Bamberger Elegien (4). Erste Elegie (2). (Entwurf ff).

Die Wahrheit ist eine verbitterte Frau, der zu früher Krebs
gegen weiteres trockenes Leben den Saft
aus dem Gehäuse niemals empfangener Früchte preßte,
dem weich umhüllenden sorgenden Mantel, dem beide schützenden:
Wo Plazenta würde, ist ihr ein Drahtspan geworden.
(Ihr sagt, das sei zynisch? Nein. Es ist Pathos und wahr.
Pathos ist Teil von uns Männern, wenn wir Männer denn s i n d,
gedacht f ü r, gewidmet d e n Frauen, weil ihnen letzte Ergebung
Sorge um den Nachwuchs versagt wie weitren Nachwuchs in Reife.
Ach! wollten hingeben sich, sie verlangten derart nach Einheit,
früh, zu früh von den Kindern, den Männern verlassen, entblühn sie.
Ihnen bleibt Bittres, unsers drum ist, sie zu besingen.)
Nun, statt zu weinen, keift diese Frau. Keift aus Trauer. Um Würde.
Braucht doch Erbarmen. So schenke es ihr! Von ungewesenen
Göttern erzähl ihr! Und g l a u b e, was du glühend erzählst.
Nimm ihre Hände, beide, halte sie auseinander,
erzähl, wie wir Mehrere sind, immer, doch Eines im wandelnden
Irrtum. Das und nichts anderes heißt, barmherzig zu sein.
(Siehst du ihr Lächeln?) – Ich weiß eine, die hatte, als du klein warst,
Angst in den Augen: immer der Fehlgrund für Macht.
Häßlich war diese Frau und verloren an Ordnung und Vorschrift:
So kommandiert’ sie euch Kinder lieblos durch Klasse und Schulhof.
Da erzählt’ ich von Schönheit ihr und was Dich gelehrt
deine Eltern: Daß hohe Sterne über dem Meer stehn.
Nichts sind sie andres, wir wissen’s, als das Blinken von etwas,
das nicht mehr ist. Doch füllen wir es mit uns an.
Daß auch Wiesen nicht sind, was sie sind: sekündliches Morden,
sondern Friede, Gesumme und sirrender Laut einer Bö,
die sich an Halmen, die an ihr ziehen, singend verfängt,
Harfen des Windes, jedes Geschöpf, das bedrohte, mit Wohllaut
entgeltend. Ob man’s auch reißt, jetzt ist es glückhaft befriedet.
Nicht ein Betrug ist’s. Es i s t. Lästerung wär jedes Klagen.
F e i e r n müssen wir das und daß w i r sind, es atmend.
Das erzählte ich ihr, und momentlang standen der Frau
Tränen im Auge, ein feuchter Film nur, doch Schimmern aus
Sehnsucht, die Wangen, die trockenen, röteten sich, erinnernd
wieder selber Kind, hoffend, als ich nachschob,
Lernen sei ebenfalls schön, voll Lust – oder vergebens.
Noch das, jede Zahl, jede Letter wollten Kinder verwandeln,
Halden aus Schutt in Wälder voll Elfen und Wölfen mit Goldblick.
Der Tisch ist ein Raumschiff. Ganz dieselbe Bewegung
ist das: der Blick von Liebhabern Künstlern, so, nicht anders
sehn wir die Sterne, sehn wir die Wiese, das, Frau G., ist
wahrer als Wahrheit, unser menschlichster Glaube. An Dich, Anahit.

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Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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6 Antworten zu Bamberger Elegien (4). Erste Elegie (2). (Entwurf ff).

  1. parallalie sagt:

    wann, wenn wir es denn sagen wollten, werden dem
    leben geboren die sterne und wiesen? leben sie nicht schon,
    unserer eingedenk? uns sich einverleibend…
    welcher blick sähe das, wenn nicht der des künstlers?

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