5 thoughts on “Einundzwanzig.

  1. Zu Hans Christian Andersens erkältetem Herzen von Wilhelm Hauff.

    Da von>>>> dort aus nunmehr alle meine Lektüren Bündnisse eingegangen sind und nicht mehr zu trennen von dem, was ich hörte, waren, seither nämlich immer direkt auf Musik bezogen sind, aber sich auch untereinander alliierten und zu Clustern wurden, – muß ich doch noch einmal zurück, obwohl ich faktisch weiter voranschreite in meiner Lektüren-Chronologie. Tatsächlich las ich Andersen erst, nachdem ich schon Nietzsche gelesen und Freud sowieso; selbstverständlich davon nicht alles. Von >>>> Nietzsche aber fast. Bloß an den von seiner Schwester zusammengestellten Willen zur Macht ging ich nicht bis heute, und zwar, weil ich schon damals über ihre Entstellungen informiert worden war – auch wenn ich glaube, daß eine gewisse, aus dem durch Verklemmtheit zur Not gewordenen Feinsinn invertiert, Rohheit von Nietzsche selbst idealisiert wird. Man muß das in seiner in vielem höchst berechtigten Auseinandersetzung mit dem Christentum begründet sehen, daß er nun aber ausgerechnet eine der großen Leistungen dieser Religion diffamiert: nämlich das Mitleid. Und zwar, denke ich heute, nicht tatsächlich seinesselbst willen, sondern wegen seiner quer durch die Geschichte verlogen vorgeführten Inszenierungen halber, die im Parsifal auch noch eine leider eben geniale Musik wird. Es ist schon bedenkenswert, daß Nietzsche gegen sein vom Mitleid bewegtes Idol Schopenhauer auch nicht ungefähr so wütet. Doch ist dieser ganze Komplex oft genug anderswo behandelt werden und wird da und anderwärts sicher viel noch weiterbehandelt werden. Hier spielt er nur insofern eine Rolle, als die in Nietzsches Schriften geradezu verdinglichte Zarathustra-Mitleidlosigkeit mir von Anfang meiner Lektüre an unangenehme Gefühle machte, schartig war das und wie etwas, das einem dauernd aufgekratzt wird, prokelnd eitrig und widerlich sogar. Selbstverständlich hatte auch das mit der Geschichte meiner Familie zu tun und damit, daß sie für mich immer auf Hitler-Deutschland bezogen blieb. Doch auch er, der einem zutode geprügelten Pferd weinend um den Hals fällt, hätte das Schicksal der von den Mitleidlosen Gequälten und Vergasten ganz sicher nicht ertragen. Und Zarathustra durchgestrichen.
    Zarathustrafiguren reizten mich aber. Vielleicht lag das an meiner Vaterlosigkeit. Vielleicht lag es zudem an dieser Art von ausgekühlter Mitmenschlichkeit, die meine Mutter praktizierte. Man könnte sie eine gemütlose Caritas nennen: denn es wurde zwar, und völlig selbstverständlich, geholfen, wo Not am Mann war; man war für andere da, indes aus Pflicht, weil die kantisch imperative Überzeugung das gebot, nicht aber, weil man mitfühlen konnte oder gar wollte. Gefühle kamen in meinem Mutterhaus nicht vor oder zwar doch, aber als Luxus, den man sich sonntags, wenn nicht gearbeitet wurde, am Frühstückstisch erlaubte. Nicht anders zog man im Kino das Taschentuch für Tränen.
    Deshalb ist das erste Märchen, dessen ich mich überhaupt entsinne, das von der Schneekönigin gewesen. Meine logische Folgerung ist selbstverständlich Interpretation. Sie stimmt um so mehr. Und sicherlich las ich das Märchen nicht und bekam es auch nicht erzählt – ich erinnere mich nicht, daß bei uns zuhause vorgelesen wurde -, sondern sicherlich habe ich es in einer jener guten Fernsehverfilmungen gesehen, die immer aus dem Ostblock kamen; meist waren sie tschechischen Ursprungs, häufig kamen sie aus der DDR. An das dortige Kinderfernsehn kam der Westen nicht heran; er hatte an Kindern wohl auch weniger Interesse als am Wachstum seiner Wirtschaft.
    Also die Schneekönigin, der Kai verfällt, weil ihm ein Splitter ihres Eises ins Herz sticht. Noch heute ist sie für mich ein Inbegriff von Eros. Zugleich aber, indirekt über den Jungen (!) erzählt, daß es nur schmilzen muß, das Eis, und diese Frau wird lieben. Und, das fand ich dann bei Wagner wieder, jemand kämpft um die Schmelze. Ich komme nicht umhin, darin eine Metapher zu finden, daß ich selbst geliebt werden wollte, von meiner kalten Mutter nämlich.
    Das Motiv setzt sich durch meine Lektüren fort bis in die Gegenwart, und es hat meine eigenen Bücher betreten und besetzt. Nicht sehen können und Nicht gesehen werden, sowie, vor allem, imgrund des kalten Herzens tiefgut ein Mensch zu sein. Er muß aber dazu e r l ö s t werden, meist von einer, die ihn liebt. Und diese Liebe ist so groß, daß man sich für ihn opfert, wenn es nottut. So das zweite Märchen Andersens, das mich nie verlassen hat: Die kleine Meerjungfrau.
    Die Geschichte ist insgesamt, auch für andere Autoren, von enormer Wirkkraft gewesen. Thomas Mann ist sogar kaum denkbar ohne sie, so wenig wie Nabokov, bei dem sie durch seinen allerschönsten Roman geistert, der für mich ü b e r h a u p t zu d e n Büchern gehört: Ada or Ardor.

    Ich las diesen Russen viel zu spät. Er auch hätte einiges bewirken können, vielleicht auch umlenken, das jetzt in seinen Bahnen kreist.
    Aber Gespenster, ja, die Geister doch. Wir hörten sie schon rufen, zum Beispiel >>>> da, wo‘s zwar ein Aff‘ noch gewesen, der aber Mahler schon heranrief, derweil in Jean Paul bereits die Nachtwachen steckten, des Bonaventura,

    die der Rahmen waren, in die meine >>>> viele Jahre später erschienene Joana-Erzählung eingespannt ist. Der größte aller Geister, so aristokratisch wie Bestie, über den ich morgen schreiben werde und welche Schlösser er mir aufgehen ließ, in den Symbolismus nämlich, sowie die erste Erinnerung, die ich habe; ich habe auch sie im Wolpertingerroman erzählt:
    Wie ich, da muß ich vier gewesen sein oder drei, am Chiemsee auf einer Wiese saß, mutterseelenalleingelassen, und Grashalme rupfte. Ihrer Weite nach war sie eine Alm. Hohe Tannen – wahrscheinlich Tannen, vielleicht auch Kiefern – umstanden sie dicht. Und die Wipfel, die tiefschwarz gewesen sind und lebten, nämlich beseelt gewesen sind, winkten mir zu – nicht unähnlich dem Erlenkönig, der dem Jungen säuselt. Ich bekam eine tiefe Angst, aber konnte mich nicht rühren, starrte diese Wipfel nur immer an. Dann reißt die Erinnerung ab.
    So nahm ich nun, mit sechzehn/siebzehn, mir Andersen vor, der bezeichnenderweise als Lieblingsbuch in den Regalen meiner Mutter stand, nicht mehr meiner Großeltern, von denen ich da schon fortgezogen war, um mein Leben als junger Säufer zu beginnen, der, um ein Schriftsteller zu werden, die Schule schwänzt und klaut. Zuerst las ich die Schneekönigin, dann das Meermädchenmärchen. Die alten Erinnerungen stiegen herauf, die erzählte und andere, ähnliche. Und das Bild der kalten Göttin, die man erlösen muß, begann sich, literarisch mir zu bilden. Ein Archetyp aber war sie bereits, vielleicht auch Anima: dann wäre es b ö s e gelaufen, und es gäbe noch jetzt kein Entkommen, da ich sechsundfünfzig bin.
    Das nächste Märchen auf der Linie, von ebenfalls enormer Prägekraft, ist Wilhelm Hauffs Das steinerne >>>> kalte Herz gewesen. Ich las nach Andersen viele Märchen nächster Dichter, weil in ihnen etwas ausgedrückt war, das ich sonst nur bei Gustav Mahler so gefunden habe: gleichzeitige scharfe Intellektualität und sehnsuchtsvoll Naives. Organisch verwachsen ist in alles das immer eine Geworfenheit, die aus einem eigentlich liebenswerten, ja leidenschaftlichen Menschen ein Ungeheuer macht, das allerdings von allermächtigster Schönheit ist. Bei Thomas Mann wird später, im Schneekapitel des Zauberbergs, darüber gesprochen werden: für mich allein, wie ich empfand. Und abermals: wie um mich zu warnen.
    1. @ANH; herzen… … sind veränderlich, nicht nur der frauen. Ihnen hat sich wohl hinterrücks hauffs schwarwaldiges herz, das ein kaltes ist, mit jenem historischen roman im zonenrandgebiet vermengt, dessen herz das steinerne heißt, ARNO SCHMIDTs nämlich.

      sich überkreuzende lektürespuren… (vielleicht sogar von eta hoffmanns nachtstück her?)

    2. Oh, lieber Aikmaier, wie recht Sie haben! Mit beidem, sowohl der Vermengung, wobei Schmidts Zutat nun eine ganz andere ist, als Hauff wohl vertrüge. Und dennoch. Denn, wie ich >>>> dort bereits zu Kafka und B. Traven schrieb, müssen die Erinnerungen, die wirken, mit den Tatsachen, die ihre Bildung ausgelöst haben, durchaus nicht übereinstimmen, vielmehr sie sich, als zunehmend Eigenes werdend, verändern, so, wie sich der Mensch verändert, der aus lauter solchem Eigenen sich zusammensetzt. Eigentlich wäre es eine eigene “Serie” wert, den Spuren des Phänomens einmal zu folgen, um Geschichten solcher Entwicklungsprozesse des Erinnerns zu erzählen. Wirken tut tatsächlich nicht das auslösende Geschehen selbst, sondern die aus ihm geformte Erinnerung, die nahezu immer eine Interpretation sein dürfte.

      Selbstverständlich, auch das stimmt, gehört E.T.A. Hoffman hier direkt mit hinein; ich habe ihn mir bloß >>>> dafür aufgehoben, der Lektürecluster wegen, die es unterdessen unmöglich machen, wenn ich von einem Buch erzähle, nicht auch von den anderen mitzuerzählen. Da ist dann die Frage, auf welchen Aspekt eines Buches wir den Akzent legen möchten, in diesem Fall: ob auf seine Märchenhaftigkeit, seine Form oder auf seine, sagen wir, ästhetische Aura, die es mit Büchern teilt, die ganz andren Genres zugehören. Sollten die >>>> PRÄGUNGEN, >>>> wie ich es gestern Dr. No schrieb, tatsächlich zu einem eigenen Buch werden, werde ich mir die Gewichtungen und auch die Chronologie noch einmal, möglicherweise, umüberlegen.

  2. Es waren einmal zwei Hähne … Das Wunderschöne an dieser Prägungsserie von Alban Nikolai Herbst ist die Einladung, die man nicht ablehnen kann: Sich mit seinem Leben zu beschäftigen, über die Kindheit nachzudenken, wie das war damals, der Junge, die Bücher, das Er-Wachsen. Wie bin ich geworden, was ich bin? Warum lese ich heute das, was ich lese? Hat ein Buch Spuren bei mir hinterlassen? Hat ein Text, hat ein Autor, sich eingegraben in meine Seele, wie in der merk-würdigen Melusine-Formulierung „Ich küsse mein Leben in Dich“?

    Natürlich bin ich mit Märchen aufgewachsen. Ob Rotkäppchen oder der böse Wolf, ob Schneewitchen, ob Aschenputtel, König Drosselbart oder Zwerg Nase, oder König Frosch die Welt für mich sortiert hatten, vermag ich nicht zu sagen. Vermutlich ja, wie ja auch, wenn ich jetzt darüber nachdenke – und es kommen so viele längst vergessende Facetten wieder hoch bei dieser Serie – vermutlich auch Old Shatterhand, Winnetou, Kara ben Nemsi und Halef, der Hadschi, der Mekka-Pligerer, das getan haben: Lieber gut als böse; Menschen helfen, wo möglich; nicht schießen, sondern verhandeln; wenn schießen, dann auf die Beine; gerecht sein; Sprachen lernen und in fremde Länder reisen, Freunde haben bei den Fremden; Gastfreundschaft als Wert, und so weiter.

    Natürlich bin ich mit Märchen aufgewachsen, aber mit Grimms, nicht mit Andersens. Andersen habe ich erst als Erwachsener gelesen (und einer vorgelesen). Und wie Märchen verzaubern, so war ich verzaubert, von der Sprache, von den Geschichten, so poetisch, so fein, so zierlich. Große Literatur. Erwachsenengeschichten in dem Kleid der Kindergeschichte. Stücke mit ganz sicher zwei Ebenen.

    „Es waren einmal zwei Hähne, einer auf dem Mist und einer auf dem Dache, hochmütig alle beide.“

    Große Formulierung, große Kunst! Na, und wenn die Geschichte von Wetterhahn und Hahn im Hühnerstall nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl der Erkenntnis ist für so machen – und für mich allemal. „Sein Ton den Mitschülern gegenüber hat sich sehr gebessert“, das war meine allererste Zeugnisbeurteilung nach der 1. Klasse in der Volksschule (Zensuren gab es da noch nicht). Und ist es Prägung, wenn man sich in einem Buch, in einer Geschichte wiedererkennt? Erwachsenenprägung? Gibt es das, oder ist mit Anfang 20 Schluss mit der Formung durch Bücher? Kommt danach nur noch Bestätigung der eigenen Anschauung, oder Verwerfung der anderen Anschauungen als abwegig?

    „In China, weißt Du wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind auch Chinesen.“

    Was denkt wohl ein Chinese, der diese Geschichte anfängt zu lesent? Mit Chinesen nicht, aber ich bin mit einer Philippinin befreundet, mit einem Japaner, einem Koreaner. Was denkten die, läse ich ihnen das vor? Erkennen die, die ja aus einer ganz anderen Kultur kommen, den zarten Zauber der Formulierung? Die Kunst von Andersens Anfängen, die Poesie, mit der er seine Geschichten beginnt?

    „Es war so herrlich draußen auf dem Lande, es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den Wiesen in Schobern aufgesetzt, und dort ging der Storch auf seinen langen roten Beinen umher und sprach ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Mutter gelernt.“

    Solche Anfänge gibt es sonst nur noch bei den Erzählungen von Kleist. Solche Anfänge gehörten in die Sammlung von Phyllis Kiehl – wenn es denn Romananfänge wären. Solche Anfänge konnte der große Künstler Andersen übrigens auch gleichzeitig in Enden verwandeln:

    „Es kam eine Ente aus Portugal, manche sagten, aus Spanien, das ist einerlei, sie wurde die Portugiesische genannt, sie legte Eier, wurde geschlachtet und aufgetragen; das ist ihr Lebenslauf.“

    Oder was halten Sie von folgendem Anfangsende:

    „Es war einmal ein Kaufmann, der war so reich, dass er die ganze Straße und fast noch eine kleine Gase darum mit Silbergeld hätte pflastern können, aber das tat er nicht, er wusste sein Geld besser zu gebrauchen; gab er einen Schilling aus, so bekam er einen Thaler wieder, so ein tüchtiger Kaufmann war er – und dann starb er.“

    Ist das nicht großartig – Prägung hin oder her?

    Beste Grüße

    NO

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