Argo. Anderswelt. (47).

Wie Cordes sich wandt! Ich verfolgte die Szene von ungefähr dem Platz aus, an den sich Cordes den Polizeichef und die Rebellin hingedacht hatte, war meinerseits ins SILBERSTEIN gekommen, wie oft zu einem Abenddrink, so gegen zehn. Es gibt Gewohnheiten von Deters, die mir gefallen, ich hatte von Anfang an kein Problem damit, sie zu übernehmen. Als ich eintrat, war Cordes bereits angetrunken. Und kritzelte und kritzelte. Soff weiter. Wie es seinerzeit Deters immer getan hatte. Insofern war es nicht schwer, die Situation zu erfassen. Vielleicht muß man sich vor diesem speziellen Platz an der Bar hüten, vielleicht strahlt von da etwas aus. Three things that enrich the poet. Ein Programmfehler, kann sein, von mir stammt der allerdings nicht. Vielleicht hatte sich die Zeuner ein Scherzchen erlaubt, irgendwann, als ich mal auf Toilette war. Kann schon sein. Oder es ist ein Effekt der Selbstgenerierung, aufrgund derer die Allegorie auf jeden hinüberschwappt, der da Platz nimmt. Jedenfalls war es deutlich, daß der den Faden der Saga wieder aufgenommen hatte. Ich war nicht ganz unglücklich darüber, daß es nicht mich selbst getroffen hatte. Der ich mich, da Deters nach mir designt ist, dennoch ein bißchen vorsehen muß. Es wäre nicht leicht, zum Beispiel Goltz klarzumachen, daß ich durchaus nicht der bin, den er ohne allen Zweifel in mir erkennen würde. Ich bin ja nun ein T e i l der Saga geworden, hab mich – mutwillig, würden einige sagen – selbst in sie hineinkopiert.
War ich aus der Realwelt tatsächlich verschwunden? Dieser Gedanke hat mich lange beschäftigt und geht mir bisweilen immer noch nach. Oder kann man sich innerhalb desselben Bezugssystems sozusagen verdoppeln? Werden die Welten auf d i e s e Weise ineinander verschränkt? Das könnte die Irregularitäten erklären, welche die Anderswelten offenbar voneinander nicht mehr trennen ließen. Nach dem ersten Hauptsatz der Themodynamik hätte ich im selben Moment, da ich in Buenos Aires hinzukam, aus Beelitz und überhaupt der Welt gelöscht werden müssen. Es sei eben denn, Broglier sowie die anderen Cyborgs, die ihre Welt verlassen hatten, und dann eben auch ich (k e i n Cyborg!), hätten durch unsere jeweilige sagen wir „Wanderung“ die geschlossenen Systeme tatsächlich um ein je weiteres erweitert. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch nicht durch die quantenphysikalische Überlegung einer ‚vorübergehenden Schwankung’. Meiner Rechnung zufolge bin ich unterdessen schon ein ziemlich genaues Jahr hier, da läßt sich von vorübergehend allenfalls dann sprechen, wenn die Systemzeiten nicht konvergieren sollten. Für so etwas gibt es indes bislang kein Indiz. So ist nun, wärmetheoretisch ist das die einzig schlüssige These, zum „wirklichen“ Beelitz das computergenerierte Buenos Aires genauso real hinzugekommen wie neues Hedwigenkooger Land. Transsystemisch wandernde Einheiten – zu denen auch ich jetzt gehöre – sind gewissermaßen Buhne und Lahnung sich komplex ineinander erweiternder datischer und physischer Welten. (Seinerzeit war das bereits, wußte ich, Deters aufgefallen und eben eines der nachdrücklichsten Ergebnisse unseres simulativen Anderswelt-Projektes gewesen: daß nämlich Ungefuggers Versuch, Welt datisch zu säubern und sie insgesamt, wie er sagte, „auf eine Diskette zu kriegen“, zwar möglicherweise funktionierte, nicht jedoch ausschließlich, nicht als Transposition, sondern ganz im Gegenteil sie ergänzend: Indem man Welt transponiert, wird das Transponierte zu ihr h i n z u g e t a n. Sie wächst also an. Infinit, fürchte ich.)

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Über Alban Nikolai Herbst

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