Utopie. EA Richter. Argo. Anderswelt. (225).

In dieser Nacht wurde EA Richter abermals Vater, Jason Hertzfeld auch. Und Dolly II w ä r e Mutter geworden, Willis, auf Thetis, verlor nicht nur sie. „Ich habe empfangen“, sagte auch Deidameia, die Lippen in Kumanis rechter Halsbeuge, „nein“, sagte er, „das geht nicht, wir können nicht zeugen, ich bin holomorph: das hast du, ich dank dir, vergessen.“ Er irrte sich, er war der erste und blieb der letzte seiner Art, der zu zeugen vermochte. Die Wölfin hatte es gespürt, es war erst dieser Höhepunkt gewesen, alles war naß von ihrem Schweiß, in dem der geliebte Mann schwamm, ihr ganzer Körper eine Vulva insgesamt, so war der Orgasmus gewesen: schluckend und aus sich schleudernd zugleich. Dann, wenig später, hatte sich der Unterleib momenthaft schmerzend zusammengezogen: ein Stich, als der kleine Torpedo schwänzelnd die Membran des Eis durchstieß. Da sagte sie es, sagte, empfangen zu haben. Denn sie kannte das Gefühl, auch wenn sie sich der Nacht mit dem Barden nicht mehr entsann, so verlangend hatte sie sich um Kumani gelegt, so verlangend-dicht hatten die inneren Lippen, auf- und niederstreifend, naß an ihm geleckt und dabei das neue Leben, damit es entstehe, aufgesogen: als sie mit dem Buben niederkam, gab es auch Kumani nicht mehr. Sie wurden Bauern, der Sohn und die Jannismutter, bestellten Felder auf den europäischen Bergen, die an das neue Meer herangrenzten, in das Buenos Aires und der dreiviertel Osten versunken war. In der weiten Nachbarschaft lebten andere Menschen. Keiner je erfuhr, wer diese beeindruckende Frau gewesen, aber alle verspürten einen Respekt. Sie wohnten etwas außerhalb des Dorfes. Nur einmal fragte Jannis: „Wer war mein Vater?“ „Ein wunderbarer Mann, mein Sohn.“ Sie lebten in einem Holzhaus, hatten Schober und einiges Land eingezäumt. Hielten Ziegen Hühner. Die Alpen hatten sich über und über mit lichten Wäldern bezogen, nur weit oben war es schroff. Da dann auch lag Schnee. Die Sommer waren sehr heiß, die Winter konnten bitter werden. Es gab, hellgrau, die Abzeichen fast aber weiß, kleine Löwen in der Gegend Bären Adler. Wirkliche Nächte gab es, Schwalben und Sterne: Aber in der nordöstlichen Ferne glomm noch ein Hof, glomm aus dem Meer herauf, er wurde immer matter. Als seinerseits Jannis sich verband, mit der Loislstochter verband, war das schließlich erloschen; das erlebte die Mutter ebenso noch wie die ersten beiden Enkelkinder. Die wurden ebenfalls Bauern, begruben die Großmutter erst, dann ihren Vater. Auch deren Kinder Bauern. Deren wiederum Bauern und Jäger. Und ebenfalls deren. Erst dann, als jede Spur eines Früher verweht war, regte sich der Kreislauf erneut, und jemand brach auf, die Welt zu erkunden. Ein anderer wurde Erfinder. Wir legen eine Decke der Zuversicht über die Zukunft.

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5 Kommentare zu Utopie. EA Richter. Argo. Anderswelt. (225).

  1. ferromonte sagt:

    >>>das mit der placenta schlagen sie sich besser wieder aus dem kopf; wenn sie schon eine placenta einarbeiten müssen, dann lassen sie sich eine von einem maskenbildner aus latex herstellen oder was ähnliches …

    • Weshalb denn? Das wäre ja gerade w i e d e r Entfremdung. Plazenten werden von den Krankenhäusern in großem Stil an die kosmetische Industrie verhökert… da wird wohl eine für mich reserviert werden können. Ich will ja gerade den d i r e k t e n Kontakt, will das G e f ü h l, nicht irgend eine Beate-Uhse-Puppe, von denen es ja sogar n u r-Mösen gibt. Mit einem künstlichen Plastinat zu arbeiten, wäre, als benutzte ich einen sozusagen umgedrehten Dildo. Nö, sicher nicht.

    • ferromonte sagt:

      achso, ich stellte mir jetzt vor wie sie die unpräparierte placenta in das objekt einarbeiten und dachte mir, der müsste doch wissen, daß das zeug verwest … wieso sie jetzt als vergleich beate-uhse puppen, umgedrehte dildos etc. assoziieren, kann ich nicht ganz nachvollziehen.
      wikipedia: >>>„Früher wurde die Nachgeburt häufig von den Kliniken an die Pharma- und Kosmetikindustrie verkauft. Diese Praxis ist unter anderem wegen der Angst vor Aids und anderen Infektionen zum Erliegen gekommen. Die in den Plazenten gesuchten Inhaltsstoffe werden heute aus anderen Quellen oder synthetisch gewonnen.“

    • Klar weiß ich, daß Organe verwesen. Darauf, u.a., kommt es mir ja gerade a n: eben k e i n von Hagens. Bei dem ist ja aber auch alles, um das es Menschen gehen kann, hinwegverewigt. Sondern, wie auch schon bei Beuys und Vostell: den Zerfallsprozeß mit zum Bestandteil machen, aber nicht n u r ihn. Irgend etwas finden, das daraus wieder organisch aufersteht, lebendig aufersteht (oder sich daraus entwickelt): Lebensfeier, ferromonte, sowas wie ein bildgewordenes Mysterium…. an s o w a s denke ich. Aber das ist jetzt alles nur ungefähr und dahingesonnen. Möglicherweise scheitert es schon am Anfang an meiner einfachsten technischen Unfähigkeit. Mal sehen.

    • ferromonte sagt:

      ich bin mir nicht so sicher, ob das mysterium bild-werden muß. besteht es -das mysterium – nicht in seiner erlebnisqualität, die man einen rezipienten auch nicht durch „anschauliche maßnahmen“ nahebringen kann, wenn er nicht fähig ist dazu? sie schrieben eben so treffend von der lesekunst, und analog gibt es die kunst des kunstbetrachtens, des musikörens etc. (grade bei der musik: wieviele menschen erleben nie dieses tiefste mysterium und sehen in der musik unterhaltung oder angenehmen zeitvertreib.)

      ot (hat nichts mit diesem thread zu tun), aber es würde mich interessieren: würden sie auch etwa abgetriebene embryonen, so sie solche als „arbeitsmaterial“ bekommen könnten, verarbeiten? (mir fiel eben ein, daß vor sicher mehr als 10 jahren ein skandal durch die printmedien ging, weil ein londoner juwelier in seiner auslage einem puppenkopf eine halskette aus menschl. embryonen umghängt hatte)
      die frage kommt jetzt nicht moralisch daher, sondern aus interesse und dem drang zu verstehen.

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