Paul Reichenbachs Sonntag, der 15.Oktober 2006. Die Geige.

Gut Ding will Weile haben, sagte meine deutsche Großmutter vor Weihnachten, nachdem sie das Hefestück für den Stollenteig ansetzte. Mein Großvater, von dem h i e r schon mal die Rede war, nahm sich das eines Tages zu Herzen und schenkte mir an einem Heiligabend, ich zählte fünf Jahre, eine Geige. Eine Viertel, um genau zu sein. Die Bruchangabe ist verwirrend, denn eigentlich entspricht die Größe einer ¼ Geige fast 70% einer Ganzen. Ich legte sofort los und quälte Bogen und Saiten solange, bis meine Oma die Nerven verlor. Sie riss mir das Instrument aus den Händen und zerbrach es vor meinen Augen über ihr Knie. Das Geschrei des kleinen Jungen war groß und tönte laut durch das Haus. Mein Großvater nahm Mantel und Hut vom Haken, strich mir wortlos über den Kopf und verließ die weihnachtlich geschmückte Wohnung. Richtung Busstation. Die ganzen Feiertage ward er nicht mehr gesehen.
Der schlanke einladende Corpus einer Violine begegnete mir wieder, als ich mich, ich war 17, in eine Geigerin aus der Parallelklasse verliebte. Fortan arbeitete ich Sonntags aushilfsweise bei der Post, um Geld für eine eigene Geige zu vedienen. Das Lernen fiel mir schwer. Die nötige Feinmotorik der Hände und Finger wollte sich lange nicht einstellen. Geduldig lehrte mich meine Freundin das Geigenspiel. Und als sie nach Weimar zog, um Gesang zu studieren, packte auch ich meine Sachen und meinen Geigenkasten, suchte Arbeit und quartierte mich bei ihr ein. Auf ihrem Schreibtisch fand ich eines Tages ein dünnes Buch, das mein musikalisches Selbstvertrauen stärkte sollte:
Paul Michel: „Über musikalische Fähigkeiten und Fertigkeiten. Ein Beitrag zur Musikpsychologie.“ Der Autor entwickelt auf 131 Seiten die Theorie, dass es eigentlich keinen unmusikalischen Menschen gibt und alle über musikalische Fähigkeiten verfügen, die sich durch Training in Fertigkeiten verwandeln lassen. Natürlich kann nicht jeder ein Oistrach oder Menuhin werden. Immerhin zum Doppelgriff und Pizzicato habe ich es unter der Anleitung meiner geigenden Sängerin gebracht. 7 Jahre übten sie und ich das Saitenspiel, bevor wir etüdenmüde uns trennten. Michels Buch macht mir gegenwärtig etwas Mut, was das lit. Schreiben betrifft. Das war gestern. Heute nun ging ich auf den Dachboden und holte den verstaubten schwarzen Kasten auf meine Knie. Nahm vorsichtig die Violine aus dem Tuch, strich über ihren Leib, bezog sie mit neuen Saiten, spannte den Bogen ein wenig, rieb ihn mit Kolophonium ein, setzte die Geige unters Kinn und wollte gerade zu einer Probeterz anheben, als mein Blick auf die CD-Ablage fiel. Schostakowitsch ’s Streichquartette, Complete String Quartets [Box-Set], blickten mich an. Langsam legte ich Instrument und Bogen in den Kasten und schloss ihn. Ähnlich, wie nach der Lektüre von >>> Robert Walser, ich floh damals wochenlang den Schreibtisch, hatte mich der Mut, angesichts des Emerson String Quartet, zum Geigenspiel verlassen.

This entry was posted in Tagebuch. Bookmark the permalink.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .