Paul Reichenbachs Mittwoch, der 18. April 2007. Du sollst Dir kein Bildnis machen.

Du sollst dir kein Bildnis machen.
Und man tut es doch.

I

Das beginnt schon früh. Träum nicht, sagte meine Großmutter und hier spielt die Musik, ließ sich mein Großvater vernehmen, wenn ich eingeklemmt zwischen Küchenschrank und Herd auf einem Hocker saß und, um in Ruhe zu lesen, mich unsichtbar wünschte. Manchmal gelang es. Ich musste nur fest auf die Buchseiten starren, und durfte niemals, nicht einen Moment, aufsehen. Dann wäre Ruhe garantiert. Meine Ichbinunsichtbarhaltung perfektionierte ich, als ich dahinter kam, dass nicht nur ein Aufschauen Aufmerksamkeit erregt, sondern auch körperliche Reaktionen. Ein spannendes Buch, und zwischen 5 und 12 war jedes Buch für mich spannend, sogar, wer es glaubt oder nicht, die Geschichte der KPDSU (B)Kurzer Lehrgang, ein spannendes Buch versetzte auch den Körper in eine gespannte Haltung, die von Großeltern und zwei Cousins, mit denen ich gemeinsam aufwuchs, sofort wahrgenommen wurde. Um nicht gestört zu werden, trainierte ich meinen Körper so, dass er unabhängig von seelischen Ereignissen, gleichbleibend entspannt vor sich hin saß. Und tatsächlich trat in der Folge des steten Trainings meine Unsichtbarkeit immer besser, immer sichtbarer zutage. Das liest sich nur paradox, ist es aber keinesfalls. In dieser Zeit las ich wie gesagt alles, was mir unter die Augen kam. Und träumte mich an die Seite meiner Heldinnen, wie andereLeser auch. An Helden kann ich mich nicht erinnern, sicher gab es welche.
Angelique, heute noch sehe ich sie im Langue d’oc, in Toulose an der Seite ihres Grafen Peyrac oder durch die Straßen von Paris huschen, immer in der Angst vor Ludwig XIV. Und wenn ich genau hinschaue, war es Anne Golons Roman, der die Spur zu Katharern, Troubadouren und nicht zuletzt zu Ezra Pound legte. Unsichtbar wanderte ich neben dem Polizisten Desgrais durch das Paris des 17. Jahrhundert. Unsichtbar, das hatte ich geschafft, blieb ich dann auch meiner Familie. Besonders stolz machte mich eines Tages, als meine Großmutter, es muss schon spät gewesen sein, das Licht in der Küche löschte und mich übersah !
Wie ich auf diese Geschichte komme, obwohl ich doch zum Bilderverbot Intelligentes schreiben wollte, keine Ahnung. Sehen sie es mir nach.

Einige Fotos und Reproduktionen, die an meiner Pinnwand oder im Haus herumhängen.




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