Paul Reichenbachs, Mittwoch der 11. April 2007. Amelie oder Venus im Sand.

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Weit vor mir her zerteilte sie die Wellen mit kräftigen Schlägen, um dann nach wenigen Minuten nur noch als Punkt auf den Wellenkronen zu tanzen. Ihr nachschwimmen wäre ein Hinterher gewesen, also drehte ich bei….

Sie hieß nicht Amelie, obwohl der Name zu ihrer inneren Verfasstheit gut passte.
Ihre äußere Erscheinung rief mehr nach einer Brünhilde oder Isolde. War sie doch groß und stämmig von Statur. Es war ihre Stimme, ein weicher kindlicher Sopran und kein Alt, wie man bei dem kolossalen Anblick rubensscher Fülle hätte denken können, der mich auf den Namen Amelie brachte. Ihr kräftiger durchtrainierter Körper erinnerte an weibliche Filmgestalten von Russ Meyer und schien ein leibhaftiger Widerspruch, im wahrsten Sinn des Wortes, wenn sie sprach oder sang. Und sie sang schön. „Auf dem Hals“. Mancher Gesangslehrer hätte sich vor Entsetzen geschüttelt, weil sie Zwerchfell und Bauch als Resonanzboden beim Singen ganz außen vor ließ. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, war ich von ihrem Gesang, der einen totalen Gegensatz zu ihrer Physis zum Ausdruck brachte, fasziniert. Der erotische Schrecken, den ihr Anblick bei einem so durchschnittlichen gewachsenen Mann wie mir auslöste, ich war immerhin einen Kopf kleiner und damals wesentlich schlanker, fast dünn könnte man sagen, wich, sobald ihre Stimme erklang. Auch sprach sie leise, kein Flüstern, pianissimo, mein Gehör konnte sich lange nicht daran gewöhnen. Ihr schwerer Eros verschwand allerdings noch schneller beim Flötenspiel, wurde leicht. Und es verging kein Abend am Strand an dem sie nicht das schmale Etui aus ihrer Badetasche nahm, es öffnete, um ihre silberne Querflöte herauszuholen und zu spielen. Ihr ganzer Leib verlor im Spiel seine sexuelle Monstrosität, erschien mir zierlich und weich und nun aus diesem Grund unberührbar, nicht fassbar. .
Als sie mit blutleeren Lippen und Wangen weiß wie Schnee auf der Trage lag und die Brust sich kaum hob, bedauerte ich meine Zurückhaltung in den vergangenen Tagen und hoffte, dass sie bald die Augen aufschlägt.
Um sie, um uns herum, neben dem Rettungsschwimmer, der sie mit dem Boot zum Strand zurück gebracht hatte, eine Menge Schaulustiger. Schlanke Frauen, Männer, dickbauchige Flaschen mit Glupschaugen und dünnen Hälsen, und kleine Kinder mit Sandschaufeln in den Händen.
2 Tage später, wir saßen am Wasser, setzte sie die Flöte, um eines kleinen Boccherini willen, an die Lippen, nahm ich all meinen Mut zusammen und begann voller Bewunderung ihren Nacken zu streicheln. Sanft und vorsichtig. Sie aber entzog sich, legte die Flöte beiseite, verstaute sie in ihrer Badetasche, stand auf, drehte ihren Körper mir ganz zu, die Körpergröße ließ mich förmlich zusammen schrumpfen, und sagte, die Stimme, lauter als gewöhnlich, klang metallen, spitz und hoch: Vorgestern, ich habe im Meer auf dich gewartet, wollte ertrinken vor Scham, vor Selbstzweifel, weil Du nicht kamst, vorgestern habe ich deine Hände gesucht. Heute will ich sie nicht mehr… Und ging.
Abend für Abend lief dann Einer ans Meer, wartete im Sand. Umsonst. Amelie, – es hieß, sie sei abgereist – traf er nie mehr.

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