Rekonvaleszentes Arbeitsjournal. Donnerstag, der 22. März 2012. Unauflösbarkeiten.

8.20 Uhr:
[Arbeitswohnung. Tschaikowski b-moll.]


Ein Sohn liest seinen Vater.
Nun sind wir beide, neudeutsch, am Gesunden. Obwohl ich eine harte Nacht hatte, was bedeutet, daß ich schlichtweg nicht einschlafen konnte. So etwas kenne ich eigentlich nicht. Normalerweise lege ich mich hin und bin binnen Sekunden weggeschlafen, um viereinhalb Stunden später ebenso plötzlich aufzustehn und dazusein. Jetzt aber ging das bis gegen halb vier oder vier Uhr nachts.
Hab eben mit der Löwin telefoniert, ob ich das Folgende erzählen dürfe, aber da mir der Größenwahn ja sowieso attestiert wird, kommt’s nicht drauf an. Also. Gibt es das? Halbträume, wie es Halbschlafen gibt? Gibt’s, und seit heute nacht weiß ich, daß es auch Halb/Albträume gibt. Sie dürfen es typisch für mich nennen, daß ich darin den Nobelpreis bekam und daß genau das zum Nachtmahr wurde. Anstatt daß man sich freut. Das war aus, sagen wir, Liebesdingen nicht möglich. Ich fragte mich nämlich, wen ich mitnehmen könne zur Verleihung nach Stockholm. Selbstverständlich fragte ich die Löwin, die aber, aus persönlichen, hierhin nicht gehörenden, aber geradezu selbstverständlichen Gründen ablehnen mußte, so sehr gerne sie auch dabeigewesen wäre. Und ebenso selbstverständlich hätte mich लक्ष्मी begleiten mögen und ganz sicher auch begleitet, und ich hätte sie, im Wortsinn liebend gern, an meiner Seite gewußt – doch liegt im „an meiner Seite“ das Problem. Es wäre ein weiteres Mal Vortäuschung von etwas gewesen, das nicht ist, innig hoffende Selbsttäuschung. Das wollte ich nicht. Also dachte ich daran, meinen Sohn mitzunehmen, aber wie ein Schuß ging mir eine Zeile Melusines durch den Kopf, die mir geschrieben hatte: „Sie werden nie, wie Goethe, ihrem Sohn hinterherrufen: Du bist der Sohn von…“, sondern ich werde ihn selbstverständlich alleine er sein lassen und wollen, daß er e r und n u r er ist; viel zu viele Kinder sind an der Berühmtheit ihrer Väter zugrundegegangen, kamen nie aus dem Schatten heraus. Wie konnte ich ihn da in die Weltspitze führen? Wie hätte er das jemals einholen können? Ja warum sollte er? Vielleicht will er einfach nur Tischler werden… Ich darf ihn nicht, und wenn es über eine Feier ist, verpflichten. Der Rummel würde sowieso schon groß genug.
Bizarr, daß ausgerechnet ich, der für solch eine Auszeichnung wirklich letzte Wahl ist, sich mit sowas herumschlug. Halb vier wurde es darüber, ich kriegte das Zeug einfach nicht aus dem Kopf. Also entschied ich mich, aufs Klo zu gehen: körperlich wenden, dachte ich: es anders herauslassen, material.
Es brauchte eine halbe Stunde. Dann war ich es los, legte mich wieder, schlief auch endlich ein, aber nun ging die Szene umstandslos im Traum weiter.
Das Monarchenpaar, die Reihe der Preisträger. Das Protokoll verlangte (in meinem Traum, ob in der Realität, das weiß ich nicht), daß man die Knie beugt. Tat ich nicht. Aber ich wollte nicht unhöflich sein, wollte erklären: „I am a free man.“ Doch weshalb auf Englisch? „Ich bin ein freier Mann.“ Nein, a u c h unhöflich. Auf Schwedisch hätte ich das sagen müssen. Es war schon eine Niederlage, daß ich es dennoch englisch sagte, weil ich kein Schwedisch kann, aber verstanden werden wollte. Ich krümmte mich im Innern, mich nicht angemessen vorbereitet zu haben, das Ganze war überhaupt nicht angenehm. Aber ich zog es durch. Die anderen rückten deutlich von mir ab.
An der Tafel aber beugt sich der Monarch zur Seite. Der neben ihm steht auf. Er kommt zu mir und bittet mich, seinen Platz neben der Macht einzunehmen. Das ist eine Ehre, kann eine Geste sein der Hochachtung; es kann aber auch darum gehen, mich durch solche Schmeichelei zu vereinnahmen. Das fährt mir sofort durch den Kopf. Dabei wollte ich nur noch für mich sein. Und wieder weiß ich nicht, was ich tun soll.
Und weiß nun nicht, wie mein Traum das aufgelöst hat, wahrscheinlich gar nicht, denn ich habe vergessen, wie’s weiterging. Oder ich habe mich blamiert oder bin sonstwie ausfällig geworden, keine Ahnung.

Stolz aber bin ich, ein bißchen… nein, es ist Glück, mir anzuschauen, wie mein Junge das Kinderbuch seines Vaters liest. Er hatte erst, des ungewohnten Stils halber im Vergleich mit den beiden direkt zuvor durchrasten Büchern, ein bißchen Schwierigkeiten hineinzufinden, dann aber schnappten Sprache und Erzählung zu, und seither hört er zu lesen nicht auf. Bis er durch sein wird. Danach laß ich ihn den des Krankseins halber verlorenen Schulstoff nachholen. Mittags soll er mal aufstehen und eine Stunde hinaus. Mal sehen, wie’s ihm bekommt. Geht alles gut, kann er morgen wieder zur Schule. Abends wird er zu seiner Mama, um wieder dort zu schlafen.
Und auch ich bin auf dem Gesundungsweg, kaum noch Husten, kaum noch Schnupfen, nur etwas flau ist mir im Magen. Kreislauf. Wir haben wenig gegessen, ich habe tatsächlich sehr abgenommen: sämtliche Hosen passen wieder problemlos. Was ich gestern an einer eigentlich schon immer viel zu engen Jeans – meine verstorbene Mutter hat sie getragen – bemerkte.

Werde lesen heute früh. Aber auch >>>> dem Bücherblogger antworten, mit dem es bereits gestern zu einem Friedensschluß kam. Hinter unserem Zwist steckte tatsächlich ein, wie Melusine das nannte, bitterböses Mißverständnis: er hat wirklich geglaubt, daß ich >>>> Aléa Torik sei, so daß er sich von mir rundum verhöhnt gefühlt hat. Da ich nach Stand der Annahmensdinge versichern hätte können, was immer ich nur wollte, hat schließlich Melusine selbst interveniert. Um den Friedensschluß zu firmen, habe ich auf den Bücherblogger jetzt unter Literaturlinks verlinkt. Das läßt sich auch inhaltlich rechtfertigen: Im Netz entwickelt sich derzeit eine Rezensionskultur, die >>>> dem Verfahren bei amazon diametral entgegensteht und wenn nicht, wie oft, von großer Sachkenntnis und Empathie getragen, so doch von Leidenschaft und Liebe bewirkt wird.

16.54 Uhr:
>>>> Das da geht mir gerade gehörig auf den Senkel, dieses permanente „ANH ist jemand, der“ von Leuten, die mich gar nicht kennen, sondern immer voraussetzen, daß Menschen von sich alleine deshalb erzählen, um sich wichtig zu machen, anstatt wenigstens zu ahnen, daß es hier um einen Existenzkampf geht, der sich, wenn überhaupt, anders als durch permanente Gegenwart nicht durchstehen läßt. Dieses Mitläufertum, das sich aufgeklärt dünkt, weil es nicht merkt, wie sehr es rein der Öffentlichen Meinung folgt, die eine, selbstverständlich, gemachte ist. Die Leute sind so geprägt vom Showbusiness, daß sie Die Dschungel für genau solch eine Veranstaltung halten, aber dort, wo wirklich Show ist, Authentizität erleben. Es ist rein, hätt ich denn noch welche, zum Haareraufen. Darüber hinaus ist es mir nach Hitlers Deutschland ein komplettes Rätsel, wie man der Masse vertrauen kann – zumal nach unserer Kenntnis darüber, wie viel die PR von der Propaganda gelernt hat und ausgefeilt weiternutzt und wie man Meinung damit macht. Tollerweise werde dann ich zum Fortschrittsfeind gestempelt – schlichtweg, weil ich darauf hinzuweisen wage, daß Demokratisierung nicht notwendigerweise von Güte ist, jedenfalls nicht dann, wenn die, die bestimmen, von dem gar keine Ahnung haben, was sie bestimmen, und sie auch nicht haben können. Ich selbst fühlte mich restlos überfordert, wenn ich den chirurgischen Leiter eines Krankenhauses bestimmen, sagen wir: mitwählen, sollte. Wie oft soll ich denn noch schreiben, daß ich an die Zukunft glaube und keineswegs irgendwo hin „zurück“ will? Ich will auch keine andere Staatsform als eine demokratische, habe ich auch oft geschrieben; dennoch werde ich immer wieder auf die Gefahren hinweisen, solche, die ich spüre, und solche, die ich am eigenen Leib erlebe. Zu denen gehört der Glaube an die Urteilsfähigkeit von Massen.

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Rekonvaleszentes Arbeitsjournal. Donnerstag, der 22. März 2012. Unauflösbarkeiten.

  1. Traum Lustiger Traum; schön beschrieben

  2. walhalladada sagt:

    ….daß es hier um einen Existenzkampf geht, der sich, wenn überhaupt, anders als durch permanente Gegenwart nicht durchstehen läßt.

    Eine, wenn nicht noble, doch zumindest heroische Haltung, Herr Herbst, der ich meinen Respekt nicht versagen kann. Fazit: der Kampf gegen die ‚Kochtöpfe‘ geht weiter!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.