Dies furchtbare Sehnen ODER Unbegrenzt vereint zu sein (5): Erste Nachtstadt-Collage. (Aus dem Entwurf).

Enige Passagen werden doppelt eingesprochen: Frau und Mann, jene allerdings leise, nur als Irritation. O-Ton ff: Schritte, Rufe, Nachtverkehr. Dazwischen- (darunter)schalten evtl. Einzellesungen, aber wie Rufe im Vorübergehen. Bisweilen hört man das E-Gitarren-Riff und die Tristan-Wogen, als käme das aus offenen (Kneipen)türen.

SPRECHER 1
Dem Strom von Gaslicht folgt dichter Schatten; nur hier und da das unsichere qualmende Licht einer bleichen Laterne. Die Läden zu, die offenen verdächtig, – dreckige, dunkle Kneipen oder Wäscheläden, die mit Kölner Wasser handeln. Ungesunde Kälte legt einen dunklen Mantel auf die Schultern. Tags kann man sich ihre nächtige Gestalt kaum vorstellen. Dann wimmeln seltsame Gestalten, nackte Formen beleben die Mauern, der Schatten regt sich. Kleider gleiten an der Mauer, sprechen, gehen, aus lehnenden Türen bricht kreischendes Gelächter; die atmosphärischen Verhältnisse sind ausgewechselt: winters wird’s einem heiß, sommers kalt.
SPRECHER 2
Du weißt welche Straße ich meine, Paola.
SPRECHER 1
Beerdigungen sind Beerdigungen von Rohstoff geworden, denn da die Seelen ihren eigentlichen, viel freieren Platz in Maschinen fanden, für die der Begriff Maschine schon lange zu grob ist, da jedermann, selbst wenn behindert, in den Infoskopen sportliche Leistungen von achtungerheischenden Rekorden vollbringt, gilt die alte organische Hardware ohnedies nur als Maisonette, in der zwar jeder gern wohnt, doch wenn es not tut, zieht man auch um. Privatsphären sind modulierbar: Das ist der größte Angriff auf Krankheit. Jede verlorene Hand, die wieder angenäht oder prothetisch ersetzt wird, hat die Leute zu fühlen gelehrt: Siehe, dies ist mein Leib – ein Lager von Organen.
SPRECHER 2
Die Straße des zwanzigsten Jahrhunderts, an deren fernem Ende oder Wendepunkt – so hoffen wir es – Zuhause und Geborgenheit eine größere Rolle spielen. Doch dafür gibt es keine Garantie. Wir sind auf einer Straße, die man uns in der verkehrten Richtung durchqueren läßt, und die Gründe dafür wissen wohl jene Kräfte am besten, die uns ans falsche Ende geführt haben.
SPRECHER 1
Die ganze Bronx duftet nach Astern. Das ist, weil so schwindelerregend süß, Ursache eines latenten Mißtrauens.
SPRECHER 2
Wenn es überhaupt solche Kräfte gibt. Und es läßt sich nicht ändern, wir müssen weiter durch diese Straße gehen. Es ist die Scheideprobe. Sie bevölkern, oder nicht, Gespenster; Ungeheuer, Verbrecher und Abartige repräsentieren das Melodramatische und die Schwäche. Der einzige Schrecken, den sie verursachen, ist die Angst des Träumenden vor dem Alleinsein. Aber die Wüste, oder eine Reihe falscher Schaufenster, ein Aschehaufen, ein Ofen, in dem das Feuer nur noch schwach glimmt, all dies und die Straße und der Träumer, der nichts ist als ein belangloser Schatten seiner selbst, der mitmacht im seelenlosen Spiel der anderen Massen und Schatten – das ist der Albtraum des zwanzigsten Jahrhunderts. Man betet die Götter über den Wolken heute nicht mehr an. Der Tempel Salomos ist nurmehr eine Metapher und bietet Schwalbennestern und fahlen Eidechsen Schutz. Der Geist der Kulte hat sich verflüchtigt, die heiligen Stätte sind dem Verfall überlassen. Doch andere Orte florieren bei den Menschen, an denen sie unbekümmert ihr geheimnisvolles Leben führen, wo allmählich eine tiefe Religion entsteht.
ANH
J’aime la grâce de cette rue industrielle!
SPRECHER 2
Noch bewohnt die Gottheit sie nicht, sie bildet sich dort erst.
ANH
Here, for the first time, it happened that the night got into my head.
SPRECHER 2
Es ist eine neue Gottheit, sie schlägt sich auf diese modernen Ephesi nieder wie von Säure zersetztes Metall auf den Grund eines Glases; das Leben ist es, das diese poetische Gottheit hier erscheinen läßt, aber tausend Leute werden an ihr vorübergehen, ohne etwas zu sehen, nur jene spüren sie plötzlich, und werden schrecklich von ihr heimgesucht, die sie dummerweise einmal wehrgenommen haben.
SPRECHER 1
Mein Verstand hat mich nie gebremst. Deshalb betone ich immer wieder, daß Filmemachen etwas Unbewußtes ist. Worte sind im Weg. Rationales Denken ist im Weg. Doch wenn das Unbewußte als unverfälschter Strom zutage tritt, hat das Medium Film großartige Mittel, ihm Gestalt zu verleihen.
SPRECHER 2
Metaphysik der Orte, du bist es, die die Kinder in den Schlaf wiegt, du bist es, wovon sie träumen. Unser ganzes geistiges Gut säumt diese Ufer des Unbekannten und des Schauders in einer dreckigen, kleinen, vergessenen, verborgenen Ecke. Ich liebe solche Ecken. Dort gibt es Geheimnisse zu entdecken. Es sind kleine, wahrhaftige Orte, die man leicht übersieht. Man muß sich fallenlassen und sie aufspüren, und man erkennt sie imgrunde erst, wenn die Bestandteile zusammenkommen. Dann fangen sie zu sprechen an, und man versteht ihre Wahrheit besser. Im Dämmern der Orte gibt es solche Türen zum Unendlichen, die schlecht schließen. Dort, wo die Lebenden ihrer höchst zweifelhaften Tätigkeit nachgehen, nimmt das Unbeseelte manchmal einen Abglanz ihrer geheimsten Beweggründe an: unsere Städte sind so von unbekannten Sphingen bevölkert, die den nachdenklichen Passanten so lange nicht anhalten, als er seine schweifenden Gedanken nicht auf sie richtet. Doch wenn er sie zu lösen versteht, so möge er sie ruhig befragen.
SPRECHERIN 1
Et je bois cet alcool brûlant comme ta vie,
Ta vie que tu bois comme une eau-de-vie.
SPRECHER 1
Direkt über ihm funkelten entlang der nächtlichen Achse am Hologrammhimmel phantastische Konstellationen, die an Spielkarten erinnerten, an die Augen eines Würfels, an einen Zylinderhut, an ein Martiniglas. Die Kreuzung von Desiderata und Jules Verne bildete eine Art Schlucht, wo die terrassenartig angelegten Balkone der Hangbewohner allmählich zu den grasbedeckten Hügeln eines anderen Kasino-Komplexes anstiegen. Die Kohle des Himmels war so nahe, daß ich mich vor ihrem Geruch fürchtete. Entflohn war der beschwörende Glauben und die allverwandelnde, allverschwisternde Himmelsgenossin, die Phantasie. Unfreundlich blies ein kalter Nordwind über die erstarrte Flur, und die erstarrte Wunderheimat verflog in den Äther. Des Himmels Fernen füllten mit leuchtenden Welten sich. Ins tiefre Heiligtum, in des Gemüts höhern Raum zog mit ihren Mächten die Seele der Welt.


Collagiert aus Apollinaire, Aragon, Balzac, Gibson, Herbst, Kipling, Lynch, Novalis und Pynchon.

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Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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