Neun.




Zehn >>>>

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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5 Antworten zu Neun.

  1. Schopenhauer ODER Der Zorn. Mit einer Erinnerung an Nettelbecks Die Republik.

    Was hatte d e r einen Zorn! Nichts von ihm hat mich derart geprägt. Ich fand ihn, geradezu denselben, aber publizistisch zum Stilett gespitzt, bei Kraus. Da komme ich noch drauf.
    Denke ich an Schopenhauer, fällt mir zuerst das Wort „Windbeutelei“ ein, womit er „Hegelei“ meinte, des Hegels, seines von ihm erkorenen Gegners, sprachaufgedrechselte und gedrehte und in sich selbst spiralte Philosophey, der er, der ungeheuer Aufrechte, anroch, wie sie gewalttragend sei, dienlich dem Feudalen wie nachher dem Proletariat, ganz egal, und grad die ‚bougeoise‘ Welt der Universitäten hat immer fein von ihm gespeist; da ist etwas Schickes, Geschickstes, an Hegel, das, bei allem höchst komplizierten Genie, mit der Speckseite nach den Machthabern wirft und auch nach denen, die es noch werden; das wittert diese Philosophie mitleidslos voraus; sie gibt sich hermetisch, macht sich aber handgemein.
    Dem gilt sein Zorn, des Schopenhauers, der eines Homers ist wie Achills.
    Das sitzt in mir.
    Ist in mir sessengeblieben, will ich das nennen, weil das Wort weniger starr ist.
    Ich las Schopenhauer, wie Nietzsche, mit fünfzehn/sechzehn, weil der ihn so lobt. Kam aber nicht recht durch. Doch die Aphorismen zur Lebensweisheit gehörten zu meinen standards. Aphorismen kann man das Buch gar nicht nennen, so lang sind die meisten seiner Kapitel. Das ist sozusagen das umgekehrte Verfahren zu Nietzsche, der die Systeme zu Miszellen zerreißt; hier baut einer Miszellen zu Systemen aus.

    Indes er in einer wichtigen erkenntnistheoretischen Schrift an einer Stelle Kant widerlegt; – wichtig, weil das später in meinem Studium Bedeutung bekam; da nämlich las ich Schopenhauer zum dritten Mal, aber auch nicht ganz, seltsam eigentlich, anders als Kant und Adorno, meine studentischen Hauptgestirne. Er war mir dabei so viel näher.
    Meine Ausgabe mit der Widerlegung („Die beiden Grundprobleme der Ethik“, 1841) ging verloren, auch sie stammte aus dem Braunschweiger Antiquariat und hatte auf der, glaube ich, sogar Titelseite den gedruckten Vermerk, auch mit der Sperrung: N I C H T GEKRÖNT DURCH DIE KÖNIGLICH NORWEGISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHJAFTEN, was „nicht angenommen“ bedeutet hat, vielleicht sogar ein Durchgefallen. Wie hätt ich das gern hier hineinfotografiert. Schade. Geht nicht. Das Buch ist wirklich verloren. Vielleicht hat man‘s mir geklaut. War immerhin die Erstausgabe.
    S i e jedenfalls hat Schopenhauer lebenslang begleitet, ganz, wie es mich begleiten würde: Ablehnung. Und wie bei ihm führte das auch bei mir nicht zur Anpassung und nicht zum klein Beigeben, sondern gerade im Gegenteil zieht man die ganze riesige Kraft aus der Ablehnung direkt heraus. Man destilliert sie, die Ablehnung ist da Maische. Das gibt einen f e i n e n Brand! – das kann ich Ihnen sagen: Dem wächst immer mehr noch die Kraft zu. Und je mehr Kraft da in einen hineinfließt, desto größer wird selbstverständlich die Ablehnung, und je größer sie wird, desto mehr Kraft läßt sich draus destillieren – und so immer weiter bis zum Ende. Geht man schlußendlich d o c h in die Knie, ist da etwas geschaffen, das ganz ohne einen nicht mehr weicht. Denn das läßt sich wohl sagen: daß es der Mann bis in den Olymp der europäischen Denker seit der Antike hat gebracht, und ohne Kriechen und Protektionismus. Adorno immerhin rief nach der Polizei, als sich in seinem Seminar die Mädels entblößten, 68, 69 – anstelle daß er zugriff und an den Nippeln bißchen zog. Und Alfred Schmidt, sein, darf man für seine Assistentenzeit wohl sagen, früherer Knecht, wurde zum brüllenden Kutscher, ich war dabei, und drohte ebenfalls mit Macht, als er die Mädchen und Jungs von der Marxistischen Gruppe nicht in den Griff bekam. Wohl alles das, vielleicht, um Schopenhauer recht zu geben, der immerhin, nach Goethens Faust, immer einen Pudel hatte, auf den sich, lange nach den beiden, Wolfdietrich Schnurre beziehen wird. Er, der Pudel, hieß immer >>>> आत्मन्.
    Über dieses ,Atman‘ war Schopenhauer anders noch in mich geerdet. Damals, als ich fünfzehn war oder sechzehn. Über den Buddhismus nämlich, mit dem ich mich beschäftigte, weil mich das Leid beschäftigte, eigenes, sicher, aber ich hatte schon damals den Instinkt, Allegorien zu erfassen.

    Die in dem superklugen, verflossenen Jahrhundert, allen früheren
    zum Trotz, überall, nicht sowohl gebannten, als geächteten Gespen-
    ster sind, wie vorher schon die Magie, während dieser letzten 25
    Jahre in Deutschland rehabilitiert worden. Vielleicht nicht mit Un-
    recht. Denn die Beweise gegen ihre Existenz waren teils metaphy-
    sische, teils empirische, die doch nur bewiesen, daß in den Fällen,
    wo keine zufällige oder absichtlich veranstaltete Täuschung aufge-
    deckt worden war, auch nichts vorhanden gewesen sei, was, mittels
    Reflexion der Lichtstrahlen, auf die Retina, oder, mittels Vibration
    der Luft, auf das Tympanum hätte wirken können. Dies spricht je-
    doch nur gegen die Anwesenheit von Körpern, deren Gegen-
    wart aber auch niemand behauptet hätte, ja deren Kundgebung auf
    die besagte physische Weise die Wahrheit einer Geistererscheinung
    aufheben würde.

    Ist das nicht elegant? – Zit.n. Versuch über das Geistersehen.
    Schwabe Basel, 1961.
    Man muß sehen, daß der „positive“ Nietzsche immer auf den „negativen“ Schopenhauer bezogen blieb, auch und gerade in dessen „Wille zur Macht“, zu dem er Schopenhauers Ding an sich, den aber blinden Lebenswillen, umformt. Auf mich machte die Verneinung damals Eindruck; man kann auch >>>> Kirilov als Überwindungsversuch des blinden Lebenswillens verstehen.
    Für beide, Schopenhauer wie Buddha, ist das Leben ein zu Überwindendes; Schopenhauer formuliert einen Mitleidsbegriff, den ich bis heute teile, während ich mit Nietzsche den unbedingten Lebenswillen teile. Da ist mir Schopenhauer so fremd wie sein Frauenbild, das misogyn zu nennen ein Euphemismus wäre. Genau das steckt aber schon im Monotheismus jüdischer Herkunft und darum auch im Christentum: die Frau wird für die Geburt mit dem Schmerz bestraft. Theologisch hat das Grund: sie jetzt, nicht Gott, gibt das Leben. Was eine permanente Beleidigung seiner Schöpferkraft ist, die indes übers Ohr kaum hinauskommt oder den ‚Lehm‘ qua Mund-zu-Mund-Beatmung re(!)animiert. Verstehn wir den Lehm als Staub zu Staub, war vorher schon was da – – / Dies mal polemisch beiseitegesprochen.
    Tatsächlich hat Schopenhauer zur europäischen Philosophie die des asiatischen Ostens getan. Die Wirkung war bekanntlich immens und hält bis heute an. Er hat zudem eine Sprache für Künstler, über halb den ganzen Wagner ist das bis in die Gegenwart von großer Wirkkraft geblieben. Aber alles das erst nach seinem Tod. Zur Lebzeit galt er bald als Sonderling. Auf den war viel nicht zu geben.
    Auf den war nicht viel zu geben. Aber er stand da. D a s hat mich beeinflußt. Bis heute gibt mir das Mut. Wie später mich, so scheint ihn sein Geschlecht lebenslang getrieben zu haben, bei aber weniger Gegenliebe, kaum einmal Gegen-Leidenschaft. Da wird man bitter und fällt ab, was der aktive Sinn von „abfällig“ ist. Sein Frauenbild kehrt auch bei >>>> Arno Schmidt zurück, wie fast bei allen, die nicht unbedingt Casanovas gewesen; doch hätt es ihnen gefallen. Nur drei beglückende Liebesnächte, und die Sache wär vom Tisch. Das wußte ich schon damals, als ich selbst noch ziemlich gemieden von den Frauen, die da Mädchen waren, war. Das hat sich geändert, also ist für den Frauen-Abfall weder Grund noch Platz. Ich ordne ihn historisch ein; das gilt auch für die Gegenwart. Aber Freud hat er auf das Primat des Sexuellen gebracht, was erstens eine wahnsinnige denkhistorische Leistung ist, wiewohl es zweitens nichts mehr bedeutet, als daß das Leben so strukturiert ist, sich fortpflanzen und erhalten zu wollen. Bricht man den blinden Willen hierhin hinunter, ist die Aussage derart banal, daß keiner, wirklich keiner widerspräche, es sei denn, er ist selbst blind (oder sie ist‘s). Auch durch uns wirkt diese Kraft.
    Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Mit etwas Glück, das immer sehr viel Arbeit bedeutet, wirken sie anders weiter. Aber das Erbgut vergißt sie. Schopenhauer hat richtige Fragen gestellt und sie auch richtig beantwortet, oft falsch aber bewertet. Freud nimmt das auf und formuliert Umgangskorrektive. Ich nahm, meinerseits, den blinden Willen und gab ihm ein Gesicht. Ich sehne mich nicht nach der Kindheit zurück, weil ich das Gesicht drin verlöre. Ein entsetzlicher Gedanke: n o c h einmal Kindheit – Schopenhauers Pessimismus war ihr recht. Doch unsere Lektüren wirken anders, als uns bewußt ist. Denn Zorn, um er zu sein, gibt nicht das Leben hin, sondern nimmt sich‘s.

    1977 wurde >>>> Hanns-Martin Schleyer exekutiert. Zur selben Zeit las ich Schopenhauer wieder. Und von >>>> Blochs Gewaltrecht des Guten. Ich fing darüber nachzudenken an. Und spürte: Hier kommt etwas zusammen, das so einfach nicht war, wie es die Seiten jeweils wollten, ob rechts, ob links, ob in der Mitte. Ich las auch >>>> Katharina Blum, die einzig tiefe Leseerfahrung, die ich mit Heinrich Böll jemals hatte.

    Die Geschehen wären Schopenhauer nicht recht gewesen, der eine autoritäre Macht für notwendig hielt, die, gegen Bloch, ein Unrechtsrecht des Guten habe. Bei aller Skepsis gegen die Republik hätte er sich, ich bin mir sicher, mit Helmut Schmidt koaliert. In all seiner Aufrichtigkeit, die ich eine Aufrechtigkeit nennen will, weil ihm das gefallen hätte.
    Denn da verstand er keinen Spaß: in der Sprache. Gegen die „neue deutsche Rechtschreibung“ hätte eigens er eine RAF gegründet, ganz egal, ob er für einen Demokraten dann gegolten hätte. Das hat mich ebenso geprägt wie sein diesbezüglicher Wiedergänger, ein halbes Jahrhundert nach ihm in Wien: Die Fackel des Karl Kraus, dessen Nachfolger bald, mit allem Recht und Können und nächste fünfzig Jahre weiter, >>>> Uwe Nettelbeck geworden, und zwar in eben dieser Zeit, aus der ich grad erzähle. Ich war sein Abonnent.

    Es ist diese Melange aus RAF, Der Republik und dem Verwahrheim, in dem ich immer noch meinen Zivildienst leiste, was mich endgültig zu politisieren beginnt, aber ohne daß ich Gruppierungen fände, denen nicht wäre Parteiraison zu leisten gewesen. Alle trugen an der Gewalt ihren Teil.
    Um diese Empfindlichkeit zu verstehen zu können, mag hilfreich sein, mit welchem Argument ich die Kriegsdienstverweigerung durchgesetzt habe: eben nicht damit, daß ich Pazifist sei. Das war ich nicht und schürzte es nicht vor. Berlin war mir verhaßt, denken Sie nur! Aber allein, weil sich dahin die Feiglinge ver/im Wortsinn/drückten. Die machten dann aber Karriere.
    Zwei Instanzen brauchte ich. Feindlich waren mir die ehrenhalber Beisitzenden, ein Lastwagenfahrer und ein Ichweißnicht mehr, irgendwas auch-Proletarisches. Die wollten ganz nach Altem Ordnung und Recht und daß man eine Pflicht tat, die man nicht selbst gesetzt. Der Jurist, wiewohl ich ihm verdächtig, dachte feiner.
    „Sie sind im Park mit Ihrer Freundin“, was komisch war, ich hatte noch keine, „haben ein Gewehr dabei, und Ihre Freundin wird angegriffen. Was tun Sie?“ Es war wirklich so billig. Die „richtige“ Antwort ging rum schon seit Jahren: man habe nicht ‚zufällig‘ ein Gewehr dabei, würde das auch niemals anfassen, so rein aus der Liebe zum Menschengeschlecht und weiter blablabla.
    Ich hätte mich eher als Z12er gemeldet, als sowas über die Lippen zu bringen. Statt dessen erwiderte ich: „Da ich keinen Waffenschein habe, wäre das insgesamt schwierig für mich. Aber vielleicht beantrage ich nachher einen. Für solche Attacken ist eine Waffe eine gute Idee.“
    Allgemeine Ratlosigkeit. Was sagt der da? Spinnt der? Nimmt uns auf den Arm?
    Sie hielten mich für einen moralisch Selbstmordkandidierten.
    „Also Sie würden schießen?“
    „Selbstverständlich. Sie etwa nicht?“
    Raunen. Außerdem wurden die sauer, fühlten sich jetzt echt verarscht. Womit sie auch nicht völlig falschlagen.
    „Also dann sind Sie gar nicht gegen Gewalt?“
    „Wieso sollte ich?“ antwortete ich. „Ich bin zu oft verprügelt worden. Aber wenn ich mich da wehre in dem Park, dann ziele ich.“
    „Das verstehe ich nicht. Was meinen Sie?“
    „Auf das Bein. Oder auf einen Fuß. Und seien Sie sicher, ich treffe.“
    Weitere Ratlosigkeit.
    „Und was, dann, haben Sie gegen die Bundeswehr?“
    „Wenn ich Soldat werde, habe ich nicht zu zielen. Wenn man mir sagt, bring den um, habe ich das zu tun. Schieße ich nur aufs Bein, ist das Befehlsverweigerung. Mehr noch. Nehmen wir an, ich sitze in einem Panzer. Dann kann ich gar nicht mehr auf nur ein Bein zielen. Ja, ich darf überhaupt nicht entscheiden, ob ich ziele oder nicht und wohin. Ich bin in einer Armee Befehlsempfänger, ob zu Mord oder Rettung. Das ist es, was ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann.“
    In der ersten Instanz flog ich durch. In der zweiten war ich konzilianter, aber hatte die Argumentation nicht nur beibehalten, sondern auch schriftlich auf vielen Seiten ausgeführt. Man akzeptierte – vielleicht aber nur, weil man wußte, von den damals anderthalb Jahren würde einer wie ich eineinviertel in Haft verbringen. Denn das hatte ich in der zweiten Instanz gleich am Anfang klargemacht: ob ich gehorche oder nicht, würde ich allein entscheiden. „Denn ich allein habe mich vor meinem Leben zu verantworten. Ein General, der nicht ich bin, kommt da nicht vor. Eine Bundesrepublik Deutschland aber sowieso nicht.“
    Das Wort GOtt sprach ich nicht aus, doch war‘s in dem „Leben“ zu hören. –
    – Ach? Und was darin noch sonst?
    Nun ja, zu Ihrer Freude, wenn auch aus dem späteren Jahr 82:

    Die Republik, Nr. 55-60, 331.
    Und da soll man nicht zornig werden. Schon, um sich nicht zu ekeln. Aus ganz demselben Grund hat Nettelbeck den Republiken folgendes ins Impressum gestellt:

    Vom Bezug im Abonnement ausgeschlossen sind Firmen
    und Institutionen. Anzeigenaufträge werden nicht entgegengenommen;
    unverlangt eingesandte Manuskripte und Drucksachen nicht geprüft,
    sondern vernichtet, Briefe und Anfragen an die Redaktion
    nicht beantwortet.
    Auch das hat mich geprägt.

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