Wie ich müde bin. Vorbereitung zu einer Oper. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 9. Oktober 2011. Nämlich Lucia Ronchetti, am Abend. Nach Salomé, polytoxin. Dazu ein Dank an Prothoe.

9.50 Uhr:
[Arbeitswohnung. >>>> Pettersson, Fünfte Sinfonie.]
Ich habe mich entfernt, bin in das Land geschritten, worin die Krähen Himmel säen. Ben öffnete die Wolken, und ich fiel, ihm an der Hand. Sein Gesicht war entzweit, und meines lag ihm auf der Schulter. Nicht weit von uns fingen die Krähen in ihren Schnäbeln Nasen. Mir wuchsen die Ohren von zwei vorsintflutlichen Tieren, die niemals einen Namen hatten. Sie waren die Segel, deren Leinen Ben gestrafft hielt, so daß wir scharfe Fahrt aufnahmen, aber dem Wind war zu trauen. Pilze sprossen aus den Samen der Krähen. Das ging unfaßbar plötzlich. Wir wichen ihnen immer wieder aus, indem Ben rechts oder links an der Leitleine zog, auf daß ich den Kopf wenden mußte. So surften wir über die Kämme, es kostete gar keine Kraft. Ich war das Medium seiner Sehnsucht und weich wie eine Schwalbe, bevor sie die Krähe verschlang. Das Blut, in einzelnen, wunderbar konturierten Tropfen, betupfte den Himmel bis zum Horizont, aus dem das Kleid der Schöpfung wurde, in dem wir beide hinabrauschten. Aber ach Ben! Weshalb ließest Du mich landen? Weshalb denn meine Brüste an die Kufen deines kleinen Flugzeugs legen, da du zum Wasser rittst? Momentlang spürte ich Furcht. Doch mein Schoß, in dem dein Wille steckte, hob meinen Leib überm Bauch an, und wir glitten leicht in die Dünung. So zerfiel ich unter dir. Schmal, Ben, schmal! Aber so weit auch und frei. Wie ich mich dehnte, war ich das Wasser selbst, damit du in ihm schwammst. Dafür bin ich gemacht. Ich war deine Luft, war dir Essenz wie aller, die mich atmen. Ihr seid mir die Form, die mich schützt, wenn ich ins Innre tauche. Gib mir noch einen Schluck. Bitte! Dann werd ich dir Mantel und Heim. Nutz mich, doch gib mir, ich weiß von den Sternen. Mein Blut ist ein nährendes Netz. Denn ich bin die Flüsse der Erde. Ich bin das Meer, und sieh, wie es leckt, die Pfütze von diesem Tisch leckt. Aber halte die Leine, damit ich nicht stürze. Da ich so tanze zu deinem Leib.
Und dann laßt mich schlafen, Freunde, leise. Wie ich müde bin.

10.04 Uhr:
Also welch eine Angst man haben kann, so daß man selbst nur schlafen möchte. Doch ist so viel zu tun.
Abends also >>>> Ronchetti.

12.54 Uhr:
Die Nacharbeit an dem Opernaufsatz beendet. Jetzt laß ich das Ding bis nach der Buchnmesse liegen und gehe dann noch einmal mit Abstand daran.
Mittagsschlaf nun. Nachmittags… ach, ich will ans Gedicht. Da ist so eine Art Entzug, was ich fühle. In die Oper, abends, geht >>>> BRSMA mit, bei dem ich vorhin schnell noch frühstücken war. Er zeigte mir, sein Glück ganz vorne in den Augen, Bilder eines märchenhaften Liebesversprechens, indessen mir noch klamm von der Nacht war. (Es wurde gestern gefragt, wann wir uns kennengelernt hätten. So daß es nötig ist, >>>> Prothoe, Ihnen, „Danke“ zu sagen.)

17.26 Uhr:
[Pettersson, >>>> Sechste Sinfonie.]
Mit geht das Bild von dem abgeleckten Tisch nicht aus dem Kopf, nicht aus dem Bauch. Also es noch einmal versucht:

Ich leckte den Fisch und den Tisch
Vergessenheit, das alte
Sehnsuchtsland in Percussion und Lightshow
ein mehrmals zurückgeworfener Trotz
wie der Mut vor der Masse
die mir wirbelnd gewinkt
Morgen stell ich das Ding g a n z ein, es ist fast fertig.
Zwischendurch war >>>> Ricarda Junge auf einen Kaffee hier, sah den >>>> Pettersson-Artikel, der ausgebreitet auf meinem Mitteltisch liegt. „Nie gehört, den Namen.“ Aber ihr Vater kannte ihn, von einer Aufführung der „Vox humana“ , >>>> ebenfalls in einer Kirche vorgetragen; Jahre sei das her.
Als beide wieder gegangen waren, schaute ich meine Gedichtentwürfe durch, ob sich da irgendwo anschließen lasse. Dann wurde dieses Bild wieder mächtig, das permanent in mir herumkriecht; es hat etwas von einer mauen, dumpfen Besessenheit.

Aber in einer Stunde geht‘s zur Staatsopernwerkstatt auf das Rad.
Pfefferminztee, dauernd. Ich liebe Petterssons Sechste unterdessen mehr als die Siebte, mit der ich vor Jahren in sein Werk eingestiegen bin… nein, das ist die Zweite gewesen, LP auf dem Grabbeltisch, 1.99, DMark damals noch.

>>>> Dort, übrigens, zeichnet sich eine gute Diskussion ab.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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5 Antworten zu Wie ich müde bin. Vorbereitung zu einer Oper. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 9. Oktober 2011. Nämlich Lucia Ronchetti, am Abend. Nach Salomé, polytoxin. Dazu ein Dank an Prothoe.

  1. BettyB sagt:

    Sie träumen von ihm?

  2. phyllis sagt:

    Tieftraurig. Und seltsam. Der Text, mit dem Sie Ihren Tag begonnen haben. Die gestrenge Hintergrundmannschaft möge mir fehlende Begründungen nachsehen; mein eigener Tag hat mich erschöpft.
    Linde Grüße
    Phyllis

    • Tiefraurig. Und Seltsam. – Ja. Aber ist darin auch eine – Schönheit? Das ist, was mich beschäftigt. Eine, die unters Herz faßt, aber es gleichzeitig hebt? Ohne, daß ich kitschig würde?

    • phyllis sagt:

      Für mich – ja. Gerade weil der Text ausgreifen darf, ohne Dichtung sein zu müssen, weil er voller Bilder ist, die nicht schlüssig sein müssen, weil er sich nicht darum schert, ob er kitschig ist oder nicht. Ich mag es, wenn Sie Ihr inneres Metronom ignorieren. Gelegentlich ; )

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