Bamberger Elegien (48). Zwölfte Elegie (1). Entwurf des Anfangs.


Wolf v. Ribbentrop gewidmet.
Wolken. Immer Wolken, seh ich tags hinaus, manchmal
leichte, gewattet, als hätt man ein pelziges Tier in der hohlen
Hand, es rührt’ sich, man streichelt’s, doch faßt hindurch schon und es
ist nicht mal warm; so steigt es wieder auf, als hätt man’s
weggepustet; steigt zu den seinen; winkt nicht; wir harren
scheinbar; es aber zieht in losen Verbänden und zeigt uns
(nicht sind w i r gemeint) mit den andren den Rücken, der locker
in der Luft liegt und auf ihr wie auf Wasser treibt, auf gelöstem
Hydrogenium, das er selbst ist. Darum fliegen
Vögel nicht, sondern schwimmen – so sagte der längst gestorbne
Freund einst, vergangen wie, Vater, du, ach krepiert, der mich zeugte,
ließest deine Kinder zurück wie im Leben im Tod nun.
Wolke warst du wohl selbst? doch nie leichte, wonach du,
es zu sein, traurig und trauernd neidetest, immer,
ohne Gabe, doch derart begabt, und hieltest keinem:
nicht der bitteren aufrechten Mutter, die dich verstoßen
in ihrer großen Gerechtigkeit (meiner eignen das Vorbild),
nicht dem Vater, dem feigen, der sie denunziert hat, barbarisch
aufsteigerisch ans Regime; deiner Frau nicht, die dich verachten
lernte für deine Schwäche, dein wolkiges Schwärmen, das keinen
Halt auf der Erde fand, unverantwortlich und vermessen,
warst Patriarch, dem der Stamm fehlt, Aristokrat ohne Herkunft;
hieltest nicht deinen Söhnen, die dich nicht kannten vor lauter
Abwesenheit; den einen sahest du nie mehr, schon starb er
dir hinterher, der jüngre, mit vierzig, an dir auch, Vater
(daß wir „Vater“ nie sagen durften!); und auch den Töchtern
nicht, von Alimenten verlassen, die eine verleugnet,
Wolkenvater über der Regnitz und nicht mal das Wort blieb.
Niemals sagt’ er, wie ich, mein Sohn, zu d i r , „mein Sohn“ mir.
Vaterlos selber nahm er’s nie an, entrissen schuldlos
unsrer schuldhaften patriá, wurzellos ziehend,
sucht’ er nach Wurzeln: Regen fiel, wenn er bleiben wollte,
Unwetter ward da, feuchtkühl, wenn einer sich kauert und wartet,
daß es vorbeigeht und spricht nicht und schützt nicht, es bergend, sein Nahstes.

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Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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