„Zufälle, Diskontinuitäten und Brüche bestimmen demzufolge die Geschichte. Es gibt keinen großen Plan, keine von Anbeginn angelegte Logik der Entwicklung. Darwins Denken gleicht in mancher Hinsicht demjenigen von Michel Foucault, es hat darin eine erstaunliche Aktualität.“

„Auf dem Weg durch einen Kontinent sehe man all diese unendlichen Formen gleichsam ineinander übergehen. Es findet also eine Art genialer Übersetzung statt: Darwin übersetzt das Reisen durch den Raum in eine Spekulation in die Tiefe der Zeit. Man könnte sagen, dass er diese einander ähnlichen Organismen mit einer Art Frühform des kinematografischen Blicks wahrnahm.“

„Für Darwin jedenfalls bietet die Natur keine Norm für das gesellschaftliche Leben an. Aus der Natur lässt sich nicht ableiten, wie Menschen miteinander leben sollen.“

„Man kann, das hat Max Weber vor 100 Jahren schon festgehalten, Gesellschaft nicht mit sozialdarwinistischen Konzepten verstehen. Gesellschaften funktionieren durch Wertsetzungen und Regeln – und das hat Darwin genau so gesehen! Mir geht es um etwas anderes: Darwin zeigt nicht nur, dass die Natur selbst historisch ist, sondern entwickelt auch eine Methode der Erforschung der Geschichte, die er »genealogisch« nennt, und Foucault folgt ihm darin.“

„Darwin sagt von sich selbst, er sei Genealoge. Er will Herkunft rekonstruieren, aber natürlich, ohne auf »Wappenbücher und Stammbäume«, wie er sagt, zurückgreifen zu können. Deshalb interessiert er sich für Rudimente am Körper, für Spuren der Erinnerung an frühere Formen des Lebens. Bei dieser genealogischen Rekonstruktion zeigt sich, dass es, zum Beispiel, keinen »ursprünglichen« Löwen geben kann. Es gibt nie ein ursprüngliches Wesen, nichts Eigentliches, keine Identität, nur Zerstreuung. Natur ist unendliche Vielfalt und allgegenwärtige Abhängigkeit. Und so geht auch Michel Foucault vor: Er rekonstruiert Herkunftsgeschichte und löst dabei auf, was identisch und »wesenhaft« erscheint. Genealogie ist eine Methode, die Kräfteverhältnisse entdeckt. Sie stößt dabei immer auf Konflikte, nicht auf Harmonie. Doch im Gegensatz zur Hegelschen Geschichtsauffassung, die ja auch von Konflikten ausgeht, hat diese Geschichte kein Ziel, gibt es keine dialektischen Synthesen – und keinen Geist.“

„Sein Denken ist vielleicht die radikalste Dekonstruktion, die die Moderne hervorgebracht hat. Nichts ist wesentlich.“

Philipp Sarasin heute in der Zeit.

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