Arbeitsjournal. Mittwoch, der 27. Dezember 2006.

9.03 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
Soeben erst aufgewacht. Das wird A r b e i t geben, in die Arbeit wieder h i n e i nzufinden. Aber ich habe gestern, nachdem Sohn und Geliebte schliefen, noch bis spät in die Nacht noch den dritten Teil der >>>> Lederstrumpf-Fernsehfilme mit Helmut Lange wiedergesehen, die mich, als ich selber Junge gewesen bin, ausgesprochen beeindruckt haben und diesen Eindruck nun h i e l t e n. Es gibt die sehr lang auserzählten, sehr ruhigen Interpretationen nunmehr auf DVD (wie auch >>>> die wirklich unvergleichliche Verfilmung von Stevensons Schatzinsel, und da kenne ich nun wirklich a l l e Filmversionen; allein >>>> Ivor Dean als Long John Silver ist unerreicht geblieben). Wie jedenfalls hier Geschichte als langsam sch wälzender Strom auserzählt wird, ist beeindruckend, auch wie wenig es eigentlich an schauspielerischer Virtuosität, geschweige Schnittechnik braucht – es braucht überhaupt keine action; ganz im Gegenteil ist einfach nur Gegenwärtigkeit nötig, auch, hab ich den Eindruck, Haltung. Und wie klar es einem wird, daß die Vernichtung der indianischen nordamerikanischen Stämme a u c h das Ergebnis eines strategischen Machtspiels und der Kriegs„kunst“ namentlich Englands und Frankreichs gewesen ist – und ich mußte schlucken gestern nacht, als Bumppo zu Chingachgook sagt: „Wir gehören einer aussterbenden Art an: dem freien Menschen“. Die Aufgabe der persönlichen Freiheit bekommt eine tragische Note: Zivilisation gibt Freiheit weg, zivilisierte Bürger stellen sich freiwillig in das durchregulierte Sein, unterstellen sich. So auch der neue SPIEGEL-Titel: „Das Ende einer Kultur“, womit das Ende all jener Intellektuellen- und Künstlerwelten gemeint ist, denen zu rauchen ein Teil ihrer Erscheinung und damit auch ihres Wesens gewesen ist, eben ein Teil ihrer Kultur: Von Laurence Sterne über Thomas Mann, Jean Paul Sartre über Heinrich Böll, Gustav Mahler über Ernst Bloch, Humphrey Bogart über Jean Luc Godard, Marlene Dietrich und überhaupt ‚den Vamp’ über Romy Schneider – ganze Generationen prägender, zu Recht prägender Existenzen werden, wendete man die neuen Zivilregulationen auf sie an, als ‚unverantwortliche Personen’ zumindest leicht kriminalisiert oder zu ihrer selbst nicht mächtigen Randfiguren gemacht. Der Fallensteller Bumppo, der die Wälder durchstreifte, wird dann notwendigerweise zu einem kleinkriminellen Wilderer, über den sich die neue Gesellschaft erheben kann und kleinlich erhebt. Das tief-Tragische an dem Geschehen ist jedenfalls im Falle des Rauchens, daß jene, die die neuen Gesetze machen, und die, die sie unterstützen, und die, die sie durchsetzen, nicht von ungefähr an die Geisteskraft und kulturbildende Energie, ja W e i t e jener heranreichen, die geraucht haben. Es sind sehr viel kleinere Menschen von sehr viel geringerem Horizont. Dem ‚freien’ Jäger, der für sich selbst und seine Freiheit ganz bewußt einen oft frühen Tod in kauf nahm – dafür war sein ganzes Leben mit Leben g e l a d e n -, legt der Krämer, der in der Überzahl ist, Handschellen an. Einiges davon, Seelenvolles, wittert in dem großen Dialog mit, den Wagner im Lohengrin Ortrud als Vertreterin des Alten Rechtes mit Telramund führen läßt. Und hinter dem allen steht das Machtinteresse der Ökonomie, die zur Zeit des Lohengrins das Machtinteresse des mittelalterlichen Christentums war.
Man kann das auf den ‚freien’ Dichter übertragen. Man kann das aufs ‚freie’ Denken übertragen. Man kann das auf meine gesamten Überlegungen zum Tabu, also aufs moralische D e n k e n, übertragen. Rein objektiv haben nomadisch lebende Völker in einer seßhaft werdenden, sich durchstrukturierenden Siederwelt keinen Platz mehr und müssen weichen oder ‚werden gewichen’. Es ist reiner Überlebenskampf. Dieses Weichen wird auch für viele orientalische Völker gelten; es gilt auch für fundamental aufgefaßte Religionen, die der Regulierung des Weltmarkts im Weg stehen, für W e r t e, die ihr im Weg stehen. Gewissermaßen ist Osama Bin Laden der >>>> Sitting Bull der arabischen Welt. Man muß nur einmal – meinethalben vorübergehend – die Perspektive des westlichen, um seinen Schutz bangenden Westbürgers verlassen, und es wird einem geradezu unmittelbar – evident – klar.

Ich habe noch weitere Überlegungen zu Weihnachten angestellt, sie liegen anformuliert hier in einer Datei; aber ich zögere noch mit der Veröffentlichung, weil eine der Spuren, denen ich gefolgt bin, auf die Seite einer neuen deutschnationalen Website geriet, die mir höchst unangenehme Gefühle bereitet; und man möchte ungern dem e i n e n Gegner, dem machtpolitisch ausgebreiteten Christentum, eine Verletzung zufügen, die dann dem a n d e r e n Gegner, nämlich der nationalistischen Ideologie, einen Vorteil verschafft. Andererseits, wenn man das d a s zum Kalkül seiner Publizierungen macht, zensiert man seinerseits das Denken und unterstellt es politischen Strategien; auch hier, wiederum, scheint ‚freies’ Denken unmöglich geworden zu sein; indem man so etwas jedoch akzeptiert, wird alles, was man publizierend denkt, prinzipiell intentiös. Bevor ich meine Weihnachtsüberlegungen also einstellen werde, muß ich eine Form gefunden habe, die sie von falschen Freunden distanziert. Haben Sie also noch etwas Geduld. Bitte.

Ralf Schnell, der den horen-Sonderband über ANDERSWELT mitherausgeben wird, ist in Berlin; wir treffen uns gleich zu einem gemeinsamen Frühstück. Viel wird zu erzählen sein.

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