Z W E I ARBEITSJOURNALE. Das neue, nämlich im Kommentar: Sturm und Labyrinthe im übermüpfigen Arbeitsjournal des Freitags, dem 17. Februar 2012. SOWIE DAS ALTE: Fahnentag III. Mit Bemerkungen zur neuen Gymnasialmoral. Im Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 15. Februar 2011.


Das neue Arbeitsjournal des 17.2. >>>> D O R T.
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7.24 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Seit fünf Uhr am Schreibtisch, zweiter Latte macchiato.

Gestern war ich mit den Fahnen dann doch nicht mehr durchgekommen, wobei eine kleine Rolle der Elternabend in der Schule meines Jungen spielte. Seine Klassenlehrerin und ich sind uns >>>> durchaus unhold; darüber habe ich nachts noch einige Zeit mit der Löwin gesprochen, daß so etwas vor allem insofern heikel ist, als es auf meinen Sohn zurückfallen kann. Dabei ist diese Lehrerin durchaus in Ordnung; es sind nur völlig andere Wertesysteme im Spiel, auch andere Erfahrungen, die zu einander widersprechenden Schlüssen führten, grundsätzlich verschiedenen Lebensauffassungen. Es macht mich rasend, wenn für Zwölfjährige affirmativ davon ausgegangen wird, daß sie de facto keine oder nur noch sehr wenig Freizeit haben – was eben nicht daran liegt, wie die Frau es darstellt, daß das auf dem Gymnasium „eben so sei“, sondern daran, daß man die schulische Ausbildungszeit skandalös verkürzt hat, um die dann jungen Erwachsenen so schnell wie möglich in den kapitalistischen Produktionsprozeß hineinzubekommen – von einem sagen wir voruniversitären Studium generale kann gar keine Rede mehr sein. Wir lernen zu leben aber anders, vorwiegend anders, als innerhalb eines Schulsystems. Ich erinnere mich noch gut der langen Nachmittage, wenn die Schule vorbei war; dennoch liegt es auf der Hand, daß die Menschen früher eher mehr gebildet waren als heute, ich muß nur an die Professoren denken, die ich kennengelernt habe in meinem nun schon nicht mehr sehr kurzen Leben. Trotz der ausgedehnteren Freizeiten kamen die jungen Menschen auch mit sehr viel mehr Bildung an die Universitäten, was ich während meiner Heidelberger Seminare deutlich spüren konnte, – also wie unausgebildet sie oft allein in Sachen Grammatik waren, o b w o h l sie sehr viel mehr durchterminiert sind, als es frühere Generationen waren. Ich weiß außerdem, daß man zu eigentlichen auch Lern-Entscheidungen oft erst n a c h der normalen Schulzeit kommt und dann eben ranklotzt, was das Zeug hält. Dazu muß man aber Sinn & Notwendigkeit verspüren, innere, die wiederum zu vermitteln sind. Statt dessen autoritär zu strukturieren, führt bei guten Menschen zu nichts als völlig berechtigtem Widerstand.
Allerdings muß ich auch aufpassen, daß ich nicht meine eigene Aversion gegen verschulte Systeme unbewußt jetzt auf diese Schule übertrage – für mich selbst war die Tagesschul-Ära eine Passionszeit; insofern hege ich gegen Lehrer ein tiefes Mißtrauen. Aufpassen muß ich insofern, als unbewußte Projektion mit im Spiel sein kann, zu spüren daran, wie in mir von ganz tief unten immer wieder Wut aufsteigt. Schon gar nicht bin ich bereit, mit Lehrern gegen meinen Sohn Fronten zu bilden; er gehört zu mir, nicht zu ihnen. Abgesehen hiervon wäre es nicht im entferntesten eine Katastrophe, wenn er die schulischen Forderungen nicht erfüllt, ja nicht einmal, wenn er abgehen müßte. Wer will, holt das später, und zehnfach, wieder auf. Ich kann das momentan ganz gut an der Entwicklung seines Cellospiels beobachten: plötzlich ist da ein Knoten geplatzt, und er mag vom Instrument kaum noch lassen. Das aber kam von ihm, nicht von mir; ebenso muß es in der Schule sein. Wäre es anders, wäre es falsch.
Das beschäftigt mich. Ebenso wie, daß es einen Terminkonflikt zwischen dem Mathe-Förderunterricht gibt, zu dem er sich angemeldet hat, was höchst sinnvoll ist, und dem Religionsunterricht. Den hat er sich selbst ausgesucht, als einziger in seiner Klasse, weshalb er ihn gemeinsam mit Zehntklässlern wahrnimmt. Der Religionslehrer ist genau derjenige, den er am meisten achtet, ja fast ein bißchen verehrt. Nun wird gesagt, der Förderunterricht gehe, weil ein benotetes Fach daranhängt, vor – was ich aus zwei Gründen falsch finde: zum einen aus dem genannten, zum anderen, weil wir ohne religiöses Wissen unsere eigene Kultur nicht verstehen können. Ob dieses Wissen bewertet wird, ist da restlos egal. Aber alles an diesem Schulsystem wird auf Funktionabilität abgestellt. Es ist gar kein Wunder, daß die Kinder Mediation und Streitschlicht als eigenes Fach dazubekommen haben – bei dem herrschenden Druck muß man eine begleitende quasi-Therapie immer mitlaufen lassen, was die Misere schon ziemlich deutlich zeigt.
Ja, das beschäftigt mich.
Ansonsten muß die Reihenfolge der Essays umgestellt werden, was viel neue Arbeit mit den nun zu Endnoten gewordenen Fußnoten bringt – denn, wie ich gestern erzählte, numeriert das Programm des Verlages sie nicht automatisch; außerdem habe ich noch fünfsechs neue Endnoten dazugeschrieben. Das wird jetzt alles ausgesprochen eng für die Buchmesse Leipzig. Immerhin bin ich in der heutigen Frühmorgenarbeit mit dem Textblock-selbst durchgekommen. Ich werde die neue Reihenfolge notieren und den korrigierten Buchblock, also die Fahnen, gleich an den Verlag zurückmailen und mich dann an die Fußnotenkorrekturen setzen. Damit sollte ich bis heute abend durch sein. Nach dem vom Verlag zu bauenden neuen Umbruch gehe ich dann an die Nummern-Überprüfung. Und dann kann das Buch in den Druck.
Wann ich an die >>>> Prägungsnummer Sechs kommen werde, weiß ich bei all dem noch nicht.

17.55 Uhr:
Mit Ausnahme einer Stunde Mittagsschlaf und einer halben fürs Frühstück bis eben durchgearbeitet und jetzt gerade fertig geworden: die Fahnen inkl. der bearbeiteten Endnoten sind an die >>>> Kulturmaschinen zurückgeschickt. Mit der Bearbeitung des JungenromanII-Lekorats mag ich jetzt aber nicht mehr anfangen; damit wird es morgen losgehen, bzw. werde ich meine Rezension zu >>>> Benjamin Steins Replay vorziehen; der Auftrag kam vorhin von >>>> Volltext. Das darf nicht wieder liegenbleiben wie >>>> bei Gogolin, wobei ich bezüglich Calvinos Hotel bei Volltext einen Essay vorschlagen werde, der nicht unbedingt als Rezension betrachtet wird, so daß das Erscheinungsdatum keine Rolle spielt.
Von der FAZ kam die Abrechnung zu meinem >>>> Pettersson-Aufsatz, fast vier Monate nach seinem Erscheinen im Druck. Aber man faßt etwas anderes nicht: Volltext zahlt unterdessen besser. Wie soll Schirrmacher gesagt haben? “Es ist eine Ehre, für die FAZ zu schreiben”, das sei des Honorars genug.

Nachher geht’s mal wieder >>>> in die Bar, Strategiegespräch mit dem Profi.

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2 Responses to Z W E I ARBEITSJOURNALE. Das neue, nämlich im Kommentar: Sturm und Labyrinthe im übermüpfigen Arbeitsjournal des Freitags, dem 17. Februar 2012. SOWIE DAS ALTE: Fahnentag III. Mit Bemerkungen zur neuen Gymnasialmoral. Im Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 15. Februar 2011.

  1. Avatar gast says:

    bildung ich verstehe Ihre Aversionen gegen ein zwangsverschultes System sehr gut und sehe diese Entwicklung auch mit großem Besdauern und auch Sorge.
    Bildung wird zunehmend zwangsreguliert, Räume für Träume und Eigenforschung und Leidenschaft für Selbstentdecktes wird abgeschnürt und unmöglich gemacht , auch wegen Zeitnot.
    Eine umfassende Bildung, die erst richtiges Einordnen der neu gemachten Erfahrungen und Wissenszuwächse ermöglicht, findet nicht mehr statt – die Jugendlichen werden zugestopft mit Zwangswissen, die Inhalte sind willkürlich gewählt, oft ideologisch generiert.

  2. Nichtbezahlungshalber. Sturm und Labyrinthe im übermüpfigen ARBEITSJOURNAL des Freitags, dem 17. Februar 2012. Mit Aussetz des Systems.

    9.25 Uhr:
    [Arbeitswohnung. Frank Martin, Der Sturm.}

    Also gehört habe ich heute morgen schon Honeggers Roi David, was mir zu >>> Benjamin Stein gut zu passen schien, über dessen „Replay“ ich von fünf bis acht Uhr meine Rezension schrieb; sie ist auch schon hinweggeschickt und wird, denke ich, bereits in >>>> Volltexts Leipziger Buchmessen-Ausgabe erscheinen. Der Titel legte sich mir aufgrund einer theologischen Idee nahe, schob sich mir unter mit dem Grinsen >>>> des Pans von del Toro

    in des Teufels Labyrinth.
    Während ich noch schrieb, hörte ich danach >>>> Rihms „Fetzen“, nachdem ich fast ein bißchen süchtig geworden bin und worüber ich deshalb auch gerne noch schreiben will. Um schließlich, nun, zu Frank Martins beeindruckender Oper „Der Sturm“ nach Shakespeare überzugehen, die ich für die FAZ rezensiert habe; und nachdem ich nun erfuhr, die Rezension sei bereits Ende Dezember 2011 veröffentlicht wurden, aber im Netz ist sie nicht abrufbar, werde ich das gleich ändern.
    Damit waren meine beiden Latte macchiati getrunken, und ich bereitete mit einen Mango-Milchshake zu, an dem ich nun herumsüffle. Sogar die Pfeife schmeckt dazu. An sich irritierend. Ist aber so. Und ich fing an, dieses Arbeitsjournal zu schreiben, nachdem ich gestern mit dem >>>> „Fall“ Kracht derart beschäftigt war, daß mir die Lust auf ein Arbeitsjournal restlos flöten ging. Lustig freilich Claudius Seidls, des Feuilletonchefs der Frankfurter Sonntagszeitung, Reaktion auf meinen Text: – woher, fragt er bei Facebook, dieser „Verlautbarungston“ komme? oder habe er die Ironie überlesen. Hat er. Weil keine dabei ist. Meine inhärente Anmaßung aber, die sich um die realen Machtverhältnisse nicht kümmert, muß einen jeden fuchsen, der sich drum kümmert. Das verstehe ich schon, ich bin ja einfühlsam; dennoch hält sich diesbezüglich meine Empathie in allerengsten Grenzen. Dennoch wundert‘s mich ein bißchen, daß kaum über den „Fall“ diskutiert wird. Wie auch immer, meinen Teil hab ich – erst einmal – gesagt, so daß ich jetzt gleich anfangen kann, mich um das vorliegende Lektorat des Jungenromans II zu kümmern. Das hier eingetroffene Vorab-Exemplar des Jungenromans I führt immerhin bei allen, die es in die Hand bekommen, zu viel Lachen und der Lust, unbedingt weiterzulesen. „Das ist ja richtig spannend!“ rief der Profi vorgestern nacht in der Bar aus. Und wollte wissen, ob ich die Auflösung des Cliffhängers schon wisse, mit dem Band II aufhört. Ja, wußte ich. Und fing so sehr herumzuspinnen an, daß der Profi ganz nervös vor Zukunftslust wurde – wie auch gestern nacht Broßmann, mit dem ich mich im Soupanova auf drei Absacker traf: „Oh, da will ich mitmischen! Also wenn das was wird, dann bring mich da bitte mit rein.“ Kurz: Wir haben einmal mehr vor, mein Konzept der Überführung von Literatur in Realität voranzutreiben. Mehr sag ich hier nicht, muß sowieso erst einmal den Verlag damit ansexen. Und sowieso sollte ich mich zurückhalten, damit meine pseudonyme KinderbuchDichterExistenz nicht doch noch vor der Zeit auffliegt. Die wird gekommen sein, wenn selbst meine Gegner die Hasenohren meiner Bunnies tragen, weil das so schick ist.

    Merken Sie‘s? Ich bin heute übermütig, ja -müpfig. Und arbeite mal weiter. Ah ja, das noch:

    – nein, doch nicht. Ich möchte jugendfrei bleiben. Heute.

    10.44 Uhr:
    Au Shit! jetzt komme ich in Die Dschungel nicht rein, weil ich vergessen habe, die Laufzeit verlängern zu lassen. Völlig aus den Augen verloren. Und mein Ansprechpartner bei Twoday ist erst am Montag wieder da.
    Also versucht, einfach mal zu bezahlen. Woraufhin der Computer streikt und ich jetzt nicht weiß, ob abgebucht wurde oder nicht. Muß das denn jetzt sein?

    11.18 Uhr:
    Es funktioniert, aber sehr provisorisch. Sprich: Nun wird Die Dschungel wirklich dschungelig mit >>>> dem und dem hier. Wie ich das wohl wieder freimachete? Oder ich laß es stehen, wenn alles wieder läuft – auch dies wäre ein Miteinbezug der Geschichte, in diesem Fall eines Literarischen Weblogs.
    Ich glaube, ich rege mich mal am Cello ab –

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