Kitsch und Form.

Wird ein Kitschvorwurf erhoben, mußt Du nach der Form sehen. Der Gehalt wird dann sekundär.

[Poetologie.]

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23 Kommentare zu Kitsch und Form.

  1. Kienspan sagt:

    Das leuchtet mir nicht so recht ein. Das würde nämlich auch bedeuten, dass der Form selbst kein beachtlicher Gehalt zukäme. Das hieße umgekehrt auch, dass jeglicher Gehalt durch unpassend empfundene Form diskreditiert würde. Nein, ich vertrete nicht die Ansicht, dass die Verhandlung des Gehalts hinter jene der Form zurückzustehen habe.

    • @Kienspan. Wie Herr Walhalladada hierüber aufs trefflichste zeigt, s p i e l t die Form die entscheidende Rolle. Das von ihm eingestellte Bild i s t Kitsch, eigentlich; die Animation aber fegt ihn mit einem riesigen Lachen weg. Wobei sich hier immer noch die Frage stellt, ob es sich bei dem Bild um Kunst handelt. Dafür ist, glaube ich, die gewählte Form zu kurzgegriffen: allein auf den – freilich mittig hineintreffenden – Effekt aus (sehen Sie sich mal das Geschlechtsteil dieses Puttchens an, dann wissen Sie, warum).

    • walhalladada sagt:

      Mir ist heute – ich weiß auch nicht wieso – so definitorisch zumute. Dieser Zumutung folgend, behaupte ich: Kitsch kennt kein Geschlecht.

    • Lachend zu Dr. Schein: Genau das will uns der rechte Flügel ja verbergen, nur um es dann zeigen zu können. Wir müssen bei diesem Bild von einem extrem geschlechtslosen Exhibitionismus sprechen. Die armen Kinder, denen solch ein Mantel sich öffnet.

    • Kienspan sagt:

      Was nun, wenn die Darstellung des Gottes Amor in Dr. Scheins Ursprungsgemälde als Satire auf den Mythos „Liebe“ aufgefasst werden wollte?

    • @Kienspan: Mag sein. Aber wie das herleiten? Im übrigen scheint mir kein Gefühl jemals ein Mythos zu sein, allenfalls wird es vom Mythos erregt.

    • Kienspan sagt:

      @ANH Das „wie herleiten“ mag ich nicht auf die Spitze treiben (die weggelegte Bewaffnung, die Selbstumarmung). Mich bewegt die Frage, wie tief ich als Rezipient in ein Werk hinein denken (und projizieren) darf, ohne der ursprünglichen künstlerischen Intention grobes Unrecht anzutun. Je nach „Eindringungstiefe“ kann ich doch zu recht unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dass die Form den Gehalt dominiere, scheint mir indes eine willkürlich gewählte Festlegung zu sein. Ich bin entlang dieser Strecke nicht ausreichend gebildet (soferne man das überhaupt so formulieren darf), weshalb ich eben nachfragte.

  2. onte sagt:

    Ein „Kitschvorwurf“ benebelt also die Beurteilungsfähigkeit… wollen Sie darauf hinaus? Oder sprechen Sie auf die Entlohnung (=Der Gehalt) an – was mich in dem Kontext doch überraschen würde?

    • @onte. Der Kitschvorwurf benebelt nicht, sondern urteilt – was ein Gegenteil vom Nebeln ist. Das Urteil muß aber nicht recht haben; deshalb ist nach der Form zu schauen. Und zwar, denke ich, allein nach der Form. Denn Inhalte lassen sich nur verteidigen, und gegen solchen Vorwurf schlecht wenn nicht gar nicht.

    • onte sagt:

      Ich meine, dass gegen den Kitschvorwurf (der ja meist – ich sage meist – nicht immer aus Hilflosigkeit heraus quasi als Urteilskeule eingesetzt wird) keine Formbeurteilung ankann.
      Wenn das Urteil unrecht hat – und das muss vorher entschieden werden – kann unbenebelt auf Form, Inhalt und deren Wechselwirkungen nebst allen anderen Bezügen geschaut werden.
      Ich würde der Kitsckeule nicht diese Macht geben, das Verdient sie nicht – und die Keulenschwinger erst recht nicht.

    • tom sagt:

      „Kitsch ist ein ideosynkratischer Begriff.“ (Adorno)
      Der Staatsfeind auf dem Lehrstuhl hätte bei „Tatort“ brechen müssen.

    • onte sagt:

      Zwischen „ideo…“ und „idio…“ ist ein Unterschied, auf den Adorno (idiosynkratisch wie er nun mal war) sicher hingewiesen hätte.

    • tom sagt:

      Sie haben natürlich Recht. Aber da Adorno l e s e n konnte, hätte er diesen Lapsus Calami geflissentlich schon deshalb übersehen, um nicht als Grammatikus …
      Es gibt auch einen Unterschied zwischen ontisch und ontologisch. Kennen Sie den?

    • onte sagt:

      Hat der Unterschied zwischen „ontisch“ und „ontologisch“ etwas mit Kitsch zu tun? Denn wenn nicht: was suchten die beiden hier?

    • tom sagt:

      @ontos on
      Wahrscheinlich haben die beiden sich verlaufen.-
      Rufen Sie doch die Polizei.

    • onte sagt:

      @tom Die Kitsch-Polizei?

  3. MelusineB sagt:

    Hinter dem Kitsch steckt ein überzuckertes und verklebtes Bedürfnis und ein echtes, aber verstelltes Gefühl, das erstickt wird. Tatsächlich stimmt es, dass man nach der Form sehen muss, denke ich, die hierbei der Gehalt ist. Die Liebe, der Tod, die Angst, der Schmerz, die Lust, das sind alles Inhalte von Kunst und Kitsch. Aber der Kitsch gibt ihnen eine heuchlerische, verlogene, zwanghafte Form, die sich die Differenzen und Ambivalenzen nicht ein- und zugestehen mag. Die Neigung zum sentimentalen Kitsch verbündet sich deshalb so oft mit dem Hang zur Gewalt und mit der Intoleranz, weil sie selbst sich der Verklemmung, Zurückhaltung, Verstellung verdankt. Umgekehrt gilt aber auch, dass eine Verachtung der Gefühle (auch des Pathos), die sich hinter dem Kitsch verbergen,selbst verklemmt ist.

    • tom sagt:

      Wenn man brechen muß verachtet man nicht. Verachten ist ein anderes Wort für ein gezieltes Vergessen.

    • walhalladada sagt:

      @Melusine „Jemand, der Kitsch herstellt, ist nicht einer, der minderwertige Kunst erzeugt, er ist kein Nichts – oder Wenigkönner … er ist kurzerhand ein schlechter Mensch, er ist ein ethisch Verworfener, ein Verbrecher, der das radikal Böse will.
      Oder etwas weniger pathetisch gesagt: er ist ein Schwein.“

      (Hermann Broch)

    • MelusineB sagt:

      Harte Worte! Muss ich drüber nachdenken. Ob der Teufel Kitsch produziert. Und wie. Und warum. Wieso auch ich drauf reinfalle. Offenbar. Manchmal. (Die Kino-Tränen, wenn Nscho tschi stirbt) Und also mit dem Bösen im Bunde bin?

    • walhalladada sagt:

      Sicherlich ein hartes Urteil, welches im historischen Kontext, in dem es gefällt wurde, seine Berechtigung haben mag; was aber bleibt, ist die Tatsache, dass wir alle – herkunftsmäßig – vom Wasser herkommen, wobei ich mir eben gerade aus berufenem Mund habe sagen lassen, dass man selbst beim Schwimmen schwitzen kann.

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