Wellen ff: Die verbotene Lebensgeschichte. MEERE im Freecity-Altblog am Sonnabend, den 4. Oktober 2003.

[Name des Worddokuments: 8 Weblogeintrag 041003 (1 Entwurf). Erstellt am Sonnabend, 4. Oktober 2003, 13:39]

[Nota:
Zur Zeit der Abfassung dieser Darstellung war mir
Werbung für Meere verboten; da jene mir hätte als
eine solche ausgelegt werden können, ersetzte ich
den Romantitel durch „Wellen“.
ANH, 13.3.2018]

 Bei allem Spott, bei aller Polemik, die ich hier betreibe, die auch meinem Temperament entsprechen, grundiert diesen Fall WELLEN etwas a u c h-persönlich Furchtbares. Als ich vor 22 Jahren meinen Namen änderte, so nicht, weil ich es wollte, sondern weil der Literaturbetrieb nichts anderes zuließ. „Hast du nie daran gedacht, deinen schrecklichen Namen abzulegen?“ fragte mich damals Arno Münster, der eine Gastprofessur in Bremen und das Typoskript meines DOLFINGER-Romans gelesen hatte (der hieß damals noch DIE ERSCHIEßUNG DES MINISTERS, ein Titel, der selbst Jahre später nicht durchzubringen war). „Mit diesem Namen wirst du in Deutschland niemals ein Buch veröffentlichen.“
Ein Ribbentrop, kurz gesagt, fiel aus der Akzeptanz rein des Namenslabels wegen. Die 68-er hatten an den wichtigen Schaltstellen der Literaturzentralen die Macht übernommen und drückten alles weg, was ihnen nicht in ihre Vorstellung von Aufarbeitung der Geschichte paßte. Es kam nicht auf formale Gestaltung einer Dichtung an, sondern auf ihre politische Intention. Publizierte nun ein Ribbentrop einen, sagen wir, künstlerisch durchgeabeiteten Roman, so hätte das dem Label „Ribbentrop“ eine neue, geradezu reinigende Wirkung gegeben, und so etwas wollte man ja gerade nicht. „Erinnern für alle Zeit“, war die Devise und ich, nur des Namens wegen, ein Steinchen dieses verdinglichten oder zu verdinglichenden Denkmals. Daß mich als 1955 Geborenen eine Schuld an Hitler-Deutschland und Auschwitz und alle übrigen Greuel gar nicht mehr traf, spielte für sie keine Rolle.
Nach vielerlei, durchaus quälendem Hin du Her entschieden die Freunde und kamen mit vorgedrucktem Briefpapier und Visitenkarten, auf denen „Alban Nikolai Herbst“ stand.
Es war das Jahr meines am Abendgymnasium Bremen nachgeholten Abiturs.
Ich reagierte konsequent und zog ein halbes Jahr später nach Frankfurt am Main, wo ich mich völlig neu sozialisierte. Kurz davor bekam ich tatsächlich – als „Alban Nikolai Herbst“ – meinen ersten Verlagsvertrag, und zwar mit denselben Texten (MARLBORO); die bereits seit Monaten durch die Editionshäuser reisten. Es war wirklich wie ein Schlag: Kaum h i e ß ich anders, durfte ich ein Buch veröffentlichen.
Wenn ich also einen Fuß in der Dichtung fassen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Herkunft zu verleugnen und mich insgesamt neu zu erfinden. Ich selbst, ganz persönlich, wurde zu einer Romanfigur. Auch und gerade das erzählt WELLEN.
Es liegt auf der Hand, daß eine solche Verdrängung wenigstens unbewußte Folgen hat, die an völlig unerwarteten Stellen virulent werden, bisweilen auch explodieren. Denn ich trieb meine Neuerfindung so weit, daß ich noch heute ein sehr sprödes Gefühl von Fremdheit habe, wenn mich jemand „Alexander“ nennt.

Zwei Ereignisse machten meine Selbsterfindung porös.
Das eine war der frühe Tod meines Vaters, der sich gänzlich in sich zurückgezogen hatte und nicht mehr sprach. Er hinterließ mir keine Briefzeile, kein Erinnerungsstück, aber den in einen billigen, zugeklebten Briefumschlag hineingetanen Familienring. Als mir seine Gefährtin, die über sein langsames, vegetierendes Sterben gewacht hatte – es war ein für ihn sehr schmerzhafter Gang hinüber, und er wurde immer böser dabei -, diesen Ring übergab, hatte ich plötzlich das Gefühl, es lege sich etwas auf mich, das sehr schwer war, „der Geist der Schwere“, sagt Zarathustra. Und ich brauchte einige Zeit, dieses lastenden
Gefühls wieder ledig zu werden.
Das zweite Ereignis war die Geburt meines Sohnes, der ja wieder nach m i r heißt. (Nach wem? „Hans Er ich Deters“ WOLPERTINGER). Mir  wurde allmählich klar, daß ich meine Geschichte austragen mußte, wollte ich sie nicht wiederum ihm „vererben“. Auch davon handelt – intensiv – WELLEN.
Wenn mir nun dieses Buch untersagt wird, wenn ich daraus nicht mehr vorlesen, ja nicht einmal – wie der Gegner möchte – zitieren darf, dann wiederholt sich alles von vorn, dann bin ich weiterhin derjenige, der seine Geschichte verleugnen muß, wenn er literarisch tätig sein will. Dem entspricht der Modus von Vergangenheits“bewältigung“ vollkommen, der seit Jahrzehnten in Deutschland betrieben wird. Ich habe das 2003 in meinem hier nachlesbaren Vortrag Größenfantasien am Beispiel des deutsch-jüdischen Zusammenhangs theoretisch ausgeführt und dringend für „Normalisierung“ plädiert. Es handelt sich um etwas von enormer gesellschaftlicher Bedeutung, die nun auf mich ganz persönlich zurückschlägt, ja auf mich einschlägt.
Es geht auf meine Existenz. Ich bin so sehr Literatur geworden, daß es mir hochgradig schwerfällt, von einer sicheren, „anfaßbaren“ Realität zu sprechen, die uns alle umgibt. Meine Erfahrungen belegen, daß eine solche Realität nicht existiert, sondern immer nur H i n s i c h t e n auf Realitäten. Das ist keine formale oder gar verspielte Konstruktion, sondern sinnliche, alltägliche Gegenwart für mich. In nahezu allen meinen Büchern habe ich dieses Thema im Zentrum, weshalb man sie gerne der Phantastik zuschlägt. Tatsächlich sind sie „realistisch“. In WELLEN aber durchbreche ich zum ersten Mal die Spiegel, die sich verhundertfacht in sich selbst spiegeln. Deshalb dieser Überhang des Sexuellen im Buch: Ich mußte das Unhintergehbare fassen, in allen seinen Verstellungen, um das Hintergehbare, Vorgeschützte bloßzulegen. Wenn in der Presse behauptet wird, es handle sich bei WELLEN um eine Abrechnung, so ist das schon richtig: – aber es ist eine mit der deutschen Nachkriegsgeschichte, die, ob sie will oder nicht, immer an Hitlerdeutschland gebunden bleibt und gebunden bleiben s o l l. Ich stelle die Frage – und habe aufgrund meiner Kinder- und Jugenderfahrungen alles poetische Recht dazu -, welche Schuld denn tatsächlich ein sagen wir sechsjähriges Mädchen trifft, nur weil sie eine Deutsche ist? Sie hat sich ihre Geburt doch nicht ausgesucht, und auch ich habe mir meine nicht ausgesucht. Ein Verbot von WELLEN würde unter anderem diese Frage verbieten.
Persönlich ist das wegen der geschilderten lebensgeschichtlichen Verdopplung katastrophal; man will mir versagen, meine Geschichte zu erzählen (die natürlich s o nicht meine i s t, es ist Fichtes, eine Poetisierung – Fiktionalisierung – mithin), aber man will auch den Deutschen meiner Generation einen prägenden Teil ihrer Lebensgeschichte nehmen. Ich war immer ein Kohlhaas, nur daß es hier nicht um Pferde, sondern um Literatur geht, von der ich immer gesagt habe: Reiche sie nicht an die Existenz, sei sie nichts wert. Dazu muß ich nun stehen. Mit meiner Existenz, meiner seelischen, meiner finanziellen. Ich werde auf meine Rechtschaffenheit abgeklopft, und zwar unter Aufbietung härtester Mittel. Ich bin kein Diplomat, Findigkeiten, geschmeidiges Lavieren liegen mir nicht, ich konnte schon in der Schule nicht „abschreiben“, ohne aber auch sofort erwischt zu werden. Ich wurde ja schon rot, wenn ich nur den Gedanken erwog. – Was ich habe, ist meine Energie; wie lange sie mich speist, weiß ich nicht und auch nicht, wie groß die Reserven sind. Aber ich werde für mein Buch kämpfen. Ich habe wenig Geld, gar keine Rücklagen, und eine etwaig verhängte Ordnungsstrafe von 250.000 Euro würde mich zur Beugehaft ins Gefängnis bringen. Wie weit werde ich gehen?
Was ich auch schreibe, alles ist Minenfeld, persönlich, politisch und neuerdings juristisch. Ich bin aus dem Luxus hinausgefallen, schreiben zu können, was ich will – damit allerdings aus der Beliebigkeit auch, aus diesem furchtbaren „eh wurscht“. Die Tür des Elfenbeinturms ist hinter mir ins Schloß gefallen, und, wenn es einen gibt, der Schlüssel liegt drinnen.

Ich habe meinen Vater – anders als meine Mutter – geliebt. Ich lernte ihn nach der Trennung meiner Eltern, bei der ich Kleinkind war, erst mit etwa siebzehn kennen; es gab in der ganzen Zeit dazwischen keinen Kontakt. Ich habe ihn geliebt, weil er so viel Kunst in sich hatte. Aber ich habe ihn verachtet – und bemitleide ihn heute -, weil er nicht die Kraft hatte, zu dem zu stehen, an was er glaubte. Weil er ständig den Schwanz einkniff. Weil er nicht um seine Kinder kämpfte. Weil er es erlaubte, daß in der Maske der Bitterkeit die Angst und nicht seine künstlerische Überzeugung Macht über ihn gewann und ihn immer kleiner und immer enger werden ließ. Ich will nicht, daß mir mein eigener Sohn eines Tages den gleichen Vorwurf macht, der im Herzen derselbe ist. Das immergleiche Muster, das schon die Kindheit meines Vaters prägte, darf sich nicht ein nächstes Mal wiederholen.

Es ist dieser Impuls, der Fichte aus seiner Eremitage nach Deutschland zurückholt, und es ist dieser Impuls, der mich mein Buch schreiben ließ.

Dieser Beitrag wurde unter Altblog, Buchverbot, Hauptseite, MEERE, Letzte Fassung. veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Wellen ff: Die verbotene Lebensgeschichte. MEERE im Freecity-Altblog am Sonnabend, den 4. Oktober 2003.

  1. Ute stefanie strasser sagt:

    Ein mich beeindruckender Text !
    Jetzt muss ich nur herausfinden, ob WELLEN = MEERE ???

  2. Ute stefanie strasser sagt:

    hab leider wieder einmal nicht genau gelesen !
    MEERE = WELLEN !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.