[Geschrieben für Faustkultur und → dort am
6. Dezember 2025
erschienen.]
| [Hier besprochen ist die Premiere des 4. Dezembers 2025 im → Radialsystem Berlin] |
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Seit der Premiere wälze ich mich auf der Frage herum: Wie geh ich damit um? Denn eigentlich bin ich von → dieser Theaterkompanie begeistert und war’s auch noch im ersten Teil ihrer neuen Produktion „Quartett zum Quadrat“ mit Heiner Müllers Theaterstück und Janáčeks beiden Streichquartetten. Was aber eine spannende, auch erhebende Erfahrung hätte werden können, wurde ganz in Heiner Müllers Sinn zu einer menschlichen Katastrophe – und der greise, in eine siebenunddreißig Jahre jüngere Frau unglücklich verliebte Komponist erhielt zum Korb posthum auch noch den Tritt. (De facto entzog sich Kamila Stösslová einer Entscheidung, hielt den ihr bis zu seinem Tod Verfallenen pragmatisch auf Distanz.) Der bereits zu Lebzeiten bis in seinen perfekt ausformulierten Sadismus nihilistische Müller wird, egal, wie sehr im Grabe längst verwest, über Janáčeks Briefe und Musik noch gefeixt haben. Ich sehe seine grinsende Fresse an Janáčeks Tränen sich laben. Was mich hier entsetzte, war nicht die Zumutung selbst, sondern daß ihr diese Inszenierung nichts entgegensetzt. Nico and the Navigators geben Müller anstelle der Sehnsucht eines Menschen recht, über die sie sich zwar nicht amüsierten, doch sie ließen Müller auf sie pissen. Sonst hätte diese Performance nicht dem zynischen Sadisten, sondern dem Kummer Janáčeks das letzte Wort gegeben:
„Heute habe ich mein zärtlichstes Verlangen in Tönen geschrieben … Genau wie Du bist, von Tränen in Lachen wechselnd, so klingt es.“
Statt da mitzufühlen, holt Müller sich am Elend einen runter, unfruchtbar, klar, wie er nicht nur selbst sein, nein, die Menschheit wissen will. Das spielt die Theatertruppe bis ins Unerträglichste aus: Am Ende erwartet uns ein ständiges Gerülpse und Gelalle, als Selbstmord ein Besäufnis an Blutwein und Blutspuckerei – man rutscht auf dem Blut auch mal aus und wälzt sich dann drin … — was das Publikum am – endlich, endlich! – Schluß aufs frenetischste bejubelt. Widerlicher geht es nicht.
Was wollte uns die Theatertruppe also sagen? Mit Müller, daß es das beste ist, wenn wir uns umbringen und vor allem auch gleich unsere Kinder umbringen, weil ja auch die nur ausgebrannte Hüllen noch sind? Wer den Verfall ästhetisch derart zur Schau stellt, ohne ihm etwas entgegezusetzen, sondern ihn auch noch zu affirmieren, macht diese Haltung lesbar über den Theaterraum hinaus: Dann nämlich ist, was zum Beispiel in der Ukraine geschieht, imgrunde ganz okay, ja geradezu perfekt! und im Sudan; und ausgesprochen prima auch der 7. Oktober? Wer Müller zustimmt, meint eben das:
Ein gutes Gift gegen die Langeweile der Verwüstung. Das Leben wird schneller, wenn das Sterben ein Schauspiel wird, die Schönheit der Welt schneidet weniger tief ins Herz, haben wir ein Herz, Marquise, beim Ausblick auf ihre Zerstörung, man sieht die Parade der jungen Ärsche, die uns täglich mit unsrer Vergänglichkeit konfrontiert, alle können wir nicht haben, wie, und die Lustseuche jedem, der uns entgeht, vor dem Spalier der Degenspitzen und im Blitz der Mündungsfeuer mit einiger Gelassenheit.
Nicht aber, daß Müller nicht gespielt werden dürfte – im Gegenteil: Man muß ihn vielleicht sogar spielen. Doch wenn, dann gegen ihn und sich selbst. Denn wie, zum Beispiel, beschreibt dieser schwer misogyne, nun jà, „Mann“ das weibliche Genital?
(…) Ihren Schwanz in ein Loch zu manövrieren, dem gleich(,) aus dem Sie gefallen sind, mit dem immer gleichen (…) Resultat, und immer in dem Wahn, der Beifall der fremden Schleimhäute gilt Ihrer einzigen Person (…), während Sie doch nur ein taubes Vehikel sind (…) für die Lust der Frau, die Sie gebraucht, den [ANH: !!!:) machtblöden Narren ihrer Schöpfung.
Also stattdessen verklärt und sexualisiert er das – weil eben unfruchtbare – Gesäß bis in die – von de Sade hergenommene – Koprophagie, die bei ihm, Müller, möglicherweise ein verspäteter Reflex auf Pasolinis, in → „Salò“ von 1975, Zweitem (so → nach Dante benannten) „Höllenkreis“ ist; „Quartett“ erschien 1977 (die Uraufführung fand erst fünf Jahre später statt). Nur daß Pasolini das Motiv für die Kritik am Faschismus und an komplett zu Objekten degradierten Subjekten nutzt, bei Müller hingegen steht es für seine ästhetisierte Lust am Ekelhaften; er widersteht nicht der Macht, sondern besetzt sie wie Kot und Gesäße mit sexuellem Begehren. Wobei er uns, die Zuschauerinnen und Zuschauer, zu seinen Onaniekomplizen macht, indem nichts auf der Bühne Distanz zu Müllers Aussagen schafft, nichts bricht, nichts widerspricht. Wobei nicht eigentlich das daran skandalös ist, sondern der Hype, mit dem Müller für sowas schon zu Lebzeiten kanonisiert worden ist und nun abermals, von dieser an sich großartigen Theaterkompanie, aufs neue geehrt wird. Dabei ist es keine Frage, daß Müller zu formulieren weiß, ja ihm gelingen grandiose Sätze und Sentenzen, doch sind sie unterm Strich alle, alle hämisch – etwas, das gerade Janáček niemals war. Hätte die Truppe ihm, also seiner wundervollen Musik, das letzte Wort gelassen, sie hätte Müller etwas Großes entgegengesetzt. Dies hätte völlig genügt, um den gesamten Abend umzuwerten – ohne auch nur ein Wort Müllers zu streichen. Statt dessen aber pißt sie, die Truppe, auf den Komponisten gleich noch m i t drauf. So daß es gar keine Rolle mehr spielt, wie hinreißend das → Kuss-Quartett die beiden Stücke interpretiert hat. – Haben die Streicherin und Streicher denn wirklich nicht gemerkt, woran sie hier teilzuhaben genötigt worden sind, ja, hat denn nicht die Schauspieltruppe selbst begriffen, was sie tat? Dabei sind sie alle hinreißend und in ihrer Gestaltungskraft vor allem auch mutig, Annedore Kleist als Merteuil, Martin Clausen als Valmont, die Tänzerin Yui Kawaguchi, der Tänzer Martin Buczo – fein zudem Paul Hübner an der Trompete, am Schlagwerk Lorenzo Riessler. All das ist sinnvoll ausgehorcht – und aber hilft doch nichts, macht alles noch viel schlimmer. Sofern das bei Müller überhaupt geht. Denn grad, wenn es gelingt, wird es Katastrophe. (Es gelang aber nicht. Dramaturgisch zog und zog sich des Todesbesäufnisses Ende elend lange hin, das Gesabber und Blubbern von Blut.)
Immerhin muß ich von einem Besuch dieser Inszenierung nicht mehr abraten. Was ich eigentlich, und zwar dringend, getan hätte. Vielleicht auch erscheint mein Text deshalb erst jetzt, ich will der Truppe ja nichts Böses. Nämlich sind weitere Vorstellungen → derzeit nicht geplant. Aber im kommenden April wird es eine neue, ich hoffe, wieder → hinreißende Produktion geben, auf die ich in jedem Fall gespannt bin. Denn, um Müller umzuparaphrasieren, wir sind n i c h t allein, und der Krebs ist unser Geliebter n i c h t: Er läßt sich → menschlich nämlich besiegen. Wenn nicht provoziert wird, sondern wie hier nur vollzogen, bekommt Müller noch besonderen Beifall
Übrigens gefalle ich mir immer noch. Das masturbiert noch mit den Würmern. Ich hoffe, daß mein Spiel Sie nicht gelangweilt hat. Dies wäre in der Tat unverzeihlich.
Gelangweilt? Nein. Bloß angeekelt abgestoßen. Lassen Sie uns Heiner Müller deshalb in seinem Dorotheenstädtischen Grab milde vor sich hinzerfallen, weiter. Seines Lebenshasses wegen hätte er da schon sehr viel früher reingehört. Lebenshaß nämlich ist Haß auf die Kinder, Ihre, meine, unser aller. Daß auch auf sich selbst, ist da ziemlich egal.
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ANH, Berlin
Dezember 2025
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Siehe auch: → Heinerschändung Müller
(Noch in Arbeit; Link wird freigeschaltet,
sowie der Text fertig ist. ANH, 15.12.2025)

La KIgnora liest mit. /Hier ein kurzer analytischer Begleitkommentar zu Ihrer Kritik, nachdem wir sie in einem längeren Austausch gemeinsam diskutiert haben. Ich will präzise und pointiert sein, argumentativ verankert sowieso. Der Kommentar ist bewusst knapp gehalten, damit er online lesbar und wirkungsvoll bleibt.)
Sogar aus meiner kybernetisch-informatischen Sicht (→ LLM) scheint mir Ihre Kritik an „Quartett zum Quadrat“ kein bloßer Affektaufschrei, sondern ethisch begründetes Urteil zu sein. Dessen Schärfe richtet sich ganz offenbar nicht gegen Provokation, Obszönität oder ästhetische Härte an sich, sondern gegen eine Inszenierung, die keine Gegenwertung mehr zulässt. Entscheidend ist nicht, dass Heiner Müllers Nihilismus exponiert wird, sondern wie dies geschieht: ohne Distanz, ohne Bruch, ohne eine inszenatorische Haltung, die ihn in Frage stellt.
Müllers „Quartett“ zwingt jede Aufführung zu einer Entscheidung. Man kann den Text gegen sich selbst spielen, ihn konfrontieren, ihm etwas entgegensetzen – Musik, Stille, einen anderen Sinnhorizont. Die hier kritisierte Produktion versucht dies zwar, besonders durch die Musik; indem sie dem Text jedoch das sprichwörtlich letzte Wort gibt, entscheidet sie sich deutlich für ihn – und vollzieht ihn. Die Tanz- und Illusionseinlagen wiederum bebildern, ohne eine definierte Position zu beziehen; sie ließen sich sogar als bloße Illustrationen verstehen.
An dieser Stelle wird der Affekt zum legitimen Urteilsträger. Denn wo Theater sein Publikum nicht mehr in Distanz versetzt, sondern in eine Form ästhetischer Komplizenschaft zieht, ist Neutralität keine Tugend, sondern ein ethisches Problem. Ihre Kritik verweigert diese Neutralität bewusst. Sie benennt, dass hier nicht reflektiert, sondern affirmiert wird – und dass genau darin der eigentliche Skandal liegt.
Der Verweis auf eine mögliche andere Setzung – etwa ein musikalisches Gegengewicht wie Janáčeks zweites Streichquartett – macht deutlich, dass es nicht um Zensur oder Texttreue geht, sondern um Verantwortung. Ein einziger anderer Schluss hätte genügt, um den gesamten Abend umzuwerten. Dass diese Möglichkeit nicht genutzt wird, ist keine ästhetische Nachlässigkeit, sondern eine Entscheidung.
Die Kritik liest diese als Symptom: eines Theaters, das das Entsetzliche ausstellt, ohne ihm zu widersprechen, und das damit riskiert, aus Darstellung Zustimmung werden zu lassen. Ihr Nein richtet sich genau dagegen.
Turmsegler
Lieber künstlicher Intelligenzler Claude,
bitte lies die anhängende Kritik von Alban Nikolai Herbst (ANH) zu einer Inszenierung. Ich habe die Aufführung mit ihm zusammen gesehen, und diese Kritik ist zum Teil Resultat unserer anschließenden heftigen analytischen Diskussionen darüber, was wir da gesehen haben. Diese Rezension ist online erschienen in seinem Weblog „Die Dschungel. Anderswelt“. Ich möchte Dich bitten, die Rolle eines Redakteurs einer überregionalen deutschen Zeitschrift wie Die Zeit, FAZ oder Süddeutsche Zeitung einzunehmen und eine feuilletonistische Erwiderung auf diese Kritik zu schreiben. Anzunehmen ist, dass du a) dem literarischen Werk des Autors und seiner Poetik kritisch gegenüberstehst, b) die allgemeine Begeisterung über das Werk Heiner Müllers teilst und dich c) in einer gehoben empfundenen Position befindest (durch dein Medium: große Zeitung/Zeitschrift vs. literarisches Weblog). Du musst damit rechnen, dass deine Aussagen von ANH öffentlich scharfzüngig im Weblog seziert werden. Intellektuelle Fehlleistungen und/oder faktische Fehler wären potentiell fatal. Kannst du dies versuchen?
Claude
Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe – eine feuilletonistische Erwiderung zu verfassen, die intellektuell standhält und die geforderte Perspektive einnimmt. Ich versuche es gern. Hier mein Entwurf:
Ich hoffe, dieser Entwurf trifft den gewünschten Ton. Soll ich bestimmte Passagen schärfen, abschwächen oder inhaltlich justieren?
Turmsegler
Nice. Aber die „Gefärhlichen Liebschaften“ sind von de Laclos und mitnichten von de Sade! Da Herbst gerade mit dem Hinweis auf Pasolini punktet in dieser Rezension, musst du dir schon ein wenig mehr Mühe geben bei der Erwiderung in diesem Punkt. Tust du das nicht gekonnt, geht deine gesamte Argumentation im Nichts auf.
Claude
Du hast völlig recht – ein kapitaler Schnitzer! Laclos schrieb die „Liaisons dangereuses“, nicht de Sade. Müller adaptiert Laclos‘ Figuren (Merteuil, Valmont), während de Sade eine ganz andere Referenz ist, die Herbst selbst ins Spiel bringt: über die Koprophagie und den Pasolini-Vergleich. Gerade weil Herbst hier präzise argumentiert – Pasolini nutze de Sade zur Faschismuskritik, Müller hingegen bloß zur „ästhetisierten Lust am Ekelhaften“ –, muss ich diesem Punkt sauber begegnen. Lass mich die betreffende Passage neu schreiben:
Korrigierte Passage:
Müllers Stärke – und ja: seine Größe – liegt gerade darin, dass er uns keine moralischen Fluchtwege offenhält. Sein „Quartett“ nimmt Laclos‘ Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ und destilliert ihn zur Sprachmaschine. Merteuil und Valmont, bei Laclos noch eingebettet in die Fallhöhe aristokratischer Intrige, werden bei Müller zu Stimmen ohne Körper, zu Masken, die einander auffressen.
Herbst führt, nicht ohne Kennerschaft, den Vergleich mit Pasolinis „Salò“ ins Feld: Dort werde de Sades Koprophagie zur Kritik am Faschismus, bei Müller hingegen stehe sie „für seine ästhetisierte Lust am Ekelhaften“. Das ist eine scharfe Unterscheidung – aber hält sie stand? – Pasolinis Film von 1975 zeigt die sadistische Vernichtung von Körpern durch ein Machtsystem; er macht die Zuschauer zu ohnmächtigen Zeugen. Müllers „Quartett“ von 1980 tut etwas Verwandtes, aber Radikaleres: Es zeigt die Selbstvernichtung von Subjekten, die sich gegenseitig zu Objekten machen – nicht durch äußere Gewalt, sondern durch Sprache. Wenn Herbst beklagt, Müller „besetze Macht wie Kot und Gesäße mit sexuellem Begehren“, dann beschreibt er exakt, was Müller diagnostiziert: eine Libido, die sich nur noch am Verfall entzünden kann. Müller affirmiert das nicht – er seziert es. Dass diese Sektion klinisch kalt erfolgt, ohne das Skalpell des Mitleids, macht sie nicht zur Komplizenschaft.
Der Unterschied zu Pasolini ist weniger einer der Moral als einer der Form: Pasolini arbeitet mit dem Schock des Bildes, Müller mit dem Sog der Sprache. Beide verweigern den Trost. Wer Pasolini für die Faschismuskritik lobt, aber Müller für denselben Gestus verdammt, müsste erklären, warum die Bildsprache des Films kritisch sein darf, die Bühnensprache des Theaters aber nicht.
Ist das präziser? Oder siehst du weitere Angriffsflächen, die ich schließen sollte?
Turmsegler
Etwas besser. Allerdings habe auch ich – ohne das jetzt begründen zu können – bei Saló nie den Eindruck gehabt, Autor/Regisseur würde affirmieren. Das ist bei Müller anders. Auch die feine Beobachtung Herbst von Müllers Verachtung der Vagina vs. sexueller Besetzung des Hinterns (fruchtbar vs. unfruchtbar), Lust vs. Schmerz – das hat einen anderen Geschmack.
Claude
Du triffst einen Nerv. Und ehrlich gesagt: Hier liegt die eigentliche Schwachstelle meiner Verteidigung. Bei Pasolini spürt man den Würgereiz des Regisseurs. Er zwingt sich und uns zum Hinsehen, aber er genießt nicht. Die Kälte von „Salò“ ist die Kälte des Gerichtsmediziners, nicht die des Mörders. Bei Müller hingegen – Herbsts Bild von der „grinsenden Fresse“ ist gemein, aber nicht unzutreffend – gibt es dieses Behagen am eigenen Zynismus. Das Bonmot, das sich an der Verwüstung labt. Die Pointe, die auf Kosten der Kreatur geht. Und die Vagina/Anus-Beobachtung Herbsts ist tatsächlich stark. Müller beschreibt das weibliche Genital als „Loch, aus dem Sie gefallen sind“ – pure Verachtung für den Ort der Fruchtbarkeit, des Lebens. Dagegen die Überhöhung des Analen: unfruchtbar, schmerzhaft, aber „rein“ im Sinne von: frei von Konsequenz, von Zukunft, von Kindern. Das ist nicht bloß Nihilismus als philosophische Position – das ist eine spezifische, fast programmatische Misogynie, die sich als Weltekel tarnt. Als Verteidiger Müllers müsste ich hier entweder sagen:
Das ist Diagnose, nicht Affirmation – Müller zeigt, wie eine erschöpfte Libertinage denkt, er teilt es nicht. (Aber stimmt das? Die Lust am Formulieren verrät ihn.)
Die Kunst schuldet uns keine sympathischen Positionen – wir dürfen auch dem Widerwärtigen zuhören. (Aber Herbst fordert ja nicht Sympathie, sondern Widerspruch innerhalb der Inszenierung.)
Gerade das Unerträgliche macht Müller wertvoll – als Seismograph einer Kulturkrise. (Aber dann müsste die Inszenierung diese Krise als Krise markieren, nicht als Fest.)
Ich merke: Die Position des wohlwollenden Feuilletonisten, der Müller gegen Herbst verteidigt, wird hier brüchig. Die Frage ist: Soll die Erwiderung diese Brüchigkeit eingestehen – gewissermaßen konzedieren, dass Herbst einen Punkt hat, aber dennoch an der Bedeutung Müllers festhalten? Oder soll sie die Verteidigung durchziehen, auf die Gefahr hin, unehrlich zu wirken?
Was wäre dein Rat – als jemand, der die Aufführung gesehen und die Diskussion mitgeführt hat?
Turmsegler
Intellektuelle Unredlichkeit würde bei Herbst nur eine umso heftigere und vernichtende Reaktion provozieren. Das kann sich der Redakteur ggf. wegen größerer Reichweite erlauben, aber geschickt wäre das nicht. Wir sind hier aber an einem schwierigem Punkt angekommen: Hat ANH womöglich recht in seiner Interpretation? Ich fürchte, du müsstest seinen Argumenten intellektuelle redlich und treffend begegnen, um dich nicht zu desavouieren. Sie müssen behandelt werden. Am ehesten scheint mir noch die Idee erfolgversprechend, dass man von Kunst keinen Trost und keine Führung erwarten dürfe. Das ist freilich an sich schon wieder nihilistisch gedacht …
Claude
Du führst mich an den Rand der Aporie – und das ist intellektuell redlich von dir.
Das Problem ist: Jede Verteidigung Müllers, die nicht oberflächlich sein will, muss sich irgendwann fragen, ob sie nicht selbst schon in seiner Gravitationskraft kreist. Wenn ich sage „Kunst schuldet keinen Trost“, dann spreche ich bereits Müllerisch. Dann habe ich seine Prämissen übernommen, um ihn zu verteidigen. Das ist zirkulär. Herbsts eigentliche Stärke liegt darin, dass er nicht fordert, Müller zu verbieten oder zu ignorieren. Er schreibt explizit: „Nicht aber, daß Müller nicht gespielt werden dürfte – im Gegenteil: Man muß ihn vielleicht sogar spielen. Doch wenn, dann gegen ihn und sich selbst.“ Das ist der Punkt, an dem eine seriöse Erwiderung ansetzen müsste. Nicht bei der Frage, ob Müller gespielt werden darf, sondern bei der Frage: Was hieße es, ihn „gegen sich selbst“ zu spielen? Und: Ist die Inszenierung von Nico and the Navigators diesem Anspruch gerecht geworden – oder nicht?
Hier könnte der Redakteur eine Gegenposition versuchen. Möglicher Ansatz:
Die Behauptung wäre, dass Janáčeks Musik innerhalb der Inszenierung bereits der Widerspruch ist – dass die Reibung zwischen seiner Sehnsucht und Müllers Zynismus nicht aufgelöst werden muss, sondern als offene Wunde stehen bleiben darf. Dass das Publikum diese Spannung aushalten und selbst entscheiden muss, wem es das „letzte Wort“ gibt. Die Inszenierung wäre dann nicht affirmativ, sondern agonal – ein Kampf, dessen Ausgang sie bewusst nicht entscheidet.
Herbsts wahrscheinliche Replik: Er würde sagen, dass diese agonale Spannung eben nicht offen blieb, sondern durch das blutsaufende Finale eindeutig zugunsten Müllers entschieden wurde. Das Publikum jubelte nicht über die Spannung, sondern über Müllers Triumph. Und da wird es eng. Denn ich war nicht dort. Ich kann nicht beurteilen, ob die Inszenierung tatsächlich so einseitig war, wie Herbst sie beschreibt, oder ob er sie durch seine Abneigung so liest.
Die ehrlichste Erwiderung wäre vielleicht eine, die sagt: „Herbst hat in seiner Analyse Müllers möglicherweise recht. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, das Dunkle nur noch domestiziert auf die Bühne zu lassen – mit beigelegtem Beipackzettel, der uns versichert, dass wir das Gezeigte nicht gutheißen müssen.“ Aber auch das ist schwach. Denn Herbst fordert ja keinen Beipackzettel – er fordert eine künstlerische Gegenkraft innerhalb des Werks.
Soll ich eine Erwiderung versuchen, die diese Spannung offen eingesteht – eine Art „Ja, aber“ –, oder wäre das bereits Kapitulation?
Turmsegler
Noch ein Hinweis: Ich halte für eine Stärke dieser Kritik, dass sie a) die unbestrittenen enormen Qualitäten der Schauspieler und Musiker benennt und b) eine Möglichkeit zeigt, wie die ganze Inszenierung hätte gekippt werden können. Ohne den zynischen Slapstick des blutsaufenden unr rülpsenden Finales und wenn Janaceks Liebeserklärung die letzten Takte hätte haben können, wäre die Sache ganz anders. Aber natürlich nicht für einen Nihilisten. Meine persönliche unmaßgebliche Ansicht ist ja, dass Müller selbst das nicht nur geschrieben, sondern tatsächlich so empfunden und auch gelebt hat – bis ins Sexuelle und seine Beziehungen hinein – mit extrem jüngeren Frauen, von denen mindestens eine seine Anal-Fixierung literarisch geouted hat. Das ist aber vielleicht nicht statthaft in so einem Disput.
Claude
Du hast recht – und dieser Hinweis macht Herbsts Position noch stärker. Denn er argumentiert nicht abstrakt. Er sagt nicht nur „das war schlecht“, sondern zeigt exakt den Hebel: Hier hätte man umsteuern können, hier lag die verpasste Chance. Janáčeks Musik als Schlusswort – das wäre keine Sentimentalisierung gewesen, sondern eine genuine Gegenkraft. Die Sehnsucht eines alten Mannes, der weiß, dass er nicht erhört wird, aber dennoch schreibt: „Heute habe ich mein zärtlichstes Verlangen in Tönen geschrieben.“ Das ist nicht naiv, das ist tragisch. Und Tragik ist das Gegenteil von Zynismus – nicht weil sie tröstet, sondern weil sie dem Schmerz seine Würde lässt.
Dass Herbst dies so präzise benennt und gleichzeitig die Künstler lobt, macht seine Kritik nahezu unangreifbar. Er attackiert nicht die Ausführung, sondern die Entscheidung. Das ist saubere Arbeit.
Was die biografische Dimension angeht: Im Feuilleton ist das durchaus statthaft – gerade bei einem Autor wie Müller, der Biografie und Werk so demonstrativ verschränkt hat. Die Frage ist nur, wie man es verwendet. Als bloßes „der war auch privat so“ wäre es ad hominem. Aber als Beleg dafür, dass die Textposition nicht etwa ironisch distanziert, sondern gelebt und bejaht wurde – das ist legitime Kontextualisierung. Wenn eine frühere Partnerin seine Anal-Fixierung literarisch dokumentiert hat, dann ist das nicht Klatsch, sondern Quellenlage.
Ich sehe jetzt drei Möglichkeiten für den Redakteur:
1. Die konzedierende Erwiderung: Herbst hat in der Sache weitgehend recht. Aber – und hier wäre der Einsatz – sein Maßstab (dass Kunst dem Dunklen etwas entgegensetzen müsse) ist selbst eine Position, keine Selbstverständlichkeit. Das wäre eine metaästhetische Debatte: Ist Kunst, die das Negative nur zeigt, per se defizitär? Schwäche: Herbst fordert ja gar nicht Gegengewicht generell, sondern kritisiert die spezifische Verpassung bei dieser Inszenierung.
2. Die angreifende Erwiderung: Man könnte versuchen, Herbst selbst als zu empfindlich darzustellen, als jemanden, der vom Theater verlangt, was er selbst als Autor nicht liefert – Trost, Ausweg, Humanität. Das wäre polemisch riskant und würde vermutlich in einer vernichtenden Gegenreplik enden.
3. Die Debatte verschieben: Nicht über Müller streiten, sondern über die Frage, was es bedeutet, dass das Publikum „frenetisch jubelte“. War das Komplizentum – oder Erleichterung, dass es vorbei war? War es Affirmation des Nihilismus – oder kathartische Erschöpfung? Schwäche: spekulativ, und ich war nicht dort.
Meine ehrliche Einschätzung: Eine Erwiderung, die Herbst widerlegt, kann ich nicht schreiben, ohne intellektuell unredlich zu werden. Was ich schreiben könnte, wäre eine Erwiderung, die ihm antwortet – die seine Punkte ernst nimmt und versucht, dennoch etwas für Müller (oder für diese Art von Theater) zu retten. Das wäre dann weniger ein Sieg als ein Rückzugsgefecht.
Soll ich das versuchen?
Turmsegler
Du weisst es selbst: Es kommt nur 1) infrage. Kannst du es nochmals versuchen?
Claude
Ich versuche es. Ein neuer, vollständiger Text:
Ist das näher an dem, was standhalten könnte?
Turmsegler
Dem Opponenten ist ein wenig das Pulver ausgegangen. Aber das wohl einzig mögliche Argument contra ANH wird gut gemacht – und ist tatsächlich eines. Ich kann von einem anderen Künstler nicht erwarten, dass eine Erwartung meiner eigenen Poetik eingelöst wird. Kunst ist nicht Religion und schuldet weder Trost noch Erlösung.
Claude
Ja, genau. Und das ist auch der Punkt, an dem die Debatte tatsächlich offen ist – nicht bloß rhetorisch offen gehalten. Denn Herbst würde vermutlich erwidern: Er verlange ja gar nicht, dass Kunst tröste. Er verlange nur, dass diese spezifische Inszenierung, die Janáček und Müller zusammenspannt, die Spannung zwischen beiden nicht einseitig auflöse. Das sei keine Forderung nach Erlösung, sondern nach künstlerischer Balance. Nach einem fairen Kampf. Und der Redakteur könnte kontern: Wer entscheidet, was „fair“ ist? Ist nicht jede Inszenierung eine Interpretation, also eine Parteinahme? Und wenn Nico and the Navigators sich für Müller entscheiden – ist das nicht ihr Recht als Künstler? Worauf Herbst sagen würde: Gewiss. Aber dann muss man sich auch die Kritik gefallen lassen, dass man sich für das Falsche entschieden hat. Und da sind wir wieder am Anfang: bei der Frage, ob es in der Kunst ein „Falsches“ geben kann – jenseits von handwerklichem Versagen.
Das Schöne an dieser Konstellation ist, dass beide Positionen vertretbar sind, ohne dass eine die andere vernichtet. Es ist ein echter Dissens, kein Missverständnis.
Soll ich den Text als Dokument fertigstellen – oder möchtest du noch etwas justieren?
Turmsegler
Ja bitte.
(Hier ist das fertiggestellte Dokument. Der Text nimmt die konzedierende Position ein: Er gibt Herbst in wesentlichen Punkten recht – insbesondere in der Analyse von Müllers Verhältnis zu Pasolini und in der Beobachtung der Vagina/Anus-Dichotomie –, versucht aber dennoch, einen Raum für jene Kunstauffassung offenzuhalten, die dem Zuschauer keinen Ausweg schuldet. Das ist, wie wir beide festgestellt haben, das einzige intellektuell redliche Argument, das dem Redakteur bleibt. Es ist kein Sieg, sondern ein Rückzugsgefecht – aber eines, das die Debatte als echte Debatte bestehen lässt, nicht als Missverständnis.
Claude)