Profanierung als reaktionäres Machtmittel. Von Pasolini.

Einer der typischen Gemeinplätze linker Intellektueller ist z.B. der Wille, das Leben zu „entheiligen“ und zu „entsentimentalisieren“ (erfinden wir mal dieses Wort). Bei den progressiven Intellektuellen der älteren Generation erklärt sich das aus der einfachen Tatsache, daß sie in einer klerikal-faschistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, die falsche Sakralität und falsche Gefühle gepredigt hat, weshalb eine solche Reaktion völlig berechtigt war. Heute dagegen operiert die neue Macht nicht mehr mit jener falschen Sakralität des Lebens und jenen ganz verlogenen Gefühlen. Im Gegenteil, sie ist die erste, die all das loswerden will, einschließlich aller dazugehörigen Institutionen (z.B. Heer und Kirche). Die Polemik der progressiven Intellektuellen ist daher nur noch ein ewiges Wiederkäuen uralter Aufklärungsideen, als wäre die Aufklärung ganz von selbst eine Wissenschaft geworden. Eine unnütze Polemik also. Oder, anders gesagt, eine im Sinne der Macht.
Sei dir also bewußt, daß ich dich als Lehrer – da besteht nicht der geringste Zweifel – zwar zu allen nur möglichen Entheiligungen geradezu zwingen werde, zur Respektlosigkeit vor jedem institutionalisierten Gefühl. Daß das wahre Anliegen meiner Lehre jedoch darin bestehen wird, dir die Angst vor Sakralität und vor all jenen Gefühlen zu nehmen, die der konsumistische Laizismus den Menschen geraubt und sie dadurch in häßliche und dumme, Götzen anbetende Roboter verwandelt hat.
Pier Paolo Pasolini, Gennarello-Brief vom 13. März 1975.

[Erschienen in Freibeuter, Vierteljahresschrift für Kultur und Politik.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1980.
Deutsch von Agathe Haag.]


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