PauL Reichenbachs Samstag, der 9.Dezember 2006. In den Startlöchern.

7:50 Uhr
Le vent dans la plaine
Suspend haleine.
Es ist nicht zu glauben, im Haus herrscht beste Laune, nachdem wir beschlossen erst morgen zu fahren. Sie kocht Holundersuppe, während ich meine Bücher schon einmal freudig durchblättre, Michel Serres und die neue >>>Lettre komplettieren die kleine Reisebibliothek.

9:20 Uhr
In der Lettre erinnert mich ein Gespräch, zwischen Carl Hegemann und Boris Groys, an die Amerika-Debatte in den Dschungeln:
In Amerika gib es apokalyptische Bewegungen. Der „Kampf für Gerechtigkeit und Demokratie gegen den Terror“ ist nichts anderes als das Sterben nach den Nullinhalt auf der Nullebene. Diese Formulierung macht keinen Sinn, weil nach Russel oder dem frühen Wittgenstein gilt: Sinn macht nur eine Formel, die die Bedingungen anzeigt, unter denen sie widerlegt oder verifiziert werden kann. Weil wir aber keine Kriterien haben, die anzeigen, ob wir Freiheit gewonnen haben oder nicht., ist das Sterben für die Freiheit im Antiterrorkampf ein reines Opfer ohne Sinn. In diesem Sinn kann man sagen, dass der amerikanische Kampf gegen den Terror genauso wie der islamistische Terror beide das Territorium besetzen, das der Kommunismus freigelassen hat. Nun kommt hinzu: In dem Moment , wo sich die wirtschaftliche Logik der militärischen unterwirft, ist der Kapitalismus schon am Ende. Carl Hegemann/Boris Groys. Todeskollektivierung. Lettre Nr.75 S. 31-34. Ich will hier nicht das ganze Gespräch wiedergeben, … am Ende heißt es sinngmäß: Das Kollektivierungsprojekt des Kommunismus, die Vergesellschaftlichung des Eigentums, zeigt sich am Ende des Kapitalismus, als Kollektivierung des Todes.
Jetzt aber los in die Bibliothek. Sie packt ihren Koffer. Im Haus tönt Bachs Weihnachtsoratorium. Das mag manchem zu früh sein, uns aber gefällt’s.

11:15 Uhr
Gelesen IM VORBEIGEHEN und an ANH’s Gedicht >>>Patou gedacht.

IM VORBEIGEHEN

Makellos wie Aphrodite,
Durchaus schön,
Hirnlos,
Der heimliche Duft deines Patschuli,
Heimlich wie die Kontur der Grausamkeit um dein Kinn,
Fällt mich an und tut mir fast ebenso wenig.
(Ezra Pound)

11:30 Uhr
Endlich Paglias Buch, das sich unter Stapeln verborgen hielt, wiedergefunden und in den Karton meiner Reisebibliothek gelegt. Ein post-it fiel heraus, montgelas notierte da: Der Tänzer Nijinsky schreibt in seinem Tagebuch: “ …Der Mensch stirbt für Gott.Gott ist die Bewegung und deshalb ist der Tod notwendig… Natur ist Leben. Leben ist Natur. Der Affe ist Natur. Der Mensch ist Natur. Der Affe ist keine menschliche Natur. Ich bin kein Affe im Menschen. Der Affe ist Gott in der Natur, denn er hat ein Gefühl für Bewegung. Hier, im Haus, stellt sich die Frage, wer kocht und vor allem – was ?

14:00 Uhr
Sie kocht. Pilze in Rahmsoße. Die Beilage, Nudeln, brodelt im Topf. Es herrscht gute Stimmung bei Reichenbachs. Liebe Leser, für eine Woche, es können auch zwei werden, verabschiede ich mich aus dem TB . In dieser Zeit wird Bruno die Last des TB allein schleppen müssen,, nein – es ist nicht wirklich eine Last… ,

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu PauL Reichenbachs Samstag, der 9.Dezember 2006. In den Startlöchern.

  1. Bruno Lampe sagt:

    Da ich, lieber Paul, nicht Dein, sondern mein Leben beschreibe (umreiße?), ändert sich am Aufwand nichts für mich, soweit es das Schreiben betrifft. Ich wünsche Dir, daß es auch nach der Abreise so locker weitergeht mit Eurer Stimmung.

    • Paul Reichenbach sagt:

      Lieber Bruno, ich bin Semipessimist, weil ich die Hoffnung , obwohl sich schon Wolken am Horizont zeigen, nicht ganz aufgeben will.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.