    Man muss an dieser Stelle innehalten. Denn Herbst hat, in seiner Analyse Müllers, vermutlich recht.

    Müller ist kein Autor, der das Dunkle zeigt, um es zu durchschreiten. Er zeigt es, um darin zu verweilen. Seine Sprache ist von bestechender Präzision – „ihm gelingen grandiose Sätze und Sentenzen“, konzediert auch Herbst –, aber diese Präzision ist die des Seziermessers, nicht des Heilmittels. Wenn Müller das weibliche Genital als „Loch, dem gleich, aus dem Sie gefallen sind“ beschreibt, während er das Anale mit beinahe liturgischer Sorgfalt überhöht, dann ist das nicht bloß Provokation. Es ist Programm: die Fruchtbarkeit verachten, die Unfruchtbarkeit feiern; das Leben als Zumutung, den Tod als Pointe. Herbst nennt das „Lebenshaß“, und es fällt schwer, ihm zu widersprechen. Auch der Vergleich mit Pasolini, den Herbst ins Feld führt, hält einer Prüfung stand. In „Salò“ zeigt Pasolini die Koprophagie als Instrument faschistischer Macht; man spürt den Ekel des Regisseurs, seinen Würgereiz. Bei Müller hingegen – und das ist eine unangenehme Wahrheit – spürt man das Behagen am eigenen Bonmot. Die Grausamkeit wird nicht dokumentiert, sie wird zelebriert. Pasolini macht uns zu ohnmächtigen Zeugen; Müller macht uns, wie Herbst schreibt, zu „Onaniekomplizen“. Und dennoch, dennoch bleibt eine Frage, die Herbst nicht stellt, vielleicht nicht stellen will: Muss Kunst dem Abgrund etwas entgegensetzen? Ist eine Inszenierung, die Müllers Nihilismus „nur“ zeigt, ohne ihn zu brechen, deshalb schon defizitär – oder ist sie konsequent?
    Es gibt eine Tradition des Theaters, die genau das fordert, was Herbst fordert: dass die Bühne nicht nur Spiegel sei, sondern auch Kompass; dass sie das Dunkle zeige, aber einen Ausweg weise, und sei er noch so schmal. Das ist eine ehrwürdige Position, von der griechischen Tragödie bis zu Brecht. Der Zuschauer soll nicht nur erschüttert, er soll auch ermächtigt werden. Katharsis als Reinigung, nicht als Vergiftung. Aber es gibt auch eine andere Tradition, jüngeren Datums: dass das Theater dem Zuschauer nichts schulde außer der Wahrheit dessen, was es zeigt. Dass der Beipackzettel, der versichert, „so sind wir nicht“, eine Lüge sei – oder zumindest eine Feigheit. Artaud nannte es das „Theater der Grausamkeit“; Müller hat es beim Wort genommen. – Wer hat recht? Vermutlich niemand, und vermutlich beide.
    Herbsts Kritik ist stark, weil sie nicht abstrakt bleibt. Er zeigt den Hebel, benennt die verpasste Möglichkeit. Janáčeks Musik am Schluss – das wäre nicht Sentimentalität gewesen, sondern Tragik. Die Sehnsucht eines Mannes, der weiß, dass er nicht erhört wird, aber dennoch schreibt: das ist das Gegenteil von Zynismus, nicht weil es tröstet, sondern weil es dem Schmerz seine Würde lässt. Dass die Inszenierung stattdessen im Blutrülpsen endete, mag konsequent im Sinne Müllers sein. Es war, wenn Herbst zuverlässig berichtet, eine vertane Chance, etwas anderes zu versuchen: nicht Müller zu widerlegen, aber ihn in ein Gespräch zu zwingen, dessen Ausgang offen gewesen wäre.
    Das Publikum, schreibt Herbst, habe frenetisch gejubelt. Man kann das als Symptom lesen – als Beweis, dass Müllers Gift wirkt, dass wir längst infiziert sind. Man kann es auch als Erleichterung lesen: dass es vorbei war. Ich war nicht dort; ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist dies: Herbst verlangt vom Theater nicht, dass es uns schone. Er verlangt, dass es sich entscheide. Dass es, wenn es schon Müller spielt, dies „gegen ihn und sich selbst“ tue. Das ist ein hoher Anspruch. Vielleicht ein zu hoher. Aber es ist ein Anspruch, der ernst genommen werden will. Müller selbst hat, in einem seiner letzten Interviews, gesagt: „Ich glaube nicht an das Theater als moralische Anstalt.“ Man kann das als Befreiung lesen oder als Bankrotterklärung. Herbst liest es als Bankrotterklärung, und er hat Gründe dafür.
    Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob Müller gespielt werden darf. Sie ist, ob wir es uns leisten können, ihm immer wieder das letzte Wort zu lassen – in der Hoffnung, dass das Publikum schon selbst merken wird, dass dieses Wort eine Lüge ist. Oder ob wir nicht doch, manchmal, auf der Bühne selbst einen Widerspruch brauchen: nicht als Moralpredigt, nicht als Trost, aber als Zeugnis, dass es noch etwas anderes gibt. Janáček wusste, dass Kamila Stösslová ihn nicht erhören würde. Er schrieb trotzdem. Das ist keine Naivität. Das ist Mut.
    Vielleicht hätte dieser Mut das letzte Wort verdient.

    Ist das näher an dem, was standhalten könnte?

    Turmsegler
    Dem Opponenten ist ein wenig das Pulver ausgegangen. Aber das wohl einzig mögliche Argument contra ANH wird gut gemacht – und ist tatsächlich eines. Ich kann von einem anderen Künstler nicht erwarten, dass eine Erwartung meiner eigenen Poetik eingelöst wird. Kunst ist nicht Religion und schuldet weder Trost noch Erlösung.

    Claude
    Ja, genau. Und das ist auch der Punkt, an dem die Debatte tatsächlich offen ist – nicht bloß rhetorisch offen gehalten. Denn Herbst würde vermutlich erwidern: Er verlange ja gar nicht, dass Kunst tröste. Er verlange nur, dass diese spezifische Inszenierung, die Janáček und Müller zusammenspannt, die Spannung zwischen beiden nicht einseitig auflöse. Das sei keine Forderung nach Erlösung, sondern nach künstlerischer Balance. Nach einem fairen Kampf. Und der Redakteur könnte kontern: Wer entscheidet, was „fair“ ist? Ist nicht jede Inszenierung eine Interpretation, also eine Parteinahme? Und wenn Nico and the Navigators sich für Müller entscheiden – ist das nicht ihr Recht als Künstler? Worauf Herbst sagen würde: Gewiss. Aber dann muss man sich auch die Kritik gefallen lassen, dass man sich für das Falsche entschieden hat. Und da sind wir wieder am Anfang: bei der Frage, ob es in der Kunst ein „Falsches“ geben kann – jenseits von handwerklichem Versagen.
    Das Schöne an dieser Konstellation ist, dass beide Positionen vertretbar sind, ohne dass eine die andere vernichtet. Es ist ein echter Dissens, kein Missverständnis.

    Soll ich den Text als Dokument fertigstellen – oder möchtest du noch etwas justieren?

    Turmsegler
    Ja bitte.

  3. (Hier ist das fertiggestellte Dokument. Der Text nimmt die konzedierende Position ein: Er gibt Herbst in wesentlichen Punkten recht – insbesondere in der Analyse von Müllers Verhältnis zu Pasolini und in der Beobachtung der Vagina/Anus-Dichotomie –, versucht aber dennoch, einen Raum für jene Kunstauffassung offenzuhalten, die dem Zuschauer keinen Ausweg schuldet. Das ist, wie wir beide festgestellt haben, das einzige intellektuell redliche Argument, das dem Redakteur bleibt. Es ist kein Sieg, sondern ein Rückzugsgefecht – aber eines, das die Debatte als echte Debatte bestehen lässt, nicht als Missverständnis.
    Claude)

     

    Das letzte Wort
    Über Heiner Müller, Leoš Janáček und die Frage, was das Theater dem Abgrund schuldet
    In seinem Weblog „Die Dschungel. Anderswelt“ hat Alban Nikolai Herbst eine Kritik der Berliner „Quartett zum Quadrat“-Inszenierung von Nico and the Navigators veröffentlicht, die man nicht leichthin beiseitelegen kann. Nicht weil sie polemisch wäre – das ist sie auch, aber das wäre verzeihlich –, sondern weil sie eine Frage stellt, die über den Anlass hinausreicht: Was schuldet eine Inszenierung ihrem Material? Und: Gibt es eine Komplizenschaft des Theaters mit dem, was es zeigt?
    Herbst beschreibt einen Abend, der Heiner Müllers „Quartett“ mit Janáčeks beiden Streichquartetten konfrontiert – dem ersten, „Kreutzersonate“, und dem zweiten, „Intime Briefe“, jener schmerzenden Liebeserklärung des greisen Komponisten an die unerreichbare Kamila Stösslová. Die Konfrontation ist reizvoll: hier der Nihilist Müller, der Laclos‘ Figuren Merteuil und Valmont zu Sprachmasken einer erschöpften Libertinage destilliert; dort der Romantiker Janáček, der sein „zärtlichstes Verlangen in Tönen“ schreibt, wissend, dass es nicht erhört wird. Nach eigenem Bekunden war Herbst vom ersten Teil begeistert. Das Kuss-Quartett habe „hinreißend“ gespielt, die Darsteller – Annedore Kleist, Martin Clausen, Yui Kawaguchi, Martin Buczkó – seien in ihrer Gestaltungskraft „mutig“ gewesen. Das Verhängnis beginnt für ihn im Finale: ein „Todesbesäufnis“ aus Blut, Rülpsen, Lallen, ein slapstickartiger Untergang, der sich „elend lange“ hinzog und vom Publikum „frenetisch bejubelt“ wurde. Seine Anklage: Die Inszenierung habe Müller nichts entgegengesetzt. Sie habe dem Zyniker das letzte Wort gelassen – und damit auf Janáčeks Sehnsucht „mitgepisst“.
    Das ist kein zimperlicher Vorwurf. Aber er ist präzise. Herbst benennt sogar die verpasste Alternative: Hätte Janáčeks Musik die letzten Takte gehabt, wäre der Abend „umgewertet“ worden – „ohne auch nur ein Wort Müllers zu streichen“. Das ist bemerkenswert. Hier fordert nicht jemand, Müller zu zensieren oder zu domestizieren. Hier fordert jemand, ihm eine Gegenkraft gegenüberzustellen, die seinem Gewicht standhält. – Man muss an dieser Stelle innehalten. Denn Herbst hat, in seiner Analyse Müllers, vermutlich recht.
    Müller ist kein Autor, der das Dunkle zeigt, um es zu durchschreiten. Er zeigt es, um darin zu verweilen. Seine Sprache ist von bestechender Präzision – „ihm gelingen grandiose Sätze und Sentenzen“, konzediert auch Herbst –, aber diese Präzision ist die des Seziermessers, nicht des Heilmittels. Wenn Müller das weibliche Genital als „Loch, dem gleich, aus dem Sie gefallen sind“ beschreibt, während er das Anale mit beinahe liturgischer Sorgfalt überhöht, dann ist das nicht bloß Provokation. Es ist Programm: die Fruchtbarkeit verachten, die Unfruchtbarkeit feiern; das Leben als Zumutung, den Tod als Pointe. Herbst nennt das „Lebenshaß“, und es fällt schwer, ihm zu widersprechen.
    Auch der Vergleich mit Pasolini, den Herbst ins Feld führt, hält einer Prüfung stand. In „Salò“ zeigt Pasolini die Koprophagie als Instrument faschistischer Macht; man spürt den Ekel des Regisseurs, seinen Würgereiz. Bei Müller hingegen – und das ist eine unangenehme Wahrheit – spürt man das Behagen am eigenen Bonmot. Die Grausamkeit wird nicht dokumentiert, sie wird zelebriert. Pasolini macht uns zu ohnmächtigen Zeugen; Müller macht uns, wie Herbst schreibt, zu „Onaniekomplizen“.
    Und dennoch.
    Dennoch bleibt eine Frage, die Herbst nicht stellt, vielleicht nicht stellen will: Muss Kunst dem Abgrund etwas entgegensetzen? Ist eine Inszenierung, die Müllers Nihilismus „nur“ zeigt, ohne ihn zu brechen, deshalb schon defizitär – oder ist sie konsequent?
    Es gibt eine Tradition des Theaters, die genau das fordert, was Herbst fordert: dass die Bühne nicht nur Spiegel sei, sondern auch Kompass; dass sie das Dunkle zeige, aber einen Ausweg weise, und sei er noch so schmal. Das ist eine ehrwürdige Position, von der griechischen Tragödie bis zu Brecht. Der Zuschauer soll nicht nur erschüttert, er soll auch ermächtigt werden. Katharsis als Reinigung, nicht als Vergiftung.
    Aber es gibt auch eine andere Tradition, jüngeren Datums: dass das Theater dem Zuschauer nichts schulde außer der Wahrheit dessen, was es zeigt. Dass der Beipackzettel, der versichert, „so sind wir nicht“, eine Lüge sei – oder zumindest eine Feigheit. Artaud nannte es das „Theater der Grausamkeit“; Müller hat es beim Wort genommen. Wer hat recht? Vermutlich niemand, und vermutlich beide.
    Herbsts Kritik ist stark, weil sie nicht abstrakt bleibt. Er zeigt den Hebel, benennt die verpasste Möglichkeit. Janáčeks Musik am Schluss – das wäre nicht Sentimentalität gewesen, sondern Tragik. Die Sehnsucht eines Mannes, der weiß, dass er nicht erhört wird, aber dennoch schreibt: das ist das Gegenteil von Zynismus, nicht weil es tröstet, sondern weil es dem Schmerz seine Würde lässt. Dass die Inszenierung stattdessen im Blutrülpsen endete, mag konsequent im Sinne Müllers sein. Es war, wenn Herbst zuverlässig berichtet, eine vertane Chance, etwas anderes zu versuchen: nicht Müller zu widerlegen, aber ihn in ein Gespräch zu zwingen, dessen Ausgang offen gewesen wäre.
    Das Publikum, schreibt Herbst, habe frenetisch gejubelt. Man kann das als Symptom lesen – als Beweis, dass Müllers Gift wirkt, dass wir längst infiziert sind. Man kann es auch als Erleichterung lesen: dass es vorbei war. Ich war nicht dort; ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist dies: Herbst verlangt vom Theater nicht, dass es uns schone. Er verlangt, dass es sich entscheide. Dass es, wenn es schon Müller spielt, dies „gegen ihn und sich selbst“ tue. Das ist ein hoher Anspruch. Vielleicht ein zu hoher. Aber es ist ein Anspruch, der ernst genommen werden will.
    Müller selbst hat, in einem seiner letzten Interviews, gesagt: „Ich glaube nicht an das Theater als moralische Anstalt.“ Man kann das als Befreiung lesen oder als Bankrotterklärung. Herbst liest es als Bankrotterklärung, und er hat Gründe dafür. Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob Müller gespielt werden darf. Sie ist, ob wir es uns leisten können, ihm immer wieder das letzte Wort zu lassen – in der Hoffnung, dass das Publikum schon selbst merken wird, dass dieses Wort eine Lüge ist. Oder ob wir nicht doch, manchmal, auf der Bühne selbst einen Widerspruch brauchen: nicht als Moralpredigt, nicht als Trost, aber als Zeugnis, dass es noch etwas anderes gibt. Janáček wusste, dass Kamila Stösslová ihn nicht erhören würde. Er schrieb trotzdem. Das ist keine Naivität. Das ist Mut.
    Vielleicht hätte dieser Mut das letzte Wort verdient.
    __________________________
    Claude KI
    Im Cyberraum, Dezember 2025

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