Von denen, unter andrem, Nutten: Kühle Böen. Das Argo- und Galouye-Journal, heute mit Messiaen, des Donnerstags, dem 29. März 2012.

Dies ist der 14601ste Beitrag in Der Dschungel.


Argo-TS-S. 336.

9.20 Uhr:
[Arbeitswohnung. Wolfgang Rihm, >>>> Fetzen.]
Verschlafen. Ich kann mich nicht an die beiden Weckzeiten erinnern. Hat mein Ifönchen einfach geschwiegen? Wirklich keine Ahnung. Um sechs saß ich senkrecht im Bett. Konnte das sein?
War so. W a r sechs.
Gleich auf also, fröstelnd die Arbeitsklamotten übergestreift, die Sie schon kennen. In die Küche. Die Pavoni an. Zum Schreibtisch. Nein, ich w i l l die Computer nicht hochfahren. Der Argo-Packen liegt auf dem zugedeckelten Laptop.
Pinkeln, wohlig.
Wieder in die Küche, den Espresso mahlen, Milch aufschäumen, das Mehl in den Portionierer. Dabei im Kopf, wie wir gestern abend, der Profi und ich, aus >>>> unserer Bar geworfen wurden, kaum daß wir dagewesen waren: geschlossene Gesellschaft, echte Struckies wie aus meiner Zeit beim AWD: genau so unangenehm in ihren sektischen Uniformen. Fast nur Männer. Selbst schuld. Zwei junge Damen, die ebenfalls gehen müssen, protestieren. Wir dürfen nicht mal austrinken. Dabei ist die Bar noch zu neun Zehnteln leer. Aber die Struckie-Obermietze hat sich schon beschwert: was wollen diese Fremden hier? Wir haben den Raum rein für u n s gemietet. – Der Profi: „Es gab da einen Vorfall in Buapest. Freies Vögeln mit Prostituierten.“ Wir stehen vorn auf dem Gehweg, auch die Terrasse ist uns verboten; der Gehweg aber ist Allmende. S.: „Als wäre das nicht üblich, weltweit, daß eine Firma ihre Mitarbeiter mal frei herumficken läßt, so rein als Incentive.“ „Na ja“, sagt der Profi, „aber die nahmen die billigen Huren des Ostens, die ohnedies nichts zu lachen haben. Anstatt die teuren Prostituierten von München. Das ist dann schon bedenklich. Da wollen die jetzt keine Zeugen, die vielleicht was reportieren.“ Ich nippe von meiner Margharita, also meinen Drink will ich zumindest noch leeren.
Als wir aufbrechen, kommt von Süden eine ganze Busladung Struckies, alle in Schwarz und mit Schlips, der möglichst bunt sein muß. So wird unser Aufbruch zu einer Art Flucht.
Drittels durch Berlin mit dem Rad, der Profi nimmt die schwarze Dienstlimousine; sein Schofför – ich darf das so schreiben, weil er ein Berliner ist – hat zwei Straßen weiter gewartet, und weil der Tunnel unterm Hauptbahnhof gesperrt ist, bin ich früher als der Profi im >>>> Marechal Ney, wo wir speisen: er auf edel Tafelspitz, ich Muscheln in Thymian, mit einer Garbe Rosmarins; Wein dazu. Als die Rechnung kommt: „Haben die da alles berechnet?“ Sie hatten so wenig berechnet, daß er zwanzig Euro Trinkgeld drauflegt. Sein Blick zu mir: die haben Angst vor ihm, jedenfalls vor dem Halfter, das er immer unterm Jackett trägt. Manchmal erinnert er mich an Arndt. Dabei ist er ein völlig anderer Typ, so eher Richtung Men in Black, indes Arndt noch in den terroristischsten Zeiten den Intellektuellen vor sich herträgt.
Gegen Mitternacht trennen wir uns. Daheim ruf ich die Löwin an, die bereits schläft, rufe auch लक्ष्मी an, die aber ebenfalls schon schläft, jedenfalls fast, und deshalb gar nicht versteht, was ich von ihr will: „Magst morgen abend >>>> mit ins Konzert gehen?“
Weshalb ich das hier gleich noch mal annoncieren kann, und Sie können gleichfalls, wenn Sie mögen, das Konzert in der Digital Hall der Berliner Philharmoniker miterleben; hintem Link steht, wie das geht. Sehr selten gespielt. Abendfüllend. Olivier Messiaen, Turangalîla-Symphonie. Das sollten Sie sich wirklich nicht entgehen lassen. Außerdem sieht man vielleicht mich im Bild, also sofern die Kamera mal ins Publikum schwenkt. Und danach, nach dem Schwenken, bleiben Sie dran: der WDR >>>> wiederholt mein Hörstück über Christian Filips, WDR 3, 23.05 Uhr.
Ich stehe selbstverständlich immer noch in der Küche vor meiner Pavoni. Drücke den Handhebel hinab. Nachtschwarz sämt der Espresso in das Täßchen; ich kipp es ins Glas über die aufgeschäumte Milch. Das ergibt vier deutliche Schichten.
Dann an den Schreibtisch und begonnen zu arbeiten. Bis Seite 351 komme ich heute früh. Es ist viel am Text zu tun. Aber die Szenen funktionieren: längst hat sich ein hermetisches, doch pulsierendes Erzählfeld aufgespannt, enorm saugfähig: alles fällt in es hinein und wird von ihm umwunden. So habe ich’s gewollt. Nur stilistisch eben: das muß noch viel eigener werden, jedes Wort muß glühen.
Bis neun arbeite ich durch. Zwischenhinein die Löwin geweckt, nicht lang das Gespräch, wie haben beide viel zu tun.

Jetzt ans Galouye-Hörstück. Um halb zwölf, wie immer, ans Cello bis eins.
Dann Mittagsschlaf, dann wieder Galouye. Zwischendurch vielleicht ein paar Seiten Döblin lesen. Ein bißchen Die Dschungel, paar Briefe, auch duschen. Und abends ins Konzert. Sofern das mit den Karten noch klappt. Ich habe mich ein bißchen spät entschieden, gestern nacht erst. Falls nicht, werde ich wie Sie der digitalen Concert Hall lauschen.
Ich muß mal wieder vögeln. So nebenbei bemerkt. Aber nicht in Budapest.

(Findeiss getroffen, der ebenfalls aus der Bar hinausflog, samt seiner feinen Begleiterin. Prompt hat er >>>> etwas eingestellt, das nicht nach Optimismus klingt. Man habe ihn auf Teneriffa für einen Fußballstar gehalten, nur daß er nicht wußte, für welchen. Deshalb hat er das erbetene Autogramm nicht gegeben.)

[Olivier Messiaen, Quatuor pour la Fin du Temps.]

15.11 Uhr:
[Messiaen, Oiseaux esotique.]
Mal nachgelesen: >>>> Turangalîla ist ein von Messiaen gebildetes Kunstwort aus Turangala, Sanskrit für Pferd, und Lîla für Spiel, das Ganze also im Sinne eines leichten, wendigen Spieles.
Höre weiter Messiaen und komme sehr langsam, nach dem Mittagsschlaf jetzt, mit dem Hörstück voran. Noch fehlt mir überdies ein Buch. Ich situiere in einer Spaziergangserzählung Galouyes „Stiftung für elektronische Reizung des Gehirns“, die ich schmackig SERG nenne, direkt ins Berlin der Gegenwart. Das muß so dokumentarisch wie nur möglich klingen. Ich werde mich in den Max-Planck-Showroom begeben, nächste Woche, wenn es nicht mehr so regnet wie jetzt, mich ansprechen lassen und das alles mitschneiden – was wegen meiner InEar-Mikros vorzüglich geht, seit sich allewelt daran gewöhnt hat, daß man mit solchen Kopfhörern herumläuft. Danach werde ich am Computer die Aufnahmen bearbeiten, vielleicht eine Sprecherinnenstimme darüberlegen. Jetzt muß aber erst einmal das Typoskript entwickelt werden. Die längeren Zitatstellen, die wieder im ARD-Hauptstadtstudio eingesprochen werden sollen, füge ich wohl erst fast ganz am Schluß hinzu.
Bis zum Duospiel mit meinem Jungen werde ich daran sitzen heute, dann, um 19 Uhr, zur Philharmonie aufbrechen, wo ich mich mit meiner Impresaria treffen werde, die mich ins Konzert begleitet. Vielleicht nehmen wir nachher noch ein Glas, vielleicht auch nicht. Sollte ich früh wieder hiersein, will ich lesen. Die Kritik zum Konzert schreibe ich morgen. Aber ich glaube, daß „Kritik“ ein falsches Wort dafür ist.

17.26 Uhr:
So, das letzte zu lesende Galouye-Buch ist gekommen.

Außerdem brachte, von >>>> Tudor, der Junge die Hans-Sommer-CD auf dem Briefkasten mit, die ich für die FAZ besprechen soll. Schon der Titel ist sehr schön: >>>> Sapphos Gesänge. Aber ich bin voreingenommen, wegen Dallapicollas Cinque frammenti di saffo, deren einer das musikalische Hauptmotiv meines Hörstücks >>>> Das Wunder von San Michele ist.
Jetzt übt der Bub am Cello; danach werden wir ein bißchen „duo’n“, dann geht es schon zur Philharmonie. Bis zur Seite 7 bin ich in meiner Typoskript-Entwicklung für den Galouye gekommen; das entspricht ca. einem Viertel des endgültigen Fassung. Einen Ausschnitt davon will ich morgen in Die Dschungel einstellen – heute nicht mehr, damit >>>> der Programmhinweis nicht gestört wird. Vorbereitet habe ich die Stelle fürs Netz aber schon.

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2 Kommentare zu Von denen, unter andrem, Nutten: Kühle Böen. Das Argo- und Galouye-Journal, heute mit Messiaen, des Donnerstags, dem 29. März 2012.

  1. vorbeigucker sagt:

    zwischen 9.20 und irgendwas:
    Das ist echte Literatur, die man (Ich/Mehrheit/Minderheit (verkaufsobsulet) gerne auch mal in einem Druck nachlesen würde.
    Hoffnung stirbt aber ja zuletzt.

    Also: Weitermachen!

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