Paul Reichenbachs Donnerstag, der 28. Dezember 2006. Küchengespräche.

Wie lange soll man sich erinnern?/Immer. Immer? Immer. fragt und antwortet der in Frankfurt lebende Dichter >>>Paulus Böhmer in seinem Poem „Nana verlor an Höhe“.
Ich erinnere mich: Sechs Jahre alt war ich, als in der kleinen Stadt die Sirenen dröhnten und die Leute auf den Straßen für kurze Zeit stehen blieben und meine Mutter mir ergriffen zuflüsterte ER ist gestorben, was soll nun aus uns werden und mich fest an ihre Hand nahm. Am nächsten Tag konnte man sein Bild schwarz umrandet auf der Titelseite unsrer Kreiszeitung sehen. Stalin war tot. Dem Kind sagte das nichts. Nur der Streit, den meine Mutter mit meiner Großmutter am Abendbrottisch hatte, ließ mich ahnen, dass Ungeheures passiert sein musste. Es gab Brotsuppe, eines meiner Lieblingsgerichte. Altes Brot zerstückelt und mit viel Kümmel in Fleischbrühe gekocht. Als meine Großmutter mit einer großen Kelle die Suppe ausschenken wollte hielt meine Mutter ihre Hand über den Teller. An so einem traurigen Tag könne sie nichts essen, meinte sie. Und meine Oma erwiderte: Ich bin froh, dass der Verbrecher verreckt ist. Und im lauten Ton hörte ich meine Muttere zu mir sagen: Wir essen heute nichts Paul und dann wollte sie mich vom Stuhl ziehen. Der kleine Junge aber hielt sich mit aller Kraft am Stuhl fest. Es war das erste Mal, so jedenfalls meine Erinnerung, dass er seiner Mutter widerstand. An meine Großmutter gewendet, du redest dich noch mal ins Zuchthaus, lockerte sie ihren Griff und verließ weinend den großen Küchentisch. Endlich wurde mein Teller gefüllt. Es hat wie immer gut geschmeckt, und ohne schlechtes Gewissen genoss ich dann noch den Nachschlag. Ich entsinne mich deshalb der kleinen Geschichte , weil in unsrem Haushalt am letzten Tag des Jahres Brotsuppe serviert wird. Das Rezept meiner Großmutter stammte von einer Cousine, die nach dem Krieg in die Schweiz geheiratet hatte. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Brotsuppe mit Kümmel (Schweiz)
Zutaten
1 EL eingesottene Butter
ca. 150 g altbackenes, dunkles Brot
1 l Wasser
1 Fleischbouillonwürfel
1 Zwiebel, fein geschnitten
1 Messerspitze Muskat
wenig Pfeffer aus der Mühle
1 EL Kümmel, nach Belieben
1 Prise Salz
1 Bund Petersilie, fein gehackt

Zubereitung
Butter in einem Brattopf erhitzen.
Das Brot in dünne Stücke schneiden, zugeben und unter stetigem Wenden goldbraun rösten. Wasser, Bouillonwürfel, Zwiebel und Gewürze beigeben und alles aufkochen.

Die Suppe dann 30 Minuten bei kleiner Hitze zugedeckt köcheln lassen.
Anschließend die Suppe mit dem Schwingbesen kräftig durchrühren und nochmals kurz aufkochen. Eventuell nachwürzen. Kurz vor dem Servieren die Petersilie beigeben.

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