Dear Joseph (XXVI), …

wenn sie dort oben auf dem Boden im Regen sitzt, dann schaut sie sie sich genau an, hält sie ins Licht und denkt dabei an eine Zeile von Miss TT, einer anderen Textschwester, die sie sofort verstanden und nie vergessen hat:

–> Nachts blühen meine Hände, schrieb sie einmal. Sie wache davon auf.

Ihre eigenen Hände. Ihre riesengroßen blühen jetzt auch. Immer. Fühlen sich grob und rastlos an. Sie will ihn anfassen damit. Will nicht mehr, dass er sie ihr schließt. Will dass er ihr zeigt wie. So wie sich Geschwister manchmal ohne Scheu gegenseitig etwas zeigen, sich einfach die Hand des anderen schnappen, ist eines dem anderen um eine Erfahrung voraus. Oder wie sie es tun, wenn sie sich kabbeln.

Sie will zu ihm gehen. Ihm die Kugel abnehmen. Sie zur Seite legen. Kann doch nicht so schwer sein! Hat doch Kraft! Und doch muss sie deswegen immer aufpassen. Weil er auch groß und grob geraten ist. Obwohl sie sich genau deshalb ja keine Sorgen zu machen braucht ihn zu zerquetschen, wenn sie sich auf ihn legt, um auf ihm abzuhängen. Mit einer Hand seine Brust anzufassen. Sein Herz in die Innenfläche hineinschlagen zu lassen. Ihres zu drosseln.

Sie will über ihn gehen. Ihm eine Brust, die in dieser Haltung, der Schwerkraft wegen, zur Zitze wird, in den Mund geben. Stellt sie sich immer vor, wenn sie auf dieses Bild schaut, obwohl sie gar nicht weiß, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Auf jeden Fall ist es ein Körper. Vielleicht muss sie heulen dabei. Manchmal muss sie es. Warum weiß sie auch nicht genau. Ist sich nicht sicher. Ist ein unsicheres Wesen. Groß und grob geraten. Wie er. Nur ihre Hände, die sprechen eine andere Sprache. Anders als seine.

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXV), …

… eines jedoch ist sicher, auf Annie ist Verlass, sie meint was sie sagt, selbst wenn sie manchmal den Deckmantel des Scherzes darum legt. Ist dem ganzen Himmelszirkus in gewisser Weise auch nah gewachsen. Schiebt manchmal die Wolken beiseite, um zu schauen ob gerade wieder Jahrmarkt ist. Leider aber wirft sich ihre Witzmaschine immer dann mit Schwung an, wenn es ihr nicht gut geht oder sie müde ist. Sie ist ein Clown, Joseph. Und das ist manchmal auch traurig weil sie dadurch verschenkt, sich ihrer eigentlichen Empfindung entsprechend zu äußern.

Wir äußern uns immer. Aber sie kann natürlich nicht erwarten, dass ihr Gegenüber ein Übersetzungstalent ist und es auch versteht. Oft denkt sie, dass sie es in den Witz überführen muss, um den anderen nicht zu überlaufen, was ihr manchmal recht schnell passiert. Sie komme sich sonst vor wie eine Menschenfresserin. Oder anders ausgedrückt: eine Cyclopin. Eine, der man intravenös den Wirkstoff Cyclopin verpasst hat. Der sich ein drittes Auge auf der Stirn öffnet. Mit dem sie aber nicht richtig sehen kann, weil es doch zu sehr blendet und wehtut. Das sie sich zuhält während sie ruft: Bitte schließ´ es mir wieder! Schließ´ es, denn da ist nichts! Nichts und Niemand.

Sie hat Odysseus, was die Episode mit Polyphem betrifft, auch immer für ein Arschloch gehalten, Joseph. Von wegen Gastfreundschaft und so weiter. Das sei doch seine verdammte Insel gewesen. Und dass sie sich mit einer Cyclopin vergleicht, liegt auch daran, dass sie grobmotorisch ist. Und irgendwie stimmt es, weil ich sie, jedes Mal wenn sie traurig ist, breitschultrig und riesenhaft die Treppe hinaufsteigen sehe, um sich in ihr Regenzimmer zu begeben. Kommt mir dann vor wie Eine, die sich von der Leine gerissen hat. Am Rücken baumelt sie noch. Ich mag sie, mag diese Wesen sehr.

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXIV), …

von Anfang an hat er davon gesprochen. Ohne darüber zu sprechen. So fasst keine Hand ans Herz durch Brustkorbs Felsen, Joseph.

Nicht!

Sie verstand es. Körperlich. Stand vor ihm und blickte dabei tatsächlich gerade auf seinen Brustkorb. Nicht weil sie klein ist. Er ist einfach im Vergleich zu ihr ein wenig näher an die Gewölbe des Himmels herangewachsen.

das Soma – der Blick – die Händeberührung – der Kuss – die Berührung der Brust – der Griff ans Geschlecht – die Umarmung – der Körper – das Weichen

Ist ihr zur einzigen klaren Sprache geworden, die sie noch versteht. Alles andere sind Chiffren. Sind Verschlüsselungen. Sind Bilder.

die Rede – das Wort – : der Körper : – die Gewalten in ihm – die Gewalten an ihm

Solche, die reißen.

(Dich einfach kommen lassen. Dann, wenn du bei dir bist.)

In dieser Haltung verbleibend, sehe ich sie. Auf einem Knie abgestützt. Die Kugel im Nacken. Nicht dazwischen zu funken mit sich. Sich nicht mehr bewegen. Sehen wie es unter der Haut zu schimmern beginnt: Steinblau. Schmerzklar.

Warum sehe ich mal ihn, mal sie in dieser Position? Vor mir. Vor ihm. Und wieso sind die beiden nackt, nackt und haarlos, Joseph?

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXIII), …

… ich musste heute lachen als dieser >>>Song>7Strike> im Autoradio lief und doch ist es mir ernst mit diesem Brief an dich obwohl ich dir eigentlich einen anderen schreiben wollte. Habe tatsächlich das erste Mal auf den Text gehört. Und dabei über Annie nachgedacht. Von der ich dir erzählen will und muss.

Struck down? Wie feige und erbärmlich das ist, dachte ich gleich. Am besten noch von hinten kommend. Das ist nicht fair! So stirbt man nicht, Joseph! Struck down.

By a smooth criminal? Das geht nicht zusammen!

Ein Crescendo, Annie! Das ist ihr auch mal passiert. Als mitten in der Nacht im Sommer Einer durchs Fenster einstieg. In ihre vier Wände. Sie wurde sofort wach. Hatte dann irgendwie recht schnell das größte Messer in der Hand. War ja ihr erster Gedanke.

Jede Handlung: nur noch Reaktion. Ein einziger Reflex. Sie selbst sei zu einem geworden, erklärte sie mir Tage später. Ihre Pupillen waren in dieser Nacht dermaßen weit aufgerissen. Ihre Iriden überhaupt nicht mehr zu sehen. Wie das aussah! Es dauerte Stunden bis sich das wieder normalisierte. Ich konnte ihr kaum in die Augen schauen. Die zwei Polizisten, die ich gerufen hatte, übrigens auch nicht. Hatte sie sowieso nicht interessiert, was die zu sagen hatten. Was sollten die schon tun! Ab da schlief sie nur noch tagsüber. Höchstens zwei Stunden. Nachts wartete sie. Saß da. Hörte einfach ins Dunkel. Denn von Lauschen konnte keine mehr die Rede sein. So empfindlich war ihr Gehör auf einmal. Sie konnte jedes noch so leise Geräusch zuordnen, wusste sofort aus welchem Winkel es kommt. Ein halbes Jahr lang ging das so.

Annie schreibt nicht, Joseph. Hat mit Künsten nichts am Hut. Denkt seit Wochen über die Sterbephasen nach und wie sie auch in anderen Lebenssituationen passen.

Eine Phase allerdings, denn ich habe sie mir einmal angeschaut, die hat sie nicht. Bzw., doch, sie hat sie, verschiebt sie aber immer. Übt lieber Messerwerfen.

Sie hat damals irgendwann damit angefangen. Stieg immer wortlos DIETREPPEHINAUF. Kam mir vor als wohnte ich in einem house of flying daggers. Hat ein großes Holzbrett an die Wand geschlagen. Und sie tut es wieder. Übt. Diszipliniert. Gar nicht dionysisch. Eher apollinisch. Und: es wird! Tatsächlich nimmt die Treffsicherheit wieder zu. Ich höre es. Täglich. Manchmal, wenn sie nicht da ist, gehe ich in das Zimmer. Schaue mir die Oberfläche dieses Holzes an, die nur noch aus Kerben besteht. Habe bisher nicht mit ihr darüber gesprochen. Wir sprechen in letzter Zeit nicht viel miteinander. Heißt: sie nicht mit mir.

北方有佳人,絕世而獨立。
一顧傾人城,再顧傾人國。
寧不知傾城與傾國。
佳人難再得。

Wozu auch soll sie sich die Zähne ausbeißen, wenn sie doch ein Kleid ganz aus Messerklingen bestehend tragen kann! So denkt Annie, Joseph. Ich kenne sie.

Annie, are you ok?
So, Annie are you ok?
Are you ok, Annie?

Wahrscheinlich fragt sie sich bereits, ob er den Mut haben wird stehen zu bleiben, ihr in die Augen zu schauen, sobald sie das erste loslässt.

Das sehe ich heute in ihren Augen. Zwar musste ich erst einmal lachen aber ich sorge mich doch. Weiß nicht, ob ich ihr vertrauen kann, ob sie noch weiß, was sie tut.

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXII), …

titainō.

Also haben wir viel gesprochen. Es war ein anderer Tag. Anders als sonst.

Du weichst!

Du kennst also eine der Grundlagen des Kampfsports?!

Ja! Kenne ich …

Wir spazierten durch einen Lichterpark. Das war im Februar. Nachts. In seiner Stadt. In der er geboren wurde. Ich sah ihn das erste Mal mit einer Kappe. Er lief mir hinterher. Holte mich ein. Wie Apoll Daphne, dachte ich.

Ich drehte mich um …

Hallo!

Hi!

(Sah ihn lächeln.)

Ich erkenn´ dich doch sofort von hinten!

… nahm sein Gesicht in beide Hände. Und bemerkte dabei, wie ich augenblicklich checkte ob er tatsächlich auch jetzt knielange Hosen tragen würde.

(Sich gegenseitig checken. Abchecken. Gibt nichts Schöneres, Joseph! Sich dann Abklatschen. Schulter gegen Schulter.)

Und nein, trug er natürlich nicht. Auch er bedeckt seine Bilder. Die in meiner Vorstellung immer verschwimmen. Eines aber nicht. Habe es genau vor Augen. Verschwimmt nie in meiner Erinnerung.

Er wüsste sofort welches ich meine.

Ich spreche gern zu dir in Bildern, sagte er einmal. Weil ich weiß, dass du sie verstehst. Er spricht oft in Bildern. Immer dann, wenn wir beide nicht …
Er lief währenddessen recht schnell. Suchend, wo es langgeht. Hat unaufhörlich gesprochen. Anders als ich. Sonst.

Er hat mir unter anderem den Unterschied zwischen Böttchern und Küfern erklärt.

Ich habe ihm was zu Essen gekauft. Mir nur einen Glühwein.

Heute las ich auf Arbeit auf einem Kalender, der in der Küche hing:

Auch wenn dir etwas fehlt,
genieße alles andere.

Ich versuch´s, Joseph.

Ja, das tue ich.

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXI), …

Dreh´ dich um.

… das hatte er zu ihr gesagt und sie dann vor sich, nackt, auf seine Liege gehoben. Auf ihre Knie, mit dem Gesicht zur Wand.

Titainō, Joseph,

heißt: sich recken.

Strecken.

Nicht umdrehen.

Nein!

Nicht

: Sich immer weiter

recken.

Gott, du siehst so wunderschön dabei aus!

Dich immer weiter

einfach nur

strecken,

weiter

und

weiter

und

weiter

und

weiter,

mehr,

mehr

und

mehr,

noch

mehr

und

weiter,

weiter,

immer

weiter,

Zentimeter

um

Zentimeter

um

Zentimeter

weiter,

sich recken,

weiter,

immer weiter

strecken,

bis deine

Fingerkuppen

die Decke

fast erreichen,

berühren:

Nein!

Mich nicht!

Nur Dich.

Ich.

Nein! Nicht

weiter.

Nein!

Nicht

: Titainō, Joseph.

So nennt sie das nun. Immer wenn er sagt:

>>>Nicht!

Deine Häsin.

%d Bloggern gefällt das: