Paul Reichenbachs Mittwoch, der 18. Juli 2007. Fernet.

„… Ich weiß ja auch, dass die Erde sich dreht,
und doch schäme ich mich nicht zu glauben, sie stehe still.“
( Hörmodell „Lichtenberg“ von Walter Benjamin)

Seit langer Zeit kommt ihm ab und an, ähnlich wie Benjamins „Lichtenberg“, der Gedanke, die Erde drehe sich nicht. Aller naturwissenschaftlichen Vernunft trotzend bestätigt ihm der Blick aus dem Bürofenster am Morgen oder ins Heim am Abend, dass da keine Bewegung, nicht die kleinste Drehung der Erde zu spüren ist, weil sich einfach nichts verändert. Dass im Winter aus dem Fenster geworfene weiße Blatt liegt noch ebenso, nur etwas verwittert, unberührt im Garten seines Amtes, wie der Zigarettenstummel, den er, es war glaube ich Ostern, aus seinem Arbeitszimmer zu Haus, nach einem schweren Streit mit ihr, es ging um die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, auf dem Balkon warf. Die Erde steht still, denkt er, schaltet er den Fernseher an. Ewig, er kann sich gar nicht mehr erinnern, wann es begann, tobt da der Nahostkonflikt.Worte wie Terror gehörten schon vor 20 Jahren zum ständigen Vokabular der Moderatoren und sind noch heute, als müssten sie ihren Eingang in die Volkssprache unter Beweis stellen, laufend im Gebrauch. Natürlich nahm er den Mauerfall, den Untergang der Regime im Osten, wahr und sah darin, auch hier, diesmal im Gegensatz zu den Gesellschaftswissenschaften, keine wirkliche Bewegung.

Die Erde steht dann still, wendet er sich zu mir, wenn die Blätter anfangen Wind zu erzeugen. Dabei weiß doch jeder normale Mensch, dass der Wind die Blätter zum Rauschen bringt.. Alles bleibt schief und nichts wird gerade, weil sich die Erde nicht wirklich dreht. Eine eingefallene Mauer täuscht mich nicht, sagt er leise und giesst sich einen Fernet nach. Willst Du auch einen fragt er, die Flasche auf mich zielend haltend, nein, antworte ich, Fernet ist mir zu bitter.

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4 Responses to Paul Reichenbachs Mittwoch, der 18. Juli 2007. Fernet.

  1. Avatar parallalie says:

    es peitschen im sturm
    an bäumen die zweige die
    luft zur eile an

    http://parallalie.twoday.net/stories/1230704/

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