Leipziger Buchmesse 2006. Tagebuchnachtrag zum 18. März.

Sehr unkompliziert losgekommen mit dem Jungen. Vater-und-Sohn-latte macchiato am Ostbahnhof. Während ich im Zug Wilhelm Musters PULVERLAND lese, schaut der Junge „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ am Laptop. Kaum sind wir bei der Messe angekommen, meldet sich erst >>>> Juliette, dann bereits >>>> Else Buschheuer, und schon, nachdem sich durch die Wulste Anstehender gewälzt und (Adrian) unterschlüpft worden ist, sitzen wir plaudernd beim Kaffee. Else verfällt in eine Meditation über die Wespentaille einer benachbart Sitzenden, flugs wird das Modell eines modulierten Menschen entworfen: Man sucht sich seine (jederzeit auswechselbaren) Körperteile zusammen und wird Mondmensch, um das mit dem Baron Münchhausen zu sagen. Wir machen ein „Familienfoto“, auf dem Else derart verwackelt ist, daß man meinen könnte, sie habe sich für keinen speziellen Kopf entscheiden können und sich deshalb gleich vier Köpfe zugleich vorgehalten. Na, hier können Sie’s sehen: Adrian futtert derweil das erste Eis des Tages, dem dann ungezählte Süßigkeiten folgen, mit denen ihn namentlich die auf dieser Messe vertretene Damenwelt umwirbt. „Ich hab jetzt d r e i Frauen, Papa“, sagt er mir zwischendurch.„Wen denn alles?“ frag ich. Er versucht, sie aufzuzählen, kommt aber durcheinander und grinst. Unser Zeug haben wir bei meinem >>>> Verlag tisch 7 unterm Tresen gelassen; so können wir frei umherstreifen.
Dann meine Lesung mitten in der Halle, einiges Laufpublikum, aber nicht wenige bleiben da und hören Jean Paul, Bonaventura und mir zu. >>>> Schwartzkopff Buchwerke ist es zufrieden. Nebenan bei der >>>> Wiener edition Luftschacht gibt es alleredelsten Birnenschnaps. Ich süffle, schließlich krieg ich eine kleine Flasche von dem Hochprozenter mit nach Hause. Netter Kontakt und sehr sehr schöne Bücher. Hier erfahre ich von einem Journalisten, es gebe auf der Messe ein Symposion zu den neuen Buchverboten in Deutschland. „Wieso sind S i e da nicht?“ „Na ja, ich wußte erstens nichts davon, und zum zweiten wird es schon seinen Grund haben, daß ich nicht eingeladen wurde.“ Heiter ist allerdings, daß ausgerechnet Ingo Schulze zu Buchverboten spricht, der nun wirklich nie auch nur eine Zeile schreiben würde, die bloß in den V e r d a c h t politischer Inkorrektness käme, sondern sozusagen der Beliebtheits-Character-an-sich ist. Aber egal. Sowas ist halt typisch Betrieb: Wie mach ich etwas über ein Thema der Zeit, aber so, daß sich niemand auf die Füße getreten fühlen kann? Sentimentalgeschwängerter Inzest pur, Heuchel-Schunkeln.
>>>> Ricarda kreuzt auf, wir ziehen Arm in Arm los, Adrian will bei seinen drei Frauen bleiben. Auf dem Gang kommt uns >>>> Paul Ingendaay entgegen, wie immer herzliche Umarmung, aber er ist von Terminen gescheucht, schneller Wechsel der Mailadressen; wenn er wieder in Madrid sein wird, wollen wir endlich korrespondieren. Ricarda und ich ziehen weiter. Sie glaubt mir nicht, daß ich mich entschlossen habe, erotisch ein Asket zu werden. „Das paßt nicht zu dir“, behauptet sie und schleppt mich zu einer kleinen Weinprobe ab, wo es einen ziemlich süffigen Rest Meißener Weines gibt. Kurz darauf sitzen wir bereits bei den >>>> horen und kippeln Grappa in uns hinein. Ich lerne persönlich Jürgen Krätzer kennen, mit dem ich im Sommer 2005 wegen des ARGO-Auszuges in die horen Nr. 219 länger korrespondiert und lektoriert hatte. Es sei ja s c h o n einiges Unappetitliche drin in meinem Apokalypse-Text aus THETIS, sagt er. Er hatte bei der Mittagslesung zugehört. Das Gespräch bleibt, buchmessenüblich, locker. Immerhin kann ich Johann P. Tammen, den leitenden Redakteur, für eine ARGO-Idee interessieren: Sollte der Roman keinen Verlag finden, werden wir eventuell eine spezielle horen-ARGO-Ausgabe machen, mit längeren Auszügen, dazu den Quellen und sonstigen Materialien zur Poetologie usw. Es wäre wirklich ein tolles Projekt. „Schick mir schnell Text“, sagt Tammen. Also werd ich ihm heute noch eine CD mit dem RohTyposkript brennen und morgen zur Post bringen. Jedenfalls nimmt die Publikationsgeschichte ARGOs doch noch Gestalt an; selbst dann, sollte der Roman eines Tages „nur“ als von der Deutschen Bibliothek bibliografierte pdf im Netz veröffentlicht werden: genügend Druck-Publikationen flankierten das dann. Weitergeschiebe.Ab zum >>>> Wunderhorn-Verlag, wo die Edenkobener Weinkönigin Pfälzer Wein ausschenkt. Anstelle mich mit den Kollegen und Lektoren zu unterhalten, flirte ich die Weinkönigin an und lasse mir erzählen, was ihr Amt eigentlich beinhaltet und wie ‚frau’ Weinkönigin w i r d. Was ich erfahre, ist lustig und findet garantiert mal in einem Text Verwendung. Ernest Wichner ist auch da. „Du antwortest wohl nie auf emails“, sag ich. Er: „Ich wußte nicht, w a s.“ Es ging um meinen Vorschlag, gegen 400 Euro monatlich jeden Samstag oder Sonntag im >>>> Literaturhaus Berlin ARGO vorzutragen, und zwar den gesamten Rohtext bis zu seiner Fertigstellung – so etwas habe ich seinerzeit während der Entstehung des WOLPERTINGERs in Frankfurt schon gemacht, damals freilich in privatem Rahmen. Mit der neuen Aktion würde ich gerne die wöchentlichen Fahrtkosten Bamberg-Berlin finanzieren, einmal ganz abgesehen von der publizitären Wirkung eines solchen Unternehmens. – Immerhin, Wichner hat nicht abgelehnt, wir wollen in der nächsten Woche wegen der Sache telefonieren.
Ricarda unterhält sich währenddem bei Schwartzkopff mit >>>> Su Schleyers Gefährten M., der mir immer wieder meine SoftwareProbleme löst und in der kommenden Woche meinen Laptop für Bamberg auf Vordermann bringen will. Das werden wir in irgend einer der kommenden Nächte tun. Der wichtigste Satz jetzt, M. spricht ihn aus: „D i e DDR hat es nie gegeben.“
Verabschiedung Ricardas, die zurück nach Jena muß. Ich ziehe weiter zu Schöffling, finde aber keinen Gesprächseingang. Auch bei Dumont ist niemand, mit dem ich reden könnte; nur Christian Döring sitzt herum, von dem ich weiß, daß er Dumont verlassen wird. Außerdem halten wir eh nicht viel voneinander. Ich werd in der nächsten Woche mal, ebenfalls wegen ARGO, bei dem neuen Programmleiter Marcel Hartges anrufen. An Luchterhand renne ich offenbar dauernd vorbei. Bei Schwarzkopff Buchwerke fällt mir dann eine junge, ausgesprochen elegante Dame auf; wenige Zeit später sitzt sie im Gespräch mit der tisch 7-Verlegerin Bettina Hesse. Ich habe den Impuls, sie anzureden, drücke ihn aber weg. Stehe mit meinem Jungen einige Zeit bei den schönen Bildbänden von >>>> Schwarzkopf & Schwarzkopf, Adrian ist ganz fasziniert. Abgesehen davon flirtet er bereits wieder mit einer jungen, leicht gothic herausgemachten Frau hinterm Tresen; Adrian steht auf Vampire. „Ich muß noch mal weiter“, sag ich ihm, „magst du mitkommen oder lieber hier die Bilder weiter angucken.“ „Bilder angucken, Papa“, sagt er. Ich bin recht sorgenfrei seinetwegen, er findet sich schon zurecht. Und sowieso hab ich ihm in die Hosentasche einen kleinen Zettel mit der Standnummer von tisch 7, mit seinem Namen und meiner Mobiltelefonnummer gesteckt – falls er sich verlaufen sollte in den Massen, kann er irgend jemanden ansprechen, der mir dann Bescheid gibt oder ihn zu tisch 7 bringt. Der Sechsjährige ist ausgesprochen selbständig.
Ich bleibe fast eine halbe Stunde weg; als ich dann doch unruhig werde und die paar Gänge zu Schwarzkopf & Schwarzkopf zurückschreite, steht Adrian tatsächlich immer noch dort und blättert völlig begeistert in einem Folianten über die Kostüme der star wars-Serie. Ich bestelle es mit Kollegenrabatt, ganz glücklich sieht der Junge aus. Und weil es der jungen Dame hinterm Tesen leid täte, müßte Adrian nun eine Woche auf die postalische Büchersendung warten, gibt sie ihm das schwere Album einfach gleich mit. Überglücklich trägt er es von nun an immer mit sich herum – er schleppt es, muß man sagen. Darüber ist sogar der Milchzahn ganz vergessen, der ihm heute noch vor der Leipzigfahrt beim Frühstück ausgefallen ist und den er – in einem Blechdöschen hat er ihn mitgenommen – eigentlich so gut wie jedem auf der Messe zeigte, mit dem er in Kontakt kam.
Frank Niederländer von tisch 7 fährt uns schließlich zum Bahnhof. Dort steht die junge Dame, die mir vorhin so aufgefallen war, ich grüße, wir fangen zu reden an, aber sie ist in Eile, braucht noch ein Tickett. Auch sie muß nach Berlin. Kommt mit dem Automaten nicht recht klar, ich greife ein, schließlich stehen wir für die ganze Fahrt im ICE-Bistro, Adrian guckt „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ weiter, und sprechen und sprechen. Wir tauschen Adressen, Telefonnummern. Daß sie einen Shakespeare-Vornamen hat, geht mir noch lange nach. Ich kann nicht anders und schreib ihr, als Adrian bereits auf seinem Hochbett schläft, noch eine SMS; flugs kommt eine SMS zurück. Eine bezaubernde, zugleich ausgesprochen zielgerichtet wirkende Dreißigjährige, die auf ihrem Internet-Kontakt als Lieblingsmusik Bachs Cello-Suiten und Schuberts späte Streichquartette nennt (klar hab ich noch gegoogelt) und die neben ihrer äußeren Schönheit eine starke innere ausstrahlt – wie soll einen Mann das nicht benehmen? Wir werden heute telefonieren. In die Rosenkavalier-Premiere an der Komischen Oper am 2.4. möchte sie jedenfalls m i t. Fein.
Das, liebe Leser, war, im Eildurchgang niedergetippt, ‚meine’ diesjährige Buchmesse Leipzig.

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2 Kommentare zu Leipziger Buchmesse 2006. Tagebuchnachtrag zum 18. März.

  1. lesof sagt:

    ricarda sagte aber zu mir „und dann nahm ich den alban untern arm…“ unabhängig davon und bezüglich ihres buchprojektes: raf und sand??? herr herbst, ich würd gern bei gelegenheit (sprich, wenn sie mal wieder in j. verweilen sollten) näheres über die näheren hintergründe dieser idee erfahren. bis dahin oute ich mich mit meinem namen
    franca

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