Paul Reichenbachs, Samstag, der 7. April 2007. Tempo & Nacktheit.

„Ich bin für ein richtiges Tempo“,
sagte Margarita erregt,
„ich mag Tempo und Nacktheit.“
(Bulgakow, Der Meister und Margarita.)

Amelia, die Liebliche. In meinem Fall hieß sie nicht Amelie und eine fabelhafte Welt zeigte sie mir auch nicht. Die Welt, so meinte sie, interessiere sie nur durch die Scheiben eines Autos oder auf dem Sitz eines Motorrades. Sie müsse vorbei oder sonstwie fliegen. Presto, presto, prestissimo, rief sie laut, und zog sich mit rasanter Geschwindigkeit aus, um dann seitlich und hinter sich feinen Sand des Strandes stieben zu lassen, als würde in Kniehöhe, ein Samum die Küste entlang fegen. Nun, die Ostseestrände kennen Sandstürme, wenn überhaupt, nur im Herbst, insofern ist die Metapher etwas unpassend. Und doch kam sie mir wie ein Wüstensturm vor. Kein Tuch vor Mund und Augen konnte mich vor den Sandkörnchen schützen. Die kleinen Partikel drangen überall hin, rieben und juckten so lange, bis auch ich ins Wasser rannte. Weit vor mir her zerteilte sie die Wellen mit kräftigen Schlägen, um dann nach wenigen Minuten nur noch als Punkt auf den Wellenkronen zu tanzen. Ihr nachschwimmen wäre ein Hinterher gewesen, also drehte ich bei. Nahm Kurs zurück aufs Land, als vom Strand kommend, die Gischt links und rechts schäumte, ein Motorboot der DLRG schnell durch das Meer jagte. 10 Minuten später lag sie, sie hieß nicht Amelie, ich sagte es schon, auf einer Trage am Strand. Ihre Lippen waren weiß… Die Geschichte erzähl ich später einmal weiter, denn hier in unsrem „Hexenhäusl“ wird auch für Tempo gesorgt. Meine Schwiegereltern sind zu Besuch und werden lange bleiben. Ist die Tochter doch noch immer krank , leider… und ein Schuldiger muss dafür gesucht und ans Kreuz genagelt werden. Aber vielleicht bin auch nur zu empfindlich und beziehe deswegen Bemerkungen, wie: „… andre Frauen in deinem Alter und mit deiner Krankheit müssen nicht arbeiten…, aber wenn dein Mann, – ich steh dabei!!, – zu wenig verdient… Ähnliches predige ich seit Jahren, allerdings ohne Bezug auf meine Bezüge, und meine, dass wir auch so materiell hinkämen, sicher einige Einschränkungen müssten wir dann hinnehmen, na und: z.B. nicht nach Sachsen fahren, um Benzinkosten zu sparen. Das käme mir entgegen. Nein, wir können nicht kommen, würden Möbelhändlers mich dann durch die Muschel nuscheln hören, nein, was denkt ihr euch.Einen nackten Mann, kann man nicht in die Taschen greifen, würde ich, jeden triumphalen Ton meidend, in den Hörer säuseln.

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2 Kommentare zu Paul Reichenbachs, Samstag, der 7. April 2007. Tempo & Nacktheit.

  1. Bruno Lampe sagt:

    Denk an die Phiole morgen früh und mach Deinen Osterspaziergang: Vom Eise befreit… Und denk an das Bach-Denkmal vor der Thomaskirche mit den herausgekehrten leeren Taschen.

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