Arbeitsjournal. Donnerstag, der 26. Oktober 2006. Bamberg. Berlin.

5.29 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
Die Aufnahme, die >>>> Ulrich Bohnefeld von der >>>> Lesung mitgeschnitten hat, ließ sich nicht aufs System überspielen; jetzt muß ich den 9.09er ICE nach Berlin nehmen, um, sofern ich denn einen Termin bekomme, den Introitus für PETTERSSON im ARD-Hauptstadtstudio einzusprechen; dort kennt man mich und ist mir gewogen, so schiebt man mich immer mal schnell dazwischen, wenn’s brennt. Allerdings war es gestern abend zu spät, um noch die Dispo anzurufen, Bohnefeld kam hier erst kurz vor halb neun Uhr abends vorbei. Na, mal sehen. Ich bin zuversichtlich, und ist der Text erst mal im System, schicken die’s per ARD gleich an den hr weiter. Ich meinerseits werd den Laptop dort einschalten und parallel direkt auf ihn mitschneiden lassen.
Um fünf hoch, frisch, da ich bereits um zwölf im Bett lag, allerdings noch eine halbe Stunde weiter im >>>> Menninghaus las. Dazu wäre weiterhin zu schreiben, tu ich später, jetzt geht’s an die Elegien. Daß es draußen so dunkel ist, wurmt mich; aber zur Neunten paßt das.

Jemand hinter ihr habe während meiner Lesung „Kitsch“ gesagt, schrieb mir gestern abend noch eine Freundin:
Manchmal war es schwer, auszuhalten, was Du beschreibst, noch dazu für mich als Frau, stellt sich die Frage was ist das für ein Frauenbild, das Du da ver- oder bearbeitest, entwirfst… Vielschichtig, widersprüchlich, grausam, mädchenhaft, leidenschaftlich, besessen, voller Leid, voller zerstörter Hoffnung… da gäbe es soviel. Ein Ausbund an archetypischen Gestalten und Mixturen…??? das verschreckt, stößt ab, schließlich wird der eigene Schatten angesprochen, mit dem man sich doch so ungern auseinandersetzt, Und Du tust das so gnadenlos mit Deiner Sprache, man kann sich ihr nicht entziehen, schon gar nicht Deinen Frauen(figuren)! Du forderst ein! Und nicht nur den Leser/Zuhörer, Du forderst auch Dich ein, genauso gnadenlos – und das verstört! Es will doch fast jeder Schriftsteller oder Künstler irgendwie gut dastehen. Letztlich ist es nicht das, was Du schreibst, was verunsichert und verstört – es ist Deine Person! Wie Dir begegnen, wie mit Dir umgehen? Ohne vielleicht selber in einen Strudel hineinzugeraten wie bei der Vergana?Zum „Kitsch“ habe ich ihr >>>> d a s geantwortet.

(Ich hab gerade gesehen, daß die Vergana-Beiträge untereinander nicht verlinkt sind. Das muß ich nachholen und hab es eben bis „10“ auch getan. Alles weitere dann erst später, damit ich mich jetzt nicht in der Arbeit verfussel. Wenn Sie trotzdem insgesamt nachlesen wollen, geben Sie unter SEARCH einfach je ein: Vergana (9), Vergana (8) usw. – Auch die spannende Diskussionsübersetzung mit >>>> parallalie über >>>> den Pound-Haiku „In a station of the metro“ setze ich zwar fort, aber später.

So, an die Elegie. Guten Morgen.Der Bildschirm meines Laptops hat zwei neue senkrechte Fehlerstreifen; guck ich nun drauf, macht’s den Eindruck, als schriebe ich hinter Gittern. Das Baby hält, fürcht ich, nicht mehr lange durch.

9.20 Uhr:
[ICE Bamberg-Berlin.]
Sie sind S c h ä t z e, diese Damen im ARD-Hauptstadtstudio Berlin! Und das Mobilchen ist manchmal ein Segen. Der ICE kam wenige Minuten zu spät in Bamberg an, ich nutzte das, um mit Berlin zu telefonieren, am Bahnsteig. „Lassen Sie mich eben schauen“, hieß es, „Herr Herbst. Wann kommen Sie an? Gut, 13.45 Uhr hier in Regie 1. Für w e n bitte noch mal? – hr, okay – und welche Redaktion?“ Es gibt Kollegen, die klagen ständig, daß sie dort keine Termine bekommen. Nun hoff ich nur, der ICE hält seine kleine Verspätung e i n oder holt gar wieder auf.
Ein g u t e r Tag dies, scheint’s. Bereits für die >>>> neunte Elegie sprudelten die Zeilen nur so, und sie sprudeln weiter. Parallel denke ich dauernd >>>> über den Pound nach. Aber jetzt frühstück ich erst einmal, die angebrochene Milchpackung hab ich mitgenommen und ein Landbrot mit Parmaschinken belegt. Mir gegenüber liegt ein sehr gut aussehender Mann um die dreißig, der sehr ungepflegte Fingernägel hat, über zwei Sitze und schläft; links über die zwei Sitze neben mir liegt embryonal eine junge blonde Frau in sehr hochhackigen Stiefeletten und schläft ebenfalls. Ihre dunkle Jeans streckt mir den schmalen, sehr schönen Hintern entgegen, und, da die junge Frau schlanke Beine hat, sichtlich das Geschlecht. Wahrscheinlich sind der junge Mann und diese junge Dame ein Paar, das eine lange, bereits sehr lange Fahrt hinter sich hat. Ich entschuldigte mich dafür, daß ich ihn störte, „ich brauche den Tisch für den Computer“ – aber er sah mich nur verschlafen an, die Augen auf Viertelmast, nahm eine Zigarette, rauchte, schwieg, dann schlief er und s c h l ä f t weiter.

14.36 Uhr:
[Berlin, Schönhauser Küchentisch.]Na das ging schnell. Hintenrum aus dem Bahnhof Friedrichstraße hinaus, an der Spree entlang, viel zu früh war ich da. Stand dann noch fünfzehn Minuten und schaute aufs Wasser. Notierte zwei Elegie-Zeilen. Die Neunte ist insgesamt w e i t voran, ich schrieb fast die ganze Fahrt von Bamberg an. Nun der Introitus war blitzschnell aufgenommen und liegt bereits beim hr; ich selbst hab sie mir als mp3 auf den Stick ziehen lassen und werd sie nachher in die Montage kopieren. Gleich aber geht’s erst einmal in die Arbeitswohnung hinüber.

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .