Ein Tusch für Paulus Böhmer ODER Junge Frauen trinken Gifte. Das Feierjournal von Dienstag auf Mittwoch, nämlich des 21. auf den 22. September 2011 und nämlich nämlich aus Frankfurt.

Imgrunde fehlte allein der Bundespräsident. Leider ist mir sein Name entfallen. Das macht aber nichts, denn Martin Mosebach war da, um sogar Frau Petra Roth zu vertreten, die in intensivem Telefonat mit Bendedikt XVI. begriffen, und zwar die ganze Nacht hindurch, wie Mosebach sehr glaubhaft zu versichern wußte, als ihn Wolf Singer fragte. Der nämlich war ebenfalls da, indes Verleger Klaus Schöffling derartig entschuldigt fehlte, daß ihm ein Eintrag ins Klassenbuch gehört: noch weitere zwei, und er fliegt von der Schule. So sind die Dinge bestellt. Man kann nicht sagen, >>>> Engstler und >>>> Grosshaus, dessen Senior Editor Kämpf ebenfalls dawar, hätten ihn vertreten, insofern nämlich nicht, als sie seine, Schöfflings, Vor- und Nachfolge nicht nur angetreten haben, sondern sind. Schöffling & Co halten schließlich nur das Hauptwerk, >>>> Böhmers zweibändigen Kaddish, der, wie einvernehmlich wiederholt worden ist, bereits jetzt zum Kanon der deutschsprachigen und auch deutschen Dichtung gehört. Solches sagten Eva Demski wie Olga Martynowa, Oleg Jurjew und Urs Widmer, Jan Volker Röhnert wie Klaus Reichert, mithin die halbe Frankfurtmainer Innen- und auch Außenstadt, vertreten durch allerlei Vertreter aus Kommune und Konsum, gestützt von einem riesigen Buffet, bei dem von einem Schinken die Scheiben waren selbst zu schneiden, wovon ich, bevor ich Alissa Walser und ihren Gefährten, Sascha Anderson, völlig vergesse, enormen Gebrauch gemacht habe. Samtig und sondern war >>>> Faust, Kultur, erschienen, Sondern schwärmte von Ostende, vor allem im Regen, als Daniel Böhmer, der Journalist und Sohn des Dichters, schnippisch nach der Triskele fragte, der erhobenen Gravur meines Rings: „Ist das ein abgespecktes Hakenkreuz?” Aber er grinste… sagen wir mal: israelisch. Worauf ich, der keine Lust hat, ständig von BDSM zu erzählen, schließlich bin ich nicht der Dalai Lama, und auch zu Benedikt ist mein Verhältnis… sagen wir: ambivalent – wie auch immer, also, worauf ich von Sizilien erzählte, was ja ganz ebenfalls wahr und vollständig begründet selbst dann ist, wenn der Kopf inmitten fehlt, der das Symbol zur >>>> Trinacria erhöht. Es geht, kurz, um die Dreizahl: drei Vorgebirge, die drei Lebensalter, Geburt & Leben & Tod und um die dreifaltige Göttin, sei es die Ceres, seien es die Nornen, sei es die Frau Demeter. Um das nun ein- für allemal erledigt zu haben. Ich meine: die Erklärung. Es hört aber sowieso niemand zu, denn da trat >>>> Phyllis Kiehl auf, mit einer Stimme, die aus den Fußsohlen, na, eher wohl ihrer Körpermitte herauf- und in das Publikum strebte und floß. Lächelnd stand dieser glamourösen Frau Gefährte dabei, der Maler >>>> Thomas Erdelmeier, der dem Raum für den Festakt wandhohe Zeichnungen geliehen, auf Wunsch des Dichters, übrigens, dessen eignes – enormes – bildnerisches Werk durch eine solche Miniatur vertreten war, daß eine grandiose Unverschämtheit genannt werden muß, was so bescheiden tut. Bescheidenheit ist auch gar nicht am Platz. Zumal Eva Demski, war zu hören, von Phyllis Kiehls sinnlicher Stimme derart sinnlich gebannt gewesen sei, daß sie unfähig gewesen, den schönen Texten zuzuhören. Das taten Lüdenbach & >>>> Leukert, beide und deshalb, für sie einfach mit. Doch glaube ich, ich kriege die Abfolge ganz durcheinander, so viel getrunken hatte ich schon. Und das gar nicht gemerkt, sondern erst später, gegen drei Uhr nachts, daheim bei den Freunden, die – leider, muß ich sagen – einen selbstgebrannten Malt Whisky aus den frühen Siebzigern, und selbst, wie ich in anderm Sinne, abgefüllt, auf der Kredenze stehen hatten. Da hatte ich schon, zum Abschied, eine Sizilianerin mitten auf den Mund geküßt… ich meine, sie wollte erst nicht, sondern nur so die LinksUndRechtsNummer machen, lippenspitzig unfeucht. „Also wenn schon, dann richtig”, sprach also Zarathustra. Das überzeugte sie. Zeitgleich zuvor versann ich immer wieder in das schöne herbe Profil der Faustin und schloß aus gleichen Eheringen, daß sie dem Faust verehelicht war (und, wenn sie sich nicht furchtbar gestritten haben heute nacht, nach wie vor ist) und ich besser sei gar nicht erst versucht… – aber das ist privat, weil die Gedanken doch frei sind. Jedenfalls thronte der Dichter und nahm die Avancen, man kann es anders nicht nennen, unentwegt entgegen. Ich selbst, mit der Wollust des Lakaien, befand, daß er auch im Rauchverbot unbedingt rauchen solle dürfen, und besorgte ihm den Aschenbecher, denn, sprach wieder Zarathustra, was ein Helmut Schmidt darf, dürfe ein Böhmer wohl erst recht. Und wirklich keiner motzte. Auch keine motzte. Auf meinen Kriegsgewinn hüpfend, saugte ich, ermangels andrer >>>> Nippel, an meiner Pfeife und paffte heraus, was das Testosteron hielt. So muß man das Zeug in diesem Fall nennen. Unterbrochen abermals vom Nippen und, dem Erwachen vorhin sei’s geklagt, leider auch vom Schlucken, von Harry Oberländer generös überschaut, eines seiner wie all seine Kinder, wiederum betrachtet er, ausgesprochen tolstoisch, von Werner Söllner, dessen Nachfolge er, zunehmend würdiger werdend, angetreten hat wie einst jener die des Böhmers und >>>> seiner so inneren wie bothmerschen Ohm. Verzwickte Aristokratie! möchte man rufen und sieht schon den Mosebach schlucken, weil des Sohnes Rede auf den Vater von solcher Eleganz gewesen, daß es all die versammelten poetischen Kräfte beschämend leicht vom Tisch gewischt hatte. Ich war also froh, nicht selbst gesprochen zu haben, und eben nicht nur, weil ich, wie Erdelmeier bemerkte, ein Arno-Schmidt-Problem habe, das mir kein Reemtsma lösen will, nicht mal ein Alexander: dem gordischen Knoten fehlt einfach ein Schwert. Aber und dennoch – dies ist meine Lehre aus der Nacht – muß man nur einfach sein Zeug tun, egal, was Leute sagen, es einfach immer weitertun, wie es der Böhmer tat und tut seit über sechzig Jahren. Dem gilt, jetzt unironisch gesprochen, meine Achtung. Und, radikal pathetisch gesprochen, mein Dank.

Der Morgen begann mit einem Klopfen um Viertel nach acht. Da ward der Café au lait hereingetragen, ja an mein Bett gebracht. Ich drehte mich, weinesschwer noch immer, noch dreimal auf die Seite. Dann trat ich in den Tag, der sich als ein Balkon mir auftat, sowohl von Sonne überflutet wie beschattet von Mosebachs Rede, die heute in der FAZ steht und überhaupt nichts sagt, jedenfalls nichts, das wichtiger wäre als Teddy Adornos Proustvaléry – vielmehr: fürchterlich im Gegenteil.

Es grüßt in den Mittwoch,
nämlich Sie:

ANH

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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2 Antworten zu Ein Tusch für Paulus Böhmer ODER Junge Frauen trinken Gifte. Das Feierjournal von Dienstag auf Mittwoch, nämlich des 21. auf den 22. September 2011 und nämlich nämlich aus Frankfurt.

  1. Hommage à Paulus Böhmer

    Als wären nicht immer Frauen die Objekte/ des Vergessens vergaß er nie und wird nicht vergessen den Sohn, der an der Weltküste steht und die Klippe hinabschaut in einen Ozean aus Spinnen, Beuteltieren, Nagern, die wie Spieße und Besen wirken bei gleichzeitiger Verengung des Beckens. Wie Möven schreien drüberhin! Nein, vergißt nicht einmal eine Halbpoetin minderer Klasse, weil sie im Fluge nach Absturz, selbst eine Möve, verkam; seine Liebe erstreckt sich auf die Verlorenen Verlierenden, die die nicht einmal suchen. Die sich aufgegeben haben oder zwar noch weitersuchen, zu hastig jedoch nervös fast schuldbewußt sich verzetteln. Die die nicht finden. Wer sucht, der findet nicht, sondern verliert. Imelda Marco ist ihm Frau Sommer, und Buschi Niebergall, der geliebte Freund, wird Herr Leibrecht, Filialleiter bei Prima Leben und Sparen: so machen Menschen Geschichte, werden gemacht von Geschichte. Vor lauter Barmherzigkeit unbarmherzig: derart verschleifen sich diesem Dichter die Menschen Freunde Dinge er selbst: ineinander herzringend. Wir werden uns nicht wiedersehen. Was bleibt, und auch dies nur vorübergehend, ist nicht einmal Erinnerung ist Begriff nur Symbol: Picasso Beatrice Lévi-Strauß sogar Freud. „Beatrice“, ich weiß, fällt hinaus, ist aber Wort unter Wörtern ist Name. Und hinter dürren Pappelstämmchen schwitzen Hera & Zeus.
    Er ignoriert den Unterschied, er wendet das Gesicht nirgends ab und schaut in die helle Oberseite hinein, wo er das schattige Untere sieht; niemals ist Benn zu verleugnen: „Mir steht ein Meer vor Augen, oben Bläue,/ doch in der Tiefe waberndes Getier.“ In diesem spiegelt sich Daniel-Dylan, der Sohn, und schaut aus Pauli, des Vaters, Augen: Die ganze Konstellation bereits biblisch voll Zufall Willen & Negation: Darunter das Fleisch. Darunter das Blut. Darunter/ ist niemand. Unbarmherzig lieben, weil so zu lieben unbarmherzig ist. Vielleicht hat mein Vater damals geweint. Voilà: Paulus Böhmer.
    Ach du grollender Sisyphos, der die Steine nicht ordnen mag, die er hochrollt: und keiner von denen bleibt liegen, Du stakst in Lawinen, fassest links, fassest rechts, Pranken wie Netze für Wirklichkeiten… Ordnung ist Lüge: so schleppst du die Realitäten nun hinter Dir her auf den Berg, sie halten momentlang: Zuweilen läuft/Leben durch die Materie, durch-/läuft sie, aber läuft aus: Und Du kehrst um und schiebst nach: Was, wenn wir, uns umdrehend, erkennten, daß/ alles kehrtmacht, zurück? Ja, was dann, Paulus Böhmer? Was, wenn wir, einander ins Gesicht schauend, merkten, daß wir nichts anderes als die Gesichter anderer sind?… Seelen-Rouladen?… involtine Inkarnationen von Zufälligkeiten? Die verhaßten geliebten Eltern in uns durch uns wie durch Dich und die Mutter Dein Sohn: Bestimmung und selber Komödie: Tutto nel mondo è burla… In den Streuschichten des Waldes verrichtet der Pilz seine Arbeit. Und schon – zwar in Klammern, aber dagegen! – die Poesie: In die Tauhüllen des Mooses/ denkst du dir/ alle Frauen der Welt. Die niemand denken kann, weil das „Alles“ ein Nichts ist, weil die Anhäufung der Materie in ihrer größten Dichte kein Ausmaß mehr hat körperlos strahlend saugend: Beatrice erinnert/ sich nicht, wie salzig einst/ Meerwind und Schwänze waren… und er hat sich gebückt, der Sohn, in der Hocke beugt er sich vor an der Küste über eine Klippe des Okeanos und steckt einen Finger ins Meer, das er nun umrührt und dadurch – Flügelschlag des Weislings, denn nicht Eulen schickt sie, Minerva, aus, sondern chinesische Falter – Evolutionen in Gang setzt, unabsichtlich versehentlich gar: Fischahnen/ wagen sich erstmals an Land, und schon gebiert sich alles aufs Neue und anders – ja: ähnlich zwar, aber anders! Und wiederneues quillt aus dem Boden.
    Das haben sie Dir immer übel genommen, daß Du Dich so sehr geweigert hast, den Acker zu kultivieren, den Du bestellst. So lateinisch bist Du nicht, daß Du militant „Zeug“ aus dem „Zeugs“ lügen willst: In den Massengräbern oben am Waldrand rottet/ solch Zeugs, solch Zeugs schwemmen Flüsse an. Poesie ist keine Furt ist kein Pfad nicht Geländer. Bei Böhmer muß man sich die Durchlässe schlagen: Glühendes Gestein mischt sich mit Gasen/ und heißer Asche und ergießt sich als Störung/ des Denkvermögens der Leser und ihres Gedächtnisses, ihrer emotionalen Kontrolle hinab ins Meer, das immer noch durchgerührt wird vom Sohn durch den Vater und deshalb weitere Ungeheuer gebiert im Bett des Schlafs der Vernunft, der es ist: riesige Drachen bringen die winzigen Falter zur Welt. Daß Vernunft nicht über Aliens reicht: eine solche Botschaft entsetzt den autonomen Leser zutiefst. Aus dem Entsetzen wird qua Verdrängung Naserümpfen destilliert: Also nimmt der lyrische Geschmack diesem am guten Geschmack so restlos desinteressierten Dichter seine Dichtung insgesamt übel. Der Mann soll sortieren, nicht schauen! Er soll gefälligst dem Humanismus dienen oder der Demokratie oder dem Stil… Doch Du, Böhmer, sagst: Das sind alles Krücken, Gehänge, Fiesel, Devertimenti der Evolution, (…) rätselhafte, flüchtige Vergnügungen zwischen Büschen und parkenden Autos. Selbst noch das Versmaß ist Schwindel, denn der größte Teil unseres Trockengewichtes/ besteht aus Bakterien. Die Geistessehnsucht ist lächerlich, Gedanke an Reinheit, sei es des Stils, sei es der Herkunft; ja beides ist eigentlich eines: Dieser Vorwurf schimmert aus dem Flechtwerk Deiner Sätze und stellt die Apostel der ästhetischen Magersucht an eine Regel-wand, die sie aus Moralsymptomen selbst aufgerichtet haben… Normen waren immer der Anlaß für Unheil. Und das Ausgedünnte ist bloß dünn, das Sparsame bloß lebensarm: die ästhetischen Gitter riechen nach dörrem Bast: Du zeigtest mir/ das Kreuz auf Deinem Gaumen, Wäsche lag bereit/ und ich erstarrte vor Furcht… und lauschtest und lauschst: Auf dem Dachboden/ trippelt die Zeit/ hin und her./ Über mir. Über uns. Der Tod pumpt, ganz leise:/ein Jemand, der lauscht. Und belauscht wird, innen, außen/ in friedlich am Waldrand/ äsenden Rehen (…)/ in Spinnen, Beuteltieren, Nagern und also im Meer, das er umrührt, weiter, der Finger Deines Sohns. Dafür voll Achtung: Alban Nikolai Herbst. Über uns schreien für immer die Möven. Diese, jene, andere. Im epischen Gedicht.

    (1998).

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