Der Untergang des Abendlands 3.0
Bemerkungen zur Dekadenz anläßlich der abgesagten Buchmesse Leipzig
Als Arbeitsjournal des Dienstags, den 4. März 2020

[Arbeitswohnung, 7.32 Uhr]
[Wieder morgendliches Vogelkonzert bei weit geöffnetem Oberlicht.
Ich mag gar keine Musik hören — so schön bereits klingt der schon rufende Frühling.]

Bei meinem Apothekerteam hängt hinter den Verkaufstresen ein auf DIN-A4-Papier ausgedrucktes, quasi, Schild:

Bitte?” frage ich. “Sind jetzt schon Hamsterkäufe im Gang?”
Der junge Apotheker lächelt gequält. “Nun jà”, sagt er, “da von morgens bis abends in keinem Radioprogramm noch von etwas anderem die Rede ist … Die Leute geraten in Panik.”
Und später am Tag lese ich die Nachricht, es hätten selbst Krankenhäuser einen Engpaß bei den Desinfektionsmitteln.
“Eine prima Methode”, sage ich, “von den wirklichen Problemen abzulenken. → Schauen Sie nur an die griechische Grenze, dieses erneute furchtbare Flüchtlingssterben …”
“Es ist sogar schon wieder von Schießbefehlen die Rede …”
Manchmal wird mir schwindlig, wenn ich bedenke, wie viel von all dem, was ich in → THETIS erzählt habe (“utopistisches Tamtan”, → Hubert Winkels), innerhalb der seither vergangenen zweiundzwanzig Jahre über uns bereits hinweggeflutet ist und ist. Wir haben uns längst dran gewöhnt. Da kommt der neue Virus wahrlich fürpaß. Und nachmittags knallt dann der Knoten:

Vormittags noch hatten Cristoforo → Arco und ich dessenthalben Mails gewechselt; ich meinerseits war zuversichtlich gewesen, es würde solcher Unfug nicht geschehen; er hingegen äußerste sich mehr als nur skeptisch. Und bekam nun recht.
Da war ich wirklich fassungslos. Dreihundertneunzig Infizierte — in Zahlen: 390 — sind bislang für Deutschland bekannt, denen gegenüber am Influenzavirus, Zitat von → dort, “laut Robert Koch-Institut (RKI) in der laufenden Grippesaison bereits über 3500 Patienten so schwer [erkrankten], dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. 32 Menschen, die an Grippe erkrankten, sind sogar gestorben”, — an einer Krankheit mithin, die sich ganz ebenso “gut” auf Buchmessen verbreitet. — Und hat schon mal, Leserinnen, wer davon gehört, daß aufgrund der im vergangenen Jahr 3059 Todesfälle im Straßenverkehr — bei auf den Straßen verletzten 384 000 Personen —  auch nur erwogen worden wäre, den Verkehr ganz einzustellen? Wie viele Todesfälle sind es hierzulande beim Coronavirus bisher? Acht, neun, zehn? Und kann es nicht jeder und jedem von uns selbst überlassen bleiben, ob wir das Risiko eingehen, uns möglicherweise zu infizieren? Sind wir freie Menschen oder längst schon an Fäden geführt?
Es ist zum Verzweifeln. Die Verlage und Aussteller jedenfalls, die an der Buchmesse teilnehmen wollten, hatten — außer einem chinesischen oder japanischen Manga-Verlag (ich finde gerade den entsprechenden Artikel nicht mehr, er stand in der Süddeutschen)— ausgesprochen deutlich gemacht, sich an der Hysterie nicht beteiligen zu wollen, schon gar nicht an ihr mit schuldig zu werden. Sie alle wollten kommen.

Was wirkt hier, also außer einer gesetzlichen Bestimmungsmanie, die noch das allerletzte Risiko wegschreiben will? Sie ist ja wirklich erhellend, diese Begründung der Leipziger Stadt, → sie habe der Aufforderung des Bundesgesundheits- und des Bundeswirtschaftsministeriums zu folgen (“habe zu folgen“, deutscher geht’s nicht), daß “eine Rückverfolgbarkeit von Kontaktpersonen bei Großveranstaltungen” gewährleistet sei. “Es verfügte u.a., dass jeder Messeteilnehmer schriftlich belegen müsse, nicht aus definierten Risikogebieten zu stammen oder Kontakt zu Personen aus Risikogebieten gehabt zu haben.” Das sei angesichts von rund 2500 Ausstellern und rund 280.000 erwarteter Besucher nicht sicherzustellen. — Ja, in der Tat, das wäre es nicht gewesen.
Sicherheit wird Gesellschaften offenbar zum Fetisch, die sicherer leben als jemals zuvor. Halten wir uns zugleich den, seit Beginn der Siebziger, → Rückgang der Intelligenz vor Augen und mischen die → zunehmende Unfruchtbarkeit, bzw. Zeugungsunfähigkeit der in den wohlhabenden Industrieländern jungen männlichen Weißen hinzu, bleibt eigentlich nur noch eine Erklärung:

Dekadenz.

Ihr Zeichen war es stets, daß Bauchnabelsausen zu gefühlte Katastrophen wurden, so, als gäbe es im Menschen ein Bedürfnis nach Bedrohung — vielleicht um erweisen zu können, man sei ihr gewachsen, mithin ein Mensch, der tatsächlich lebt —, und da es nun objektiv fehlt, muß es konstruiert werden. Das permanente → sich Belästigtfühlen, die Empfindung, von geringsten Unannehmlichkeiten persönlich bereits verletzt zu sein, die Absurdität, daß bereits ein Mißbrauch sei, wenn ein, sagen wir, Straßenarbeiter — der es, im Schweiß seines hart schuftenden Körpers, fast dankbar als momentane Erlösung erlebt, wenn eine hübsche Frau an ihm vorbeiflaniert — einer hinterherpfeift, die ihm gefällt … meine Güte, kann er etwas dafür, daß ihm diskretere Wege nicht beigebracht worden sind, sein Gefallen zu zeigen? — ach stimmt ja, er darf es sowieso nicht mehr …; überhaupt #Metoos  sensibelchenst → Genderfinessen (und ihre, wahrhaft, Raffinessen!), meine hart im Leben gestandene Großmutter hätte “Fisimatenten!” geächzt; und insgesamt das Risiko als etwas zu betrachten, das eine und einen klein werden läßt, statt daß es, wie es in Wirklichkeit ist, uns groß machen könnte (Thomas Erdlmeier: “Ich bin nicht auf der Welt, um klein zu sein!”), all das paßt erschreckend ins Bild.
Manchmal seufze ich dankbar auf, wenn ich die Flüchtlinge sehe in ihrem tatsächlichen Existenzkampf — und daß vielleicht sie nun dem vor sich hin larmoyierenden Europa neue Kräfte schenken, und sei es nur, weil eben ihre Zeugungsfähigkeit (und ihr Zeugungs- und Empfängniswille) noch intakt ist. Ja, illusionär, ich weiß, angesichts von → داعش, mittelalterlichem Patriarchat und Bildungsnotstaat — aber dennoch. Oder, wie es im Vorspiel zu THETIS heißt:

Bürgersteige ebnen, damit man die Straßenseiten leichter wechseln kann, heißt: einen geheizten Aufzug auf den Mt. Everest installieren: Alles soll allen zu­gänglich, alles soll zu kaufen sein. Und dann sitzen sie auf den herrlichsten Gipfeln der Welt bei Schwarz­wälder Kirsch und Prosecco und machen es den Lebenden bitter, noch irgend einen Gipfel in Lust auf Schweiß und Gefahr hinaufzuklimmen, weil, was sie oben dann fin­den, vergammelte Coca-Cola-Dosen sind. So ist es auch mit den Städten. Dein Atem, Buenos Aires, wird Dir weg­gepflastert werden, und an den roten, normiert zugeschnit­tenen Industrie­sandsteinen wirst Du ersticken, und all die Abweg­senken für Kinderwa­gen und Fahr­radwege werden dich kotzen ma­chen, und das Gut­gemeinte wird Dir die Seele Stück­chen für Stückchen ziehen.
Thetis.Anderswelt, 22

Fast möchte ich mit → Gloucester ausrufen:

– / – / –   | I cannot tell: the world is grown so bad,
That wrens make prey where eagles dare not perch
!
Shakespeare, Richard III, 1,3

Wie also soll das jetzt werden? Machen wir die Opernhäuser zu, die Theater, die Kinos? Dann gleich die Schulen mit, die Universitäten, und schließlich erfolgt ein Ausgehverbot? Plätze, auf denen viele Menschen zusammenkommen, werden eh gesperrt? Ach, und die Straßenbahnen, UBahnen, Busse! Die Deutsche Bahn stellt sowieso den Verkehr ein, Supermärkte werden nur noch nach vorherigem peinlichen Gesundheits-Check betreten, Einkaufsarkaden prinzipiell geschlossen. Welch Sieg der social networks dann! Irre modern. Die Flüchtlinge freilich — nicht Kinder, sondern Fliehende sind es, voller Panik und in Not — hält solcher Unfug mit Recht nicht ab, denn dieser Virus — hab ich’s schon gesagt? — hat selbstverständlich auch einen, da sieht’s die AfD mal wieder, wenn auch nicht grad islamischen, so doch → konfuzianischen Migrationshintergrund, zudem kommunistisch … fremd ist fremd, “deutsch” sowas nicht.
Indes, auch “wir” ham unsre Märchen und könnten es verstehen: “Etwas Besseres als den Tod findest du überall …”. Schon setzen sie alle sich Masken auf ihre so fremden Gesichter, Esel und Hund, Katze und Hahn, krabbeln aufeinander und lassen furchtbar Gezeter erschallen, so daß wir Räuber selbst hinaus, sämtlichst aus der Festung Europa, nur so stieben! Und niemand von uns ward mehr gesehen. Das wär “Überfremdung”? Nein — Erneu’rung vielmehr, Gesundung unsres Abendlands.

Die Leipziger Buchmesse 2020 ist also abgesagt. Wie lächerlich dies alles, wenn es, ach, nicht eigentlich nur peinlich wäre …

Ihr ANH
11.20 Uhr

NACHTRAG, 12.18 Uhr:
Die eigentliche Pandemie verschuldet nicht der Coronavirus, sondern der Virus renuntiationis:

Akheilos’ Vermeidung: Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 1. März 2020, als Erzählung aus der vorhergegangenen Nacht.

 

 

 

[Ort: Beckett’s Kopf
Zeit: 29. Februar 2020, spätabends
Personen: Lamiya und ich selbst
Weiteres: alkoholfreier Cocktail und Wein, Cigarillos vor der Tür]

 

“Entschuldigen Sie sich nie wieder, wenn Sie genderincorrect sprechen!” —Das Ausrufezeichen indiziert nur die Schärfe ihrer Zurechtweisung, nicht etwa tatsächliches Heben der Stimme. Obwohl sie ziemlich sauer auf mich gewesen, nach unserer Verabredung, die sie deshalb fast gecancelt hätte. Ich spielte – nur schlecht, wie sie … fast hätte ich jetzt “höhnte” geschrieben – den auf|blickenden Dackel. Rühren läßt sie sich nicht, auch nicht ironisch. Wobei  ebenso “höhnte” als leise zu verstehen ist. “Den Männern fehlt”, sagte sie später, schon lange in der Bar, “die letzte Perfidie. Rächen sie sich, ist es immer ein wenig zu grob. Ihnen geht die Fähigkeit ab, wirklich zu vernichten.” “Männer hassen, Frauen verachten”, hätte ich antworten müssen, doch fiel es mir da noch nicht ein, sondern erst am Schreibtisch, jetzt. Auch ein Grund, Schriftsteller geworden zu sein, wenn einem Aperçus nicht so zufalln, man sie als solche aber konstruieren kann, ohne daß die Leser merken, wieviel Zeit sie in Wahrheit gebraucht. Ich wendete statt dessen ein: “Talleyrand …” – Sie, als wäre ein Schatten vorübergeflogen, den alleine ihr kurzer Huster vertrieb: “Wer?” “Der berühmte Diplomat.” “Husten ist, wußten Sie das?, im Körper gebändigte Aggression.”

Ramplingaugen, Nasenbrillie, links ein elegantes Piercing der oberen Helix. — Lederjacke aus Schlangenhaut, die (anders als, siehe unten, auf → H. J. Drapers Gemälde) nicht unter die Hüften hinabgestreift war, noch daß sie’s später wurde. — “Nennen Sie mich Lamiya”, sagte sie, als sie mich in ihrem lackschwarzen Roadster von meinem Termin abholte, zu dem ich deshalb nicht mit dem Rad gefahren war. “Die → anderen Namen stimmen nicht, jedenfalls nicht heute. — Und passen Sie auf ..! Moment …  — ” Sie wendete die Decke, die auf dem Sitz für die Beifahrer lag. “Hier ist alles voller Haare.” Es roch, als ich drinsaß und die Tür zuzog, nach Löwenkäfig, Löwinnenkäfig, so daß ich an Montherlant denken mußte, einen Lieblingsautor meiner, haben die hellen wie dunklen Götter sie selig, Mutter  “Mein Puma ..,” sagte sie nebenhin und entzündete, bevor sie den Startknopf drückte, einen Cigarillo. – “Sie haben einen Puma?” – Sie lachte nur auf und gab Gas. Es roch aber wirklich nach Katze. Nein, nicht unangenehm, sondern in, ihrer Schärfe wegen, vorsichterheischender Süße. Zu rauchen war eine ziemlich gute Idee.
Beckett’s Kopf kannte sie nicht. Ich wollte aber imponieren — mehr mir selbst als dieser Frau, trotzig imponieren, der ich mir die dortigen Preise zur Zeit nicht leisten kann, aber den Mann geben mochte, der umso nachdrücklicher nicht zuläßt, daß er seinen Stil verliert. “Keine Diskussion, zahlen tue ich.” Daß dieser Stil weniger männlich als eher doch jungenhaft war und also ihr die Chips zuschob, die mein Roulette nur vermeintlich gewann, gehört zu den Widersprüchen, in die uns die Geschlechterspiele verwickeln, doch auch zu dem Reiz, der ebensie adelt. Übrigens vertrank ich selbst mehr als drei Viertel unsres Konsums. So wäre es auch faktisch erbärmlich gewesen, hätte ich mich da einladen lassen.
Ein langer Tag, übrigens. Als ich nachts, fast morgens, heimkam, war ich zweiundzwanzig Stunden auf den Beinen gewesen. Immerhin war ich zur Stärkung innen, noch bevor ich in den Roadster stieg, mit selbstgekochter Hühnersuppe aufgerüstet worden (Pastinaken darin, Petersilienwurzel, Scheiben von Möhren; also hatt’ ich Ballaststoffe und Spurenelemente in mir genug).

Männer und Frauen, unser Thema. Wir wußten es schon vor dem Treffen, klar. Außerdem stand eine Ohrfeige in Erwartung, die ich dann fast ein bißchen vermißte. Wie hätte ich reagiert? Gelacht oder, so selbstverständlich sanft wie “symbolisch”, zurückgeschlagen? Oder gar diese Frau geküßt? — was freilich ausgeschlossen war: Sie erzählte von ihrer lebenswährenden Liebe; Doppelleben gingen da nicht: indirekte, freilich unausgesprochen, Rede. Dennoch, ein intensiver Höhepunkt, als sie fragte — wir waren hinaus in die Nacht getreten, um zu rauchen —: “Können Sie das auch mit links?” “Ähm, ja …” Ich wechselte die Cigarillohand, und sie, sie hakte sich unter. Enorme Nähe, spürte ich, die sie nun nicht nur zuließ, sondern gesucht hatte. Es war ein samtenes Feuer, das mir vom rechten Oberarm zur Brust und kostbar von dort den Leib ganz hinabströmte. Mehr gab es nicht zu geschehen, konnt’ es nicht geben. Wahrlich berauschend genug.
Wir flanierten. (Auf der Pappelallee ist freilich nicht viel zu sehen, das bestaunenswert wäre, indes ich die Nähe der Arbeitswohnung mit Absicht bei mir behielt).
Und Politik, unser mit dem ersten verbundenes zweites Thema. “Die Menschen sind so dumm. Das macht einem den klügsten Beruf kaputt.” Die Zerschlagung rechtsstaatlicher Prinzipien durch #Metoo … die Bigotterie — ach, was war ich dankbar! Berlin speziell wolle sogar, klärte Lamiya mich auf, die Beweispflicht umkehren: Wer eines Vergehens angezeigt werde, → solle in Zukunft beweisen müssen, daß die Anzeige grundlos sei. Wird dies vom Gewährleistungsrecht aufs Strafrecht übertragen, sind wir tatsächlich wieder bei der bocca di leone. also einem Denunziations”recht”, das bei #Metoo längst faktisch ward. In dubio pro reo gibt’s dann auch nicht mehr als regulative Idee. —  “Aber sagen Sie,” erwiderte ich, “in vielen Gesprächen mit Frauen höre ich, wie auch sie keineswegs einverstanden mit den derzeitigen Geschehen sind. Nur sagen sie’s nicht laut. Dabei habe ich immer gedacht, die Männer seien feige.” “Es gibt Ausnahmen. Und in allzu offener Rede zu normerotisch abweichenden Neigungen oder gar Praktiken sind Frauen nach wie vor, besonders in ihren Berufen, stärker gefährdet als Männer. Wie ich es sagte: Frauen, wenn sie können, vernichten, hingegen Männern reicht ein Sieg. Es muß nur genug geklatscht werden können.” — Wundert es Sie, Freundin, da, daß ich mich an den hübschen Dialog Geliebte Männer erinnert fühlte, der heute → im ersten Band der Erzählungen steht? Freilich, das sagte ich nicht. In einer vorhergegangenen Nachricht hatte sie mir Autoreneitelkeit attestiert.
Auch kam sie mit einer Geschichte bereits, die ihr aus einem Buch, das ich nicht kannte, erinnerlich geblieben: Dogtraining.  Wobei das “dog” für den Mann steht: “Es geht um Bestätigungsstrategie. Die geschickte Ehefrau kritisiert niemals, was sie an ihrem Mann nicht mag. Doch was sie mag, und wenn er sich in ihrem Sinne verhält, das lobt sie. Und zwar immer wieder. Da er des Lobes bedarf, wird sich sein Verhalten zunehmend auf das Gelobte verschieben. Man nennt das Positive Verstärkung. — aber was nun”, setzte sie fort, bereits wieder drinnen, “die Dummheit anbelangt: Es gibt Untersuchungen, denen zufolge die Intelligenz der bis 1970 geborenen Generationen zunehmend anstieg; seither indes geht sie alarmierend — nachweislich — zurück. Wir müssen uns also nicht wundern, wenn Argumente, wie immer richtig sie auch seien, nicht mehr verstanden werden. Sie können nicht mehr verstanden werden.” – Ich dachte: Daher die beinah totale Liebe zum Mainstream. Und wie schnell man dabei zum “Rechten” wurde! Es genügt ihm gegenüber ein unangepaßtes kritisches Wort. – “Sie kennen den → Fall Flaßpöhler?” fragte Lamiya  “Ich habe,” sagte ich, “mehrfach drüber geschrieben und auch drauf verlinkt.” Und da, wie plötzlich aus der Luft: “Sie haben mich noch gar nicht gefragt, weshalb ‘Lamiya’ …” “Wahrscheinlich haben Sie meine Bücher gelesen.” “Außer Meere keines, nein.” “Niam Goldenhaar.” “Finden Sie mich blond? Sie brauchen eine Brille mit Farbkorrektur!” “Sowas gibt es?” “Weiß ich nicht. — Also, weshalb?” “Lamien töten Kinder.” “Warm,” sagte sie, “klopfen sie weiter mit Ihrem Assoziationslöffel. Dann schlagen Sie vielleicht doch noch auf den Topf.” “Ich habe verbundene Augen?” “Bitte, Herr Herbst! Weshalb ist die Lamia so grausam geworden?” “Sie empfing von Zeus ein Kind …” “Ja, einen Jungen, Akheilos.” “… woraufhin sie Hera mit Wahnsinn strafte, der sie  ihr Kind mit eigener Hand umbringen ließ.” “Also wie jetzt ein ähnliches Schicksal vermeiden?” “Indem man auf Zeus als Geliebten verzichtet?” “Nun wird’s wieder kälter, sogar sehr kalt. Wolln wir denn lustfeindlich sein?” “Sie meinen ..?” “Perfekt. Kindern vorbeugen, sie gar nicht erst bekommen.”

Da hatten wir denn unsern Dissens.
“Ich liebe Kinder,” erwiderte ich, “bin rasend gerne Vater.”
“Ich nicht, also wollte nie Mutter sein. Ich wollte und will meinen Mann, absolut und immer. Ohne eine Pause.”
Das gefiel mir sehr.
Ich erzählte von den Geburten, wie prägend ich sie erlebte. “Und, ja, selbstverständlich: Es gibt ein schwieriges erstes Jahr. Doch nach der zweiten Geburt ist man drauf vorbereitet und weiß damit menschlich umzugehen, so liebevoll wie klug.”
Überzeugen tat ich sie, spürte ich. nicht. Es wäre anders auch falsch gewesen.
Ich habe überdies Erfahrung mit der Haltung dieser Frau. Und mir fiel der Puma ein. Ich hörte Grollen in mir wie von draußen — als wär auf der Straße der schwarze Roadster angesprungen. Dieser Drohung beugte ich mich.

Schon erzählten wir von unseren Reisen, hätten stundenlang weitersprechen können und es wohl auch getan, wäre ich allmählich nicht doch — da war es fast schon vier — ziemlich müde geworden. So ungern ich es zugebe, doch zwanzig bin ich nicht mehr, und Frühaufsteher, wie ich bin, war Nächte durchzumachen noch nie, wie man sagt, “mein Ding”.
Sie wollte mich nachhause fahren, hatte ja wirklich nur diesen einen alkoholfreien Drink zu sich genommen, allenfalls waren es seiner zwei. Doch ich schob vor, noch etwas ausschreiten zu wollen, “hab doch den ganzen Tag fast nur gesessen”. In ihren Blick geriet etwas Zweifel, doch eine Lamia beharrt nicht.

Ein nächstes Date, nein, gibt es noch nicht. Ich hätte zwar gerne die Hand dieser Frau gehalten, doch bin froh, es nicht getan zu haben. Verwicklungen wären unvermeidbar gewesen, die ihr so wenig guttun würden wie mir — abgesehen von den langen Momenten des Rasens.

 

Sie haben gefragt, meine Freundin. So habe ich Ihnen nun die Antwort gegeben. Aber wenn mir jetzt auch die FAZ → ein  bißchen angekreidet hat, ich würde in meinen Erzählungen alle Frauen sexualisieren, was soll ich denn tun, wenn mir die Lamien immer aufs neue begegnen, die Circes, Lan-an-Sídhes sowie die Medeen?

fragt Sie
Ihr ANH

Sie sind doch alle nach wie vor da!

 

 

[Bildquelle © : → Wikipedia]

Die krönende Phase des Anthropozäns
Ein Beitrag zur Erlösung vom Geschlecht

„Ein Nein ist ein Nein“, das ist wohl wahr.
Nur ein „Nein“ — ja wozu?
Das ist alles viel, viel, viel zu schwammig. Wir brauchen im Gegenteil „Ja“s, und zwar dezidiert, um handlungsfähig zubleiben. „Du darfst mit mir schlafen“ reicht da nicht, auch nicht mit Unterschrift, weil erstens zu „schlafen“ gar nicht gemeint ist und zweitens selbst das Gemeinte viel zu vielgestaltig, als daß es nicht einer Vertragsform bedürfte, die noch die abgelegenste Neigung präzise bestimmt oder ausschließt. Haben wir also auch hier vorm Kleingedruckten acht! Vor solcherart Täuschung sei darum sofort der Riegel geschoben:

 

[→ Quelle:auf Abbildung klicken]

 

Nur darf dies — schon in öffentlichem Interesse, vom Sozialen ganz zu schweigen — auf keinen Fall in privatunternehmerischen Händen liegen. Benötigt wird vielmehr eine ein für alle Mal gültige bürgerlich-rechtliche Form, einen Norm-, mithin möglichst europäischen Sexualvertrag, der sich aus deutlich benannten Inhalten aufbaut – am besten nach multiple-choice-Manier, sinnvollerweise in den Smartphones gespeichert. Dann wischen wir vor dem Verkehr nur noch durch die Sites, bestätigen hier, oder verneinen, und schließen den Vorgang mit einem Fingerprint ab. Es wäre dies – sagen wir’s vereinigungstechnisch angemessen: –  flüssiger als vierundzwanzigseitige Kontraktformulare, die man wie frau ja irgendwie mit sich herumtragen muß – je nach erotischem Temperament zuweilen oder dauernd. Denn kommt uns die Lust und Aussicht auf Erfüllung, muß die eineindeutige Bestätigung des Wunschpartners folgen, damit wir uns nicht strafbar machen. Für spontane Vereinigungen gilt das verschärft, etwa unter freiem Himmel. Gute Hotels allerdings, so ab der Klasse von vier Sternen, werden sich der Sachlage flugs einzufinden wissen und für ihre Klientel – von „Stammgästen“ möchte ich aus gendercorrecten Gründen nicht sprechen – die Ausdrucke immer bereitliegen haben. Praktischer- wie eleganterweise ist dennoch (→ Legalfling) das Smartphone vorzuziehen, und sowieso aus Gründen des Mainstreams. (Ich erinnere mich sehr gut an Zeiten, da, meinem Opa vom Büdchen Bier zu holen, noch nicht den eigenen Alkoholismus nach sich zog, wie es heutzutage klarerweise der Fall ist.)
Tatsächlich dürfen wir den Umfang der koitalen Verträge nicht unterschätzen. Nicht nur die direkte Penetration steht doch zur Rede, bzw. in der vertraglichen Pflicht. Da Menschen auf verschiedene Praktiken verschieden gestimmt, gar einigen bitter vergegnert sind (bisweilen bereitet bereits Orales Probleme, die durchaus faktisch – etwa mit dem Würgereiz – begründet werden können, um von analen Vereinigungsformen schon aus Vorsicht zu schweigen … ich deute hier nur Faserrisse an), unterliegen sie erst recht einer Zustimmungspflicht. Dabei zeigen uns schon die klassischen Lehrtexte zum erotischen Umgang, wie komplex die Möglichkeiten sind – alleine sieben Bücher Kamasutra (Das sind die heißesten Stellungen, brigitte.de), dazu der wahrlich Blühende Garten des Scheiches Nefzaui. Von härteren „Spiel“formen spreche ich besser erst gar nicht, erfaßt aber müssen sie unbedingt werden.
Was also ist erlaubt? Allein dessen Ausarbeitung hat einigen – auch volkswirtschaftlichen – Nutzen. Denn es geht ja auch darum, so zu formulieren, daß nicht schon da, nämlich unbedachter Wortwahl halber, traumatisierende Verletzung erfolgt, und zwar lange bevor sie praktisch an die Tür pochen kann, an die entsprechende Öffnung mithin, ob Ohr nun oder da unten. Hier müssen Spezialagenturen her, PR in allgemeinverständlicher Sprache, dabei geschlechtsausgewogen und selbstverständlich psychologisch beraten. Für, grob skizziert, zum Beispiel folgende Fragen, respektive Genehmigungen:

[Nichtzutreffendes bitte streichen]
* Sie dürfen mich in das Ohr | den Schenkel | usw. beißen
* Sie dürfen meinen Arm | Kopf | Po | … | anfassen / küssen / *** [jugendschutzhalber zensiert]
* Sie dürfen mir Ihr *** in den/die/das ***
* Sie dürfen / dürfen nicht unflätige Sätze zu mir sagen („Mach mir den Gibbon/Glühwurm/Esel“ / („Laß mich dein Badewasser schlürfen“ usw.)

[Nichtzutreffendes bitte streichen]

Ja überhaupt muß schon die spezielle Terminologie festgelegt werden, die während des Aktes Anwendung findet, wenn denn gesprochen werden soll/darf/wird. Nämlich auch hier lauern schlimmste, seelische in diesem Fall, Verletzungsgefahren, zumal wir bestimmte Körperteile nicht mehr mythisch erhöhen dürfen, erst recht nicht sentimental – stellt doch die erotische Projektion schon selbst Mißachtung der Partnerphysis dar, ja begründet ihren Mißbrauch. Es gibt für zum Beispiel den organischen Apparat der Milchdrüsen oder gar den Empfängnisvorbereich schlimme Bezeichnungen, die zu mehr als nur Verstörung führen können, andererseits deren Fehlen in gewissen Phasen der Erregung eventuell vermißt werden würde (dirty talking). Die Frage ist tatsächlich brennend: Soll auch ein Fehlen strafbar sein?
All das durchzugehen, braucht für die Partner deren Zeit, sagen wir zwei Stunden. Die allerdings das Vorspiel, dessen Mißachtung grad oft die Weiblichkeit beklagt hat, zu ungeahnter Geltung kommen läßt. Nun – weil besonders junge Leute gern vermittels ihrer Handys flirten, einander gegenübersitzend im Café – vollzieht es sich ganz auf der Höhe des Mainstreams. Überdies liegt der Vorteil in einer gewissen Pragmatik. Wie ökonomisch wird mit einem Mal alles! Geradezu von konzentriert läßt sich’s sprechen. Niemand muß mehr täppisch erkunden, ob mit den Fingern, ob mit dem Mund, was die und der Begehrte mag; man hat’s gleich schwarz auf weiß. So ist der Irrweg ausgeschlossen – der eben auch vermieden werden muß, weil sonst die Strafanzeige folgt – und à propos (gegebenenfalls ist diese sowieso klar): Verträge fallen unters Zivilrecht. So daß jenem auch ein Prozeß wegen Vertragsbruchs folgte, notwendigerweise, verbunden mit Klage auf Schmerzensgeld und Schadensersatz. Rechtsanwaltskanzleien erschließt dies Einnahmequellen, die abermals das Bruttosozialprodukt unserer Volkswirtschaft steigern. Fürwahr, die Gendercorrectness ist ein signifikanter Posten des Markts.
Bislang wurde gerade dieser Aspekt nicht gebührend ins Auge genommen – daß wir uns nämlich in einer tatsächlich so fortschreitenden Emanzipation befinden, um Hand in Hand mit der Marktwirtschaft endlich Genesis 1,28 erfüllen zu können. Damit ist die Gendercorrectness eine Befreiung beider Geschlechter und nicht „nur“, wie reaktionärer Machismo gehässig es sieht, eine Feministinnenstrategie zwecks asymmetrischen Machtgewinns, sondern er trägt auch zur allgemeinen Wohlfahrt bei – zur Bildung ganz besonders. Denn wir lernen zu sehen, was ist: die Geschlechtsapparate als eben nur einen Teil – zumal, in solcher Nähe zum Anus, den unhygienischsten – unseres biologischen Körpers, der schließlich gerechterweise verwest (und dann ganz besonders zu stinken beginnt, anders als der Geist, den es rein als Seele zum Schöpfer hoch hinaufweht). Wir brauchen das erbärmliche Chassis unseres Leibes fast nicht mehr und müssen deshalb nicht länger einen Duft projezieren, wo in Wahrheit nichts als krude Miasmen (Abfallprodukte des Stoffwechsels mit allerlei, wie Schmieröl das Scharnier, entstumpfenden Sekreten), zudem durchweg infektiös und sowieso, bakteriell wie virös, äußerster Gefahrenherd.
Der Monotheismus sah es schon richtig: Solange besonders wir Männer solch ein Verklärungswerk taten, also das allem Geschlecht Unreine ikonografisch verstellten, blieben wir Tiere – als ob wir, wenn’s uns überkommt, an einer jeden Zaunecke schnüffeln. Erhöhung ist Instinktersatz. Jetzt aber, mit Queer „und alledem“ (→ Freiligrath/Biermann 1978) können wir uns darüber erheben mit dem Geschlecht als pur sozialer Konstruktion – als endlich freier nur noch Geist: trieberlöst in die Indifferenz.
Verträge wie die oben genannten helfen uns dabei. Wir werden wirklich autonom – und vielleicht vom Schlimmsten noch erlöst: daß Frauen unter Schmerzen gebären. Allein das viele Blut und auch hier die Sekrete, sogar Exkremente – widerlich! Da gegen steht die Correctness Hand in Hand mit der Gentechnologie – nicht um die Männer gleichfalls gebären zu lassen (was theoretisch denkbar wäre, wenn auch nur mittels Kaiserschnitt). Vielmehr müssen es die Frauen bald wirklich nicht mehr tun. So läutet das Ende der definierten Geschlechter als einer Tyrannei des Instinkts das uns erlösende Zeitalter ein. Wir wollen es das replikante nennen – und sehen’s als krönende Phase des Anthropozäns, die keiner Kultur der Sublimation mehr bedarf, noch der übel (→ „un admirador“) verklärenden Künste.

___________
ANH

Jan./Feb. 2020

 

 

Nabokov lesen, 19. Die Erzählungen II,1 ((1935 – 1951).

 

 

Mit unerträglicher Heftigkeit erlebte ich noch einmal (so erscheint es mir wenigstens) alles, was, angefangen mit einem ähnlichen Kuß, je zwischen uns gewesen war; und ich sagte (an-stelle unseres billigen, förmlichen “Du” jenes seltsam volle und bedeutungsschwere “Sie”  verwend, zu dem der Weltumsegler in jeder Hinsicht bereichert zurückkehrt): “Schauen Sie — was wäre, wenn ich Sie lieb[t]e?”
Frühling in Fialta, 104

So, → mit diesem Sie, hat auch Die Dschungel einmal begonnen und es nicht nur bei →  Sola-Ngozi so strikt wie netzunüblich durchgehalten. Bis heute. Das war bereits damals auf einen poetischen Hof angelegt — als Corona um jede Aussage und doch leuchtend aus ihr auch heraus (oder sie dunkel beschattend), denn

bis man mich erschießt, werde ich darauf beharren, daß Kunst, sobald sie mit Politik in Berührung gebracht wird, unvermeidlich auf das Niveau beliebigen ideologischen Plunders herabsinkt,
Frühling in Fialta, 100,
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

was für die “Correctness” genauso gilt, die in vielen, wenn vielleicht auch nicht allen Bereichen des täglichen Leben notwendig ist, in aber der Kunst nichts zu suchen hat, und sucht sie dort dennoch, dann um sie zu bändigen, an die ideologischen Leinen zu nehmen oder gar völlig wegzusperren als etwas, das sich der funktionalen Moral, also dem Zugriff solcher entzieht, die sie nicht verstehen oder verstehen nicht wollen, oder sie ahnen etwas in ihr, das sich dem Untertanengeist ebenso entzieht wie Mose I, 1,28.
Wohin es geführt hat, dieses Sichunteranmachen (:ein bezeichnender Doppelsinn) und über die Fische und Vögel zu herrschen, das wissen wir ja nun.

Als die Götter noch irdische Gestalt anzunehmen pflegten, als sie, angetan mit veilchenfarbenen Gewändern, mit muskulösen Füßen in noch staubfreien Sandalen bescheidentlich, aber kraftvoll den Erdboden betraten und Feldarbeitern oder Berghirten erschienen, tat das ihrer Göttlichkeit nicht den mindesten Abbruch; im Gegenteil war der sie umwehende Charme der Menschlichkeit eine höchst sprechende Bestätigung ihrer himmlichen Natur. Doch wenn ein beschränkter, ungehobelter, ungebildeter Mann — auf den ersten Blick ein drittklassiger Fanatiker und in Wahrheit ein sturer, brutaler und finsterer Pavenü voller krankhaften Ehrgeizes —[,] wenn ein solcher Mann sich als Gott verkleidet, möchte man die Götter um Verzeihung bitten.
Tyrannenvernichtung, 123
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Bereits Ernst Bloch wies darauf hin, wie viel Hitlers Wahn aus der Johannesapokalypse übernommen hatte — das monotheistische “Prinzip” sowieso, wie das der unbedingten Gefolgschaft überhaupt, das den Dissenz in Diktaturen mit dem Tod oder der Verbannung bestraft und in sogenannten Demokratien mit wenigstens sozialer Stigmatisierung. Nach wie vor ist schauderhaft, daß GOttes Verlangen – als Zeichen seiner, dieses böse Wort, „Treue“ –, Isaak habe seinen Sohn zu opfern, und daß er’s im Moment, da jener es tun will, ihm erläßt, als ein Zeichen besonderer Güte galt und gilt – anstelle dem brutalen Patriarchen so hart vors Schienbein zu treten, daß es ihm bricht.

Ich kann ruhig zugeben, daß ich selber einmal den flüchtigen Eindruck hatte, er sei fähig zum Mitleid; erst später wurde mir dessen wahre Schattierung klar. Leuten, die billige Paradoxa mögen, ist schon vor langem die Sentimentalität der Henker aufgefallen; und tatsächlich ist vor Fleischerläden der Bürgersteig immer feucht.
Tyrannenvernichtung, 135

Dies gleich zu Anfang meiner, nun jà, Besprechung des zweiten Bandes der Erzählungen Nabokovs, die mit den letzten noch auf Russisch geschriebenen beginnen und danach sämtliche folgenden englischsprachigen umfassen. Ganz wie in >>>> Wölfinnen finden sich darinnen diesmal auch entschieden längere Prosaarbeiten, die teils abgebrochene Romanprojekte sind. Wie >>>> dort will ich auch hier ich auf drei oder vier von ihnen gesondert eingehen; ebenfalls wie dort soll dieser erste Beitrag zu Band II der Erzählungen einen kommentierten Gesamteindruck der Schönheiten und der nabokovschen Raffinesse vermitteln, die sein Werk derart zeitlos heraushebt.

Mit Träger Rauch geht es 1935 schon los:

Der Lärm eines Wagens schraubte sich hoch wie eine dünne Säule, auf die sich als Kapitell ein Hupen an der Kreuzung legte; oder es kam umgekehrt das Hupen zuerst, dem ein näher kommendes Knattern folgre, an dem das Schaudern der Türflügel nach besten Kräften teilnahm,
Träger Rauch, 10
(Dtsch.v. Jochen Neuberger), 

was ebenso wie

die hellen Schlitze ihrer pelzigen Augen (Hervorh.v.mir, ANH)
Träger Rauch, 13

mehr als nur erwähnenswert ist. Die Erzählung ist aber auch poetologisch interessant, insofern Nabokov mit erneuten Selbstreferenzen arbeitet, etwa indem der Icherzähler dieser Jungpoetengeschichte die Bibliothek seines Vaters auch den Roman Защита Лужина eines gewissen Sirin enthalten läßt – jenes Pseudonyms „W. Sirin“, unter dem Nabokov in seiner Exilzeit meist publizierte (weshalb er es nicht mit Klarnamen tat, werde ich gewiß noch erfahren).

Allerdings, um solcherart Selbstrefenz von literaturwissenschaftlich falschen Bakterien oder der Naivetät zu desinfizieren, teilt Nabokov seinen Leserinnen und Lesern Jahrzehnte später mit, daß

Wer gerne biographischen Appetithappen nachjagt, gewarnt

sei und

mein Hauptvergnügen beim Abfassen neuer Sachen darin bestand, unbarmherzig Garnituren von Emigranten zu erfinden, die im Wesen, der Schichtzugehörigkeit, dem Aussehen und so weiter den Nabokovs absolut unähnlich waren. Die einzigen beiden Übereinstimmungen zwischen Autor und Held sind hier, daß beide russische Gedichte schrieben und daß ich irgendwann in einer ebenso tristen Berliner Wohnung wie er gewohnt hatte. Nur sehr schlechte Leser (oder vielleicht einige ungewöhnlich gute) werden mich dafür schelten, daß ich sie nicht in deren Wohnzimmer lasse.

Daß es sich bei solchen Aussagen zugleich abermals um ein poetisches Spiel handelt, habe ich → schon dort angedeutet, um eine Volte, die Fiktionales mit Realem amalgamiert – was übrigens nichts oder höchst wenig mit „alternativen Fakten“ zu tun hat, sondern erkenntnistheoretisch Schopenhauers Gedanken entspricht, wirklich sei, was wirke.

Aber muß ich denn eigens erklären, wie unentrinnbar mich Formulierungen wie

(…) ein kleiner Mückenschwarm war damit beschäftigt, über einer Mimose, die lustlos blühte und ihre Ärmel bis auf den Boden sinken ließ, die Luft zu stopfen [Hervorh.v. mir]
Frühling in Fialta, 79

becircen? Oder fünf Seiten vorher:

und mitten auf der Straße küßte sie mich dreimal mit mehr Mund als Gefühl,
ebda.,

um ganz von dem, im Irrealis wohlgemerkt, Vergleich zu schweigen

als wäre die Liebe einer Frau ein Quellwasser voll gesunder Salze, von dem sie jedermann auf den leisesten Wink bereitwilligst zu trinken gab.
ebda., 78

Achten Sie auf die “s”- und “st”-Folgen. Freilich hat auch

die vom Rhythmus hergestellte Verbindung zwischen Hymen und Tod
ebda., 78

an etwas Teil, für das ich selbst auf der ergebenste und liebevoll, wie unsere Zeit es kaum mehr zu (er)kennen scheint, nach wie vor schreibe – und umso beharrlicher, als irgend versucht werden muß, etwas von dieser alten, zugleich extrem präzisen Fülle in die pragmatische Moderne und ihr flaches Genderprimat hinüberzuretten: nicht gegen, sondern für „die“ Frauen, genauer: der erotischen Notwendigkeit einer Verklärung halber, die der nicht nur künstlerischen Projektion, die jede Liebe auch ist, die Hingabe bewahrt. Wobei sich mit umgetauschtem Possessivpronomen

ein Bleistift-X, das Symbol für das Analphabetentum seines Herzens
Tyrannenvernichtung, 135

im Nachhinein als prophetisch-böser Kommentar zum späten → #metoo lesen ließe. Nein, Scherz beiseite (es versteht ihn eh niemand) – doch lesen Sie, Freundin, wie Nabokov beschreibt, was nicht wenige wahrhaft Verliebte erleben dürften und wir auf jeden Fall erlebten (wobei es völlig wurscht ist, ob Mann und Frau, ob Frau und Frau, Mann und Mann, ja „Queer“ und „Queer“, selbst → Hirten könnte es mit ihren Lämmern so gehen):

Und was mir und ihr in der Zwischenzeit auch zustieß, es kam nie zu irgendwelchen Aussprachen zwischen uns, da wir in den Pausen unseres Schicksals niemals aneinander dachten, so daß sich bei jedem Wiedersehen das Tempo des Lebens auf der Stelle änderte, alle seine Atome neu kombiniert wurden und wir in ein anderes, leichteres Zeitmedium gerieten, dessen Maß nicht die langwierigen Trennungen, sondern die wenigen Begegnungen waren, aus denen auf diese Weise künstlich ein kurzes, vermeintlich leichtfertiges Leben entstand.
Ebda., 95

Dann wieder bringt dieser Prosadichter eine poetische Quadratur des Kreises fast aus dem Handgelenk, so scheint’s, zustande, eine bitterböse Satie , worin der

schlecht gebügelte Schatten des [Eisenbahn]Wagens (…) wie verrückt an der grasbewachsenen Böschung entlang[raste], wo Blumen zu Farbstreifen verschmolzen[,]
Wolke, Burg, See, 109
(Dtsch.v. Renate Gerhardt und Dieter E. Zimmer)

innig mit poetisch zarten, ja zärtlichen Momenten zu verbinden:

Eine ausgewachsene Wanze ist schauderhaft, aber es liegt eine gewisse Grazie in den Bewegungen eines seidigen Silberfischchens.
Ebda., 113

Enorm stark ist das auf die Tyrannenvernichtung folgende L i k, einerseits dessen Beginn auch der einer Erzählung des von Nabokov später sehr geschätzten → Borges sein könnte, aus der

angelnde Regisseure auch noch Jahre später etwas herausfischen können[,]
Lik, 162
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

und das andererseits in vergnüglichstem Blitzen des Autors boshaften Witz demonstriert:

(… ) es ist alles sehr zwingend und lebenswahr, jeder Dialog trägt das Warenzeichen einer respektablen Tradition, und es versteht sich von selbst, daß kein einziger Stoß von Talent den ordnungsgemäßen Gang der Handlung stört

zumal der

Apfel der Zwietracht (…) gewöhnlich eine frühe, saure Frucht [ist] und gekocht werden sollte.
Ebda., 163

Dabei wird abermals das Exilantenmilieu, doch ausnahmsweise nicht das Berliner, vielmehr das im seinerzeitigen Paris geradezu poetologisch in den Blick genommen:

Bei nicht mehr jungen Menschen, die nicht nur außerhalb ihrer Heimat, sondern auch außerhalb ihres eigenen Lebens gestrandet sind, entwickelt sich das Heimweh zu einem außerordentlich komplizierten Organ, das ununterbrochen in Tätigkeit ist und dessen Sekrete alles Verlorene kompensieren; oder aber es wird zu einem tödlichen Seelentumor, der das Atmen, das Schlafen und den Umgang mit unbekümmerten Ausländern schmerzhaft macht.
Ebda., 165/166

Wobei zwar der

Einsamkeit als einer Situation […] abgeholfen werden [kann], als Geistesverfassung jedoch […] eine unheilvolle Krankheit
Ebda., 170

sei, zumal

alle Verbesserungsmöglichkeiten, die Kunst und Eitelkeit ihm nahelegten (zwei Dinge, die oft zusammenfallen [Hervorh.v.mir]), bald gleichgültig wurden
Ebda., 170

und er, nämlich Lik, “mit unveränderter, geheimnisvoller Freude auf die Bühne” eilt. Schon spannt sich da über ein nächtliches Meer

eine straffe Membran aus Mondschein […], dem ebenso straff gespannten Gefäß seines klopfenden Herzens verwandt, als trennte nichts es vom Himmel, von dem Geschlurre menschlicher Füße und dem unerträglichen Andringen der Musik aus einer nahen Bar.
Ebda.,172/173

Da muß es uns nicht wundernehmen, wenn er

sich plötzlich unsicher auf den Beinen [fühlte] und zu vornehm angezogen.
Ebda., 181

Die teils bittere, auf die leicht bizarre Annäherung eines Herrn namens Koldunow, mit dem auf der Pier ein bei aller auch schurkischen Verstellung ein existentielles Gespräch geführt wird — in dessen Folge Liks Uhr

weiter[tickte] und […] taktvoll [versuchte], ihn nicht anzusehen,
Ebda., 196

— nein! …. Die diese Erzählung beschließende Pointe verrate ich nicht, nur noch Liks hilfloses “C e sont les miens.”

Der folgende Museumsbesuch ist nicht ganz unähnlich meinem eigenen Blick auf diese Art Kunstmausoleen, bzw. Kolumbarien wie dem unterirdischen auf Père Lachaise., nur daß die Geschichte hier leider etwas wegkippt, als hätte Nabokov die Lust dran verloren oder ein zündender Schluß ihm einfach nicht einfallen wollen. Kommt vor, Wassilij Schischkow entschädigt uns gleich – eine durchaus autobiografisch fundierte Prosa; Nabokov erzählt den Hintergrund später auch selbst:

Um Ende 1939 die Eintönigkeit meines Lebens in Paris aufzulockern […], beschloß ich, dem berühmten Exilkritiker Georgij Adamowitsch (der mein Zeug regelmäßig verriß […]) einen harmlosen Streich zu spielen, indem ich in einer der beiden führenden Literaturzeitschriften ein Gedicht unter einem neuen Pseudonym veröffentlichte, um herauszufinden, was er […] zu diesem unerwartet aufgetauchten Auto zu sagen hätte. […].
[Es] wurde von Adamowitsch […] mit außergewöhnlicher Begeisterung gefeiert. […] Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Scherz weiterzutreiben, und veröffentlichte kurz [nachher]
Zit.n. Dieter E. Zimmer, Nachwort zu diesem Band, 600-602

die eben jetzt von mir ins Auge genommene Erzählung “eines Dichters, der in einem anderen aufgeht”. Darin finden sich formulierte Feinheiten von

einem geräumigen, bequemen Handschlag

und daß Schischkow

Mit ernstem Gesichtsausdruck und einem ähnlichen Ernst in der Stemmbewegung seiner Schultern […] den rostigen Widerstand der Drehtür [überwand],
Schischkow, 216
(Dtsch.v. Jochen Neuberger)

oder daß jemand

rein physiologisch gesehen, wenn Sie mir diesen Ausdruck erlauben, über ein Geheimnis des Schreibens
Ebda., 219

verfüge, und derlei leise Grandiositäten ziemlich viel mehr.

Womit ich bereits bei einem der, noch in Russisch geschrieben, Zentralerzählungen dieses zweiten Bandes wäre, die erstens umfangreich genug, um auch → als gesondertes schmales Buch erschienen zu sein, und zweitens für Nabokows späteres, sogar sein berühmtestes, als früher, doch deutlicher Vorläufer gelten zu müssen, nämlich Der Bezauberer von 1939 (in manchen deutschsprachigen Ausgaben auch “Der Zauberer”).
Auf diesen aus verschiedenen Gründen — u.a. solchen, deren, sie zu gestalten, Wagnis ich → in Lolita vermißte — wesentlichen Text will ich im nächsten Teil meiner Betrachtungen dieses zweiten Erzählbandes genauso gesondert und ausführlich eingehen wie auf die letzten beiden auf Russisch verfaßten Erzählungen Utima Thule und Solus Rex in den darauf folgenden Betrachtungen. Hier sprengte es meinen ohnedies schon sehr langen Beitrag. Und da auf “sprengen” sich “springen” beinahe reimt (doch die Alliteration gleicht beinah das “beinahe” aus), tun wir’s also ———

——— und springen nunmehr in die englischgeschriebenen Geschichten, einer Sprache, deren einer der, wie ich gestern → bei Eigner las, größten Stilisten der bei Einschiffung gen USA vierzigjährige Nichtmuttersprachler werden sollte. (Auch auf Eigners in dem verlinkten Band enthaltene “Nachstellung” Lolita – Fleisch und Begriff möchte ich getrennt eingehen.)

 

E c c o :

Der Regieassistent blickt erst einmal zurück, auf Paris, deren rue Vaugirard gleich neben der Berliner Motzstraße, sozusagen, verläuft, was gar nicht seltsam ist, denn

das Unerwartete ist das Infrarot im Spektrum der Kunst.
Regieassistent, 401
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer) 

So durfte denn Nabokov noch schreiben, daß sich eine Frau — von einem zwar ziemlich verwundeten, doch nach wie vor feschen und furchtlosen Reiter mit auf sein galoppierendes Pferd gezogen — “wild und wonniglich wehrt”, weil ein mißachtetes Nein halt doch zur schon erahnten Beglückung führen kann – “k a n n”: Ich bitte, genau auf meine Formulierung zu achten, und zwar immer.
Und wir hören von Organisationen,

die lediglich ein Sonnenuntergang hinter einem Friedhof
Ebda., 405

sind und deren künftiger Präsident der General Golubkow werden will, sowie von der Sängerin Slavska, deren

künstlerischer Geschmack […] gleich null [war], ihre Technik reiner Zufall, ihr allgemeiner Stil ein Graus; doch jene Leute, für die Musik und Gefühl eins sind oder die Lieder als Vehikel jener Stimmungen betrachten, unter denen sie in individueller Vergangenheit zum ersten Mal gehört wurden,

was heutzutage einen Großteil des Erfolges der Popmusik erklärt,

fanden in der gewaltigen Klangfülle ihrer Stimme wehmütigen Trost wie vaterländische Ermutigung.
Ebda.,412

Allerdings (um auf Golubkow zurückzukommen):

Wir werden uns nicht über den Abgrund seiner Gefühle beugen.
Ebda., 420

und zwar erst recht nicht in Gegenwart eines anderen Generals-im-Exil, der

halb von einem jener Korridorstühle herabgeglitten [war], die dazu verdammt sind, immer nur Gegenstände aufzunehmen und niemals Menschen,

obwohl er, General L.

zu jenen Menschen gehörte, welche [1]“welchem” Wort ich das kürzere “die” hier vorziehen würde der Meinung sind, daß ein Satz, solange er nur ein Satz ist, auch irgendetwas bedeuten wird.
Ebda., 421

Hübsch ist auch die Bemerkung, es habe die

französische Polizei in ihrer Behandlung möglicher Indizien eine sonderbare Lustlosigkeit an den Tag [gelegt], als nähme sie an, daß das Verschwinden russischer Generäle eine Art wunderlicher ortsüblicher Sitte war, ein orientaliches Phönomen, ein Auflösungsprozeß, der möglicherweise nicht vorkommen sollte, aber nicht zu verhindern war.
Ebda., 422

“Möglicherweise”… also bitte, wer da nicht lacht!

Und dann der im Juni 1943 erschienene, derart großartige Text … daß in Aleppo einst …, daß ich nicht umhin kann, Ihnen, Freundin, meine Begeisterung schon durch folgendes gewissermaßen Faksimile zum Ausdruck zu bringen:

Nicht nur, daß für den Erzähler wie in meiner eigenen Jugend Sherlock Holmes so bedeutsam war, daß er hier indirekt sogar einen kurzen Auftritt bekommt (welch Jammer, daß Nabokov → Jeremy Brett noch nicht kannte – oder kannte er ihn, borges’sch gedacht, vielleicht doch? –), erinnert er sich zwar nicht an die Zeiten,

– oder daß ich es so ausdrücke, erinnert mich vielmehr daran – als wir unsere ersten euterwarmen schäumenden Verse schrieben […].
Aleppo, 426
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer),

sondern auch die folgende Erklärung fesselt unmittelbar unser Interesse:

Obschon ich urkundliche Zeugnisse meiner Eheschließung vorweisen kann, bin ich heute sicher, daß meine Frau nie existiert hat.
Ebda., 426

Welch eine im erzählschachtechnischen Sinn wie auch für einen “Plot” hinreißende Eröffnung! Deshalb muß ich wirklich einmal eine längere Passage zitieren:

So begannen wir unsere unglückseligen Flitterwochen. Zerdrückt und geschüttelt inmitten des apokalyptischen Exodus, warteten wir auf unfahrplanmäßige Züge, gingen wir durch die ausgedienten Kulissen abstrakter Städte, lebten wir in dem ständigen Zwielicht körperlicher Erschöpfung — solches war unsere Flucht: und je weiter sie uns führte, desto klarer wurde es, daß uns mehr als ein Schwachkopf mit Stiefeln und Koppelschloß und seiner Kollektion verschieden angetriebenen militärischen Trödelkrams vor sich her jagte – etwas, wofür er nur das Symbol war, etwas Ungeheuerliches und Unfaßbares, eine zeit- und gesichtslose Masse unvordenklichen Grauens, das selbst hier, im grünen Vakuum des Central Park[s], immer noch von hinten auf mich zukommt.
Ebda., 429

Welch ein phantastischer Ton ist da wieder!

Du mußt Dir die Szene vorstellen: den winzigen Garten mit seinen Kieswegen, der einsamen Zypresse und dem blauen Krug wie aus Tausendundeiner Nacht; die rissige Terrasse, wo der Vater der alten Dame mit einer Wolldecke auf den Knien vor sich hin döste, als er sein Gouverneursamt in Nowgorod aufgegeben hatte, um ein paar letzte Abende in Nizza zu verbringen; den blaßgrünen Himmel; einen Hauch von Vanille in der sinkenden Dämmerung; die Grillen, die ihren metallischen Triller hören ließen, der zwei Oktaven über dem eingestrichenen C liegt; und Anna Wladimirowna, deren hängende, faltige Wangen zuckten, als sie mir eine mütterliche, aber unverdiente Beleidigung an den Kopf warf.
Ebda., 429

Und dann, ein Jahr später bereits, Ein vergessener Dichter,

der nicht älter als achtzehn [war], als er seine bemerkenswerten Georgischen Nächte schrieb, ein lange, wildwucherndes “Traumepos”, das in einzelnen Passagen den Schleier seiner traditionellen orientalischen Szenerie zerreißt, um jenen himmlichen Luftzug zu erzeugen, der einen plötzlich genau zwischen den Schulterblättern die Wirkung wahrer Poesie spüren läßt.
Vergessener Dichter, 443
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Dessen Ruhm allerdings erst einmal posthum ist, wobei wir einen objektiven Wahrheitsgehalt des notwendigerweise nur kurzen, von Nabokov erzählten Abrisses dieser Biographie alleine (wenn wir’s denn wollen) unter Bemühung literarischer Lexika, bzw. des Netzes vornehmen können und dann schnell auch darin bestätigt werden, ein Vorbild Perows (also für Nabokovs Figur) könne D’Annunzio gewesen sei, der nicht nur ebenfalls (wie fast auch Rainald Goetz → mit dem Stirnschnitt) seinen Ruhm auf die Finte eines zu frühen Todes stützte, sondern auch er hing dem Orientalismus an, den er als Japonismus in Rom einführte.
Bei Perow geht dieser “Tod” höchst witzig so:

Im Herbst 1849 stattete er seinem Vater einen Besuch ab, um Geld für eine Reise nach Spanien zu erbitten. Der Vater, ein Mann einfacher Reaktionen, gab ihm eine Ohrfeige; und ein paar Tage später ertrank der arme Junge beim Baden im benachbarten Fluß.

Wobei der Witz gerade in der unterschobenen Ursache-Wirkungskette wegen der Ohrfeige liegt.

Unter einer Birke entdecke man seine Kleidung und einen angebissenen Apfel; doch seine Leiche fand sich nie.
Vergessener Dichter, beides 445

Doch taucht dann, mit den Worten “Ich bin Perow” als alter Mann wieder auf, und zwar zu einer offiziellen Beratungsgelegenheit, in der die Einzelheiten der Aufstellung eines zu seinen Ehren zu errichtenden Dichterdenkmals erörtert und beschlossen werden sollen. Unversehens sitzt da der zu Bedenkmalende-selbst mit auf der Bühne. Die nunmehr ausgelösten Reaktionen verpetz ich Ihnen nicht, auch weil Rußland “irgendwie”, wie Nabokov es formuliert, “im Laufe der folgenden zwanzig Jahre”, also unter der frühen Sowjetdiktatur “jeden Kontakt mit Petrows Dichtung” verliert, indessen Zeit und Ebbe, danach, eine eigentümlich melancholische Geschichte ist und neuerlich, und diesmal dystopisch, Sciencefiction, worin aber nicht nur – vermittelt über die Großmutter des Erzählers – ein deutlicher Bezug zu Andersens Kleiner Meerjungfrau hergestellt wird, die Nabokov genau wie den von ihm beiläufig abgetanen Thomas Mann immer wieder beschäftigt hat — deutlich einer seiner, wahrscheinlich ihrer Nymphik wegen, Animae —, sondern es gibt auch stilistisch tolle Einfallsvolten wie etwa folgende:

(…) diese Muster und melodischen Figuren, für deren bewußte Analyse ganz allein die Zeit verantwortlich ist, brachten den drugstore irgendwie mit einer Welt in Beziehung, wo Menschen Metalle quälten und die Metalle sich revanchierten.
Zeit und Ebbe, 471
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Von Musen frei allerdings ist die Abrechnung mit dem US-amerikanischen Antisemitismus, bzw. sogar einer Leugung oder Verniedlichung der Shoa in dem bezeichnenderweise Genrebild 1945 genannten, im selben Jahr erschienenen Stück, das (auch) von einer jungen Russin in New York erzählt,

die von der Möglichkeit, für das gehalten zu werden, was sie sich unter einer Jüdin vorstellte, so beunruhigt war, daß sie regelmäßig ein Kreuz um den Hals trug, obwohl sie so wenig Frömmigkeit wie Geist besaß.
Genrebild, 481
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Daß Nabokov nebenbei seiner Abneigung gegen Deutsche zwar nicht die Peitsche, aber doch ein feines Gertchen in die Sprachhand nehmen läßt, ist nachvollziehbar und sogar, wenn man formulierend so wundervoll-fies damit zuzuschlagen versteht, geradezu erfreulich:

Ich habe mich oft gefragt, wie ein dünner Deutscher es immer fertigbringt, in einem Regenmantel so gesäßlastig auszusehen.
Genrebild, 481

Oder dieses “Alles ist Chiffre” in dem sanften Zeichen und Symbole, indessen ich auf Erste Liebe erst eingehen möchte, wenn ich Erinnerung sprich gelesen haben werde, die, wie Eigner sie in seinem Aufsatz nennt, “Autobiografie in Romanform”, in die der hier als Erzählung abgedruckte Text sehr viel später, und erweitert, eingeflochten worden ist. Dennoch möchte ich wenigstens eine Stelle daraus zitieren, einfach weil sie derart grandios ist und Entzücken keinen Aufschub mag:

Die Abteiltür stand offen, und ich konnte das Gangfenster sehen, wo die Drähte – sechs dünne schwarze Drähte – ihr Bestes taten, um anzusteigen, um sich himmelwärts zu schwingen, den blitzartigen Schlägen zum Trotz, die ihnen ein Telegraphenmast nach dem anderen versetzte; doch gerade wenn alle sechs in einem triumphalen Aufschwung rührender Begeisterung im Begriff standen, den oberen Rand des Fensters zu erreichen, holte ein besonders tückischer Schlag sie auf ihre vormalige Tiefe herunter, und sie mußten von vorn anfangen.
Erste Liebe, 510
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Wer hätte dieses nicht schon einmal selbst gesehen, aber wer es jemals derart in Worte gefaßt? Selbst in die hypotaktische Bewegung dieses Satz scheint das Auf- und Wiedernieder(quasi)fließen dieser Drähte eingeströmt zu sein,
Wiederum Szenen aus dem Leben eines Doppelungeheuers ist der Beginn eines leider abgebrochenen Romans, der erst, nochmals “leider”, irgendwie abbricht, dennoch – aus der Sicht eines siamesischen Zwillingteils – poetische Perlenschnüre wie diese vom ranken Hals der Muse nimmt:

Er warf einen kurzen blauen Schatten auf den Boden, ich auch; doch zusätzlich zu diesem skizzenhaften, flachen und veränderlichen Begleiter, den er und ich der Sonne verdankten und der bei trübem Wetter verschwand, besaß ich noch einen anderen Schatten, eine handgreifliche Spiegelung meines körperlichen Ichs, die ich zu meiner Linken ständig bei mir führte, wohingegen mein Besucher die seine irgendwie verloren oder losgehakt oder zu Hause gelassen hatte. Lloyd und Floyd (das siamesische Zwillingspaar, Anm.ANH) waren vollständig und normal; er war weder das eine noch das andere.
Doppelungeheuer, 526
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Und dann Die Schwestern Vane!
Nabokov war sich über deren Bedeutung vollkommen klar und spricht in seinen Anmerkungen von einem “Trick, den man nur einmal in tausend Jahren belletristischer Prosa versuchen kann.” (Wer denn behauptet zurecht, Dichter hätten bescheiden zu sein? Schon Holmes fand das Understatement unangemessen und eigentlich eine verklemmte Eitelkeit. Dennoch schränkt Nabokov selber ein, daß, ob der Trick auch funktioniere, eine ganz andere Frage sei.)
Der Erzählansatz, bzw. die Grundidee der Geschichte ist, wir ahnen es, verzwickt. Ich darf sie auch auf keinen Fall verraten, sondern habe Sie vielmehr, Geliebte, hier hineinzuverführen, wozu sich die dem wehen Sirenensang einer Erdgeistin ähnelnde Prosalockung um so mehr eignet,

als ich jenes sorgfältig gewellte dunkle Haar beobachtete, jenen kleinen, kleingeblümten Hut mit seinem hyalinen Schleier, wie er in jener Saison getragen wurde, und darunter ihr kleines Gesicht, das eine Hautkrankheit in ein kubistisches Narbenmuster aufgebrochen hatte; es war rührend von einem Höhensonnenteint verdeckt, welcher [“welcher”, hm: ANH] ihre Züge härter wirken ließ, deren Charme weiterhin darunter litt, daß sie alles angemalt hatte, was angemalt werden konnte, so daß das bleiche Zahnfleisch zwischen ihren kirschroten rissigen Lippen und die verdünnte blaue Tinte ihrer Augen unter schattierten Lidern die einzigen Öffnungen zu ihrer Schönheit waren.
Schwestern Vane, 543
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

So etwas benimmt uns ebenso total wie Dianas hochdiskrete, geradezu aristokratisch geschilderte Hinaufführung

in eine kühles kleines Schlafzimmer, nur um mir – als wäre ich die Polizei oder ein mitfühlender irischer Nachbar – zwei Tablettenfläschchen und das zerwühlte Bett zu zeigen, aus dem ein zarter, unwesentlicher Körper, den D. einschließlich seines letzten samtenen Details gekannt haben mußte, bereits entfernt worden war.
Ebda., 545

Des weiteren die Rede ist von den

fleischigen Voluten ihrer Nasenflügel

und davon, daß Diana “hübsch in ihrer Dunkelheit” war und

eine nicht zu geschmacklose Mischung einigermaßen schicker heterogener Kleidungsstücke [trug] und […] eine sogenannte gute Figur hatte; aber alles an ihr war seltsam liederlich, in einer Weise, die ich dunkel mit linken Begeisterungen in der Politik und “progressiven” Banalitäten in der Kunst in Zusammenhang brachte, obwohl sie in Wirklichkeit weder für das eine noch das andere etwas übrig hatte.
Ebda., beides 546

Dazu noch diese Frage!

Und was wäre [hier gehört, indirekte Rede, ein “sei” hin: ANH] mit Gott? War es so, oder war es nicht so, daß Leute, die einen allmächtigen Diktator auf Erden empört ablehnen würden, sich auf einen im Himmel freuten?
Ebda., 550

Um von dem

Lapsus, der wie ein Lapislazuli aussah
Ebda., 553

auf keinen Fall zu schweigen. — Und wir kennen aus Anlaß von Parties auch d a s, aber nicht die daraus hier gezogene Folge, jedenfalls ist sie uns kaum bewußt:

Einer barbarischen, unhygienischen und ehebrecherischen Sitte gemäß wurden die innen noch warmen Mäntel der Gäste vom ruhigen, ziemlich kahlen Bob Wheeler in das Heiligtum eines reinlichen Schlafzimmers getragen und auf das Ehebett gehäuft.
Ebda., 556

Keine Frage, hier schimmert erneut die hochgesellschaftskritische Prosakunst des von Nabokov zurecht verehrten Aldous Huxley durch. Und ein formtechnisch ganz besonders pfiffiges Kabinettstück ist der letzte Absatz dieser bemerkenswerten Erzählung. Nämlich als ein Akrostichon, das aufgelöst

“Eiszapfen von Diana
Parkuhr von mir, Sybil”

Ebda., 563

ergibt. Worauf sich diese – Ihnen (noch?) kryptische Nachricht bezieht, auch das verrate ich nicht. Obwohl ich es oben schon angedeutet habe.

Nun bleibt mir nur noch Nabokovs Lanzelot-Erzählung, seine letzte, Lance, vom Februar 1952, geschrieben 1951 im höchst auratisch “Ithaca” benannten Örtchen des Staates New York. Geradezu abenteuerlich beginnt sie so:

Der Name des Planeten, falls er schon einen erhalten hat, tut nichts zur Sache. In seiner günstigsten Opposition mag er von der Erde gerade so viele Meilen entfernt sein, wie Jahre zwischen dem letzten Freitag [also heute, dem 7. Februar 2020: ANH] und der Entstehung des Himalaya[s] liegen – ein Millionenfaches vom Durchschnittsalter der Lesers. Im teleskopischen Bereich der Phantasie, durch das Prisma der Tränen würden alle Besonderheiten […] nicht auffälliger erscheinen als jene tatsächlich existierender Planeten.
Schwestern Vane, 543
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

Dennoch, wiewohl immer wieder solche zumindest ansatzweise verfaßt, versichert der Erzähler “für die sogenannte ‘Science fiction’ nur Verachtung und Ablehnung” gehabt zu haben, weil sie

wie jene Keksmischungen [seien], deren Bestandteile nur in Form und Farbe verschieden sind; ihre raffinierten Hersteller verstricken damit den Konsumenten, dem das Wasser im Munde zusammenläuft, in eine verrückte Pawlow’che Welt, in der simple visuelle Variationen, die keine weiteren Kosten verursachen, den Geschmack beeinflussen und langsam ersetzen, so daß er alsbald den Weg aller Begabung und Wahrheit geht.
Lance, 543

Selbstverständlich ist dies nicht wirklich eine Kritik an der Sciencefiction, sondern an dem den meisten ihrer, sagen wir, Erzeugnisse zugrunde liegenden irrenden Realismus. In meinen → Heidelberger Vorlesungen habe ich dies eingehend ausgeführt. Deshalb sei es hier nur am Rand vermerkt. Viel wichtiger ist die mir bis dato unbekannte Tatsache, daß

In einem äußersten Zugeständnis an die Sittsamkeit der Zweifüßer […] Kentauren nicht einfach nur einen Lendenschurz [tragen]; sie tragen ihn nur um die Vorderbeine.
Lance, 567

Auch spielt Nabokov hier schon, acht Jahre vor Ada, mit

einer fernen Zeit (die zufällig in der Zukunft liegt)[,]
Lance, 567,

weil nämlich

Begriffe wie “unzeitgemäß”, “anachronistisch” und so weiter auf die Dauer die einzigen [sind], mit denen wir uns eine Fremdartigkeit vorstellen und ihr Ausruck verleihen können, die keine Forschung vorherzusehen vermag. Das Zukünftige ist nur die Umkehrung des Veralteten.[Hervorh.v.mir]
Lance, 571

Weiters:

Irdischer Raum liebt Verborgenheit. Das Äußerste, was er dem Auge bietet, ist ein Panorama. Der Horizont schließt sich vor dem sich entfernenden Reisenden wie eine in Zeitlupe bewegte Falltür. 
Lance, 573

Und als wir in den Nachthimmel sehen, glauben wir uns unvermittelt bei Arno Schmidt (ich meine den Umschlag der Begeisterungen in einen Dialog — und, ja, es geht um … aber er sagt es ja selbst):

Ritter, die in jungen Jahren das Harfenspiel, die Falkenbeize und die Jagd erlernen; der Wald der Gefahren und die Burg der Schmerzen; Aldebaran, Beteigeuze – der Donner sarazenischer Schlachtrufe. Wunderbare Waffentaten, wunderbare Krieger funkeln in den furchtbaren Sternbildern über dem Balkon der Bokes; Herr Percard, der Schwarze Ritter, und Herr Perimones, der Rote Ritter, und Herr Pertelope, der Grüne Ritter, und Herr Persant, der Blaue Ritter, und jener barsche alte Herr Grummore Grummursum, der nordische Flüche vor sich hin murmelt. Der Feldstecher nützt wenig, die Karte ist ganz zerknittert und feucht, und “du hältst die Taschenlampe nicht richtig” — dies zu Mrs. Boke.
Tief Luft holen. Noch einmal hinsehen.

Lance, 573

Weshalb dies alles? Weil

Tief im Geist des Menschen […] Sterben gleichbedeutend mit einem Verlassen der Erde [ist]. Ihrer Schwerkraft [zu] entrinnen heißt das Grab [zu] überwinden, und ein Mensch, der sich auf einem anderen Planeten wiederfindet, hat tatsächlich keine Möglichkeit, sich zu beweisen, daß er nicht tot ist — daß der naive alte Mythos sich nicht doch erfüllt hat.
Lance, 580

Welch ergreifenderes Ende könnte es geben für ein Buch – und welches, wie jetzt, um die poetische Besprechung eines Bandes erst einmal abzuschließen, der derartig viele denkerische wie stilistische, ja, Wunder enthält?

 

 


ANH
4. bis 7. Februar 2020
[Zuletzt bei Mozart, Così fan tutte
Philharmonia Orchestra, London
Herbert von Karajan
→ Aufn. v. 1954: in Mono, klar, aber derart hineißend “remastered”, daß einem schon beim ersten Klangdruck das Herz stillestehen will — und man denkt: So sterben, ja!]

 

 

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References

References
1 “welchem” Wort ich das kürzere “die” hier vorziehen würde

Nabokov lesen, 18: “Die Gabe” (3). Mit einer unzeitgemäßen poetologischen Schlußbemerkung zum pädophilen Fall Gabriel Matzneffs.

 

Dem wahren Schriftsteller sollten alle Leser egal sein,
außer einem: dem der Zukunft, der seinerseits nur die
Widerspiegelung des Autors in der Zeit ist.
Die Gabe, S. 554
(Alle Zitate in der Übersetzung Annelore Engel-Braunschmidts)

 

Dieser ist der letzte Roman, den Nabokov auf Russisch schrieb, seine gewissermaßen Conclusio des russischen Emigrantenmilieus nach der Flucht vor Revolution und Diktatur und wie deutlich auch immer er’s bestreitet – seinPortrait of the Artist as a Young Man“. Wie dort das intellectual awakening of young Stephen Dedalus als a fictional alter ego of Joyce erzählt wird, so läßt sich im Grafen Fjodor Godunow-Tscherdynzew unschwer ein Selbstbild des jungen Nabokovs erkennen, wenn auch verstellt in den Details — was nun besonders spannend ist. Denn das spätere Verfahren, vor allem in der “gefakten” Biografie seines allerletzten, jedenfalls als letztem abgeschlossenen Romans, → “Look at the Harlequins!”, nämlich tatsächliche Geschehen mit fiktiven so zu amalgamieren, daß Rückschlüssen auf seine reale Person, auf ihre Geschichte und ihre Vorlieben einerseits gar nicht entgangen werden kann, sie andererseits aber ein begründeter, moralisch gesprochen, “Mißbrauch” sind und, poetologisch gesprochen, unsauber interpretiert, mithin ein illegitimes Deutungsverfahren. Gleichsam hält der Roman seinen Leserinnen und Lesern eine Tafel vors Gesicht, auf der “Das bin ich, war ich” steht, lesen sie es aber laut davon ab, wird diese Tafel als Fälschung denunziert: Mit ihm selbst habe das Buch gar nichts zu tun.

Ich bin nicht und war niemals Fjodor Godunow-Tscherdynzew; mein Vater ist nicht der Erforscher Zentralasiens, der ich eines Tages noch werden könnte; ich habe niemals um Sina Merz geworben und mir nie Sorgen um den Dichter Kontschejew gemacht. Tatsächlich erkenne ich eher in Kontschejew, aber auch in einer anderen Nebenfigur, dem Romancier Wladimirow, einige Elemente meiner selbst, so wie ich um 1925 war,
Die Gabe, 599

schreibt er 1962 in seinem “Vorwort zur englischsprachigen Ausgabe”. Wobei der Roman selber verräterisch dagegensteht:

Als Gesprächspartner war Wladimorow einmalig reizlos. Man warf ihm vor, er sei spöttisch, anmaßend, kalt, unfähig, in freundschaftlichen Diskussionen aus sich herauszugehen – aber das sagte man auch von Kontschejew und von Fjodor selber (Hervorhebung von mir, ANH).
Die Gabe, S.522,

wobei  die Beteuerungen oder, je nachdem, Warnungen der nabokovschen Einlassungen freilich selbst schon poetologischer Trick sind, vermittels dessen die Fiktion noch höher in die Realität gehoben, gleichsam mit ihr verschmolzen wird — womit er etwas vorausnimmt, das unterdessen unsere faktische, auch politische Realität ist. “Kunst nimmt Wissenschaft vorweg” , hat Thomas Hettche einmal geschrieben; ich gehe weiter: “Kunst nimmt Wirklichkeit vorweg.” Wir spüren das kommende Geschehen, nicht unbedingt bewußt, nein, doch einem Geruch gleich, dem wir folgen. Künstler nehmen → Markierungen wahr, am Fuß der nächsten Straßenlaterne, an einer Hecke, an einer Hauswand. Nicht von ungefähr finden sich alle Spuren unten. Zugleich ist Nabokovs Verfahren eines gegen Dinglichkeit und also festgeschriebene Dogmen: Sieh her, ich erzähle von mir, aber bin nicht, von dem ich erzähle. Was auch insofern stimmt, als die Realität einer Romanfigur eine andere als die einer Realperson sein muß, denn beide unterstehen völlig anderen Zeitabläufen, diese dem linearen der normalen Tagesgeschehen, jene der auslassend springenden der Konstruktion. Selbst bei dem autobiografisch-extremen → Knausgård erfahren wir von seiner Figur allenfalls Ausschnitte; Identität wird über die Fiktion der Aussparung zusammengehalten, als hätte das Ausgesparte auf eine Realperson ebenfalls keinen Einfluß. In Realzeit läßt sich nicht schreiben; es wäre auch nur, andernfalls, der scheiternde Versuch einer lebenslangen Verdoppelung. Statt dessen tuscht Nabokov auf ein Blatt aus der objektiv-subjektiven Erinnerung, was ihm im Gedächtnis, und legt ein zweites Blatt auf die noch feuchte Tinte, worauf nun das fiktive Gewebe getuscht wird: Genau dies ist der künstlerische Prozeß. In ihm fließen beider Tinten ineinander, durch das saugende Papier hindurch; schon läßt sich die vermeintliche Autobiografie vom künstlerisch Gemachten nicht mehr trennen, mag sie auch der “erste Beweger” gewesen sein. So wird selbst ein gemeintes (etwa bewußt karikiertes) Urbild übers mögliche Erkennen hinaus zu g e m a c h t e m Bild, mithin einem Geschöpf der Kunst, das atmen alleine in i h r kann. Dies ist, was die moderne “neue”, tatsächlich aber regressive Moral nicht sieht – sie ist modisch, nicht modern – oder sehen nicht will, um verdinglicht (eineindeutig) festschreiben lassen und aus den Festschreibungen Gesetze pressen zu können, die jede Mehrdeutbarkeit aus Denken und Handeln verbannen. Der Mensch wird replikant, noch bevor die Technologie Replikanten tatsächlich zu erschaffen vermag.
Dies war zu Nabokovs Zeiten noch nicht Gegenstand der Sorge, der “autobiografische Interpretationsansatz” sehr wohl. Indem ich die künstlerische Bewegung, ihren Schöpfungsprozeß, quasi deterministisch erkläre, nehme ich dem Kunstwerk das Wunder, das es, wenn gelungen, aber ist. Ich erkläre es sozusagen hinweg und wische den metaphysischen Halo aus. So verkommt es zur tauschbaren Ware – was vor allem die Ökonomie will: Sie wird zum ersten Beweger. Immer wieder hat sich Nabokov dagegen gestemmt, seine Nach- und Vorworte wimmeln von Versicherungen, er teile zwar manches mit dem und dem “Helden”, s e i der aber keineswegs. Allzu deutlich muß ihm gewesen sein, wie groß hier die Gefahr ist, die denn auch von liebenden Gefolgsleuten mit befeuert wird:

(…) indem er einen fiktiven Vertreter seiner selbst

nämlich Godunow-Tscherdynzew

über einen fiktionalen Vater schreiben ließ und dabei auch seine eigene Skrupel mit hineinprojizierte. ‘Nabokov hatte sehr stark das Gefühl’, schreibt → Boyd, ‘daß er das Beste in sich selber von seinem Vater hatte. Um das Bewußtein für seine Herkunft auf den Begriff zu bringen, wollte er [seinem Helden] Fjodor es seinem Vater an entdeckerischem Mut gleichtun lassen, aber auf seinem eigenen Gebiet, der russischen Literatur.’
Die Gabe, S. 604

So trägt es Dieter E. Zimmer in seinem “Nachwort des Herausgebers” vor — auf die Vaterfigur werde ich dezidiert u n t e n eingehen — und bezieht sich auf das Kapitel 4 der Gabe, das ein eigener, nämlich der Roman Godunow-Tscherdynzews, des Protagonisten, ist, den Nabokov ihn schreiben und auch publizieren läßt (und der in Kapitel 5 mit den üblichen Hämen und Faxen eines nicht nur Exilanten-Literaturbetriebs “kritisiert” wird:

— was sich sogleich die Realität an die leeren Schläuche ihrer Brust nahm.
Die Redaktion der Pariser Emigrantenzeitschrift Sowremennyje sapiski, in
der 1938 bereits drei Kapitel des Romans erschienen waren, lehnte “Das
Leben Tschernyschewskis” kurzerhand ab, und der damals mittellose
Nabokov “stimmte der Auslassung”, erzählt Dieter E. Zimmer, zähne-
knirschend zu”. So konnte der unverstümmelte Roman erst 1952
in New York erscheinen.)

Ich habe schon im vorigen Beitrag festgestellt, wie sehr sich dieses Kapitel 4 auch stilistisch von dem übrigen Roman unterscheidet, ein Meisterstück für sich, und aber eben das wirkliche Kernstück des gesamten Buches, ohne das es — und ohne zwei weitere quasi-Binnengeschichten, die allerdings nicht in sich gerundet sind, sondern mit der Rahmenerzählung amalgamieren — fast etwas Beliebiges bekäme, als wäre es eine Kette aus in ihrer Präzision allerdings frappierenden, hier bisweilen abermals an Bilder George Grosz´ gemahnenden Erinnerungen an das Berlin der vergangenen Zwanzigerjahre:

Graue Beine alter Männer, mit Wucherungen und geschwollenen Venen bedeckt; Plattfüße, braungelbe Hornhaut von Hühneraugen; rosige Schweinsbäuche; nasse, zitternde, bleiche Halbwüchsige mit rauhen Stimmen; die Kugeln der Brüste; dicke Hintern, schlaffe Oberschenkel; bläuliche Krampfadern; Gänsehaut; die pickligen Schulterblätter krummbeiniger Mädchen; die fetten Nacken und Gesäße muskulöser Rowdys; die hoffnungslose, gottlose Leere zufriedener Gesichter; Balgereien, Gelächter, Geplansche – all das fügte sich zusammen zu einer Apotheose jener berühmten deutschen Gutmütigkeit, die mit Leichtigkeit jeden Augenblick in rasendes Geschrei umschlagen kann.
Die Gabe, S. 547/548

Gegen die hierunter liegende, stallgeruchshaft-allgegenwärtige Drohung geht Godunow-Tscherdynzew, schon um diesen Dungmiasma loszuwerden, besser schwimmen, mit welch grandioser Volte Nabokov in einem einzigen Absatz die übel haftende Essenz seiner Wahrnehmung verschiebt und seinen Helden damit rettet:

Nachdem er eine intime kleine Bucht zwischen den Binsen ausgesucht hatte, stieg Fjodor ins Wasser. Eine warme Undurchsichtigkeit umfing ihn, Sonnenfunken tanzten vor seinen Augen. Er schwamm lange, eine halbe Stunde, fünf Stunden, vierundzwanzig, eine Woche, noch eine. Schließlich, am achtundzwanzigsten Juni gegen drei Uhr nachmittags, ging er am anderen Ufer an Land.
Die Gabe, ebda. (547/548)

Es gibt in dem Buch viele solcher Stellen, die einem momentlang den Atem nehmen, so, wie wir, wenn wir wirklich staunen, nur noch schweigen können:

Drinnen im Möbelwagen lag ein kleines braunes Klavier auf dem Rücken, so daß es nicht aufstehen konnte (S. 13) — auf dem kleineren Tisch zwischen den beiden Einzelbetten, die bei Nacht weinten (S. 57) — hinter ihm befand sich ein (…) Bürogebäude, an dem so weit oben im Himmel Renovierungsarbeiten vonstatten gingen, daß es aussah, als könnte der ausgefranste Riß in der grauen Wolkendecke gleich mit repariert werden (S. 103) — seine prachtvolle, aber gänzlich unfruchtbare Stirn (S. 113) — Wie schwarz es durch diese Gitter nach Blättern und Erde riecht (S. 125)— ein Stückchen in der Wäsche verblichenen Regenbogens (S. 131)— in  Berlin gibt es kleine Sackgassen, in denen sich bei Einbruch der Dunkelheit die Seele aufzulösen scheint (S. 143)— mit Augen, die für die Literatur zu gutmütig waren (S. 152)— beim Lesen von Puschkin wächst das Fassungsvermögen der Lungen (S. 159)

— die Sätze häufen sich, es werden mehr und mehr … drum laß ich manches aus und springe weiter nach hinten:

— Aber sogar Dostojewskij erinnert irgendwie immer an ein Zimmer, in dem tagsüber eine Lampe brennt (S. 513) — mit breiten herabhängenden Schultern und dem geringschätzigen Ausdruck des Beleidigten (S. 519) — der Pneumothorax der Nacht (S. 530) — die erstaunliche Poesie der Eisenbahnböschungen, ihre freie und mannigfaltige Natur (S. 534) — (die) unvollendeten weißen Mauern (…) hatten (…) den schwermütigen Anschein von Ruinen angenommen, genau wie das Wort “irgendwann”, das sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft dient (S. 536) — Der Philosoph zieht Moos den Rosen vor (S. 539) — wenn beim Heranziehen einer Wolke die Luft selber sich wie ein großes blaues Auge zu schließen und dann langsam wieder zu öffnen schien (S. 541) — Das Flugzeug war bläulich, wie ein Fisch im Wasser naß ist (S. 543) — während er eine kleine Spannerraupe beobachtete, die feststellte, wieviel Zoll zwischen den beiden Schriftstellern lagen (S. 551) — 

Doch zurück zum Binnenroman des vierten Kapitels, eines Meisterstücks noch aus einem weiteren, für Nabokov selbst durchaus untypischem Grund: Anders als sein Autor geht Godunow-Tscherdynzew mit seinem Erzählobjekt, der für die seinerzeitigen Sozialrevolutionäre intellektuellen Ikone Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskij, zwar – siehe → dort – höchst kritisch und mit dem uns unterdessen gewohnt-beißenden Spott um, mitunter aber auffällig zärtlich, ja nicht selten liebevoll, indem er, Godunow-Tscherdynzew, in seinem “Das Leben Tschernyschewskijs” stets das Leiden und die bösen Mißgeschicke, aber auch die Hoffnungen dieses russischen Ritters von der traurigen Gestalt ganz so im Blick behält, wie insgesamt der

geniale russische Leser das Gute (erfaßte), das der talentlose Romancier vergebens auszudrücken versucht hatte.
Die Gabe. S. 451

Nabokov läßt seinen schreibenden Godunow-Tscherdynzew eine ungewohnte Distanz zum ihm selbst eigenen Groll einnehmen, so daß der jugendliche Autor um eine moralische Objektivität bemüht ist, die dem lebenslangen Schmerz des tatsächlichen, “realen” Autors versagt bleiben mußte. Alleine dies, daß es gelingt, ist grandios und wohl nur durch Nabokovs  Konzentration auf die künstlerische Form, die möglichst perfekte Formung einer Figur zu erklären, die so tatsächlich vom ihm selbst unterschieden ist. Doch erklären weshalb? Bisweilen sollten wir einfach nur bewundern

(und lächelnd auch Nabokovs Häme über “die” Psychoanalyse unerwidert stehen lassen; allzu deutlich ist, daß er sich mit den Schriften Freuds tatsächlich nie wirklich auseinandergesetzt hat, geschweige mit denen seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger; der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren deutliche Schulterschluß von Psychoanalyse und dem dem Vertriebenen völlig zurecht widerlichen Marxismus besonders
sowjetischer Prägung dürfte es ihm ebenso unmöglich gemacht haben wie später die banale US-amerikanische Mode, sich für jedes Bauchnabelsausen einen persönlichen  Seelenklempner als → Übergangsobjekt zu halten).

Tschernyschewskijs tiefste Wunde freilich  ist wirkliche Not, der Freitod seines Sohnes nämlich, der wiederum als eigene Episode gleich am Anfang der Gabe erzählt wird. Eigentlich ist bereits sie eine Novelle-für-sich in dem Buch, die Liebesgeschichte einer ménage à trois, durch die spürbar Puschkin atmet:

Am schmerzvollsten wirkte sich Jaschas Tod auf den Vater aus. Den ganzen Sommer mußte er in einem Sanatorium verbringen, und richtig gesund wurde er nie wieder.
Die Gabe, S. 83

Und h ö r e n Sie, Freundin, wie Nabokov das erklärt:

Die Scheidewand, die die Zimmertemperatur der Vernunft von der unendlich häßlichen, kalten, geisterhaften Welt trennte, in die Jascha übergewechselt war, fiel plötzlich zusammen, und sie wiederaufzubauen (,) erwies sich als unmöglich, so daß man die Öffnung behelfsmäßig verhängen und versuchen mußte, nicht auf die sich bewegenden Falten zu achten.
Die Gabe, ebda.

Wobei das Geschehen selbst auch etwas von Goethes Wahlverwandtschaften hat, doch nur der Sprache nach klassisch, im Tiefsten vielmehr romantisch ist. Jascha, Rudolf und Olja lieben einander, teils “nur” seelisch, aber teils auch begehrend; sie nennen es eine “euklidische Freundschaft”, nur daß

das einbeschriebene Dreieck ein anderes Beziehungssystem (war), verwickelt und quälend (…). Es war das banale Dreieck der Tragödie, entstanden in einem idyllischen Kreis, und schon

(kommentiert Godunow-Tscherdynzew)

das bloße Vorhandensein solch eines verdächtig wohlgeordneten Gefüges, ganz zu schweigen von dem modischen Kontrapunkt seiner Entwicklung, hätte mir niemals gestattet, daraus einen Kurzgeschichte oder einen Roman zu machen.
Die Gabe, S. 72

Weshalb Nabokov selbst die Erzählung als Sinnieren seines Helden mitgestaltet, was typischerweise s o klingt:

Er (Rudolf) war gutmütig, wenn auch nicht gut, gesellig und trotzdem ein wenig scheu, impulsiv und gleichzeitig berechnend. Endgültig verliebte er sich in Olja nach einer Fahrradtour durch den Schwarzwald mit ihr und Jascha, einer Tour, die, wie er später bei der gerichtlichen Untersuchung aussagte, “uns allen dreien die Augen öffnete”; er verliebte sich auf dem untersten Niveau, primitiv und ungeduldig, erhielt jedoch von ihr eine energische Abfuhr, die noch dadurch verstärkt wurde, daß Olja, ein träges, habgieriges, verdrießliches Mädchen (…) ihrerseits “erkannte, daß sie von Jascha hingerissen war”, den das ebenso bedrückte wie seine Leidenschaft Rudolf und wie Rudolfs Leidenschaft sie selber, so daß die geometrische Abhängigkeit ihrer einbeschriebenen Gefühle vollständig war (…).
Die Gabe, S. 73/74

Achten Sie, Freundin, auf die mathematische Wortwahl, die in engem Zusammenhang zu den Lehren steht, die Godunow-Tscherdynzew von seinem naturwissenschaftlichen Vater empfangen,

voll der wunderbaren Musik der Wahrheit (…), weil sie nicht von einem unwissenden Dichter, sondern von einem genialen Naturforscher geschrieben wurden.
Die Gabe, S. 197/198

Mathematik habe, schreibt Nabokov, die gleiche Beziehung zur irdischen wie die  Religion zur himmlischen Beschaffenheit des Menschen:

Die eine wie die andere sind lediglich Spielregeln.
Die Gabe, S. 503

Jedenfalls kommen die drei Liebenden überein, sich gemeinsam zu töten, da sich das schmerzvolle Dreieck anders nicht mehr auflösen läßt. Ein Revolver ist zur Hand,

wanderte jedoch lange Zeit unauffällig von einem zum andern, wie im Spiel (…) die Karte mit dem Schwarzen Peter.
Die Gabe, S. 76

Schließlich begibt man sich in den Grunewald – Nabokovs Berliner Lieblingsgebiet, dem er unter Abzug der darin, siehe oben, befindlichen Deutschen geradezu Verklärungen widmet; mit “der Elektrischen” fahren sie hin, diese drei, und finden

mühelos ein geeignetes abgelegenes Fleckchen und kamen sofort zur Sache; besser gesagt, Jascha kam zur Sache: Mit dem Recht des Älteren (…) sagte er, werde er sich als erster erschießen (…); er warf seinen Regenmantel ab und stieg ohne einen Abschiedsgruß an die Freunde (…) mit ungeschickter Hast den schlüpfrigen, kiefernbestandenen Hang hinunter in eine Schlucht, deren Dickicht aus Zwergeichen und Brombeergesträuch ihn trotz der Durchsichtigkeit des April(s) vollkommen vor den anderen verbarg.
Die Gabe, S. 79/80

Weshalb dann nur er, Jascha, sich erschießt, lesen Sie bitte bei Nabokov direkt,

denn hier senkt sich Dämmerung über die Geschichte.
Die Gabe, S. 81

Sie beschäftigt Nabokovs Helden sehr und ist vielleicht sogar der geheime Anlaß für seinen späteren Plan, über Jaschas Vater zu schreiben, dem er, und seiner Frau, in den Salons der Emigranten immer wieder begegnet, die die Atmosphäre der Rahmenerzählung ausgesprochen prägen — und auch Ausflucht (Nabokov unangemessenerweise schreibe ich mal, aber nur in Klammern, den Terminus der Verschiebung hin), indem er “Das Leben Tschernyschewskijs” verfaßt statt des eigentlich geplante Romans über seinen eigenen Vater, der dennoch einen enormen Anteil an der Gabe hat.

Wie soll ich die Wonnen meiner Spaziergänge mit Vater durch die Wälder, die Felder und die Torfmoore beschreiben oder den unablässigen sommerlichen Gedanken an ihn, wenn er fort war, den ewigen Traum, eine Entdeckung zu machen und mit ihm dieser Entdeckung entgegenzutreten; wie soll ich das Gefühl beschreiben, das ich hatte, als er mir all die Stellen zeigte, an denen er in seiner Kindheit dieses oder jenes gefangen hatte — den Balken einer halbverrotteten kleinen Brücke, wo er im Jahre 71 sein erstes Tagpfauenauge gefangen hatte, die abschüssige Straße zum Fluß hinunter, wo er weinend und betend zugleich auf die Knie gefallen war (?) (er hatte seinen Fang verpatzt, der Falter war auf immer davongeflogen!) 
Die Gabe, S. 177/178

So verschmilzen die Tuschen, Godunow-Tscherdynzews und Nabokovs Vater:

Wie dem auch sei, ich bin überzeugt, daß unser Leben damals wirklich von einem Zauber erfüllt war, der anderen Familien unbekannt war. (…) Dem entleihe ich heute meine Flügel.
Die Gabe, S. 188/189

Daß er, Godunow-Tscherdynzew, von dem Vaterroman schließlich Abstand nimmt und sich Tschernyschewskij zuwendet, begründet er – “rationalisierend” – wie folgt:

Siehst Du, ich habe erkannt, daß es unmöglich ist, die Bilder seiner Reisen zum Keimen zu bringen, ohne sie mit einer sekundären Poetisierung anzustecken, die mehr und mehr von jener wirklichen Poesie abweicht, mit der die lebendige Erfahrung aufnahmefähiger, kenntnisreicher und keuscher Naturforscher die eigenen Untersuchungen ausgestattet hat.
Die Gabe, 227

Wenn Zimmer oben von “Skrupeln” sprach, hier ist das Beispiel schlagend. (Ich bin sehr gespannt darauf, ob und wie Nabokov sie in seinem Erinnerung, sprich auflösen wird, das ich noch nicht kenne – ein Buch, das ich erst ganz zuletzt lesen will, auch wenn es bereits vor Ada erschien.)

***

Abschließend noch eine Bemerkung quasi zur Zeit — der unseren, jetzigen nämlich. “Die Gabe” ist auch aus anderem Grund interessant, der es aus der Literaturgeschichte gleichsam herauslöst und unmittelbar aktuell macht, und prekär. Es wird ja bereits – besonders mit dem aktuellen → “Fall Matzneff” – darüber gestritten, ob nicht schon die D a r s t e l l u n g pädophiler Gedanken, also auch ihre künstlerische Durchformung, strafbewehrt werden müsse. Damit würde ein Aspekt von Wirklichkeit qua Tabuisierung in die Verdrängung gezwungen; niemand dürfte mehr sagen, was ist, wenn es ist. Der ausgesprochene und geschriebene Gedanke als Staatsfeind der Moral. Davon wäre dann auch, und sicherlich im sofort folgenden praktischen Vollzug, Nabokov betroffen, der in einer Szene seinen Vermieter das Nymphenthema anklingen läßt, das später Lolita bestimmen wird, aber von Nabokov selbst bereits zwei Jahre später, also 1939, schon einmal ausgeführt wird, und zwar in der Erzählung “Der Bezauberer”, auf die ich in meiner Betrachtung des zweiten Erzählbands eingehend zu sprechen kommen werde. Hier, bei dem Vermieter Schtschjogolew (dem unangenehmen Stiefvater Sina Merzens, in die sich Godunow-Tscherdynzew verliebt) hat das Motiv noch einen primitiven, häßlichen Ton:

Stellen Sie sich vor: Ein alter Knabe – aber noch voll im Saft, feurig, und lechzt nach Glück – lernt eine Witwe kennen, und die hat eine Tochter, noch ganz und gar Mädchen – Sie wissen, was ich meine – noch keine Kurven, aber sie hat bereits eine Art zu gehen, die einen zum Wahnsinn treibt. Ein schmales kleines Ding, sehr zart, blaß, bläulich unter den Augen – und natürlich schenkt sie dem alten Bock keinen Blick. Was tun? Also, er besinnt sich nicht lange und heiratet kurz entschlossen die Witwe (des Mädchens Mutter, ANH). Schön. Sie richten sich zu dritt ein. Hier kann man endlos weitermachen – die Versuchung, die ewige Qual, das Jucken, die wahnwitzigen Hoffnungen,
Die Gabe, S. 303,

die sich in Lolita dann erfüllen. Die ganze Konstruktion des späteren, so berühmten Romans ist hier bereits geprägt, so daß schon “Die Gabe” Nabokovs (unscharf ausgedrückt:) “pädophile” Dynamik berührt, die jetzt – mit Matzneff im Strome #metoos – auch poetisch gebrandmarkt werden soll. Damit würde einmal mehr die nicht nur ungute, sondern tief verhängnisvolle, zugleich dekadente Körper-, mithin Sexualfeindlichkeit als gendercorrect festgeschrieben werden — , nämlich als ökonomisch-säkularisiertes Tabu, das die Gentechnologie immer wünschbarer und schließlich im Wortsinn notwendig macht: nicht mehr körperlich gezeugte Kinder, sondern vermittelte aus der Retorte, replikant wie replizierbar und also ohne Ambivalenzen. Der Satz vom Ausgeschlossenen Dritten als Mensch, und

Die Strategie der Inspiration und die Taktik des Geistes, das Fleisch der Poesie und das Phantom luzider Prosa 
Die Gabe, S. 17

würden nichts mehr bedeuten. Es bliebe nur noch

Das peinliche Gefühl, mit dem für gewöhnlich unsere Nacktheit einhergeht,
Die Gabe, S. 543

weil sie

an das Bewußtsein unserer wehrlosen Weiße gebunden (ist), die schon lange jegliche Verbindung zu den Farben der Umwelt verloren hat und sich deshalb in künstlicher Disharmonie mit ihr befindet.
Die Gabe, ebda.

Wie hoffnungsvoll konnte sich d a s aber aufschwingen, n o c h:

Doch die Wirkung der Sonne gleicht diesen Mangel aus, stellt uns mit unserem Recht auf Nacktheit der Natur gleich, und der gebräunte Körper kennt keine Scham mehr. All das klingt nach Nudistenbroschüre – aber die eigene Wahrheit kann nichts dafür, wenn sie übereinstimmt mit der Wahrheit, die ein armer Kerl sich geliehen hat.
Die Gabe, ebda.

Von dieser Wahrheit abgelöst, bleibt nur der “arme Kerl” zurück. Allein und ohne Natur.

 

 

 

 

 

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