Arbeitsjournal. Mittwoch, der 14. Februar 2007.

4.44 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
Heute bliebe ich lieber hier und schriebe wie gestern nachmittag bis in den Abend weiter. An einem Tag nach Bamberg zu fahren und am nächsten schon wieder zurück, nervt dann doch. Aber es geht nicht anders; der Junge hat ausgerechnet mittwoch nachmittags/frühabends sowohl sein Hallentraining als auch Musikschule und mit den Zwillingsbabies u n d noch einem Termin, kann das die Mama nicht schaffen. Mit e i n e m Kind war das alles möglich; als ich Bamberg annahm, war diese ganze Entwicklung nicht abzusehen.
Also fahr ich. Aber werde unbedingt nächste Woche eine längere ‚Bamberg-Einheit‘ einlegen, das auch müssen, da ich mein Stipendium nicht noch in den letzten fünfsechs Wochen gefährden will.
Doch die Zeiten stehen auf Abbruch; bis sieben Uhr tu ich was an den Elegien, dann pack ich, nach Duschen und >>>> Rasur, die ersten Bücher und Tonträger ein und nehme sie mit zurück nach Berlin. Ursprünglich wollte ich das in dieser Woche ein zweites Mal tun, aber auch morgen ist bei der Geliebten ein wichtiger Termin, und am Freitag abend feiert der Profi ein großes Fest, auf dem ich nicht fehlen will.
Gut, mit dem Wecker um halb fünf hoch; seltsam aber, daß ich bereits um halb vier einmal wachlag, nach knapp drei Stunden Schlaf, als hätte mich ein innerer Wecker zur Arbeit gerufen, und ich wartete tatsächlich darauf, daß der äußere schellte. Tat er nicht. So sah ich nach und bemerkte da erst, daß es noch viel zu früh war.
Ich hab seither den Klang der Ersten Elegie im Kopf und, so schön die anderen beiden Motti auch sind, glaube ich nun, >>>> daß montgelas recht hat und ich nur den Aragon stehen lassen werde. Das Zitat entstammt dem zweiten seiner unfaßbar großen Liebesromane, „La mise à mort“, der, nicht unkorrekt, von Eva und Gerhard Schewe mit „Spiegelbilder“ übersetzt worden und seit langem nicht mehr am Markt erhältlich ist. Aber die DDR, die den Wandel des alten Aragons offenbar nicht mitbekommen hatte, hat das Buch seinerzeit in einer offenbar enormen Ausgabe herausgebracht; so gehe ich heute oft, wenn ich an einem Antiquariat vorbeikomme, hinein und schaue, ob‘s das Buch da gibt. Gibt‘s das, dann kauf ich auf Vorrat, dieses und „Banche ou l‘oubli“, für das das gleiche gilt.
Und immer noch kenne ich Aragons nachgelassenen Roman zur Verteidigung der Unendlichkeit nicht, den die Èditions Plejades vor zweidrei Jahren herausbrachten, den aber niemand ins Deutsche, scheint‘s, übertragen will. Es wäre ein Grund, mein Französisch wiederzulernen und zu erweitern – ein gewichtigerer Grund, als es meine eigene literarische Präsenz für mich ist, die dank Prunier in Frankreich zunehmend Form bekommt.
So, Zweite Elegie.

6.48 Uhr:9.18 Uhr:
[ICE Bamberg-Berlin.]
Kaum hab ich im Zug den Schreibplatz eingerichtet und seh in die Zweite Elegie – den ganzen Weg über zum Bahnhof sangen die Verse, und neue, im Kopf, kamen hinzu -, fall ich schon hinein und hätt fast dieses Arbeitsprotokoll vergessen. So auch fast den Aufbruch, als ich nach einem kleinen Frühstück, stehend an dem Koch-Eckchen eingenommen, abermals in den Text sah. Plötzlich war‘s eilig. Also den wirklich sauschweren Rucksack gehalftert und losgestapft, wobei ich an >>>> Eigners Warnung denken mußte; bereits vor fünfzehn Jahren, da war er etwa so alt wie ich heute, sagte er, wann immer er mich mein Zeug schleppen sah: „Das machst du auch nicht mehr lange. Warte nur, bis du in meinem Alter bist!“ Nun bin ich‘s und schleppe noch wie mit dreißig. Wie pivilegiert mein Körper ist, wie zäh, wie gesund, wird mir immer klar, wenn nahe Freunde bereits mit kaum vierzig an Wirbelschäden und schmerzenden Knien laborieren; dabei sitze ich sicher nicht weniger als sie. (Wenn ich aber nicht schreibe oder Musik hör, kann ich, wie schon als Kind, nicht stillstehn; es ist dann mit mir ein permanentes Hin und Her; Ruhe find ich nur in der Arbeit und, eben, in der Musik und während meiner nun schon seit Jahren nur kurzen, dann aber steintiefen Schlafphasen. Das nur, damit Sie ein Bild davon bekommen, auf was für einen Menschen Sie sich mit mir einlassen. Wahrscheinlich fall ich eines Tages einfach um und bin dann tot.
Zurück in die Elegie! Hieran komponier ich gerade:

Teilkörper wir?). Wie, ach!, ein lange vergangenes Echo
wirkt das, in uns nachhallend, weiter – ein im Gewölbe
unsres Kopfes lebendig begrabnes, reflekiertes,
irrt es von Schädelwand zu Schädelwand



irrendes, lebendig tief begrabnes, das zwar hinauswill, aber nicht -kann. Und geht nicht hinaus, denn die Schädeldecken
sperren es ein.



en, Bilder eines alten Instinkts,
)

22.10 Uhr:
[Berlin, Am Terrarium.]
Bin mit der ÜA der Zweiten Elegie noch nicht ganz fertig; nach meiner Ankunft in Berlin gingen die Termine meines Jungen Schlag auf Schlag; immerhin konnte ich mittags 50 Minuten in der Arbeitswohnung schlafen. Den Rucksack hab ich dann erst in der dreiviertel Stunde ausgepackt, in der Bub in die Musikschule war.Und hab Musik gehört ein wenig. Es war wirklich wieder wie heimkommen. Und wie ich mich darauf freue, dort wieder meine Arbeit aufzunehmen!
Abends erreicht mich dann am Telefon >>>> Titania und erzählt, daß es jemanden gebe, der mir aufgrund >>>> meiner Initiative einen Laptop – einen Mac, man faßt es nicht – sponsorn wolle; sie hatte davon schon vor dreivier Tagen gesprochen, aber da war es darum gegangen, daß man mir Geld geben wollte – was ich abwehrte, weil mir ja gar nicht daran gelegen ist, den Laptop als Eigentum zu haben; im Gegenteil, er wäre dann möglicherweise durch Pfändung gefährdet, wenigstens könnte versucht werden, ihn zu pfänden. Vielmehr möchte ich das Gerät zu unentgeltlichen Nutzung unter Eigentumsvorbehalt. Das ist viel sinnvoller. (Schon mein Stiefvater, ein Anwalt, ein Konservativer, soll immer gesagt haben: „Was soll ich mit Eigentum? Es reicht mir völlig, Dinge unumschränkt nutzen zu können.“)
Titanias Mitteilung hat einen gewissen Witz, weil ich doch >>>> diese Briefe noch gar nicht abgeschickt habe; es hat gereicht, sie in Die Dschungel einzustellen – und nicht nur Freunde, sondern auch Leser reagieren und engagieren sich. Das gibt ein gutes Gefühl.
Hab auf dem Desktop eben noch ein ARGP-Zitat entdeckt, das ich hatte einstellen wollen und jetzt also eingestellt h a b. Die Arbeit an dem Roman muß nun wieder pausieren; ich schätze, ich geh ab Anfang April wieder daran. Vorher werden die Bamberger Elegien lektoriert, und in Sachen COUP muß unbedingt Korrektur gelesen werden. Der nämlich wird sich Ende März realisieren – mit einem ziemliche Knall, sofern nicht der Literaturbetrieb bloß in Duldungsstarre verfällt. Falls Sie nicht wissen, was das ist, schauen Sie einmal unter „Schweinezucht“ nach.
So, ich mach etwas mit der Zweiten Elegie weiter, vielleicht bekomm ich sie noch fertig. Sollte das vor 24 Uhr der Fall sein, würd ich sie auch noch einstellen; danach nicht mehr, wegen dann erneuter Einwahl-Gebühren (hier ist kein Internet-Anschluß, wie Sie wissen, ich geh deshalb mit dem Mobilchen ins Netz).

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