Arbeitsjournal. Donnerstag, der 5. April 2007.

7.07 Uhr:
[Berlin, Küchentisch. Motetten im DänenNetzradio.]
Verschlafen, weil fast zwei Flaschen Wein gekippt. Etwas dicker Kopf. Die Jungs schlafen tief, denn bei denen, bei beiden, wurde es zwölf. Es war wie Wiedersehensfeier. Katangas Junge spricht von einem ‚Abschied‘, so deutlich ist auch ihm der Umbruch spürbar.
Ich meinerseits öffnete nachts dann tatsächlich noch einen Messenger und sprach nach vielen Monaten wieder >>>> June. Vertrautsein, erzählen, über mehr als 1000 Kilometer hinweg, ohne sich doch jemals ‚real‘ gesehen zu haben. „Kommen Sie denn nun im April nach Wien?“ „Leider nein, es hat mit der Lesung dann doch nicht geklappt.“ Das andere gehört n u r ins Persönliche, ihres, meines; ich führe ja kein Tagebuch mehr, sondern erzähle Ihnen, was direkt auf meine Arbeit einwirkt. Orte spielen eine große Rolle, die Ökonomie spielt sie, Auseinandersetzungen um mein Werk spielen sie. Spannend war >>>> dieser Brief-Kommentar des jungen Lyrikers >>>> Christian Filips, dessen Aber der Mittelteil „schreit Ich.“ (Du weißt, dass Harnoncourt Mahler nicht dirigiert mit der Begründung, diese Musik schreie „Ich“? Ich kann ihn verstehen.)in mir einen eigenartigen Geschmack, etwas wie Bedenklichkeit, erzeugt. Unmittelbar verstehe nämlich auch ich Harnoncourts Haltung und würde sie stützen, zugleich halte ich sie für falsch, weil sie die Möglichkeit eines Objektiven supponiert, deren vorgebliche Realisierung, etwa bei Bruckner, vorgeblich i s t. Gemeint ist natürlich, daß dort ein Ich transzendiert worden sei; aber damit werden die Wurzeln weggeschnitten, als stünde das Gewächs im Himmel – den ich eben auch nur für einen bedingten Raum halte. Bruckner, um beim Beispiel zu bleiben, war gläubig, Mahler nicht. Ich bin es ebenso wenig; meine, sagen wir, >>>> Glaubensversuche sind dem Skeptizismus verwandt. Im übrigen gehören >>>> die Punkt 10, 11 und 15 bei Lovink >>>> hier mitbedacht. Wenn jedenfalls Mahler zu sehr „Ich“ schreie, so hat immerhin das die Form-Gewißheit der Spätromantik zu kippen gebracht und war genau dadurch ein Spiegel dessen, was in der gesellschaftlichen Zeit geschah – und das im Sinne Ernst Blochs: „Lauschst du nach innen, hörst du das Draußen“. Sofern Filips Harnoncourt richtig wiedergibt, waltet da die Vorstellung einer ich-losen Objektivität, die ich in keiner Weise teilen kann und die mich an den Glauben an die Freiheit des Willens erinnert: als wäre auch nur irgend etwas, das sich rein aus eigenen Willensgründen fundamentierte. Wenn es aber kalt ist, müssen wir uns etwas anziehen oder wir frieren; mit diesem schlichten Satz steht die gesamte Diskussion über die Willensfreiheit (und über die Metaphysik) ziemlich nackt da. Da hat übrigens selbst Voltaire – scharfer Vertreter der Willensfreiheit – gespürt: „Es gibt einen Punkt, von dem aus darf man nicht weiterfragen“, sagt er, um sich die Moral nicht relativieren zu lassen. Selbstermächtigung hi e r könnte bedeuten, ganz bewußt etwas glauben zu w o l l e n, könnte eine Haltung bedeuten, über deren objektive Unhaltbarkeit man sich gleichzeitig immer klar ist – so, wie man persönliche Rituale entwickelt und sie heilighält, ohne daraus die Forderung zu entwickeln, andere möchten es bitte ebenso halten. Das gesellschaftliche Bindeglied wäre hier die Schönheit: eine Handung ist s c h ö n; das allein rechtfertigt sie und gibt ihr Würde – etwa beim Betreten einer Kirche eine Opferkerze zu entzünden, ob für irgend eine Innenrepräsentanz (etwa geliebte Menschen) oder ob für einen Gott, das spielt dabei eine nur marginale Rolle. >>>> Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen.

Und damit, liebe Leser, an die Fünfte Elegie.

12.26 Uhr:
[Arbeitswohnung. Henze, Voices (1973).]
Vor lauter poetologischer Diskussion gar nicht mehr an die Elegie gekommen. Kurz bei der Geliebten vorbei, eine halbe Stunde „Zwillingsdienst“, dann hierher. Muß dringend an den Niebelschütz für die ZVAB. Das werd ich nach dem Mittagsschlaf angehen. Post: Robert HP Platz hat ANDERSWO geschickt, das für den WDR produzierte Hörstück nach >>>> meinem Libretto. Darauf bin ich extrem gespannt, aber ich hör da auch erst nach dem Schlafen hinein. Und die >>>> Villa Concordia Bamberg macht wegen >>>> der Schlüsselgeschichte (12.02 Uhr, zweiter Absatz) gegen mich 5000 Euro geltend, über die mir die Staatsoberkasse Bayern heute eine Zahlungsaufforderung schickt. Da es dafür keinen Rechtsgrund gibt, zumindest ist er höchst strittig, solln die mich gerne verklagen; dem sehe ich mit Ruhe entgegen. Daß Bernd Goldmann, der derzeitige Direktor der Villa, nunmehr diesen Weg beschreitet, obwohl er um meine finanzielle Lage genau Bescheid weiß, charakterisiert ihn genügend; es paßt insgesamt ins Bild der Leitung dieses Hauses: was man von den dortigen Künstlern hält und wie man sie behandelt. Es wird für die Villa Concordia Bamberg später einmal recht schandbar sein, wie etwa als Folge der unseligen Schlüsselgeschichte mit den BAMBERGER ELEGIEN umgegangen wurde, nämlich letztlich gar nicht. Und auch der Stadt Bamberg, die von allem aber wahrscheinlich gar nichts weiß, wird das nicht gut zu Gesicht stehen, wenn eines Tages die Bamberger Elegien neben den Römischen und den Duineser genannt sind und man sich dann fragt: Wollten die zu >>>> einem zweiten Lübeck werden? Na egal.
Filips hat noch mal mit einer Mail zu Harnoncourt/Mahler reagiert. Schöner Brief:Dennoch: Deine Ausführung zu Harnoncourt vollziehe ich mit. Es kann sein, daß der katholische Österreicher in ihm eine musikalische Ichlosigkeit annimmt, die auch ich nicht glauben (ja, glauben) kann. Aber das müssten wir ihn denn selbst fragen, nein, ihm genau zuhören, etwa bei einer Krönungsmesse: zeigt die Form das Ich nicht gerade da, wo sie ichlos sein will? Auf dieses zweite Argument war ich bei meinem Hinweis eher aus: der Wille zur Kunst, der beweisen will, die Mittel zu beherrschen (das vereint übrigens Mahler und Bruckner). Und dann tönt da der – auch soziale – Beweis und sagt: hier spricht Einer, der kann Kunst im Wiener Kontext! Und gerade dann bin ich geneigt, ihm nicht „glauben“ zu wollen, weil es mich – meine Solidarität mit ihm? – mißachtet. Auch eine eigenmächtige Haltung freilich.Das sind Argumentationslinien, die mir s e h r gefallen, vor allem dieses „Kunst im Wiener Kontext“, in den sich – mit vollem Recht – Harnoncourt selbst gestellt hat, dessen Entwicklung von der Favorisierung „historischer“ Aufführungen zur Spätromantik manches Innere andeutet. Doch offenbar steht da immer noch die Vorstellung einer möglichen Objektivität im Hintergrund… Der Katholizismus („Dogma“) ist möglicherweise tatsächlich eine Bezugsquelle der harnoncourtschen Anti-Mahler-Haltung. Das von Adorno so genannte Zerrissene an Mahler, das ja eben zugleich ein Zerreißendes ist… – da geht, so sehr er ihn auch liebt, der Vorhang des Allerheiligsten in Fetzen, und zwar nicht profan wie bei Richard Strauss, sondern gläubig: Das ist der eigentliche Angriff.

17.17 Uhr:
[Robert HP Platz, Anderswo, auf ein Libretto von ANH.]
Das ist eine tolle, faszinierende Komposition von großer Sogkraft geworden. Ich bin so angetan, daß ich gar nichts anderes momentan arbeiten kann.>>>> Hast geschlafen eine ganze Menschheit hindurch…<<<<

17.50 Uhr:
Das Stück ging bis eben. Zweimal überkam mich ein Schauer, bei den letzten Takten auf „…und der bläst anderswo…“ stiegen kurz Tränen. Ich bin wie benommen von der klaren, harten, traurigen Schönheit dieser Komposition. Jetzt müßte >>>> „Leere Mitte: Lilith“ von der Komposition noch einmal überarbeitet werden, damit sich Textverständlichkeit herstellt… denn dieses Stück jetzt gleich nach jenem und dann noch die kurze Kinderoper dazu (ein fünfjähriges Scheidungskind, das um den Verlust der Elterneinheit klagt)… dann hat man ein ungeheures, mächtiges und zugleich menschlich-inniges Opernstück, das den Vergleich aushält.

21.11 Uhr:
[Küchentisch, Am Netz. Beethoven, Missa Solemmnis im >>>> DänenNetzRadio.]
Wenigstens a n g e f a n g e n hab ich mit dem Niebelschütz-Textchen. Meine Lust, da >>>> was aus den alten Texten zusammenzustockeln, ist gering; also hätt ich gern einen Einfall. Und hatte ihn. Mußte ihn aber wieder durchstreichen, weil er einer Fehlinformation aus dem Netz aufgesessen war. Nun werd ich den Abend über noch etwas basteln, während die Jungs drüben spielen. Es ist der zweite Väter-WG-Abend und eigenartig voller Erinnerungen an etwas, das nun langsam erlischt. – Keine Zeile an der Fünften getan, aber mit Prunier gebriefwechselt wegen einer französischen MEERE-Übersetzung. Das wird nun a u c h angegangen.

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