Angel hielt sich immer nah an den Häusern.

[Kapitel 48 und 49 <<<< dort.]

So wurde er, während er geradeaus bis Park Avenue und von dort senkrecht hoch zur Grand Central schlurfte, nicht ganz so naß. Denn der Regen hatte wieder eingesetzt. Obwohl, klamm war er ja sowieso, imgrunde wäre es nicht drauf angekommen. Das zerschlagene Auge pulste rein wahnsinnig, aber er spuckte immer wieder aus, wenn es zu weh tat. Er fühlte nichts als Verachtung für den Schmerz. Irgendwann hört er sowieso auf; nur eine Frage, wer mehr Geduld hat. Das kannte er von seiner Hand. Die fühlte rein gar nichts. So würde bald auch sein Auge nicht länger zu spüren sein; immerhin sah er schon nichts mehr damit, so sehr war es zugeschwollen und vielleicht wirklich geplatzt. Irgendwas war nun auch mit seinem rechten Knie: Er ging, weil es sich nicht mehr beugen ließ, halbschräg humpelnd; nicht daß er das Bein direkt nachgezogen hätte, aber es war stelzig. Dann wieder knackte ein Gelenk, und es klappte zusammen wie ein Schnappmesser. Nur mühsam hielt sich Angel dann aufrecht; er verstand es einzurichten, in prekären Momenten gegen eine nächste Hauswand zu kippen, so daß er nicht umfiel. Alles in allem kam er nicht sonderlich schnell voran. Besonders ärgerlich war, daß ihm Jim offenbar den Vierkantschlüssel geklaut hatte, mit dem die Sippe sich zu den leeren SubwaySchächten Einlaß verschaffte. Nie hatte er einen besessen, heute früh hatte er ihn bekommen, von Carl, dem Einohr, den die Untertagler nach seinem Wohnsitz unter Chambers Street Old One Ear Chambers nannten. Deshalb mußte Angel den ganzen Weg zum Bahnhof oberirdisch zurücklegen. Er wunderte sich zunehmend über den Anzug, in dem er steckte. Vor allem aber über die Schuhe: was für schöne Schuhe das waren! Er konnte sich nicht erinnern, jemals solche besessen zu haben. Es war auch gefährlich, sowas zu tragen; er würde sie später verstecken und gegen die Stiefel austauschen müssen… nur manchmal würde er sie dann wieder hervorholen, sich anpassen und ein bißchen vielleicht übern Union Square flanieren stolz und mit einem Eis, wenn ihm jemand am Park Café ’nen Dollar zugesteckt hätte. Dieser herrliche Pavillon die funkelnden Lichter. Solche Eleganz! Die widerte Angel sonst an, aber nun fühlte er sich ihr irgendwie nah. Da war was ganz Fremdes in ihm. Er hatte das Gefühl von Erinnerungen, die einem gar nicht gehörten. Dieses Getu und Gestelze, was ging ihm das auf die Nerven sonst, und mit Recht, wenn einer bedachte, daß schon seine Geburt sich ihn aus der Nase gepopelt und auf die Gosse weggeschnippt hatte. Er hatte sich wirklich angestrengt, aus der Gosse rauszukommen. Allen Ernstes gejobbt, erst auf dem Bau. Aber sie hatten ihm die Frau weggenommen, na ja, die Keife war abgehauen, nachdem er sie verprügelt hatte, was quasselte sie auch allezeit auf ihn ein? Dann die Kleine ins Pflegeheim gesteckt. Zwar hatte er noch geschafft, die Wohlfahrtsfotze aus der Bude zu treiben, hatte ihr den Küchenstuhl nachgeschmissen und sie auch richtig am Rücken erwischt, aber sie war wiedergekommen mit Blaulicht und einer solchen Anzahl Bullen, daß er nur noch türmen konnte. Die Kleine, die er mitschleppen wollte, hatte geschrieen, da war das einfach zu riskant gewesen, und ihr eine zu latschen, hätte nichts gebracht. Da war er ein zweites Mal in die Tunnel, diesmal auf der Flucht, hatte natürlich das Gebiet um die Condos gemieden. Jim aber fand ihn. Und trieb ihn weg. Wenn er ihm noch einmal unter die Augen käme! Dann war Gala verreckt. Von wem sie das Crack bekommen hatte, kümmerte keinen. Doch, vielleicht Jim. Hank hatte erzählt, er, Jim, habe tagelang über der Leiche gelegen, habe die Leiche verteidigt, gegen Ratten und Diebe. Und als Beau die beiden aufspürte, den Lebenden, die Tote, hätten die Leute der Transit Authority jenen mit fünf Mann davon- und ins Licht hinaufschleppen müssen; Jim habe sich heulend in die bereits verwesende Geliebte festgekrallt und sie auf keinen Fall zurücklassen wollen, wäre auch er selbst von den Ratten aufgefressen worden. Das konnte Angel verstehen. Wahrscheinlich war er dem Schlag vorhin deshalb nicht ausgewichen: denn auch er vermißte einen Menschen, auch er war einsam und sehnte sich nach gar nichts außer nach seiner Carlita, dem Töchterchen, das sich vor nichts auf der Welt mehr gefürchtet hatte als vor ihrem Vater. Das ihn immer noch fürchtete und schlimme Träume hatte von ihm. Aber davon wußte Angel nichts. Und hätte es auch gar nicht verstanden.

Er passierte Martha, als er in die riesige Marmorhalle der Grand Central Station schlurfte. Von Kristallüstern illuminierte Pracht blitzblanker Jugendstil BeauxArtsPalast monumental gewölbte Baufantasie Schalterkioske Rotholz im Dom brückenverwuselt. Die in das Dach des Tonnengewölbes hineingemalten Sterne sahen hinab auf Millionen Ameisenfährten Menschen die Köpfe. So schaut Gott, wenn er töten will. Dazwischen Halogenleuchter Lautsprecher drunten und Hunderte Cops. Es wuselte schwarz blitzte silbern die Wappen dunkelblau blinkten Waffen. Schon draußen war das Verkehrswogen fast unheimlich gewesen in seiner kopflosen Hektik. Mißtrauisch war Angel hinein. Mißtrauisch bückte schlich er sich. Vielleicht fiel er nicht auf in der Menge. Was wollten die Polizisten hier? Ganze Fuhrparks aus Streifenwagen New York City Police Department das Gebäude umstellt, das war Gefunkel und Blaschen von Blaulicht und Rotlicht horizontales RundFeuerwerk. Alarmbereitschaft, wozu? Die Wagenstaus, klar, schon am letzten Achtel, bevor die Park Avenue mit ihrer Straßenrampe in Unter- und Überführung vertikal auseinanderlief, den Bahnhof umschließend wie Arme Gehupe Drängen Nervosität. Als hätte sich der Times Square hierher versetzt die 42nd St beidseits. Auch die Flanken des Bahnhofs: als käme Clinton zu Besuch, und ein zweiter Lee Oswald blickte aus irgend einem zerschlagenen Fenster vom Dachfirst angelegt das Gewehr. Doch die Dachfirste hier langten hoch. Die Himmelsdächer die Spitzen die Ornamente Chryslers Seagrams Rockefellers. Das Met Life Building. Helikopter.
Martha, die ein Konzert niemals so wichtig genommen hätte wie ihren bewaffneten Widerstand, war mindestens so erstaunt wie Angel. Der sie nicht erkannte, sie aber ihn. Sie hatte das afrikanische Fürstengewand mit dem grauen Kostüm der Geschäftsfrau vertauscht. Es hatte einen hoch und eng dem Hals angeschmiegten Stehkragen; nur er noch ließ auf die Aristokratin schließen. So schritt die Frau stolz über 10cm-Absätzen unter rotgefärbter Schlangenhaut daher und ging zweidrei Schritte auf den Obdachlosen zu, zögerte, tat noch einen Schritt, dann stoppte sie. Die Schläge hatten Meissen – oder wie er in Wirklichkeit hieß – nicht nur verändert. Er war nicht mehr er. Der andere, den er gerufen, hatte ihn aus seinem Ich hinausprügeln, es in einen andren hineinprügeln lassen. Martha erkannte das sofort. Alles, was eine noch tun konnte für ihn, war, ihm paar Dollars geben. Sie kramte in ihrem Edeltäschchen, Brillanten hatte sie hinten im Haar. Es hätte ihr in der guten Gesellschaft gut gehen können. Aber sie trug eine alte Trauer in sich, den BuschGesang der Shona; manchmal träumte ihr ein zimbabwescher Blick auf den Sabi River, den sie selber nie getan haben konnte. Er war ihr vererbt wie der Jazz und der Blues. Als sie Angel nun den Geldschein in die Klaue drückte, sah sie hoheitsvoll an ihm vorbei. Sie brachte für Elend kein Mitleid auf; sie war davon gekränkt und ließ sich nicht kränken. Angel wiederum war ganz verdutzt über den Schein so plötzlich. Sah der Schwarzen nach. Wie sie davonschritt. Mit welcher Frechheit. Die hohen Hüften wiegten. Er konnte Schwarze nicht leiden. Ganz bestimmt war der Typ, mit dem Kim verduftet war, auch ein Schwarzer gewesen. Die Schwarzen waren schuld daran, wenn einer keinen Job bekam oder seinen Job verlor. Die Schwarzen und die Wohlfahrt. Die Leute von der HRA hatten alles bestätigt, was schon Angels Vater seinen Kindern eingebleut hatte, bis sie nicht mehr schrien des nachts. Zeigt Schwarzen und Sozialarbeitern euren Arsch! Und jede Silbe schlagbetont. Schwarzer um Schwarzer Faust um Faust Social worker um Social worker. Wieso also gab ihm jetzt die dieses Geld? Fast traute Angel sich nicht, es einzustecken, als haftete eine giftige Materie daran, das war ganz bestimmt ein hinterfotziger Trick; konnte sein, daß Jim sich mit der da verbündet hatte? Aber es siegte der Menschenverstand, und die Dollarnote wurde ins Hinterste der Hosentasche gestopft. Erst die Schuhe und der Anzug, sogar aus der Krawatte konnte einer was machen, und jetzt noch 20 $. Komischer Tag. Aber es blieb nicht viel Zeit, sich zu wundern, weil Angel merkte, daß die Blicke von drei Cops auf ihm weniger ruhten, als sich bereits an ihm zu schaffen machten. Einen seiner Kumpel hatten sie mit einem Gummiknüppel gefistet, langsam, eine Stunde lang, bis die Waffe zu Dreiviertel im Arsch gesteckt hatte. Eine Darmwand war gerissen. Bloß durch Zufall war die Sache aufgeflogen. Einer hatte sich zu dämlich angestellt und, als sie den Körper wegschaffen wollten, den Gummiknüppel rausgezogen. Da war dann überall dieses Blut gewesen. Angel hatte keine Lust, so zu enden, auch wenn es die Cops ihren Job kosten würde. Also verzog er sich wieder zur Seite. Mit paar Blicken hatte er die Situation sondiert: unmöglich, unbehelligt ins Untergeschoß zum Treffpunkt zu kommen. Niemand kam da jetzt hin; nicht einmal die Reichen durften durch, auch sie von Polizisten zurückgedrängt. Leute in Pelzen protestierten, Frauen in Mänteln aus Traum und Weiß, dazwischen lungerten Penner gequetscht, und Diebe in status nascendi nutzten die Gelegenheit, um sich zu üben. Hochgehalten über den Schultern schaukelten Musikinstrumente in schwarzen Kästen: Geigen Celli Trompeten Oboen. Es konnten auch Gewehre sein, es war zu voll, um das zu kontrollieren. Vier Penner schleppten ein Schlagzeug durchs geballte Volk. Man kam aber nur bis zu den breitmarmornen rampenähnlichen Abgängen; weiter hinab durfte niemand. Lautsprecheransagen. Das Untergeschoß sei heute gesperrt, Sicherheitsalarm, eine Bombe. So die offizielle Version. Als das laut wurde, schrie wer. Irgend einer gerät immer in Panik. Man werde den Bahnhof räumen. Verlassen Sie das Gebäude diszipliniert, es besteht keine unmittelbare Gefahr. Aber es war schon zu spät, die aufgequollene Masse wirbelte an Stellen zu dumpfen Fliehkraftshaufen, kleine Galaxien aus Panik drehten sich unvorhersehbar lösten sich Sterne Köpfe. Nur oben die Winterhimmelnacht blieb starr blieb eisig uninteressiert. Der Zugverkehr sei eingestellt heute, bitte sehen Sie davon ab, die ShuttleBahn zu benutzen, auch die Gänge zum F-Train gesperrt Sirenen von draußen? von drunten? trotzdem wälzte sich Masse, dort, hier, wälzte sich auf die behördliche Absperrung zu Polizisten Prallböcke Schilde. Angel sah zu, daß er unbeschädigt hinauskam, knickte nochmals ins Knie mußte fassen griff Stahlschlaufe hielt. Was war das verdammt? Er ließ sich an der Wand in die Hocke rutschen, wollte links die Hose hochkrempeln, nachsehn. „Sie dürfen hier nicht bleiben, stehen Sie auf!“ Der Mann, obwohl Polizist, wirkte freundlich. „Sein Sie so gut. Sie sehn doch, was hier los ist.“ Er bedachte Angels Schuhe mit einem langen schweigenden resignierten Blick: Der war noch nicht lang auf der Straße, wie schade es um diese Menschen ist! Jahr um Jahr sah er der Verelendung erbarmender zu. Daß man die Leute in SäuberungsAktionen aus der Stadt transportierte, löste das Problem ja nicht, zumal sie vor solchen Zugriffen sich nur immer tiefer eingruben in den Därmen der Stadt. Ob sie auch Kinder kriegten da unten? Ob diese Kinder je erfuhren, was ein Sonnenstrahl, was ein blühender Kastanienbaum ist? Blühten bei denen wohl andere Bäume? Das waren die Fragen, die Officer Villa aus Belmont, The Bronx, sich stellte. Wie alt mochte sie werden, diese unterirdische MenschenArt? Hatte auch sie einen Gott? Und Gott selbst? Kannte er die Maulwurfsmenschen? Der Officer half Angel auf. „Haben Sie Schmerzen?“ Aber Angel schüttelte die Hand ab; er ließ sich von Cops nicht berühren. Schon gar nicht sprach er mit ihnen. Sprach nicht mit Schwarzen, nicht mit Sozialarbeitern, besonders aber nicht mit Cops. Spuckte aus. Stieß den Bullen sogar leicht weg, und der ließ das geschehen ohnmächtig wehrlos sah er den StadtTramp weiterhumpeln und im Gedränge an den glatten Hochhauswänden der 42nd Street Richtung Library 5th Avenue verschwinden. Man hätte, um solchen wie dem zu helfen, das gesamte System umstürzen und auf die ChancenFreiheit verzichten müssen, deretwegen seine Vorfahren von Pozzuoli nach hier ausgewandert waren. Auf so etwas warteten die auf Kuba nur, das wußte Officer Villa auch. Und auch die Russen harrten ihrer erneuerten Stunde.


[>>>> Kapitel 51 (erste Fortsetzung).
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Alban Nikolai Herbst, In New York, Manhattan Roman.]

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