Bamberger Elegien (60). ÜA zur ZF. Zweite Fassung der Dritten Elegie.

Auf Amphitrite.
(Max Klinger, 1898).

Nur: Was i s t sie denn, Schönheit? Gibt‘s ein Für w e n ist
sie?
und relativiert sie? Hat sie Gesetz wie die Dichtungen
auch? Oder ist sie leer – sind‘s Flächen für Projektionen,
die auf der Staffelei je nach Gen und Kulturen bereitstehn?
Das wäre billig. Denn w e n n Projektionen, woher dann s i e und
so? und bleiben im Kern und in den Relationen
über Jahrhunderte gleich? (Bereits Säuglinge sehen nicht lieber,
weiß man, das freundliche Antlitz an, sondern wenden zu s c h ö n e n ,
das ist g e m e s s e n, Gesichtern die Blicke.) Füllen also
w i r sie? Füllt s i e uns? Sind vielleicht wir die Projektionen
und, wie die Wasser dem Narzisso, ein Spiegel, über
den, wo sie Eines werden, im Meer, die Schönheit eben
n i c h t zärtlich herrscht, sondern grausam? Immer geht Gefahr von
ihr wie ihren Schwestern aus, den Potameiden,
lockend gezähnten Vaginen, die mit Flossen winken
als mit Dessous.

(Bisweilen dacht ich, ein Nymphchen strecke
mir seinen reizenden Kopf aus der Regnitz, um mich, den Schwimmer,
tollkühn zu machen, daß ich weiterschwömme über
eine Grenze hinaus, hinter der mich die Strömung in den
nahen Turbinen zerschreddert. Zerrissener Orpheus, so trieben
Blut, in Fetzen Gedärme, Knochensplitter, der Kopf noch
immer singend, an Klein-Venedig vorüber und dir, so
nennt Homer das Meer insgesamt, Amphitrite, zu, der
ersten, so nennt dich Giordano Bruno, Monade – s o die
Frau gegen Männer bewahrend und ihren mächtigen Einbruch,
Mütter, in E u r e Domänen. Seit jeher ist sie, Schönheit,
weiblicher Ausdruck des Geschlechterkampfes; dessen
männlicher Ausdruck die Kunst ist, die seit jeher Schönheit,
weil sie und w e n n sie schön wird, bannt und in sich aufhebt.
So beschwört sie und r i c h t e t die ungeschiedene Möse,
die uns als nicht soeben genommen uneinnehmbar
b l e i b t. Wir richten deshalb Delphine auch für den Krieg ab.
Denn aus Rettendem formen wir, was vernichtet: zuhandne
Dinge, museal und dienstbar Zwecken, die wir
selber verfügen. Dennoch bleibt den Künsten Geheimnis.
Ebenso uneinnehmbar bleibt es ein Rest, den wir fühlen,
aber nicht mehr begreifen. Weshalb er uns füllt.)

Sehend begehren, ach!, wir Männer immer – derart
füllt uns das dunkle Empfangen mit einem Schrecken, der im
Lichten zu drängender Lust wird. Erfüllung, ach! Wie wir
mit unsren Augen nicht ablassen können von deinen Brüsten!
Witternd die Pupillen, weil der Geist den Instinkt auf
Augenhöhe hebt und vermeint, er hätt ihn nun sicher
und die Gier sei dadurch gebannt, schaun wir Dich an und beten
Deinen Fuß schon, Amphitrite, an, jeder einzelnen Zehe
Nagel, den Perllack, der Perlmutter schimmernde Mutter.
Du hebst den Kopf, drehst das Kinn, die Kehle entblößend, lockst Du,
f o r d e r s t das Raubtier in uns, Dich zu reißen – und willst uns verhöhnen,
da wir’s nicht können, sondern versagen. Denn wir wissen,
Du beißt zurück mit stärkeren – sengenden, Anahit – Zähnen:
wie ein Wasser beißt, das kocht. Und fragst nicht nach Unschuld
oder Schuld. Erfaßt es. Nimmst‘s dir. Zerstörst oder leckst es.
Wir, die daran genießen, die daran verzweifeln, hören deshalb
nicht, was Du rufst (denn zugleich, wie alles, willst Du‘s verdecken;
Dämmerlicht, Ungefähres vermischt sich): Wer erreicht mich?
sieht mich? w a g t mich? ruft es. Und ist so enttäuscht, so mannlos!
Fast ist‘s ein Ekel. Und Du entziehst Deinen Nacken, wehrst der
Zunge, die Dir den Puls näßt, anstatt daß man hineinbeißt.
Ach diese Feigheit! Erstarrt, ein Krampf in den Sehnen Deines
Halses, an dem noch der männliche Mund spürt. Drückst ihn weg und
sperrst Dich. Was für ein schäbiger Kerl! Unzugegeben,
klebrig die Träume zwischen Backe und Backe verkniffen!
W i e wenig Ich! Um Ansehen dauernd besorgt!

(Dein Blick, der
weiter im Raum steht, erlischt in der Melancholie eines Marmors,
aus dem Aphrodite den Atem wieder herausnahm,
weil sich Pygmalions Blick, als sich das Bildnis bewegte,
furchtbar verklemmte, indem er die freie Fremdheit erkannte
und daß sie fordert, was sie, sich selbst gebend, gibt.)

Traurig wird jede Schönheit, die milde und bitter verachtet
und am Geschmack dieser kleinen währenden Blutung leckt, die
ihr der Kuß in die Unterlippe gestanzt hat – Kuß des
bleibenden Tiers, das wir doch scheuen, aber, Geliebte,
in der Schönheit verehren und brauchen. Den Schmerz, Amphitrite,
l a s s e n wir ihr. Unantastbarkeit sperrt ihn ein. Was sie
quält – und nicht, weil sie leer wär‘! Schönheit erträgt‘s doch und trägt es.
Daher kommt die Gestalt. Wie s i e der Steinmetz in Form bannt,
so in ihren Körper sie den Schmerz, und das hält ihn.
Wie das wütet, Anahit, in Dir! Du aber lächelst,
arrogant aus Vollendung und zu voller Frauenstolz, um
um eine Wollust zu locken, die ihn Dir nimmt – wo wäre
er, der Mann, solcher Vergessenheit wert, die Du so
brauchst und ersehnst? Kein Jammer entringt sich. Zu groß das Entsetzen,
das Du gesehen, dem Du entsprangst, Kastration Deiner Väter,
Stücke ihres Zeugungszeugs im salzigen Bluten
Deiner sieben Mütter, den Meeren. Davon die Wirbel,
davon Chaos und Säfte, alles ein einziges Wehtun,
zahlloses Wehtun, wahlverwandt aber in dem losen
Schaum zerflockt, der neu und aufs neue Bindungen suchte –
bis endlich D u Dich daraus formtest. Schönheit ist Einspruch.
Weiblich, immer, ist sie darum. Ungestaltes
in sich, holt sie die erste Zeugung immer wieder,
ihre eigne, nach, nicht gewußt, ganz wie auch Empfängnis
nicht gewußt wird und nicht Wille, sondern Wunsch ist,
der sich tiefseits der Labien verwirklicht.(N o c h. Schon hat sich
technisch der Wille des Wunsches bemächtigt und penetriert ihn.)
Zieh sie ein wenig heraus und streiche sie je zu den Schenkeln.
Schaue. Schleimhaut, Organik. Rötlich zucken Sekrete.
Das ist das All. So geht’s hinein. So heraus geht es immer.
Glas ist nicht fruchtbar. Der unreine Schlamm ist‘s. Schönheit verschweigt
das. (Sie soll das verschweigen). Doch sie enthält‘s. Kann man,
Dich, Amphitrite, öffnen? Konnte es Pygmalion?
Wie erschrak er, als sich das stehende Bild ihm organisch
aufschlug! Und war ihm so wenig gewachsen, wie Alphonse
Peyrehorades der Venus von Ille. Denn wir erwarten,
daß es, wenn wir uns nähern, uns nicht zerlegt, sondern
w i r, wolln wir, nehmen‘s. Es nimmt aber uns. Und ruft noch: Nimm mich!
Nimm mir die Haltung, den Willen! Ruft nach Beschmutzung, Speichel,
Kraft,und nach Schlägen, die die Besinnung aus ihr heraushaun,
ihre schwere, formale Leuchtkraft, ihr Götziges, endlich.
Will doch auch nur wieder ein Tier sein und ruhen können.
Aber daran, daß d a s kommt, versagen wir so, daß alle
Schönheit sich in zu naher Nähe verliert. Wie auch wir dran
unsere Form.verlieren. Embryo werden. Wir rauchen,
um nicht zu weinen. Denn es umfängt uns die Mutter wieder
und zerbricht Dich uns, Venus, ach Venus von Ille.

Wollt ihr, daß sie zerbricht? Nein. Und schlaft deshalb mit Minderm
lieber, dem die Mutter schon von Beginn im Gesicht ist.
Schönheit, sagt ihr, ist kalt. Sie braucht nicht ein andres, genügt sich.
Steht da und leuchtet für sich. Narzißtisch sei sie. So steht sie
fremd im Sozialen. Schönheit ist einsam wie alles Perfekte.
Selbstreferent ist sie aber gemacht. Sie hat sich nicht selber
idolisiert, sondern das taten w i r. Damit sie bleiben
kann, wird sie Stein und verdinglicht, wird Zelluloid und, weil sich
Filme nur scheinbar bewegen, endet im Freitod der Monroes.
Ach, Romy Schneider! Kaddisch der Schönheit. Ach, wie alleine
models sind, in die solche Schönheit hineintrat! Zerschlagt mir
dieses Gefäß – doch wer wagt das und nimmt es auf? Er
nähm‘s nicht mit i h r auf, das spürt er genau; er nähm‘s, selbst so sterblich,
mit einem Ewigen auf, das s i e gar nicht ist. Da scheut er.
(Sie scheuen alle.) K a m p f, Amphitrite, ist Dein Brautbett.
Was Dich verzweifelt. Du w i l l s t gar nicht kämpfen, sondern ruhen
möchtest Du drin. Möchtest ankommen endlich. Auch du willst umfangen,
wie eine Mutter umfängt, und nicht mehr distinkt sein. Willst ihn
ja, ihr ew’gen Götter, nur an diese Brust willst
du ihn niederziehn!* Doch nur Krieger zerschlagen, was Dich im
Marmor derart starr machte, bis du reine Ikone
warst, so verlassen bewundert, derart umschwärmte, beklatschte
– innen die blinde, ungerichtet probende Schöpfung,
außen ein Leib, der sie unberührt anhält, weil er zur Form wird.
D a s bewundern wir. Deshalb ist‘s uns tabu.

Wir entweihen uns selbst nicht. Berührten wir Dich, wir entweihten
u n s e r Geheimnis. Ein schales, nicht dunkles. Heimlich
ist es, nicht mythisch und schon gar nicht, fehlst Du, Mysterium.
Du verleihst das dem Mann erst. Das soll nicht Laut sein. Deshalb
lassen wir Dich in Deiner selbstherrlich bitteren Blüte
stehen, die wir als Drohnen, die den Austausch verschmähen,
weil sie danach nichts mehr haben, umschwirren – weil uns Natur so
peinlich begrenzt hat. Der Geist entstand so. Aus Notwehr. Ergreift Dich.
Nimmt den Meißel. Haut Dich in Stein. Der dann steht und vergeblich
wartet. Genüg Dir, Schönheit, doch selber! Öffne Dich b l o ß nicht!
Laß nicht das Tier frei, das wir fürchten, weil es uns unsren
Geist, der Dich schuf, so geringmacht. Unbedingt sollst Du sein! Und
wehe, du gibst Dich d o c h! Dann halten wir uns schadlos,
rächen uns, höhnen und treiben mit Dir einen Handel, der Dir
papparazzisch die kindlosen Titten aussaugt. Besser,
du versagst Dich. Uns versag Dir! Und bleibe Madonna,
die wir von f e r n e begehren in Starlets und Stars und in Diven.
D i e erreichen wir n i c h t. Und genügen nun jedem,
unserm moralischen Geist, unserm Alltag und einem Begehren,
das nicht zugeben muß, wie tief es noch drin ist, im Geist, das
bleibende Tier. In seinem Maul steckt deine Kandare.
Darum ist Schönheit, die immer weiblich ist, männliche Waffe,
die in den weiblichen Leib ging für männliche Turniere
(Schönheitswettbewerbe sind wahr, da muß sie sich messen).
Jede Frau, die gewinnt, bleibt allein und bannt uns das Tier, nur
so darf’s uns bleiben: von Deiner Gestalt, Anahit, ganz erblindet.
Nicht springt es los, dich zu jagen, es wirft dich nicht nieder.
Nicht zerstückt es dich zwischen den Klauen, stößt zeugend zu nicht.
Nicht zu dem Einen macht es Dich, das sich im Andren,
sterblich und fruchtbar, findet. (So geschunden. So heimgekommen.)
Nein. Er bleibt unerbarmt, Dein Schmerz auf der Lippe.

Stehst auf dem Sockel. Pompös der Aufgang.marmorner Treppen.
Ich rieche Weihrauch, das Licht hell gefiltert. So schauen wir flüsternd.
Argwöhnisch die Museumsdiener, wenn wer nicht betet.

Wie Küster.

[*) Nach Kleist, Penthesilea, 9.]

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6 Kommentare zu Bamberger Elegien (60). ÜA zur ZF. Zweite Fassung der Dritten Elegie.

  1. ferromonte sagt:

    eigentlich unerträglich. aber interessant – ich werd mir das büchlein kaufen.

    • @ferromonte. W a s finden Sie unerträglich? Und wieso wird es dann interessant? Können Sie das beschreiben?

      P.S.: Als ich Ihren Kommentar vorhin las, hatte ich ein Gefühl, das sich ungefähr mit „jemand, der nüchtern uneigentlich ist“ ausdrücken läßt. Jetzt grüble ich über dieses Gefühl nach und wende Ihren Eindruck hin und her.
      Ein Büchlein wird es mit schätzungsweise 160 Seiten Versdichtung aber eher n i c h t werden.

    • ferromonte sagt:

      eben auf dem heimweg dachte ich daran: es ist einfach noch nicht fertig.
      ich finde es sehr interessant als dokument, als der versuch eines sehr intelligenten mannes, einmal alles wichtige zu sagen, seine sicht des lebens darzulegen. insofern ist es unbedingt in dieser fassung schon mutig und revolutionär, und ich habe die entstehung vergangenes jahr teils voller spannung und neugierde beobachtet.
      nun bin ich kein literaturwissenschaftler, kein schriftsteller und kein dichter, nur ein leidenschaftlicher leser und mensch. und so meine ich, daß es – das ganze werk der elegien – einfach nicht fertig ist. es müsste über vielleicht jahre hinweg überarbeitet werden, das hier scheint mir erst einmal die geburt gewesen.
      rilke arbeitete durch zehn jahre an seinen duineser elegien; den vergleich ziehe ich jetzt nur heran, weil er mir die überleitung zu einigen kritikpunkten bietet, die ich mir als laie – auf ihre frage hin – erlaube:
      ich vernehme rilke viel zu deutlich. rilke ist rilke ist rilke, und wer auch immer seine töne anschlägt wird sich dieser beobachtung nicht entziehen können, durch keinerlei argumentation. ob das in ihrem sinn ist, weiß ich nicht. den leser stört es vielleicht sehr. wie die vielen „achs“ auch.
      ästhetisch schlägt sich der rilke-ton mit „möse“ etwa, die einige zeilen höher noch „vagina“ genannt wird. ästhetisch ist alles wie ein hefeteig gebläht. alles ist zu lange. „weniger ist mehr“ würde ich gern sagen, wäre das nicht so abgedroschen. durch die große fülle verliert sich die wirkung. was schade ist. es müsste das wesentliche, unentbehrliche herausgearbeitet werden.

    • @ ferromonte. Ich verstehe sehr, was Sie mir damit sagen. Danke. Aber ich a r b e i t e dran. In der mir eigenen Art: Schnell. Und doch langsam, für meine Verhältnisse. Ihr Einspuch ist mir hier sehr wichtig. Wie der Einspruch Kühlmanns: „Sie haben sich immer entgrenzt. Jetzt setzen Sie sich F o r m.“
      Noch nicht erreicht, stimmt. Zu ungewiß ist mir das alles. Ob ja, ob nein (Hexameter in der strengen Form). Ich verlaß mich auf den Prozeß.

      Die „ach“s sind übrigens m e i n e, nicht Rilkes. Schauen Sie nach.

    • ferromonte sagt:

      die achs sind ihre, das ist mir klar.
      form ist das allerschwierigste. sie machen das aber in ihrer ureigenen weise, das ist gut so und die einzige möglichkeit. alles gute dabei.

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